© IMAGO / Everett Collection (Jane Russell in „Die Spielhölle von Las Vegas“)

Die Abgeklärte - Janes Russell

Sonntag, 20.06.2021

Eine Hommage an die Schauspielerin Jane Russell zum 100. Geburtstag

Diskussion

Sie war in den 1940ern das perfekte Pin-up und läutete die Ära von Hollywoods „Busenwundern“ ein; ihre erotische Ausstrahlung war indes nie nur körperlichen Attributen geschuldet, sondern hing auch mit der entspannt-selbstbewussten Aura der Darstellerin zusammen, die u.a. in „Blondinen bevorzugt“ an der Seite von Marilyn Monroe Filmgeschichte schrieb. Am 21. Juni jährt sich der Geburtstag von Jane Russell zum 100. Mal. Eine Hommage.


Zu den schönsten Erinnerungen in meinem Berufsleben gehört eine Pressekonferenz während der „Berlinale“ im Februar 1991. Jane Russell, damals 69 Jahre alt, gab bereitwillig Auskunft über ihr Leben, ihr Image und ihre Filme. Die „Berlinale“ 1991 – da liefen im Wettbewerb immerhin Filme wie „Der mit dem Wolf tanzt“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Der Pate III“. Doch Jane Russell, der eine elfteilige Hommage gewidmet war, überstrahlte sie alle – mit ihrer Schönheit, ihrer Natürlichkeit, ihrer Weisheit, ihrem Humor. Nie habe sie verstehen können, warum sie in den 1950er Jahren als Sex-Symbol gegolten habe. Amüsiert berichtete sie darüber, wie Howard Hughes sie gezielt als „Busenwunder“ aufgebaut habe. Jedenfalls habe sie nie die ganze Aufregung um ihre Person und ihre Figur verstanden, und diese selbstbewusste Abgeklärtheit, diese ironische Distanz zum eigenen Image, die sich durch die Pressekonferenz zog, war schlicht bewundernswert. „In a world of sham and deceit she is as natural and wholesome as she is beautiful. I am proud to call her my friend”, schrieb Robert Mitchum im Grußwort zur Hommage.


Filmmogul Howard Hughes heizt die Aufmerksamkeit für seinen Star an

Howard Hughes hatte sich nicht lumpen lassen. Er war auf der Suche nach einer Hauptdarstellerin für seinen Film „Geächtet“, als ihm ein Foto von Jane Russell, damals Sprechstundenhilfe in einer Fußpflege und nebenbei Modell, zugesandt wurde. Er designte einen BH (den Russell dann nicht getragen hat) und initiierte eine Werbekampagne, die Russell in den folgenden Jahren auf zahlreiche Titelblätter wichtiger Magazine, von „Life“ bis „Photoplay“, brachte.

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Der Film, 1940 von Regisseur Howard Hawks begonnen, aber von Howard Hughes 1941 fertiggestellt, kam erst 1946 in die Kinos, angeblich wegen Unstimmigkeiten mit dem für Zensur zuständigen Hays-Office, wahrscheinlich aber, weil Hughes die Aufmerksamkeit für seinen Star anheizen wollte – damit, Russells „Oberweite ins rechte Licht zu rücken“, wie die „taz“ 1996 zu ihrem 75. Geburtstag anmerkte: Um die potenziellen Zuschauer im Vorfeld in Atem zu halten, ließ er eine berühmte Pin-up-Pose veröffentlichen; da liegt die Russell rücklings im Heu, den Kopf auf die rechte Hand gelegt, in der linken einen Strohhalm haltend, auf dem sie verführerisch herumkaut, während die Lippen glänzen und die tiefdekolletierte Bluse den Blick auf ihren Busen lenkt. Spöttisch guckt sie und sehr frech – eine Frau, die weiß, was sie will.

Jane Russell in ihrem Debüt „Geächtet“ mit Jack Buetel als Billy the Kid (© IMAGO / Prod. DB)
Jane Russell in ihrem Debüt „Geächtet“ mit Jack Buetel als Billy the Kid (© IMAGO / Prod. DB)


„Mean, moody and magnificent“

Als Hughes den Film endlich in die Kinos brachte, ließ er riesengroße Plakate drucken, Jane Russell mit einer Pistole in der Hand, darüber der Schriftzug „Mean, moody and magnificent“. Oder auch: „Tall, terrific and trouble“.

Russell wurde zur größten Sexbombe von Hollywood – nie war ein Busen so „raffiniert vermarktet worden“, wie der „Stern“ 2001 süffisant befand. „Die Akzentverschiebung von den Beinen zum Busen nimmt den Kult der 1950er vorweg: mammary madness“ nennt Frank Arnold in einem Essay dieses Phänomen. Die erotische Ausstrahlung der Filmdiven ändert sich damals, parallel zum sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnis zur Sexualität (1955 erschien der erste Kinsey-Report); sie wird spielerischer, ungefährlicher – im Gegensatz zu den noch aus den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts hervor gegangenen „Femmes fatales“, bei denen Erotik immer mit Bedrohlichkeit und einem moralischen Stigma gekoppelt war. Jane Russells entspannte, warmherzige Erotik nahm das vorweg.

Geächtet“ selbst rechtfertigt diese Aufmerksamkeit für Russells körperliche Attribute gar nicht so sehr. Russells Figur Rio ist zwar das weibliche Objekt der Begierde, doch die Hauptfiguren sind Männer, nämlich Billy the Kid, Doc Holliday und Pat Garrett, die sich vor allem um sich selber kümmern, mal miteinander, mal gegeneinander. Frauen bringen nur Unruhe in solche Beziehungsdreiecke. Einmal versucht Rio, den schlafenden Billy zu erschießen, weil der ihren Bruder getötet hat. Doch Billy überwältigt und vergewaltigt sie. Später wird sie ihn über Tage hinweg gesund pflegen, weil er von Pat Garrett verwundet wurde. „Sämtliche traditionellen Aspekte von Weiblichkeit vereint die Figur Rios in sich – Schwester und Hexe, Tochter und Geliebte, Mutter und Hure, Abenteuerin und Heimchen, Freundin und Klotz am Bein des Mannes – und gerade deshalb bleibt sie bloß irgendeine Frau in einer Männergeschichte,“ schreibt Daniela Sannwald.

„Blondinen bevorzugt“ zeigt Jane Russell selbstironisch als Sängerin, die sich ihrer Wirkung aufs männliche Geschlecht stets bewusst ist (© IMAGO / Mary Evans)
„Blondinen bevorzugt“ zeigt Jane Russell selbstironisch als Sängerin, die sich ihrer Wirkung aufs männliche Geschlecht stets bewusst ist (© IMAGO / Mary Evans)


Starke, souveräne Frauen, die sich zu wehren wissen

„Ich begreife nicht, warum ich nach ,Geächtet’ überhaupt noch einen weiteren Film gemacht habe, denn als ich ihn sah, fand ich ihn so schrecklich, dass ich, wäre ich ein Produzent, mir nie eine Rolle gegeben hätte. Niemals,“ gesteht Jane Russell im Gespräch mit dem Filmwissenschaftler John Kobal. Doch ihre Karriere geht weiter. 1948 bekommt sie es als Calamity Jane in „Sein Engel mit den zwei Pistolen“ an der Seite von Bob Hope mit Gangstern und Indianern zu tun, in Allan Dwans „Die Schönste von Montana“ verkörpert sie als Belle Star eine weitere historische Frauenfigur des Wilden Westens. Es sind starke, souveräne Frauen, die sich zu wehren wissen und den Männern Paroli bieten.

Ihr vielleicht schönster Film ist Howard Hawks’ „Blondinen bevorzugt“ (1953) an der Seite von Marilyn Monroe – zwei „Little Girls from Little Rock“, wie sie in einem Song zu Beginn singen, die in einer männlich dominierten Welt ihre Karten richtig ausspielen müssen, um das zu bekommen, was sie wollen. Während es der einen an Geld fehlt („Diamonds are a Girl’s Best Friend“), fehlt es der anderen an Männern. „Anyone Here for Love?“ fragt Jane Russell singend, an einem Pool sitzend, während sie von einem guten Dutzend halbnackter Athleten in fleischfarbenen Shorts umturnt wird. Doch die Kerle haben kein Interesse und keine Zeit, weder für die Liebe noch den Sex, der hier ja immer mitgemeint ist: Sie müssen als gute Sportler um 21 Uhr im Bett sein.

Monroe (als Lorelei Lee) und Russell (als Dorothy) nehmen ihr Image als die Sexsymbole der 1950er-Jahre hier ordentlich auf die Schippe; Drehbuchautor Charles Lederer liefert ihnen dazu mit einem Plot, in dem zwei Frauen gewitzt mit männlichem Begehren und männlichen Erwartungen spielen, eine Steilvorlage. Besonders Russell beweist ein herrliches Gespür für Sarkasmus, während sie gleichzeitig ein guter, fürsorglicher Kumpel für die jüngere, unerfahrenere Lorelei ist. Ihre erotische Ausstrahlung changiert zwischen fürsorglich und fordernd, also ein wenig unentschlossen. Trotzdem ist sie den Männern überlegen – schon weil die, untypisch für Hawks, so schwach und ängstlich sind.

An der Seite einer starken Frau kann auch ein feiger Zahnarzt zum Westernhelden werden: Jane Russell und Bob Hope in „Sein Engel mit den zwei Pistolen“ (© IMAGO / United Archives)
An der Seite einer starken Frau kann auch ein feiger Zahnarzt zum Westernhelden werden: Jane Russell und Bob Hope in „Sein Engel mit den zwei Pistolen“ (© IMAGO / United Archives)


Kuscheln mit Clark Gable

Ein anderer Lieblingsfilm mit Jane Russell ist „Drei Rivalen“ (1955) von Raoul Walsh, einer der großen Western der 1950er-Jahre. Clark Gable ist darin als einer von zwei Brüdern zu sehen, die nach dem Bürgerkrieg für einen Rancher eine Rinderherde von Texas nach Montana treiben. Unterwegs lesen sie die schöne Nella alias Jane Russell auf, und damit beginnt ein wechselvolles Spiel aus Liebe und Eifersucht, Vertrauen und Misstrauen, aber auch unterschiedlichen Lebensentwürfen und Plänen. Zu den schönen Szenen des Films gehört jene, in der Clark Gable und Jane Russell für mehrere Tage in einer Holzhütte Schutz vor einem Schneesturm suchen. Sie kuscheln zwar gemeinsam unter der Decke, doch schnell kommt Dissens auf. Während Gable von einer kleinen Ranch irgendwo in Texas träumt, ist Russell ehrgeiziger. Sie will ein aufregendes Leben mit Abendkleidern und Champagner. Gables Träume sind ihr einfach zu klein, darum kommt es schnell zum Bruch. Doch weil sie einmal ihre Faszination für „Tall Men“, die großen Männer des Originaltitels, besingt, ahnt man, dass sie spätestens am Schluss wieder zusammenfinden werden.

Jane Russell ist hier oftmals unter unförmigen, dunklen Jacken versteckt, in der Eröffnungsszene sieht sie aus „wie ein schlammfarbener, formloser Stoffballen“ schreibt Annette Kilzer, und weiter: „Ihre Schönheit ist gepaart mit einer Sprödigkeit, die sich weder ignorieren noch glatt bügeln lässt. (…) Sie ist von einer erotischen Aura umgeben, die im Bild so evident scheint und die sich mit Worten immer nur unzulänglich erfassen lässt.“


Unwiderstehliche Chemie: Jane Russell & Robert Mitchum

In „Ein Satansweib“ (1951) und „Macao“ (1952) ist Jane Russell an der Seite von Robert Mitchum zu sehen. Der große Lakoniker und die erfahrene, abgeklärte Frau – das war für die Klatschkolumnistin Louella Parsons „the hottest combination that ever hit the screen“. Mitchum verkörpert einen Spieler namens Dan Milner, der 50.000 Dollar bekommen soll, wenn er nach Mexiko fliegt – ohne Fragen zu stellen. Was er nicht ahnt: Er soll ermordet werden, damit der Boss einer Falschspielerbande unter seinem Namen (und mit seinem Gesicht) wieder in die USA einreisen kann. Als er zwischendurch in einem mexikanischen Provinznest in einem Café sitzt, lockt ihn der Gesang einer Frau: „Five Little Miles from San Berdoo“. Er geht zum Nebenraum, betrachtet die Frau, die seinen Blick freundlich erwidert. Ein Blick auf Augenhöhe: „Der Spieler auf der Suche nach dem Glück und der Tramp auf der Suche nach einem reichen Mann, zwei, die in derselben Liga antreten“, so Robert Müller.

In derselben Liga: Robert Mitchum und Jane Russell in „Ein Satansweib“ (© IMAGO / Prod. DB)
In derselben Liga: Robert Mitchum und Jane Russell in „Ein Satansweib“ (© IMAGO / Prod. DB)

Ihre Annäherung dauert lange, erst einmal bekämpfen sie sich mit witzigen Dialogen und knackigen One-Linern. Dies ist keine Welt, in der man sich dem anderen schnell anvertraut. Natürlich ist dies ein Film noir, sogar einer der dunkelsten überhaupt, gedreht wurde hauptsächlich nachts. Doch Jane Russell ist keine skrupellose Femme fatale, die die Männer vernichtet. Sie ist die pragmatische Komplizin, in die sich Mitchum – hat er erst mal seine Scheu vor den Gefühlen abgelegt – verlieben darf.

Macao“ hingegen, von Josef von Sternberg inszeniert, ist Abenteuer, Romanze und Intrige vor dem Hintergrund einer exotischen und mysteriösen Stadt des Fernen Ostens. Mitchum spielt einen Ex-GI auf der Flucht, der einem Detektiv dabei hilft, einen Gangster zu fassen. Jane Russell ist eine zynische, nicht auf den Mund gefallene Sängerin, die im Nachtclub des Gangsters auftreten soll. Berühmt ist jene Szene, in der sie – in ein langes, hautenges glitzerndes Kleid gehüllt – mit Stand- und Spielbein an einem Klavier lehnt: Die Blicke aller Männer im Raum sind ihr gewiss, ihr Körper weckt Sehnsucht und Begehren. Doch sie ist eine unabhängige Frau, die die Männer gar nicht braucht. Und weil Robert Mitchum vielleicht nicht der ist, der er zu sein scheint, sich also Misstrauen zwischen Mann und Frau schiebt, dauert auch hier die Annäherung geraume Zeit.

Demonstrative Unabhängigkeit in „Macao“ (© IMAGO / Everett Collection)
Demonstrative Unabhängigkeit in „Macao“ (© IMAGO / Everett Collection)


Unvergessen

In „Feuer im Blut“ (1956) spielt sie unter der Regie von Nicholas Ray eine temperamentvolle Zigeunerin, in „Bungalow der Frauen“ (1956, Regie: Raoul Walsh) ist sie eine Tänzerin, die auf Honolulu von einem reichen Autoren ins bürgerliche Leben zurückgezerrt wird, in „Traum in Pink“ (1957) von Norman Taurog spielt sie eine Filmdiva, die sich in ihren Entführer verliebt. Die fünf Filme zwischen 1964 und 1970 sind schon gar nicht mehr so bedeutsam. 1971 ersetzte sie Elaine Stritch als Star des Broadway-Musicals „Company“. Mitte der 1970er-Jahre machte sie im Fernsehen noch Werbung für BHs. 1985 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „My Path and Detours“, in der sie auch ihre religiöse und sozial engagierte Seite betonte. Jane Russell starb mit 89 Jahren am 28.2.2011 im kalifornischen Santa Monica. Die Pressekonferenz mit ihr werde ich nie vergessen.

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