© Warner (aus "Der kleine Prinz")

Wozu Filmbildung?

Dienstag, 01.12.2020

Ein Positionspapier des Hauptverbandes Cinephilie verlangt für das Thema Filmbildung eine strukturelle Verankerung und nimmt dafür die Politik in die Pflicht

Diskussion

Um das Thema Filmbildung wird in Deutschland immer wieder heftig gestritten. Jüngst meldete sich der „Hauptverband Cinephilie“ (HvC) mit einem Positionspapier zu Wort, in dem eine strukturelle Verankerung der Filmbildung gefordert und die Politik in die Pflicht genommen wird. In dem Papier wird auch deutlich, worum es in dieser Auseinandersetzung im Kern geht: um über Filme in all ihren Erscheinungsformen mehr gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.


„Warum Filmbildung? Warum gerade jetzt?“, fragt ein jüngst veröffentlichtes Positionspapier (als PDF zum Download) des Hauptverband Cinephilie (HvC). Seit einigen Jahren wird über Rolle und Ausrichtung der Filmbildung in Deutschland vermehrt diskutiert. Immer wieder flackern Auseinandersetzungen auf, die allerdings nicht weit führen und schon wenig später wieder zerstoben sind. Dabei ist das Feld der Filmbildung in den letzten beiden Jahrzehnten unbestreitbar vielfältiger geworden. Die meisten Filmmuseen in Deutschland verfügen inzwischen über entsprechende Angebote, größere kommunale Kinos ebenfalls, und drumherum existiert ein immer dichter werdender Flickenteppich von Initiativen und engagierten Einzelnen.

In dem Papier des Hauptverbandes Cinephilie werden drei Forderungen aufgestellt:

  • eine finanzielle Ausstattung entsprechend vergleichbarer Angebote in der Kunstbildung
  • eine Filmbildung, die auf die Auseinandersetzung mit Film als Medium abzielt und ihn nicht als Illustration für andere Fächer begreift
  • eine Stärkung der Strukturen, um längerfristig arbeiten zu können

Warum aber ist Filmbildung so wichtig? Film ist eine, wenn nicht die allgegenwärtigste Kunstform der letzten gut 120 Jahre. Durch die Schnittmengen von Filmen mit dem Alltag von Menschen, mit Politik, Geschichte und Technik berührt Filmbildung wesentliche Elemente des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Dennoch begegnen die allermeisten Menschen Filmen nur in einer sehr eingeschränkten Form: der des abendfüllenden Spielfilms im Kino.


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Deutschland ältestes Filmfestival für junges Publikum: das LUCAS-Festival in Frankfurt (DFF)
Deutschland ältestes Filmfestival für junges Publikum: das LUCAS-Festival in Frankfurt (© DFF)

Das allerdings ist eine extreme Verkürzung. So erzählen Brigitta Wagner und Verena von Stackelberg vom Berliner Kino Wolf im Gespräch hörbar begeistert von einem jungen Mädchen, das durch das Bildungsangebot des Kinos inzwischen herausgefunden hat, was Kurzfilme sind; eine Erkenntnis, die sie mit ihrer ganzen Familie geteilt hat. Gemeinhin gilt Film als eine der nahbarsten Kunstformen. Jeder und jede, so eine verbreitete Annahme, sieht Filme. Doch schon bei der Frage, wer wo welche Filme sieht, ist man mittendrin in der Debatte um Filmbildung. Kino ist in Deutschland recht teuer. Deshalb ist das Streamen von Filmen auf Handys neben vielen anderen Gründen auch eine Frage des Geldes. Es braucht Filmbildung, um Menschen eine Filmwelt jenseits des Bekannten zu eröffnen.

Film wird in Deutschland vor allem als Filmwirtschaft gefördert. Geld bekommt, wer Einnahmen generiert. Filmbildung erwirtschaftet allerdings höchstens mittelfristig Einnahmen. Zugleich braucht es aber Zeit, um Menschen dazu zu bringen, sich auf Ungewohntes einzulassen. Vera Schöpfer von den Kölner Scope Instituten berichtet von einer Gruppe Jugendlicher, die sich aus einer Arbeitsgruppe heraus eine Akkreditierung für die Duisburger Filmwoche organisiert und mit Begeisterung Dokumentarfilme für sich entdeckt hat. Das geschah, nachdem Schöpfer über Jahre hinweg mit diesen Jugendlichen gearbeitet hat. Erst dann trauten es sich die Jugendlichen zu, selbstständig in die Welt der Filmfestivals einzutauchen. Es dürfte noch immer ein Sprung ins kalte Wasser gewesen sein.


Der Fluch der Projektarbeit

Um solche Erfolge zu erzielen, muss Filmbildung die Zyklen kurzfristiger Projekte verlassen. Die projektbezogene Arbeit hat auch noch andere Nachteile. Das beginnt damit, dass Projekte immer wieder neu beantragt werden müssen. Jeder neue Antrag erhält administrativ einen neuen Titel, mit dem Ergebnis, das bewährte Projekte schlechter auffindbar sind, weil sie laufend die Namen wechseln. Außerdem haben die wenigsten Träger für Filmbildung feste Stellen. Die Anbieter von Filmbildung werden aus den Projektgeldern bezahlt und hangeln sich so von prekärer Beschäftigung zu prekärer Beschäftigung. Das macht es schwer, Menschen langfristig in der Filmbildung zu halten. Die Folge: Expertise geht verloren. Kontakte zu Schulen und anderen Bildungsinstitutionen hängen oft an persönlichen Beziehungen, stehen also mit dem Weggang von Anbietern gleichfalls auf dem Spiel. Brigitta Wagner und Verena von Stackelberg vom Kino Wolf berichten, dass sie über die Zusammenarbeit mit einer Schule im Laufe der Zeit teils gleich mehrere Kinder aus einer Familie kennengelernt haben. Für diese sei das „Wolf“ zu einem Zugangsort für Film geworden. Die Lösung ist simpel: Wer Filmbildung dauerhaft erhalten will, muss sie dauerhaft finanzieren. Wie bei anderen Bildungsangeboten auch.

„Andere Filme anders sehen“ lautete eine zentrale Forderung der Kommunalen Kinos in den 1970er-Jahren. Überhaupt erst einmal andere Filme zu sehen, ist schon ein guter Anfang. „Ziel filmkultureller Bildungsarbeit ist es, Menschen [...] mit Formen des Films vertraut zu machen, die ihnen in ihrem Alltag sonst kaum begegnen würden“, formuliert das Positionspapier entsprechend eine der zentralen Forderungen. Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten mit Filmen zusammenzubringen, ist aber einfacher gesagt als getan. Filmbildung mag eine Einladung sein, die Welt des Films zu erkunden; im Idealfall gibt sie das dazu Notwendige auch an die Hand. Doch alle bisherigen Aktivitäten räumen die Hürden nicht aus dem Weg: Kino jenseits der Multiplexe ist eine Welt für sich, die nicht immer einladend wirkt. Die Filme sehen anders aus, klingen anders, haben eventuell Untertitel; im Publikum sitzen Menschen, die andächtig auf die Leinwand starren, über die zerkratzte, wackelnde Bilder laufen. Nichts davon ist selbsterklärend. Nichts davon ist einladend. Die Sache wird dadurch nicht besser, dass die wackelnden Bilder gesellschaftlich oft auch noch als das bessere Kino behauptet werden, gegenüber dem Kino der Multiplexe. Filmbildung ist der einzige systematische Weg, die ganze Welt des Films für Menschen zu öffnen, die nicht durch Zufall auf sie gestoßen werden oder ein ausgeprägtes Frustrationsvermögen besitzen.



Filmpraktische Angebote können dafür ein guter Einstieg sein. Malve Lippmann und Can Sungu von der Initiative bi’bak, die seit Kurzem das „Sinema Transtopia“ betreiben, ein temporäres Kino im ehemaligen Haus der Statistik in Berlin-Mitte, organisieren Workshops, in denen Kinder analogen Film bearbeiten oder in kleinen Animationsfilmen spielerische Formen zum Spracherwerb finden. Das Wackeln des analogen Films stört deutlich weniger, wenn man ihn zuvor selbst gestaltet hat. Das Kino Wolf hat gemeinsam mit einer Klasse geflüchteter Menschen die Untertitelung von Filmen als Zugang zur deutschen Sprache und zur Auseinandersetzung mit Film erprobt. Untertitel mögen manchen als Hürde erscheinen, weil sie zu einer erheblichen Lesegeschwindigkeit zwingen; für andere sind sie der Zugang zur sprachlichen Ebene des Films. Die Arbeit von bi’bak und Wolf sind nur zwei von unzähligen Beispielen praktischer Arbeit mit Film in der Bildungsarbeit, die versuchen, die Hürden beim Zugang zur Kunstform Film spielerisch zu umgehen.


Filme bringen die Gedanken zum Tanzen

Auch das Sprechen über Film nach der Vorführung kann ein solcher Zugang sein. Artikulieren zu lernen, was man eben gesehen hat und warum es im Idealfall interessant oder berührend war, muss gelernt werden. Ein Vorteil von Film lässt sich dabei gut nutzen: Mit laufenden Bildern lassen sich die Gedanken besser zum Tanzen bringen. Das kollektive Erlebnis eines Films und die dabei freigesetzten Emotionen bilden einen guten Ausgangspunkt. Dennoch braucht es Mut, das als Freiheit wahrzunehmen, auch dass man sich nicht den Erwartungen anderer gegenüber beweisen muss. In der Diskussion über Filme ist der Zugang zu den eigenen Emotionen ebenso wichtig wie der Austausch von Argumenten. Die Auseinandersetzung mit Kino, konstatiert deshalb auch das Positionspapier des Hauptverbandes Cinephilie sehr schlüssig, ist „gleichermaßen persönlichkeitsbildend wie gemeinschaftsstiftend“. Möglich wird das gerade dann, wenn Filmbildung Filme nicht als Illustration von etwas anderem begreift, sondern nahe am Medium Film bleibt.

Aus einem "Sinema Utopia"-Workshop (
Aus einem "Sinema Utopia"-Workshop (©bi'bak)

Das wiederum verweist auf einen anderen Aspekt: das Problem der Förderungen. Filmbildung wird in der Regel als politische Bildung oder als Kunstvermittlung gefördert, nicht aber als Filmbildung. Es gibt kaum explizite Förderprogramme für Filmbildung oder Filmvermittlung. Das führt unter anderem dazu, dass der Austausch zwischen Menschen, die in der Filmbildung arbeiten, eher zufällig oder entlang von persönlichen Netzwerken funktioniert. Keine Förderung heißt in einem Umfeld, das von Selbständigen und kleineren Initiativen dominiert wird, dass es kaum Branchentreffen gibt. Ohne Treffen aber existiert kein Erfahrungsaustausch, ohne Erfahrungsaustausch nur zufällige Verbesserungen in den Methoden der Filmbildung. Die Forderung des Positionspapiers nach einem „kritischen öffentlichen Diskurs über die Qualität der Filmbildung in Deutschland“ zielt deshalb auf eine deutliche Verbesserung der kurzfristigen Förderungen und eine Änderung der sehr kleinteiligen Struktur.

Hinzukommen rechtliche Besonderheiten. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern gibt es im deutschen Urheberrecht keine „Fair use“-Klausel. Das führt dazu, dass auch für nicht-kommerzielle Vorführungen die Maßstäbe einer kommerziellen Auswertung von Filmen angelegt werden, selbst wenn es in der Praxis ein paar Abstriche gibt. Damit Filmbildung aber einen Einblick in Gegenwart und Geschichte des Filmschaffens der Welt vermitteln kann, braucht es einen besser organisierten Zugang zu Filmen. Viele Bundesländer unterhalten zwar Medienplattformen, die die früheren Landesbildstellen abgelöst haben oder aus diesen hervorgegangen sind. Doch selbst bei diesen Plattformen ist nicht immer gewährleistet, dass Menschen außerhalb von Schulen einen Zugang finden. Für Vorführungen im Kino müssen Lizenzen geklärt werden, was insbesondere bei filmhistorischen Werken oft ein mühsamer Prozess ist, bei dem viele ohne Vorkenntnisse schlicht überfordert sind. Nicht ohne Grund gehören Rechteklärung und die Organisation von Filmkopien zu den wenigen Tätigkeiten, für die es bei nicht-kommerziellen Kinos noch Mitarbeiter mit einer festen Anstellung gibt.

Filmplakat zu "Kinder der Utopie" von Hubertus Siegert ()
Filmplakat zu "Kinder der Utopie" von Hubertus Siegert (© S.U.M.O. Film)

Das Ziel: Teilhabe ermöglichen

Wie immer, wenn es ums Thema Geld geht, muss letztlich eine Frage geklärt werden: Wozu Filmbildung? Die kürzeste Antwort lautet: um Teilhabe zu ermöglichen. Benennen zu können, was an einem Film berührend, interessant oder nervig war, hilft, sagen zu können, was man über die Dinge des Alltags fühlt oder denkt. Wenn es durch Filmbildung darüber hinaus gelingt, mehr Menschen mehr von der Welt des Films zu zeigen, entwickeln womöglich einige Lust, sich mit dem, was sie kennengelernt haben, intensiver auseinanderzusetzen. Filmbildung besitzt das Potential, das Kino zu verändern. In den Sälen, weil andere Zuschauer*innen andere Filme anders sehen wollen. Im Filmverleih, weil andere Filme auf einmal ein Publikum finden. In der Filmproduktion, weil Menschen anderes für zeigenswert halten. Filmbildung kann dabei helfen, dass wir durch das Kino mehr von der Welt gezeigt bekommen und das Gezeigte anders sehen.

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