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"Meeting the Man": Begegnung mit dem Schriftsteller James Baldwin

Dienstag, 04.05.2021

In „Meeting the Man“ (1970) will der Filmemacher Terence Dixon den Schriftsteller James Baldwin porträtieren, doch der will nicht über sich, sondern den Zustand der Welt sprechen

Diskussion

Bei MUBI ist derzeit der Kurzfilm „Meeting the Man“ aus dem Jahr 1970 über den Schriftsteller James Baldwin zu sehen. Ein spannendes Zeitdokument, das allerdings auch zeigt, wie ein Film gerade in seinem Scheitern politische Erkenntnisse sichtbar machen kann, die den heutigen Debatten rund um Identitätspolitik gut zu Gesicht stünden.


Das Gespräch stockt. Der Schriftsteller denkt nach, der Filmemacher wird ungeduldig. Das Setting ist der Place de la Bastille in Paris. Dorthin hatte der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin den britischen Filmemacher Terence Dixon und dessen Kameramann Jack Hazan gebeten. Doch Baldwin will nicht mehr, wie ursprünglich abgemacht, über sein literarisches Werk und seine Zeit in Paris sprechen. Sondern über etwas anderes.


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Also die Bastille: „Die Leute sind hier vor nicht allzu langer Zeit auf die Straßen geströmt“, erzählt Baldwin, „um dieses Gefängnis niederzureißen. Die Sache ist: Dieses Gefängnis gibt es immer noch. Wir bauen es die ganze Zeit wieder auf.“ Doch so leicht gibt sich Dixon nicht geschlagen. Er fängt wieder von seinem Film an: „Sie haben diesen Film umgeleitet, weg von ihrer literarischen Arbeit, hin zu dem, was Sie fühlen.“ Baldwin unterbricht: „Nicht so sehr das, was ich fühle, Terry, sondern das, was ich weiß.“

Dreh im Paris der 1970er (© MUBI)
Während der Dreharbeiten in Paris (© MUBI)

„Was habe ich denn falsch gemacht?“

Die Dialoge zwischen dem Dokumentaristen und seinem widerspenstigen Objekt sind das Herzstück von „Meeting the Man“, einem der vielleicht spannendsten gescheiterten Filmprojekte überhaupt, dessen knapp halbstündiges Ergebnis sich auf der Streaming-Plattform MUBI ansehen lässt. Dixon ist geradezu empört über dieses Scheitern, für das er Baldwin verantwortlich macht und dessen Versuch, den Film zu politisieren. „Wir hatten einen Plan, und sie waren damit anscheinend nicht einverstanden. Was habe ich denn genau falsch gemacht?“

Das wird offenkundig, wenn man den Film sieht. Denn Dixon spricht über Baldwin, man kann das kaum anders sagen, wie über ein Tier in einem Safari-Film: „Nach Beginn des Drehs änderte sich Baldwins Haltung und er wurde immer weniger kooperativ“, heißt es im Voice-over. Etwas später: „Zu diesem Punkt war Baldwins Verhalten geradezu feindselig.“ Bis zum Ende seines eigenen Films kann Dixon nicht begreifen, dass Baldwin – ganz nach dem Motto, das ein anderer Filmemacher, Raoul Peck, sehr viel später zum Titel seines eigenen Baldwin-Porträts machte: I Am Not Your Negro“ – die Prämissen seines Filmprojekts in Frage stellte und Dixons eigene Haltung zum Teil des Problems erklärt.

James Baldwin und Terence Dixons Filmteam (© MUBI)
James Baldwin und das Filmteam (© MUBI)

Denn Dixon weigert sich, aus der Rolle des aufgeklärten Europäers zu treten, dem alles bereits klar ist und der mit seinem Film ja nur helfen will. „Ihre Bücher haben uns all diese Sachen bewusst gemacht, deshalb sind wir hier und drehen einen Film darüber. Das ist unsere Art der Kommunikation!“, versucht er sich zu rechtfertigen. Baldwins Antwort kommt nicht direkt, sondern in einer Szene, in der er mit einer Gruppe von Studierenden diskutiert und sich dabei indirekt ans weiße Europa wendet: „Ihr könnt nicht anders, als zu glauben, dass es da etwas gibt, das ihr für mich tun könnt, dass ihr mich retten könnt. Aber ich habe eure Rettungen lange genug ertragen, ich kann sie mir keine Sekunde länger leisten. Denn ich weiß etwas über euch, und ihr wisst nichts über mich.“

Das hilflose Voice-over hatte die Szene mit dem Kommentar eingeleitet, dass im Folgenden Baldwins Vergangenheit als Baptistenprediger eindeutig zum Vorschein kommen würde.


Komplexe Grautöne, nicht schwarz-weiß

Selten ist die Spannung zwischen einem Filmautor und seinen Bildern so spürbar wie in „Meeting the Man“, und selten drücken sich darin so unmittelbar politische Fragen aus, die noch und gerade heute wichtig sind. Denn an „Meeting the Man“ ließe sich vieles von dem, was derzeit in den deutschen Feuilletons unter dem Label „Identitätspolitik“ diskutiert wird, sehr viel pointierter verhandeln. Wer spricht über wen, aus welcher Position, wer wird dabei gehört? Müssen wir bei all unseren Handlungen die eigene soziale Position mitreflektieren, oder sind wir nicht in erster Linie Individuen? Hinter diesen Fragen verbirgt sich mehr, als nicht nur die Kritiker der Identitätspolitik, sondern auch die Selbsthilfe-Methoden des „Critical Whiteness“-Ansatzes mit ihren Privilegien-Checks meinen.[1]

Denn in der gegenwärtigen Debatte werden aus Konstellationen voller komplexer Grautöne zu häufig schwarz-weiße Fragen der Dürfen und Müssens. Zuletzt wurde eine Intervention der niederländischen Aktivistin Janice Geul – die sich gefragt hatte, warum die weiße Schriftstellerin Marieke Rijneveld vom Verlag als perfekte Übersetzerin für Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ angepriesen wurde, obwohl sie noch nie übersetzt hat – auf die empörte Frage reduziert: Dürfen Weiße jetzt etwa nur noch Weiße, Schwarze nur noch Schwarze übersetzen? Niemand hatte so etwas auch nur nahegelegt, und trotzdem wurde genau darüber debattiert.

James Baldwin (© MUBI)
James Baldwin (© MUBI)

James Baldwin ist nicht nur in diesem Film, sondern überhaupt ein Autor, dessen Lektüre solche Debatten befruchten und verkomplizieren würde. Weil sein Werk gerade nicht aus einer Zu- oder Absage an die Identitätspolitik schöpft, sondern aus ihrem Dilemma: sich auf jene Differenzen berufen zu müssen, die man eigentlich überwinden will. Schon in seinem 1949 veröffentlichten Essay über die US-amerikanische Tradition des Protestromans schreibt Baldwin, dass der Mensch eben nicht nur Mitglied einer Gesellschaft oder Gruppe ist: „Ihm ist etwas entschieden Unbestimmbares, Unvorhersehbares zu eigen. Leugnen wir diese Komplexität – unsere eigene beunruhigende Komplexität –, dann machen wir uns klein, dann gehen wir unter.“


„Ich schreibe für Menschen, Baby“

Doch für einige ist dieser Weg zur menschlichen Komplexität verbaut. Baldwin schreibt daher immer für einen Universalismus, der sich unter den gegebenen Umständen nicht realisieren lässt. Identitätspolitik entsteht eben nicht aus einer Laune heraus, sondern als Reaktion auf die Zumutungen der Welt. Das wird schließlich auch in „Meeting the Man“ klar. Als der Filmemacher dem Schriftsteller erklärt, dass Baldwin ja vorwiegend für eine weiße Leserschaft schreibe, antwortet der nur: „Ich schreibe für Menschen, Baby. Ich glaube nicht an Weiße, und ich glaube auch nicht an Schwarze. Aber ich kenne den Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, wie er sich heute darstellt. Und der bedeutet, dass ich mir über gewisse Dinge nichts vormachen kann. Könnte ich das, wäre ich weiß.“

Dixon aber verbleibt bis zum Schluss in seiner eigenen Sprache. Er hält Baldwins Romane für stärker als seine Essays, denn er glaubt, dass diese bei einer weißen Leserschaft mehr bewirken, da sich jeder mit den Figuren identifizieren könne: „Alle Menschen waren doch schon mal verliebt!“ Auch hier kann Baldwin nicht anders, als leise Zweifel anzumelden. „Waren wirklich alle Menschen schon mal verliebt? Die Beweislage ist da eher dürftig. Und wenn, dann haben sie es wohl vergessen.“


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