© Reprodukt Verlag/Mathieu Sapin

Im Bannkreis der Macht - Die Comics von Mathieu Sapin

Freitag, 28.05.2021

In seinem jüngsten Comic „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“ spürt der französische Zeichner Mathieu Sapin selbstironisch dem Zwiespalt zwischen Macht, Reichtum und künstlerischer Unabhängigkeit nach

Diskussion

Der französische Comiczeichner und Filmemacher Mathieu Sapin wird von der Politik magisch angezogen, obwohl er wie sein berühmter Dichterkollege Jean Racine um seine Unabhängigkeit fürchtet. In seinem jüngsten Comic „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“ spießt er den Zwiespalt zwischen künstlerischer Unabhängigkeit und den Verführungen des Élysée-Palasts auf. Dennoch will er sich künftig anderen Themen widmen. Fragt sich nur, wie lange.



„Übrigens war’s das jetzt“, sagt Mathieu Sapin auf den letzten Seiten seines neuen Comics „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“. „Ich höre auf mit der Politik. Also wenn alles gut geht.“ Doch was genau mit „wenn alles gut geht“ gemeint ist, kann man am Ende der Lektüre nur erahnen.

Der französische Comiczeichner Mathieu Sapin ist hierzulande erst 2018 mit „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“, seinem ersten auf Deutsch veröffentlichten Comic, bekannt geworden. Die turbulente Reportage ermöglichte tiefe Einblicke ins wilde Leben und nicht ganz leichte Wesen von Gérard Depardieu.




Sapin hatte sich jahrelang unter heiklen Bedingungen mit dem menschlich nicht gerade als einfach geltenden Schauspieler herumgeschlagen. Am Ende entstand dann sogar so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden. Depardieu ist ein Promi, auf seine Art eitel und durchaus daran interessiert, wie sein Bild in der Öffentlichkeit aussieht. Auf den letzten Seiten des neuen Comics von Sapin wird klar: mit dieser Freundschaft dürfte es sich erstmal erledigt haben. Um Eitelkeiten und das Interesse prominenter Menschen am eigenen öffentlichen Bild geht es dort indes auch.


Comic - Film - Comic

In den letzten zehn Jahren hat sich der 1974 in Dijon geborene Sapin vor allem der Comicreportage gewidmet. Mit „Feuille de Chou“ (2010) dokumentiert er die Dreharbeiten zu „Gainsbourg“, dem Spielfilmdebüt des Comiczeichners Joann Sfar. 2012 erschien „Campagne présidentielle. 200 jours dans les pas du candidat François Hollande“, eine Reportage über die Wahlkampfkampagne von François Holland. Von da an ließ ihn die Politik nicht mehr los. Nachdem er ein Jahr lang das politische Treiben im Élysée-Palast beobachtet hatte, folgte „Le Château – Une année dans les coulisses de l’Élysée“ (2015). Auch „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ war nicht ganz frei vom Politischen, da sich Sapin mit Depardieus Ansichten zu allen möglichen Themen auseinandersetzen musste.


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Nach „Gainsbourg“ kam er auch wieder mit dem Film in Kontakt, als er Depardieu für seinen Comic bei den Dreharbeiten zu der Fernsehdokumentation „Reise durch den Kaukasus. Gérard Depardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas“ begleitete. Mit Gustave Kervern und Vincent Lacoste sowie dem Zeichner-Kollegen Riad Sattouf hatte Sapin 2014 einen ersten Kurzfilm realisiert; jetzt machte er sich an die Dreharbeiten zu „Le Poulain“ (2018) über einen jungen Assistenten im Wahlkampf um die Präsidentschaft. Dank seiner guten Kontakte konnte Sapin den Film teilweise im Élysée-Palast drehen.


Danach hatte er eigentlich genug von der Politik. „Ich hatte mir geschworen, mit der Politik aufzuhören“, erzählt er zu Beginn von „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“. „Aber wenn man so nah dran war an der Macht, kehrt man ihr nicht leichtfertig den Rücken…“


Ein Zwiespalt tut sich auf

Dieser Zwiespalt ist das Thema des neuen Werks. Alles beginnt mit einer Akkreditierung als Journalist für ein Fernsehduell zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen. 2017 hatten die Medien Le Pen unberechtigterweise Aussichten auf die Präsidentschaft eingeräumt. Drei Jahre später standen ihre Chancen tatsächlich nicht schlecht. Denn Macron hatte während seiner Amtszeit einigen Gegenwind erhalten. Davon erzählt Sapin, wenn die ersten Gelbwesten-Proteste aufflammen. Er zeigt aber auch, mit welcher Eleganz und Raffinesse Macron die Menschen für sich zu gewinnen weiß.

Doch auch Sapin erliegt selbst immer wieder Macrons Charme und Tricks und spürt, dass er der Macht näherkommt, als ihm lieb ist. Das wiederum bringt ihn zu Jean Racine. Der berühmte französische Dichter hatte sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom Waisenkind zum gefeierten Dichter hochgearbeitet und mit seinen Stücken auch am Hof des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. viel Bewunderung geerntet. Doch nach 15 Jahren gab Racine seine Dichterkarriere zugunsten der Hofberichterstattung für Ludwig XIV. auf und wandelte sich zum kritiklosen Opportunisten.

Sapin, der sich in beständiger Gefahr wähnt, wie Racine buckelnd in ein Abhängigkeitsverhältnis zur Macht zu geraten, erzählt in einer das gesamte Werk durchziehenden Parallelmontage von seinen Versuchen, für „Le Poulain“ im Élysée-Palast drehen zu können und dabei dem Präsidenten sein Comic-Projekt über die heikle Verbindung der Künstler zur Macht vorzustellen. Gleichzeitig will er Racines Biografie erzählen, wobei er sich im Wechsel über Racines Duckmäusertum und Macrons betont legeres Auftreten lustig macht, das ihn in seiner Geschmeidigkeit aber zugleich in Bann schlägt. Dabei strotzt der Comic vor Selbstironie, denn Sapin schreckt immer wieder vor seinen peinlichen Versuchen zurück, die Gunst des aktuellen „Königs“ – Macron – zu erlangen.


Einblicke ins politische Geschacher

Beim Lesen wird man unweigerlich auf zwei ähnlich gelagerte Geschichten gestoßen. Auf Pierre Schoellers Film „Der Aufsteiger“ (2011) mit Olivier Gourmet als umtriebigem Verkehrsminister. Der Protagonist sieht darin nicht nur aus wie Hollande und hetzt wie Macron von Termin zu Termin; der Film wurde ebenfalls zum Teil auch im Élysée-Palast gedreht. Vor allem aber lässt „Comédie Française“ an den von Christophe Blain gezeichneten Comic „Quai d’Orsay – Hinter den Kulissen der Macht“ (2011) denken, in dem Abel Lanzac von seiner Zeit als Redenschreiber für Dominique de Villepin erzählt, der Anfang der Nullerjahre Außenminister unter Jacques Chirac war (2013 von Bertrand Tavernier verfilmt). Der Comic ist ein meisterlicher, rasant erzählter und expressiv gezeichneter Einblick ins politische Geschacher der Diplomatie.




Allen diesen Werken gemein ist, dass sie die gehetzte Atmosphäre des Politikbetriebs kongenial vermitteln. Und sie schaffen es, die mitunter gut gemeinten, aber immer abgezockten Machtkämpfe hinter den Kulissen zu enttarnen. Rivalitäten, die schließlich auch Mathieu Sapin ermüden. Im Cliffhanger am Ende von „Comédie Française“ spielt er auf sein Drehbuch für einen neuen Kinofilm mit dem Titel „Fake News“ an. Doch man findet darüber im Netz keine Informationen. Stattdessen hat Sapin zusammen mit Joann Sfar und Emmanuel Guibert das Drehbuch für die Zeichentrickadaption der Comicreihe „Sardine de l'espace“ geschrieben. Die Weltraumabenteuer für Kinder sind wahrscheinlich so weit vom irdischen Politikalltag entfernt wie nur möglich. Doch wer weiß, wie es für Sapin weitergeht? Schließlich sind im nächsten Jahr in Frankreich wieder Wahlen.




Literaturhinweis:

Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht. Von Mathieu Sapin. Reprodukt Verlag, Berlin 2021. 168 Seiten, 24 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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