© DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert (Szene aus "Das Attentat")

Nachruf auf Sieglinde Hamacher

Dienstag, 26.01.2021

Erinnerungen an die Trickfilmerin Sieglinde Hamacher (11.7.1936-18.12.2020) und ihre eigenwilligen Filme, die bei den DDR-Behörden auf wenig Gegenliebe stießen

Diskussion

In den ästhetisch eigenwilligen Filmen der aus Dresden stammenden Trickfilmerin Sieglinde Hamacher spielt der wache Blick auf die Verhältnisse in der DDR stets eine große Rolle. Überkommene Verhaltensweisen, leere Versprechungen oder staatlich verordnete Sinnlosigkeiten nahm sie mit frechen Parabeln aufs Korn. Das brachte ihr viel Ärger ein. Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb die Animationskünstlerin bereits am 18. Dezember 2020.


Ende der 1970er-Jahre erhielt das DEFA-Studio für Trickfilme einen Großauftrag vom Fernsehen der DDR. Gewünscht waren 30 Folgen einer Zeichentrickserie, die unter dem Titel „Röschens Abenteuer“ zum 30. Jahrestag der DDR ausgestrahlt werden sollten. Die Idee stammte von Helmut Lange, einem hochrangigen Mitarbeiter des Fernsehens, Ehemann von Inge Lange, einer Kandidatin des SED-Politbüros, die vermutlich selbst die Feder führte. „Röschens Abenteuer“ porträtierte ein Mädchen aus dem Weltall. Zufällig von einer Raumschiffbesatzung aufgelesen, landete es ausgerechnet in der DDR, besuchte hier einen Vergnügungspark und ein Warenhaus, eine Entbindungsstation, die Nationale Volksarmee und ein Feierabendheim. In der letzten Folge, ausgestrahlt direkt am Jahrestag, dem 7. Oktober, erlebte es die Parade in Ost-Berlin. Die Serie endete mit einem rauschenden Feuerwerk. Konflikte gab es keine, auch Spannung und pointierter Witz waren Mangelware, alles sah nur bunt, gefällig und reichlich spießig aus.

Weil 30 Teile nicht aus dem Ärmel zu schütteln waren, verpflichtete das Trickfilmstudio gleich mehrere Regisseurinnen und Regisseure. Darunter auch Sieglinde Hamacher, die sich eher widerstrebend auf das Projekt einließ und nur aus Disziplin – und weil der Plan erfüllt werden musste – mitmachte. Später resümierte sie: „Natürlich fand ich die Serie scheußlich, aber das war eben unsere Bravheit.“


„Zu grausam“, nicht positiv genug!

Künstlerisch hatte sie da längst anderes im Sinn. Ihr schwebten freche Parabeln vor, ästhetisch eigenwillige Allegorien, wie sie ihr in Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Polen begegnet waren. So entstand etwa „Kontraste“ (1982), ein surrealistisches Spiel, das die Welt im Wassertropfen zeigte. Ein Film, der von den Zensoren nicht begriffen und fürs Kino abgelehnt wurde, woraufhin das Negativ spurlos verschwand. Erst 1990 konnte von einer zweistreifigen Arbeitskopie, die die Regisseurin gerettet hatte, ein kombiniertes Positiv gezogen werden. Aus der filmischen Fabel „Schafswolf“ (1983), in dem ein Wolf einen anderen auffrisst, mussten Bilder von abgenagten Knochen getilgt werden: „zu grausam“. Und „Der friedliche Tag“ (1985) verlor seinen ursprünglichen Titel „Fragwürdige Sicherheit“, weil Sicherheit in der DDR nicht fragwürdig sein durfte.

Keine abgenagten Knochen: "Der Schafswolf" (DEFA-Stiftung/Werner Bänsch)
Keine abgenagten Knochen: "Der Schafswolf" (© DEFA-Stiftung/Werner Baensch)

Sieglinde Hamacher, geboren am 11. Juli 1936 in Dresden als Tochter eines Musterzeichners und der Leiterin eines Kolonialwarenladens, hatte ihre künstlerische Laufbahn Mitte der 1950er-Jahre als Volontärin für Bühnenbild an den Landesbühnen Sachsen und dem Dresdner Staatstheater begonnen. 1956, nur ein Jahr nach dessen Gründung, kam sie ans DEFA-Studio für Trickfilme, zunächst als Phasenzeichnerin und Animatorin und ab 1968 als Regisseurin. Nach einem Fernstudium an der Theaterhochschule Leipzig legte sie 1971 ihr Diplom als Theaterwissenschaftlerin ab. Ihre ersten Filme drehte sie mit ihrem späteren Partner Will Hamacher (1917–1974); gemeinsam arbeiteten sie vor allem an der Serie „Vater und Familie“ („Vater als Casanova“, 1972; „Vater und die Nachbarn“, 1974), in denen überkommene männliche Verhaltensweisen aufs Korn genommen wurden.

Auf die Serie „Eselei“ folgte der Zeichentrickfilm „Attentat“ (1979), in dem ein kleiner Mann verbissen gegen zwei große Füße – und seinen eigenen Untergang – ankämpft und noch im Sterben glaubt, gesiegt zu haben. Eine mehrdeutig auslegbare Parabel, die die auf Eindeutigkeit gepolten kulturpolitischen Bedenkenträger irritierte. „Ein Käfig“ (1981) reflektierte über die Dehnbarkeit des Freiheitsbegriffs. Die feministische Groteske „Die Wahrheit um den Froschkönig“ (1986) griff Motive des klassischen Märchens auf und führte sie ad absurdum. „Die Lösung“ (1988) ließ einen Außenseiter zum Helden werden – ein Vögelchen, das auf einer Telefonleitung nicht in dieselbe vorgegebene Richtung blicken mag wie alle anderen. Am Ende von „Sisyphos“ (1988) zeigte Sieglinde Hamacher einen verzweifelten Mann: Der Stein, den er ein Leben lang auf einen Berg zu wälzen versuchte, rollt plötzlich auf der anderen Seite wieder hinab, und eine gähnende Leere tritt ein. Vieler dieser Trickparabeln dauerten nicht länger als fünf, sechs Minuten; ihre philosophischen Dimensionen waren unübersehbar.


Ein Kreislauf der Sinnlosigkeit

Noch ganz am Ende der DDR gipfelten absurde Zensurspiele in Einsprüchen gegen ihren Film „Lebensbedürfnis oder Arbeit macht Spaß“ (1989). Zu sehen sind kraftstrotzende, optimistische Arbeiter, die Steine zu Kies zertrümmern, woraus neue Steine entstehen, die am Ende wieder zu Kies zerklopft werden. Erst am Schluss wird mit Hilfe einer Totale deutlich, dass es sich hier um einen Kreislauf der Sinnlosigkeit handelt, zu dem im Rhythmus forscher Marschmusik rote Fahnen flattern. Der Abspann lief vor dem Hintergrund einer weißen Flagge. Die Arbeiter selbst überblickten den Vorgang nicht.

In einem Papier der Hauptverwaltung Film vom Mai 1989 wurde gefragt: „Wie soll dieses ,Flaggezeigen‘ interpretiert werden?“ Eine Freigabe fürs Inland sei zwar möglich, aber ein Export oder eine Aufführung auf Festivals komme keinesfalls in Frage: „Wir meinen, dass wir sowohl das Studio und die Filmemacherin als auch uns vor der naheliegenden Fehlinterpretation schützen müssen, dass wir nach erfolgter Aufbauarbeit im Zeichen des Sozialismus letztlich die Flagge der Kapitulation ziehen.“ Sieglinde Hamacher musste die bildfüllende Großaufnahme einer roten Fahne herausschneiden – und auch die weiße Fahne herausnehmen. Sie folgte dieser Auflage, weil sie ihren Film retten wollte und den Kern der Parabel auch nicht beschädigt sah. Im Herbst 1989 erhielt „Lebensbedürfnis“ während des Leipziger Filmfestivals den Preis des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), und die Regisseurin kommentierte: „Die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft des Ostblocks hatte Verständnis und Vergnügen an meiner Darstellung der Arbeitswelt.“

Verdrängung, Verrat, Verderbnis: "Kafkas Traum" (DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert)
Ein Leben lang - Vergeblichkeit: "Sisyhos" (© DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert)

In „Kafkas Traum“ (1990) befasste sie sich dann mit der Maschinerie aus Verdächtigung, Verrat und Verderbnis; in „Okkupation“ (1990) zeigte sie einen kleinen Mann, der von einem großen aus seinem Haus gedrängt wird und den Schikanen des Eindringlings hilflos ausgeliefert ist. Eher den Tagesbedürfnissen geschuldet waren ihre allerletzten kurzen Animationsfilme von 1991. In der Serie „Neue Ämter“ stellte sie Gewerbeamt, Bauaufsichtsamt, Amt für Ordnung und Sicherheit und andere Institutionen vor, die für DDR-Bürger bis dato Neuland waren.


Die Kunst der Animation

Wie alle anderen künstlerischen Mitarbeiter wurde Sieglinde Hamacher, die von 1981 bis 1991 auch als Vorsitzende des Künstlerischen Rates im DEFA-Studio gewirkt hatte, entlassen. Die hoch gewachsene, bedächtig artikulierende, stets mit feiner Ironie diskutierende Regisseurin fand aber auch unter neuen Bedingungen zahlreiche Anknüpfungspunkte. Sie vertrat die Künstlerverbände in der neu gegründeten Sächsischen Landesmedienanstalt, war stellvertretende Vorsitzende des Filmverbands und Senatorin des Sächsischen Kultursenats. Dem neu etablierten Deutschen Institut für Animationsfilm (DIAF), das sich nicht zuletzt um die Bewahrung des DEFA-Erbes kümmerte, stand sie mit Rat und Tat zur Seite.

Mit Hingabe diskutierte sie über die Kunst des Animationsfilms, so etwa während einer ihr gewidmeten Hommage des Leipziger Festivals im Jahr 2001. Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb Sieglinde Hamacher bereits am 18. Dezember 2020 in Dresden.

Sieglinde Hamacher (11.7.-1936-18.12.2020; DEFA-Stiftung/Rolf Hofmann)
Sieglinde Hamacher (11.7.1936-18.12.2020 ǀ © DEFA-Stiftung/Rolf Hofmann)


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