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Über dem Abgrund schweben - David Fincher

Montag, 07.12.2020

Der Filmemacher David Fincher im Porträt

Diskussion

Der 1962 geborene US-Regisseur David Fincher erschafft in seinen Filmen makellose Kunstwelten, die für deren Figuren jedoch alles andere als perfekt sind. Sie leiden und straucheln, vorangetrieben vom stets gelassen bleibenden Blick eines kühlen Formalisten. Dabei gewinnen Finchers Werke jedoch gerade durch ihre Widersprüche zwischen meisterlich gehandhabten Manipulationstechniken und deren gleichzeitiger Kritik auf der Handlungsebene. Gedanken zu David Fincher anlässlich seines aktuellen Films Mank.


In der Werbung „Beer Run“ aus dem Jahr 2005 zeigt David Fincher, wie Brad Pitt eines Abends während des Studiums einiger Drehbücher feststellt, dass keine einzige Flasche seines Lieblingsbiers im Kühlschrank übriggeblieben ist. Nicht allzu besorgt betrachtet der Schauspieler hunderte Paparazzi, die in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite darauf warten, ein Bild des Stars machen zu können. Er zieht eine Jacke an und verlässt sehr zur Beunruhigung seines Portiers das Gebäude. Die wildgewordenen Fotografen stürzen gleich Zombies hinter ihm her, stolpern in hellem Aufruhr übereinander, während der Superstar entspannt in Richtung Kiosk marschiert. Der Verkäufer dort erhebt seinen Blick kein einziges Mal, auch nicht als Pitt sich nach dem Hinterausgang erkundigt. Erst als die Menschenmassen, die den Bierkäufer verfolgen, die Tür einrennen, begreift er, was eben passierte. Pitt flaniert unterdessen seelenruhig zurück in sein Apartment, grüßt noch einen Bekannten und erreicht schließlich sein Zuhause mitsamt dem beworbenen Produkt.


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In Sachen Dramaturgie oder Humor ist diese Werbung sicherlich kein Meilenstein ihrer Branche, aber es lässt sich einiges aus ihr erfahren über den Filmemacher Fincher, der sich immer wieder auch in der Werbung oder bei Musikvideos (zum Beispiel für Madonna oder George Michael) einen Namen machte. Denn die sich nahtlos fügenden Bewegungen von Kamera, Schnitt und einer Figur, die trotz zahlreicher Hindernisse und einer eigentlich hoffnungslosen Situation kaum Widerstand zu empfinden scheint, dieser schwebende Zustand eines überlegenen, selbstbewussten und doch selbstreflektierenden Seins betreffen den Kern der Methode Fincher. Dabei spielt es erstmal keine Rolle, ob die Figur in ihrem Alltag mit Happy-End gezeigt wird oder wie in den Spielfilmen oft im Limbo entlang eines Abgrunds torkelt.

David Fincher (© imago images / Mary Evans)
David Fincher (© imago images / Mary Evans)

Die Anti-These zu Cassavetes und Pialat

Kinogeschichtlich könnte man Fincher als eine Anti-These zu den Filmen eines John Cassavetes oder Maurice Pialat verstehen. Denn den beiden letztgenannten Filmemachern geht es um ein Hängenbleiben an den täglichen Umständen, den absurden und widersprüchlichen Widerständen des Lebens, die sich ganz körperlich äußern, zum Beispiel in Reißverschlüssen, die sich nicht schließen lassen, Türen, die man vergisst zu schließen, und dementsprechend auch einer nervös atmenden Kameraführung. Nichts dergleichen bei Fincher, von dem nicht wenige sagen, dass seine größte filmische Leistung die Etablierung des Bildstabilisators in der Postproduktion gewesen sei.

Fincher, der hinlänglich als detailversessener Perfektionist im Stil eines Stanley Kubrick bekannt ist, dreht seine Bilder oftmals in größerer Auflösung als nötig, um im Nachhinein jeden Staubpartikel digital bearbeiten zu können. Dazu gehört auch das Entfernen jeglicher spürbarer menschlicher Präsenz hinter der Kamera. Betrachtet man seine zahlreichen Kamerafahrten seit The Social Network aus dem Jahr 2010, sieht man ein beinahe geisterhaftes Schweben der Kamera, das sich oft perfekt mit der moralischen Kälte und zynischen Arroganz seiner Figuren vermischt.

Selbstredend hat Finchers Kino inhaltlich wenig mit der Bierwerbung gemein. Seine Figuren scheitern, stolpern, leiden. Aber sie tun es, als würden sie in einem bewegungslosen Raumschiff in die Sonne fliegen. Augenblicke von Angst wie in Panic Roomgehören mittlerweile der Seltenheit an. Vielmehr dreht Fincher verkappte Screwball-Komödien (nur ohne den Humor), in denen unfassbar intelligente Zitate hin- und hergeworfen werden. Es überrascht wenig, dass er sich bei seinem neuen Film Mank, basierend auf dem Drehbuch seines Vaters Jack Fincher, nun für Herman Jacob Mankiewicz interessiert. Dieser war unter anderem Teil der vor zynischer Wortgewandtheit nur so strotzenden „Algonquin Round Table“-Gruppe rund um Dorothy Parker und galt in Hollywood als „Wit“ par excellence.

Gary Oldman in "Mank" (© Netflix)
Gary Oldman in "Mank" (© Netflix)

The Social Network, dessen Schnitt nicht umsonst mit dem Klicken und Scrollen durch Facebook verglichen wurde, erinnert auch an Sein Mädchen für besondere Fällevon Howard Hawks. Schuss-Gegenschuss wieder und wieder und in jedem Schnitt eröffnet sich die Chance für eine Wende im Gespräch, einen Witz, ein sich gegenseitiges Übertreffen. Allerdings fehlt Fincher die Eleganz von Hawks, weil er sich nicht für die Menschen interessiert, sondern für die Sauberkeit der Aufnahme. Die berühmte Szene in Scorseses Aviator, in der Howard Hughes ekstatisch mit seiner Hand entlang der glatten Oberfläche eines Flugzeugs streift, beschreibt ziemlich perfekt die Methode Fincher.


Auf der Suche nach Unmenschlichkeit

Fincher ist ein chirurgisch arbeitender Formalist auf der Suche nach Unmenschlichkeit. Der Schrei des Serienmörders in Sieben, das falsche Lächeln des Ehemanns in Gone Girl, ein verzerrtes Megaphon in der Serie Mindhunterund das müde Ausbrennen der Protagonisten in Fight Club oder The Gameerzählen immer wieder von diesen rauschhaften Augenblicken einer menschlichen Zumutung, jene Gefühle, die uns überkommen, wenn wir nicht mehr Mensch sein können oder wollen. Dazu bewegen sich seine Filme in einem Rhythmus, der dieses Unmenschliche diktiert. Damit ist der Filmemacher gewissermaßen ein kinematographisches Pendant zu Radioheads Album „OK Computer“. Wie die britische Band erlebte Fincher seinen Durchbruch in den 1990er-Jahren, wie sie schuf er einen Meilenstein für die sogenannte Generation X (Fight Clubund „Creep“) und wie sie interessiert er sich für Imitationen einer computergenerierten Welt. Was immer wieder auffällt bei Fincher, ist seine tonale Sicherheit. Selbst bei einem dramaturgisch wackeligen Film wie Verblendungkann man sich sicher sein, dass kein Bild aus dem Gesamteindruck fällt, alles ergibt einen wohldosierten, oftmals in Ambivalenz schwebenden Gesamtton.

Man könnte von einem hohen Produktionsstandard sprechen, aber das wäre zu einfach. Fincher ist ein Klassizist, der folgerichtig am eigenen Verschwinden arbeitet. Ein Großteil seiner Arbeit besteht darin, die Stimmungen, Rhythmen, Geräusche und Bewegungen zu einem Gesamtbild zu verweben (ein amerikanischer Kritiker schrieb einmal, dass er jedes noch so banale Bild in ein Altargemälde verwandeln wollen würde), sodass Zuschauer bestenfalls vergessen, dass sie einen Film betrachten. Eine weitere Parallele zwischen Radiohead und Fincher findet sich in der Wandlung von den Anfängen zum Heute. Denn wurde der Filmemacher zu Beginn seiner Karriere oft mit gewieft erzählten Thrillern und Twists in Verbindung gebracht, interessiert er sich heute eher für Adaptionen, die sich zum Teil pseudo-journalistisch mit Verbrechen beschäftigen.

Aus der netflix-Serie "Mindhunter", die David Fincher produziert und teils mitinszeniert hat
Aus der Serie "Mindhunter", die David Fincher produziert und teils mitinszeniert hat (© Netflix)

Zodiac und The Social Network, die nicht zu Unrecht als Höhepunkte seines bisherigen Schaffens gelten, etablierten sich im „Genre“ eines Neuen Realismus, zu dem auch Filme wie Carlos von Oliver Assayas, Zero Dark Thirtyvon Kathryn Bigelow oder Che von Steven Soderbergh gezählt werden können. Dabei geht es um Filme, die weniger an psychologischen Handlungsbögen orientiert sind, sondern sich anhand von Quellen sequenziell durch historische Ereignisse arbeiten. Dialoge entsprechen oft Aufzeichnungen aus Akten, und das Thema der Fiktion bekommt an bestimmten Punkten der Geschichte eine besondere Rolle. Dieses Vorgehen, dass Fincher in der Folge ad acta legte, wird ihm in manchen Kreisen bei Manknun zum Verhängnis.

Denn obwohl der Film auf einem Drehbuch seines Vaters basiert, ist die Geschichte rund um den angeblichen Credit-Diebstahl bei Citizen Kane(übrigens ein Lieblingsfilm Finchers, was sich durchaus bereits in The Game und The Social Network zeigte) altbekannt und sehr aufgeladen in Hollywood. Alles geht zurück auf Pauline Kaels Essay „Raising Kane“ (1971), in dem sie Orson Welles dieses Diebstahls bezichtigte und ihn gleich noch als einen der größten Verlierer der Geschichte Hollywoods bezeichnete. Seitdem kamen viele Stimmen auf, die Welles als rechtmäßigen Co-Autoren des Drehbuchs verteidigen, inklusive einer wissenschaftlichen Studie der verschiedenen Stadien des Drehbuchs. Nun handelt Finchers Film nicht hauptsächlich von diesem Streit, vielmehr geht es um eine Art Abrechnung mit den politischen Machenschaften Hollywoods, aber da der Filmemacher sowohl bezüglich dieses Themas als auch im Fall Welles vs. Mankiewicz nicht wirklich faktengetreu arbeitet, sondern eine Art parallele Wahrheit in seinem sequentiellen und nüchtern-überlegenen Stil präsentiert, erntet er Kritik.

Hinwedung zu realen Stoffen: "The Social Netfwork" (© Sony) (
Hinwendung zu realen Stoffen: "The Social Network" (© Sony)


Manipulator mit Kritik an der Manipulation

Gewissermaßen entblößt er sich in seinem bedingungslosen Drang, Filme zu drehen, die nah am Zeitgeist gebaut sind, selbst als einer jener Manipulatoren, die er eigentlich kritisieren will. Das ist eigentlich nichts Neues für Fincher. War nicht sein Fight Club mehr als das Porträt einer Generation ihre Hymne? Waren die Bilder der, wie er selbst sagt, „Charles Foster Kanes unter den John-Hughes-Figuren“ in The Social Network nicht gleichermaßen eine perfekte Imitation von deren Weltbild? Und ist sein schlampiger Umgang mit der Wahrheit zugunsten einer emotionalen und parteiischen Effektivität nicht genau jener Opportunismus und Egoismus, der sich jüngst in der US-amerikanischen Politik und in Mankzeigt? Dazu passt auch irgendwie, dass keine Wolke in Mankecht ist, keinem Bild ist zu trauen in diesem Pastiche einer vergangenen Epoche. Aber Fincher ist zu intelligent, denn wenn es am Ende des Films gleichzeitig einen Abgesang und eine augenzwinkernde Ode an die Lügen Hollywoods gibt, dann wohnt man einer solchen eben gleichzeitig bei. „The things you own end up owning you“, wie es in Fight Club heißt.

Es mag vielversprechend klingen, sich Fincher über Auteur-Kategorien zu nähern, und sicher finden sich weitere rote Fäden in seinem Werk, sei es die wiederkehrende Gewalt, ein Ertränken dysfunktionaler Beziehungen in Arbeit, ein um sich greifender Zynismus, Einsamkeit oder auch ein Interesse an US-amerikanischen Mythen, aber letztlich arbeitet der Filmemacher, der sich seit einigen Jahren an Netflix gebunden hat, mehr im Stil eines „Söldners“. Das muss weder negativ konnotiert sein, noch steht es im Widerspruch zu bestimmten Interessen und Tendenzen, die sich durch sein Kino ziehen können. Allerdings ist es doch erstaunlich, mit welchem überlegenen und durchaus kritischen Gestus ein Filmemacher in seinen Filmen die Welt auseinanderlegt und die Machenschaften von Medien, Hollywood, Journalismus oder Gesetz in Frage stellt, während er eine ihm persönlich von Tim Cook überreichte vergoldete Apple-Armbanduhr trägt und munter Werbung für Coca Cola, Nike und Co. dreht.

All das muss vor allem deshalb erwähnt werden, weil sein neuer Film Mankdurchaus um Themen wie künstlerische Aufrichtigkeit und Integrität kreist. Es mutet auch etwas seltsam, aber vielleicht auch ehrenvoll an, dass ein Filmemacher, der keine eigenen Drehbücher schreibt, ein solches Plädoyer für die Bedeutung von Autoren präsentiert. Aber womöglich arbeitet Fincher genau an dieser Widersprüchlichkeit, die jener seiner schwer fassbaren, ausweichenden Figuren am nächsten kommt. Eine anhaltende Ambivalenz, die immer einen Rest für sich behält, die nie endgültig urteilt, sich nicht festlegt, sondern sich in kreisenden Bewegungen entlang eines Abgrunds tastet. So erzählt David Fincher von Mördern, die man nicht fassen kann, Männern, die davon träumen, dass ihre Flugzeuge mit anderen Flugzeugen zusammenstoßen, der fehlenden Empathie jener, die kreieren, der Macht jener, die entrückt scheinen, und dem Wahnsinn der Einsamen. Er erzählt von einem „House of Cards“, dessen Zusammenfallen perfekt orchestriert ist.

In Der seltsame Fall des Benjamin Button, dem mildesten und im doppelten Sinne blutleersten Film von Fincher, zeigt sich immerhin in kurzen Szenen, was es braucht, um dieser Zerstörung zu entgehen: ein Wunder, dass die Fragilität und nicht die vorbestimmte Verdorbenheit eines Lebens greifbar macht.

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