© imago images/CTK Photo (Libuše Šafránková im Jahr 1985)

Einmal Prinzessin – immer Prinzessin - Libuše Šafránková

Montag, 14.06.2021

Ein Nachruf auf die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková (7.6.1953 – 9.6.2021)

Diskussion

Mit der Titelrolle in der liebevoll-ironischen Märchenadaption „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielte sich die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková schon als 19-Jährige für ewig in die Filmgeschichte ein, was sie zur verehrten Aktrice, aber ein wenig auch zur Gefangenen der Prinzessinnenrolle machte, die sie fortan kaum mehr loswurde. Im Alter von 68 Jahren ist sie am 9. Juni in Prag gestorben.



„Dieser Film gehört zu meinem Leben. Aber Aschenbrödel ist nicht mein Leben.“ Mit diesem Satz ging die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková auf freundlichen Abstand zu ihrem erfolgreichsten Kinoauftritt. Als 19-Jährige war sie von Regisseur Václav Vorlíček für die Titelrolle in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ausgewählt worden. Diese Adaption eines Kunstmärchens von Božena Němcová, eine Co-Produktion zwischen dem Prager Filmstudio Barrandov und der DEFA, avancierte schnell zum Kultobjekt und blieb es für mehrere Generationen von Zuschauern bis heute. Kein anderer Märchenfilm wird in der Weihnachtszeit im deutschen Fernsehen häufiger ausgestrahlt. Eine Ausstellung im sächsischen Schloss Moritzburg, wo 1972/73 ein Teil der Dreharbeiten stattfand, läuft seit Jahren mit nicht nachlassendem Erfolg.

Eine selbstbewusste Prinzession: Libuše Šafránková in "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (MDR/DRA)
Eine selbstbewusste Prinzessin: Libuše Šafránková in "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (© MDR/DRA)

Das dort gezeigte Kleid, das Libuše Šafránková als Prinzessin trug, ein Traum aus Rosa und Blau, besetzt mit Brokat, wurde sogar Opfer eines Diebstahls. Doch weil sich das gute Stück nahezu unverkäuflich erwies, brachten es die Räuber klammheimlich wieder zurück. Das Gesicht von Libuše Šafránková ziert Tassen, Teller und zahlreiche weitere Devotionalien, die im Moritzburger Museumsshop zu kaufen sind. Es ist, als würden die Fans niemals müde, „ihren“ Märchenfilm und „ihre“ Märchenprinzessin zu feiern. Umso größer war die Bestürzung, als am 9. Juni der Tod der Darstellerin gemeldet wurde.


Eine moderne, selbstbewusste Frau

Libuše Šafránková, geboren am 7. Juni 1953 in Brno, hatte an der dramaturgischen Abteilung des Konservatoriums in ihrer Heimatstadt studiert und mit 18 Jahren ihre erste Filmrolle übernommen. Für die Titelfigur in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war sie zunächst nicht vorgesehen; Vorlíček wollte die Rolle vielmehr mit der fünf Jahre älteren Jana Preissová besetzen. Doch die war schwanger und stand für langwierige und anstrengende Dreharbeiten nicht zur Verfügung. So entschied sich der Regisseur nach einem Casting von rund 30 Kandidatinnen für Libuše Šafránková. Es mag sein, dass dabei die vorhandenen Reitkünste der jungen Schauspielerin den Ausschlag gaben; tatsächlich musste sie bis auf eine einzige Szene, den Sprung auf dem Pferd über einen Baumstamm, nicht gedoubelt werden.

Vorlíček und seine Aktrice legten das Aschenbrödel keineswegs als liebliches Märchenwesen aus ferner Vergangenheit, sondern als moderne, selbstbewusste junge Frau an. Dieses Mädchen weiß sich zu behaupten, und das nicht nur gegenüber der bösen Stiefmutter oder den beiden nichtsnutzigen Halbschwestern, sondern auch gegenüber dem Prinzen, den sie nicht sogleich anhimmelt, sondern ihn erst einmal prüft, bevor sie sich an ihn bindet. Dieses Aschenbrödel gefiel auch dem von Rolf Hoppe gespielten Filmkönig ausnehmend gut, der seinen Filmsohn nur dazu ermuntern konnte, sich das Mädchen aus dem Volk – jenseits aller Klassenunterschiede – zur Frau zu nehmen.

Libuše Šafránková wirkt freundlich und bescheiden, klug und zuvorkommend, gut zu Menschen und Tieren, ohne Arg, offen für die Schönheiten der Welt und der Liebe. Sie strahlte eine Erotik der Unschuld aus. Und konnte außerdem noch mit der Armbrust umgehen.


Segen und Fluch einer prägenden Rolle

Doch das Aschenbrödel erwies sich für die Darstellerin nicht nur als Segen, sondern ein wenig auch als Fluch. Einmal Prinzessin – immer Prinzessin, etwa in Folgefilmen wie „Die kleine Seejungfrau“ (1976), „Prinz und Abendstern“ (1978), „Der dritte Prinz“ (1982) oder „Der Salzprinz“ (1983). Die Liste ihrer Kinomärchen reicht bis „Elixir a Helibela“ (2001), in dem sie eine charmante Hexenmutter spielte. Dass sie in insgesamt 90 anderen Filmen und Fernseharbeiten zu sehen war, bald in Mütter-, dann auch in Großmütterrollen, ging zumindest in Deutschland weitgehend unter. In viele diese Rollen brachte sie eine sanfte Bodenständigkeit ein, ganz gleich ob als Land- oder Stadtfrau. Der Regisseur Jiří Menzel, der sie bereits 1985 in seiner Komödie „Heimat, süße Heimat“ besetzt hatte, wagte es sechs Jahre später sogar, sie in der „Prager Bettleroper“ mit der Rolle der Hure Jenny zu betrauen. Auch in tschechischen Erfolgsfilmen der 1990er-Jahre, so in Jan Svěráks „Die Volksschule“ (1991) oder dem Melodram „Kolya“ (1996), ebenfalls von Jan Svěrák, war sie dabei.

in "Kolya" (imago/Everett Collection)
Libuše Šafránková (l.), Zdenek Sverák (M.) in "Kolya" (© imago/Everett Collection)

Von den Theaterbühnen hatte sich Libuše Šafránková da schon weitgehend zurückgezogen. Seit Anfang der 2000er-Jahre machte sie sich auch mit anderen öffentlichen Auftritten rar. Auf Galas war sie selten zu sehen; Autogramme gab sie so gut wie keine mehr. Ein Grund mögen verleumderische Artikel in der Boulevardpresse gewesen sein. So hatte ein Prager Magazin behauptet, sie sei Alkoholikerin und tyrannisiere ihren Mann, den Schauspieler Josef Abrhám, mit dem sie seit 1976 verheiratet war. Die Šafránková klagte, gewann den Prozess, und der Herausgeber des Blattes wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2008 gehörte die Schauspielerin zum Ensemble der Fernsehserie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt – Die neue Generation“, 2017 war sie in einer Fernsehkomödie mit dem Titel „Zuhause mit Donald Trump“ zu erleben.

Zu dieser Zeit litt sie bereits an Lungenkrebs. Ihre Erkrankung war bekannt geworden, als ihre Schwester, die Schauspielerin Miroslava Šafránková, sie bei der Verleihung der tschechischen Verdienstmedaille vertreten musste. Nur kurze Zeit nach einer erneuten Krebsoperation ist Libuše Šafránková, nur zwei Tage nach ihrem 68. Geburtstag, in Prag verstorben.

Kommentar verfassen

Kommentieren