© IMAGO / Mary Evans (Cher und Olympia Dukakis)

Passion: „Mondsüchtig“

Dienstag, 11.05.2021

Eine Hommage an eine Sternstunde der romantischen Komödie und ihren gar nicht so heimlichen Star Olympia Dukakis

Diskussion

Romantische Komödien gibt es zuhauf, doch nur wenige schwingen sich in solche Höhen hinauf wie Norman Jewisons „Mondsüchtig“ (1987). Die Liebesverwirrungen innerhalb der italo-amerikanischen Gemeinde in Brooklyn beziehen den Mond, Opernmusik von Puccini und das zentrale Paar Cher und Nicolas Cage mit ein, doch der gar nicht so heimliche Star des Films ist Olympia Dukakis in der Rolle der alles zusammenhaltenden Mutter. Eine Hommage an den Film und die am 1. Mai verstorbene Schauspielerin.


Rose: „Loretta…, liebst du Johnny?“

Loretta: „Nein!“

Rose: „Gut! Wenn man sie liebt, treiben sie einen in den Wahnsinn, weil sie wissen, dass sie es können!“

Der Mond, die Stadt, die Familie, die Liebe und ein klein wenig Puccini. Ein Film über drei Generationen in einem Haus. Italiener, in Brooklyn. Völlig integriert und doch so typisch „Famiglia“! Johnny wird Loretta heiraten, aber erst, wenn er vom Sterbebett seiner Mutter in Sizilien zurück ist. Währenddessen trifft Loretta Johnnys Bruder Ronny und verliebt sich. Derweil leben Lorettas Eltern das Leben von ewig Verheirateten mit allen Nicklichkeiten und eventuellen Fremdgehereien. Und Großvater versteht bei all den Liebeskonfusionen die Welt nicht mehr.

Die Besetzung, die Norman Jewison für Mondsüchtig vor die Kamera holte, weckt Aufmerksamkeit: Nicolas Cage (Ronny) ist zu jung und wild für einen romantischen Liebhaber. Cher (Loretta) kann keinen italienischen Dialekt. Danny Aiello (Johnny) hat nie in einer Komödie gespielt. Ein halbtauber Russe namens Fjodor Schaljapin wird zu Großvater Castorini, der die meisten italienischen Sätze im Film sagt. Und wie um Himmels Willen soll eine Griechin aus New Jersey eine Italienerin aus Brooklyn spielen?

    

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Olympia Dukakis stieß mit viel Theater- und überschaubarer Kinoerfahrung zur Produktion, weil ihr Mann Louis Zorich seinerzeit mit Jewison an Anatevka arbeitete und nur Gutes über ihn zu berichten wusste. Es ging ja auch „nur“ um die Nebenrolle der Mutter Rose, die im Schatten von Cher und Nicolas Cage ihre Momente bekommen soll. Aber von wegen „Momente“! Heute würde man ihr Tun als das einer „starken Frau“ bezeichnen. 1987 war sie die gute Seele des Films. Wer auch immer an solche Rollen die Präposition „Neben-“ ergänzt, hat keine Ahnung, wie Kino funktioniert. Als Mutter im Haus hat Rose die Familie zusammenzuhalten, wie das nun mal das Klischee von der italienischen Familie verlangt. Doch dramaturgisch gibt sie das Tempo und den Tonfall des Filmes vor. Olympia Dukakis sind die besten Pointen vorbehalten. Sie gibt vor, wann der Film unbeschwert oder ein wenig ernsthafter und tragischer wird. Sie erfüllt die einzig wirklich gebrochene Figur unter Charakteren, die an opernhaften Übertreibungen nur so bersten, mit Leben. Vor allem, wenn sie eigentlich allen Grund hätte, die Contenance zu verlieren, weil ihr Mann eine Affäre hat und sie den netten älteren Hochschullehrer Mr. Perry (John Mahoney) im Restaurant kennenlernt:

Mr. Perry: „Ich nehme an, Sie können mich nicht hineinbitten?“

Rose: „Nein!“

Mr. Perry: „Familie zuhause?“

Rose: „Nein, das Haus ist leer, glaube ich... Ich kann Sie nicht hineinbitten, weil ich verheiratet bin… Und weil ich mich kenne.“

Olympia Dukakis in „Mondsüchtig“ (© IMAGO / ZUMA Wire)
Olympia Dukakis in „Mondsüchtig“ (© IMAGO / ZUMA Wire)


Puccini der Liebesstifter

Das „Oscar“-gekrönte Dialogbuch von „Mondsüchtig“ wird nur noch durch den Musikeinsatz getoppt. Ronny, eigentlich ein Macho vor dem Herrn, schmilzt bei Puccini-Opern dahin, und Loretta heißt nur so wie eine von Puccinis Heroinen, weiß ansonsten aber nicht einmal, wo denn „die Met“ in Manhattan ist. Zu den romantischsten Szenen des Films gehört ein Opernbesuch, bei dem Ronny Loretta mit seiner Leidenschaft infiziert, womit dem Film nicht nur eine tolle Liebesszene, sondern auch ein schöner Liebesbeweis an die romantische Bühnen-Musik des 19. Jahrhunderts gelingt.

Wo die Liebe hinfällt, da gibt es schon mal Ohrfeigen und ein Happy End, wo es eigentlich keines geben kann. Kein Wunder, dass „Mondsüchtig“ eine der ganz wenigen romantischen Komödien ist, die je eine „Oscar“-Nominierung für den „Besten Film“ bekam. Zwar musste sie 1988 gegen Bertoluccis Epos Der letzte Kaiser verlieren, gewann aber die Herzen und die Statuetten fürs Drehbuch, für Cher – und für Olympia Dukakis.

Die Griechin aus New Jersey bekam im Kino nie die „wichtigen“ Hauptrollen. Warum auch, sie machte mit ihren großen Momenten die Filme der 1980er- und 1990er-Jahre so viel besser! Als Rose in „Mondsüchtig“ war sie es natürlich, der die letzte Pointe gehörte. Und die Erkenntnis, dass es keine bessere italienische Mama geben konnte als sie:

Rose: „Liebst du ihn, Loretta?“

Loretta: „Ma, ich liebe Ronny schrecklich!“

Rose: „Oh Gott, so ein Jammer!“


Olympia Dukakis ist am 1. Mai 2021 im Alter von 89 Jahren verstorben.

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