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Filmliteratur: „100 Facts about Babelsberg“

Freitag, 11.06.2021

Ein handlicher Reiseführer zum Filmstudio Babelsberg macht wichtige Ereignisse und Personen des Produktionsstandortes sichtbar

Diskussion

In diesem Jahr feiert das Filmmuseum Potsdam sein 40-jähriges Jubiläum; in heutiger Gestalt wurde die Institution 1981 in der Nähe des Studios Babelsberg eröffnet. Der neu erschienene Reiseführer „100 Facts about Babelsberg“ von Sebastian Stielke erinnert an die wechselhafte Geschichte der Filmproduktion in Potsdam und macht wichtige Ereignisse und Personen aus der mehr als hundertjährigen Geschichte des Produktionsstandortes anschaulich.


Gerne schmückt sich das 1911 gegründete Studio Babelsberg mit dem Titel des weltweit ersten Großateliers für Filmproduktionen. In einer leerstehenden Kunstblumenfabrik fand die Deutsche Bioscop günstige Bedingungen und Flächen für ein Glasatelier. Am 12. Februar 1912 starteten die Dreharbeiten zu Urban Gads „Der Totentanz“ mit der Dänin Asta Nielsen, dem neuen Star des sogenannten Kunstfilms. Das auch international für Aufsehen sorgende Unternehmen erkannte immer wieder die Zeichen der Zeit. So nahm serielles Erzählen, beileibe keine Erfindung des Fernsehens oder der Streamingdienste, bereits während des Ersten Weltkriegs ein wichtiges Segment in der aufstrebenden Kinematografie ein. Kameramann Guido Seeber, Produzent Erich Pommer und viele andere bedeutende Filmkünstler sorgten auch nach der Produktion von Der Student von Prag (1913) für herausragende Leistungen im deutschen Stummfilm, der weit über die expressionistische Färbung hinausreichte.

Der gebürtige Bochumer Sebastian Stielke, Schauspieler und Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam, legt mit 100 Facts about Babelsberg nun einen kompakten, informativen Band zum Medienstandort Potsdam-Babelsberg vor. In 100 Stichworten kommt die wechselvolle Historie des weltbekannten Filmstudios knapp und anschaulich illustriert zu Wort.

Konzeption, Design und Beschreibung erinnern an einen Reiseführer, nicht zuletzt, weil er zweisprachig (deutsch/englisch) vertrieben wird. Schon das erste Blättern macht Lust auf mehr, auf Nachfragen und weitere Informationen. Der Frage-/Antwort-Stil des Büchleins weckt geschickt das Publikumsinteresse. Der Autor versteht es, Fakten und Personen mit Querverweisen pointiert vorzustellen. Schöne, kleinformatige Fotos lockern das Schriftbild auf, das im Druck eine Spur größer hätte ausfallen dürfen. Die Beschränkung auf Wesentliches bietet natürlich keine filmwissenschaftliche Tiefe, liefert jedoch einen anregenden Appetithappen.


Alle wichtigen Stationen

Alle wichtigen Stationen der „deutschen Traumfabrik“ werden angesprochen: die Ufa-Gründung im Dezember 1917, die große Tradition des Kulissenbaus, Karl Freunds „entfesselte Kamera“, der konstante internationale Austausch, Alfred Hitchcocks Lehrjahre, die Neuerungen im Ton- und Farbfilm. Der Versuch der Nazis, die Vormachtstellung des deutschen Films trotz der Abkopplung vom Weltmarkt durch Gleichschaltung der Filmfirmen zu konservieren, darf nicht fehlen, ebenso wenig wie der rasche Neustart der Filmproduktion nach Kriegsende. Im Zeichen des Wiederaufbaus wurde in der sowjetischen Besatzungszone die engagierte Gruppe „Das Filmaktiv“ in die 1946 gegründete DEFA integriert, während in Westdeutschland 1956 die Etablierung der UFA erfolgte.

Das Buch schlägt den Bogen bis in die heutige Zeit, in der nach der Wiedervereinigung und verschiedenen Umstrukturierungen der ehemaligen Staatsbetriebe 2013 die neue Marke Studio Babelsberg entstand. Das riesige, etwa 90 Hektar große Gelände ist inzwischen eine (Medien-)Stadt für sich, ein ganzes Universum. Die legendenumrankte erste Adresse für Medienproduktionen und Filmgewerke aller Art, konzentriertes Fachpersonal sowie einen ungeheuren Fundus an Kostümen und Know-how hat allerdings mehrere Schrumpfprozesse hinter sich. Straßennamen erinnern an große Filmkünstler, von G.W. Pabst, F.W. Murnau, Fritz Lang, Marlene Dietrich bis Quentin Tarantino. Da erstrahlt in der Reminiszenz an eine deutsche Traumfabrik etwas vom Glanz Hollywoods, das der Schwabe Carl Laemmle nur kurze Zeit später, 1912, im San Fernando-Tal von Los Angeles auf einer Hühnerfarm aus der Taufe hob.


Gut verständlich und pointiert

Der Autor präsentiert filmhistorische Daten gut verständlich, erklärt den Unterschied zwischen Ufa und UFA, Rolle und Funktion der DEFA oder die Genese des heute diversifizierten, „modernen“ Medienstandorts Potsdam-Babelsberg, auch wenn ihm einige Schreibfehler unterlaufen sind, die den Lesefluss etwas trüben. Nach der Treuhand-Ära wurde die Hypothek des weitgehend heruntergewirtschafteten real-sozialistischen Mythos mühsam abgetragen und die glorreiche Tradition innovativ wiederbelebt. Wichtig ist auch der Hinweis, dass das Gelände des Filmstudios Babelsberg ein hochkomplexer Arbeitsplatz ist und keine Stätte für Besichtigungen. Dafür stehen der benachbarte Themenpark „Filmpark Babelsberg“ und das Filmmuseum mitten in Potsdam zur Verfügung. Das erste deutsche Filmmuseum, 1936 indirekt als „Ufa-Lehrschau“ gestartet, firmierte seit 1981 als „Filmmuseum der DDR“ und ist im Marstall des Potsdamer Stadtschlosses untergebracht. „100 Facts about Babelsberg“ ist nicht zuletzt auch eine schöne Würdigung dieses 40-jährigen Jubiläums.

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100 Facts about Babelsberg: Wiege des Films und moderne Medienstadt. Von Sebastian Stielke. Be.bra Verlag, Berlin 2021. 240 S., 412 Abb., 16 EUR. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder hier.

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