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Zum Vergnügen der Werktätigen - 50 Jahre "Polizeiruf 110"

Sonntag, 30.05.2021

Ein Rück- und Ausblick auf 50 Jahre „Polizeiruf 110“, der in Abgrenzung zum „Westfernsehen“ der DDR-Bevölkerung mehr Unterhaltung und weniger politische Indoktrination bieten sollte

Diskussion

Nach dem “Tatort“ feiert auch die „Polizeiruf 110“-Reihe ihr 50-jähriges Bestehen und knüpft im Jubiläumskrimi „An der Saale hellem Strande“ gleich auf mehreren Ebenen an den Ursprung im Juni 1971 an. Mit dem neuen Format wollte die SED eine „bestimmte Langeweile“ überwinden und die Werktätigen besser unterhalten. Die außergewöhnlich präzisen Milieu-Schilderungen hatten auch systemische Gründe: Verbrechen konnten schließlich nicht der (sozialistischen) Gesellschaft angelastet werden, sondern mussten in den Biografien und Lebensverhältnissen begründet werden.



Auf den ersten Blick bietet die neue Folge vom „Polizeiruf 110 nicht viel Neues. Gewiss, mit dem Film „An der Saale hellem Strande“ nimmt ein neues Ermittler-Duo die Arbeit auf, das in Halle an jenem Fluss, den die aus einem Volkslied stammende Titelzeile nennt, angesiedelt ist. Aber beides – neues Team und neuer Standort – ist nicht so ungewöhnlich. Vor kurzem hatte beispielsweise auch der „Tatort“, mit dem sich der „Polizeiruf 110“ seit 30 Jahren den Sendeplatz am Sonntagabend um 20.15 Uhr in der ARD teilt, ebenfalls mit einem neuen Team aus Bremen aufgewartet.

Der Jubiläums-"Polizeiruf" "An der Saale hellem Strande" knüpft an die Anfänge an (mdr/Felix Abraham)
Der Jubiläums-"Polizeiruf" "An der Saale hellem Strande" knüpft an die Anfänge an (© mdr/Felix Abraham)

Ungewöhnlich ist etwas anderes, weshalb sich die Beschäftigung mit dieser neuen Folge aus Halle an der Saale lohnt, die der Mitteldeutsche Rundfunk in Auftrag gegeben hat. Damit ist weniger das 50-jährige Jubiläum gemeint, dass die „Polizeiruf 110“-Reihe mit dieser Folge feiert. Sondern vielmehr, dass der Jubiläumsfilm von Clemens Meyer (Buch) und Thomas Stuber (Buch/Regie) auf mehreren Ebenen an den Ursprung dieser Reihe anknüpft und viele Verweise auf deren Geschichte enthält. „Polizeiruf 110“ startete im Juni 1971 im Fernsehen der DDR, das damals „Deutscher Fernsehfunk“ (DFF) genannt wurde. Als Krimi-Reihe war sie dort kein Novum. Zuvor hatte eine Reihe wie „Blaulicht“ (1959-1968) bereits von Kriminalfällen und ihrer Aufklärung durch die Polizeibeamten erzählt. Aber „Polizeiruf 110“ wirkte vom Erscheinungsbild (Vorspann, Musik, Erzähl- und Inszenierungsweise) und Tempo deutlich moderner als die Vorgängerreihe.


Den Feierabend im Blick

Dieser Modernisierungsschub war Teil einer veränderten Gesellschaftspolitik in der DDR. Erich Honecker, der ein Jahr zuvor Walter Ulbricht als Staatsratsvorsitzenden abgelöst hatte, versprach in seiner Antrittsrede, eine „bestimmte Langeweile zu überwinden“, die in den beiden Fernsehprogrammen seines Landes herrschte. Damit war nicht etwa eine politische Liberalisierung in den journalistischen Sendungen gemeint, sondern eine Verstärkung des Unterhaltungsangebots. Das Programm sollte nicht mehr nur indoktrinieren, sondern verstärkt unterhalten, um den Feierabend der „werktätigen Bevölkerung“ zu erleichtern.

Damit reagierte Honecker auch auf die Tatsache, dass man in der DDR – von der Obrigkeit mit Unwillen registriert – regelmäßig die von Westen einstrahlenden Programme der bundesdeutschen Konkurrenz sah. Dort hatte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) 1969 begonnen, am Freitagabend die langlaufende Reihe „Der Kommissar“ mit Erik Ode zu etablieren, in der Kriminalfälle aufgeklärt wurden. Die ARD zog ein Jahr später nach, als sie unter dem Titel „Tatort“ zunächst Kriminalfilme zusammenfasste, die schon länger produziert worden waren, um später dann Sendeanstalt für Sendeanstalt eigene Unterreihen zu entwickeln. Die Polizei, die ja Länder- und nicht Bundessache ist, passte bestens zu den ebenfalls nach Bundesländern geordneten Rundfunkanstalten der ARD. An zwei Tagen bot also die bundesrepublikanische Konkurrenz Krimis im Hauptabendprogramm an, die auch für die Bürgerinnen und Bürger der DDR höchst attraktiv waren. Darauf galt es zu reagieren.


Eine der erfolgreichsten Serien des DDR-Fernsehens

Der „Polizeiruf 110“ stand also auch dafür, dass man es in der DDR ebenso gut wie in der Bundesrepublik vermochte, spannende und damit vor allem unterhaltende Fernsehfilme zu produzieren und über die Reihenkonstruktion ein großes Publikum über einen längeren Zeitraum an sich zu binden. Was gelang, denn die Serie zählte zu den erfolgreichsten Sendungen des DDR-Fernsehens. Nachdem sich die DDR 1990 der Bundesrepublik politisch anschloss, wurde das DFF wie viele andere Institutionen abgewickelt.

"Unter Brüdern" mit Götz George, Andreas-Schmidt-Schaller, Peter Borgelt und Eberhard Feik" (imago/United Archives)
"Unter Brüdern" mit Götz George, Andreas-Schmidt-Schaller, Peter Borgelt und Eberhard Feik" (© imago/United Archives)

An seine Stelle traten öffentlich-rechtliche Länderanstalten wie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB), der später mit dem Sender Freies Berlin (SFB) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) fusionierte, und der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr), der die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit Programm versorgen sollte. In Mecklenburg-Vorpommern hatte man sich dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) angeschlossen. All diese Anstalten, die der ARD beitraten, trennten sich von vielem, was auf Seiten des Personals wie des Programmes den DFF gekennzeichnet hatte.

Zu den wenigen Programmbestandteilen, die man übernahm, gehörte aber der „Polizeiruf 110“. Zum einen, weil er politisch weitgehend unverdächtig war, zum anderen, weil man mit ihm noch vor der Wiedervereinigung kooperiert hatte. Für den Film „Unter Brüdern“ hatte man die „Tatort“-Kommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) aus Duisburg mit den Ermittlern Fuchs (Peter Borgelt) und Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) aus Ost-Berlin zusammengespannt, die einen deutsch-deutschen Fall zu lösen hatten. Produziert wurde der Film noch zu Zeiten, in denen die DDR existierte. Ausgestrahlt wurde er hingegen erst einige Wochen nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Drei Jahre später begannen ORB, mdr und NDR, den „Polizeiruf 110“ zu reaktivieren, allerdings durchgehend mit neuem Personal. Später gingen auch andere ARD-Anstalten dazu über, für diese Reihe eigene Teams zu rekrutieren und Filme zu produzieren. Filmisch gehörten die Produktionen mit Matthias Brandt, die der Bayerische Rundfunk (BR) beisteuerte, zum Besten, was es an Krimis zu sehen gab.


Zwei neue Kommissare ermitteln in Halle

Wie knüpft nun der Film „An der Saale hellem Strande“ an die Vorgeschichte der Reihe an, die ihrerseits fast 30 Jahre zurückliegt und also nur ihren kleineren Teil ausmacht? Zum einen durch eine Reminiszenz: In einer Szene trifft einer der beiden Kommissare (Peter Schneider) auf den Vater seiner Frau, der vor seiner Pensionierung ebenfalls bei der Kriminalpolizei arbeitete. Dieser Schwiegervater wird von Andreas Schmidt-Schaller gespielt und heißt nach der Besetzungsliste (im Film selbst wird sein Name nicht genannt) Thomas Grawe, der seit 1989 in vielen Folgen vom „Polizeiruf 110“ ermittelte. Seinerzeit hatte man die Figur des Grawe wegen einer gewissen Aufmüpfigkeit als „Schimanski des Ostens“ bezeichnet, worauf der Schauspieler Schmidt-Schaller immer ein wenig stolz war.

Andreas Schmidt-Schaller (r.) in "Die Kreuzworträtselfalle" (DRA/Wolfram Zeuch)
Andreas Schmidt-Schaller (r.) in "Die Kreuzworträtselfalle" (© DRA/Wolfram Zeuch)

Im neuen Film ist der Pensionär überrascht, als ihm sein Schwiegersohn mitteilt, wie sie im aktuellen Fall eines Mordes ermitteln, indem alle Personen befragen werden, deren Mobiltelefone zur möglichen Tatzeit in der Nähe des Tatorts registriert worden waren.

Andere Verweise auf die DDR kommen hinzu: Einige Zwischentitel, die im Film als Kapitelüberschriften fungieren, zitieren beispielsweise Folgen aus der DDR-Ära. In einer Nebenrolle ist Torsten Ranft zu sehen, der in einem der besten Filme der Reihe („Der Kreuzworträtselfall“ (1988)) einen Kindermörder spielt. Der zweite Kommissar, gespielt von Peter Kurth, benutzt beim Verhör noch ein altes analoges Diktiergerät, wie man es auch in der DDR verwendet haben könnte.

Wichtiger aber ist, dass der Film die Mordermittlung zum Anlass nimmt, ein spezifisches Milieu so zu erkunden, wie es einst der „Polizeiruf 110“ zu DDR-Zeiten regelmäßig unternommen hatte. Zu diesem für eine Großstadt typischen Milieu gehören eine Prostituierte, eine Lebedame, ein pensionierter Eisenbahner, ein Kleinganove und ein Kreis von Alkoholikern, der sich regelmäßig zum Trinken trifft. Der Alkoholismus in der DDR wurde gleich mehrfach in der Reihe thematisiert. In der Rolle suchtkranker Männer hatten Schauspieler wie Ulrich Thein („Der Teufel hat den Schnaps gemacht“, 1981) oder Ulrich Mühe („Flüssige Waffe“, 1988) brilliert. Hier sind es Tilla Kratochwil und Sebastian Weber als Ehepaar Berger sowie Harald Polzin als ihr Nachbar Hirschberger, die Alkoholiker spielen, die vom und für den Schnaps leben. Beim Versuch, Strom aus einer anderen Wohnung abzuklemmen, kommt es zu einem tödlichen Unfall. Aktionen, die diesen Unfalltod vertuschen sollen, hinterlassen Spuren, die sich mit denen des Mordes, den die beiden Kommissare zu ermitteln haben, überlagern. Was die Sache für diese nicht einfacher macht.


Das Milieu, nicht die Gesellschaft

Die Milieuzeichnung in „An der Saale hellem Strande“ ist von den knappen Dialogen bis in die Ausstattungsdetails präzise und zudem mit Witz und Sentimentalität gleichermaßen aufgeladen. Das ist nicht zuletzt die Leistung des Drehbuchautors Clemens Meyer, der aus Halle kommt und in seinen Romanen ähnliche soziale Situationen beschrieben hat. Meyer hat mit Thomas Stuber übrigens auch jenen „Tatort“ entwickelt, der unter dem Titel „Angriff auf Wache 08“ (2018) den Film „Assault – Anschlag bei Nacht“ von John Carpenter coverte.

Das Milieu, nicht die Gesellschaft: "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" (DRA/Johann Wioland)
Das Milieu, nicht die Gesellschaft: "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" (© DRA/Johann Wioland)

Dass die Milieuzeichnung im Film die klassische Mordermittlung überlagert, ähnelt dem Bauprinzip der alten DDR-Reihe. Denn in der sozialistischen DDR konnte ein Verbrechen ja nicht der Gesellschaft angelastet werden, sondern musste als individuelle Verfehlung schwacher Charaktere begründet werden. Für eine solche Begründung bedurfte es der genauen Darstellung der Biografien und Lebensverhältnisse.

Selbstverständlich wurden zu DDR-Zeiten die Fälle am Ende jeder Folge gelöst. Trotz aller Probleme sollte sich die Kriminalpolizei als eine verlässliche Institution erweisen. Darauf achteten schon die Zensoren im Ost-Berliner Innenministerium, die jeden Entwicklungsschritt Folge für Folge genau beobachteten und eingriffen, wenn eine Geschichte zu sehr dem Selbstbild der Polizei widersprach. Ein Vorteil dieser engen Zusammenarbeit bestand für die Regisseure darin, dass das Innenministerium die Produktion personell wie technisch unterstützte. Massenszenen waren so ebenso leicht möglich wie der Einsatz eines Polizeihubschraubers. Daran erinnert unter anderem die Dokumentation „Polizeiruf 110“ von Tom Kühne, in der auch Drehszenen der aktuellen Folge zu sehen sind.

Zum Glück verharrt „An der Saale hellem Strande“ nicht in seinen Bezügen zur Vorgeschichte der Reihe, sondern enthält einige Elemente, die auf künftige Folgen hinweisen. Der von Peter Kurth gespielte Kommissar Koitzsch ist nicht nur ein schwerer Trinker, sondern zudem auch der Freund eines Mannes, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Seine Vorgeschichte dürfte in den nächsten Folgen sicher noch eine größere Rolle spielen. Ebenso dürfte der Mörder dieses ersten Films auch in der Zukunft noch in Halle sein Unwesen treiben.

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