© Carole Bethuel (Szenenbild aus "Titane")

Hauptsache Leinwand! Zum Abschluss von Cannes 2021

Sonntag, 18.07.2021

Am 17.6. ging das 74. Festival de Cannes zu Ende. Die Verleihung der "Palmen" ehrte gezielt die künstlerisch herausragendsten Beiträge in einem Jahrgang, der sich mitunter allzu forciert als PR fürs Kino verstand.

Diskussion

Das Festival von Cannes inszenierte die große Rückkehr des Kinos nach der Pandemie, die Filme selbst konnten da manchmal schon eher wie Beiwerk wirken. Umso besser, dass die Jury um Spike Lee gekonnt die richtigen Entscheidungen getroffen und dem Festival nachträglich eine eigene Handschrift verliehen hat.


“Das Kino ist zurück!” Wenn das diesjährige Festival von Cannes eine Botschaft hatte, dann war es diese. Auch weil die Zuschauerbeschränkungen für Kinos in Frankreich Ende Juni wegfielen, füllte man ohne mit der Wimper zu zucken die Säle, um den angereisten Vertreter:innen von Presse und Filmbranche ein volleres Programm zu bieten als je zuvor. Kaum eine Filmankündigung, kaum eine Danksagung nach Abspann kam ohne ein Statement der Erleichterung aus: „It feels good to be back“.

Der PR manchmal näher als der Cinephilie

So nachvollziehbar diese Erleichterung auch ist: Der Gestus, mit dem das Kino in diesem Jahr an der Croisette zelebriert wurde, ließ nicht nur Demut gegenüber einer noch immer nicht beendeten Pandemie vermissen, er war auch der PR manchmal näher als der Cinephilie. Regelrecht zwanghaft beschwor Leiter Thierry Fremaux das Comeback von Cannes, als wären die Filme selbst bloßes Beiwerk, das Stattfinden des Festivals das eigentliche Ereignis. Und weil man auf manche Filme –Paul Verhoevens “Benedetta” etwa, oder Wes Andersons “The French Dispatch” – schon so lange gewartet hatte, fühlten sich die entsprechenden Premieren mitunter tatsächlich an wie das pflichtschuldige Einlösen eines vor langer Zeit gemachten Versprechens. In diesen Fällen zumindest taten die hohen Erwartungen nach einem Jahr Pause den Filmen nicht gut.


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Der Wettbewerb in Cannes steht ohnehin im Verruf, bestimmten (ja, vorwiegend männlichen) Filmemachern ein Abonnement zu gewähren, und vor dem Hintergrund der Kinofeierei wirkte das Programm der offiziellen Auswahl in diesem Jahr nochmals stärker wie ein Who-is-Who der aktuellen Kinolandschaft, weniger wie eine sorgsam kuratierte Auswahl, die in eine Zukunft verweisen könnte. Die neu geschaffene Sektion „Cannes Premières“ etwa schien vorwiegend dafür da zu sein, noch ein paar mehr bekannte Namen an die Croisette zu holen, als ohnehin schon im Wettbewerb vertreten waren.

Bei den Preisen triumphierte die Qualität

Bei der Preisverleihung am Samstagabend ging es dann zum Glück um die Qualität in der Quantität: Anderson und Verhoeven wurden ebenso links liegen gelassen wie François Ozon und Nanni Morettimit ihrem eher konventionellen Erzählkino. Dafür gab es Preise für die zwar auch stark diskursiven, in der Anlage aber viel komplexeren Filme von Ryusuke Hamaguchi (“Drive My Car”, bestes Drehbuch) und Asghar Farhadi (“A Hero”, Großer Preis der Jury).


Glamour, der bei der Preisverleihung leer ausging: Tilda Swinton in "The French Dispatch" (© The Walt Disney Company)
Glamour, der bei der Preisverleihung leer ausging: Tilda Swinton in "The French Dispatch" (© The Walt Disney Company)

Die größte Überraschung aber war sicherlich, dass die „Goldene Palme“ tatsächlich an den herausragenden Film des Festivals ging. Schließlich war es alles andere als wahrscheinlich, dass sich die vielköpfige Jury um Spike Lee auf einen Horrorfilm würde einigen können, in dem die Protagonistin Sex mit einem Auto hat und allen, die ihr zu nah kommt, ihre Haarnadel ins Ohr rammt. Julia Ducournaus “Titane” ist ein Monstrum von einem Film, das den Body Horror konsequent queer denkt, dabei das Harte und das Zärtliche so verbindet, dass man zu gleichen Teilen geschockt und gerührt ist. Es ist ein Film, der nicht nur wegen seiner visuellen Wucht aus dem Wettbewerb heraussticht, sondern auch deutlich überzeugender als die Cannes-PR-Maschine fürs Kino wirbt. Für ein Kino, das zeigt und nicht erklärt, das sich die eigenen Vorbilder eher aneignet als bloß zitiert, und bei dem das Politische nicht in Argumenten, sondern im Erschaffen neuer Bilder und Affekte besteht.

Hatte Ducournau mit ihrem Debütfilm “Raw” bereits eine Fährte in diese Richtung gelegt, wich Juho Kuosmanen, der 2016 mit dem Boxerfilm “The Happiest Day in the Life of Olli Mäki” den Jury-Preis der Sektion “Un Certain Regard” gewonnen hatte, mit seinem zweiten Film stärker von der Richtung seines Debütfilms ab. In “Compartment No. 6”, der gemeinsam mit Farhadis “A Hero” mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, muss sich eine finnische Studentin auf dem Weg in die russische Arktis das Zugabteil mit einem zunächst ziemlich unflätigen russischen Minenarbeiter teilen. Kuosmanen gelingt es, die Annäherung zwischen den beiden völlig ohne Klischees und Abkürzungen zu erzählen, die Hindernisse der Unterschiede dabei immer ebenso im Blick behaltend wie die Möglichkeit des Gemeinsamen.

Wenn Tilda Swinton als Orchideenforscherin durch Medellín schwebt

Auch der Preis der Jury wurde an gleich zwei Filme verteilt, und die könnten unterschiedlicher kaum sein. Nadav LapidsAhed’s Knee” ist einer von vielen Filmen aus der Cannes-Auswahl, die sich mit dem Filmemachen selbst auseinandersetzen, eine wütende Abrechnung mit der staatlichen Kulturmaschinerie in Israel, die Kunst nur dann unterstützt, wenn sie über die richtigen Dinge spricht und schweigt. Apichatpong WeerasethakulsMemoria” dagegen ist ein Film im Halbschlaf, ein so klares wie zugleich geheimnisvolles Stück Kino, in dem Tilda Swinton als Orchideenforscherin durch Medellín schwebt, einem Geräusch auf der Spur, das wohl nur in ihrem Kopf stattfindet, aber auf Größeres hindeutet.


"Ahed's Knee" (© Grandfilm)
"Ahed's Knee" (© Grandfilm)

Filme wie “Memoria” waren in Cannes eine Rarität. Das eher selbstbezügliche Meta-Kino, für dessen bessere und politischere Form Lapids Film steht, schien dagegen äußerst dominant. Häufig standen Künstlerfiguren im Zentrum: Im Eröffnungsmusical “Annette” etwa spielt Adam Driver wohl auch ein Alter Ego des Regisseurs Leo Carax, der für den Film den Preis für die beste Regie gewann. Und in Joachim TriersThe Worst Person in theWorld” geht es zwar eigentlich um das Leben und die Liebschaften einer jungen Frau – für deren Darstellung Renate Reinsve eine Palme gewann –, die Sympathien des Films scheinen aber zunehmend bei einem Comic-Zeichner in der Midlife-Crisis zu liegen, der sich irgendwann wegen seiner politisch unkorrekten Kunst im Fernsehen verantworten muss.

Eine Ethik der Transparenz, der Kollaboration, des Teilens

Bergman Island”, der bei der Preisverleihung leider nicht bedacht wurde, macht die männliche Künstlerpose sogar selbst zum Thema. Mia Hansen-Løve schickt hier ein Regie-Ehepaar (die eigene Beziehung zu Olivier Assayas schrieb hier wohl am Drehbuch mit) zum Schreiburlaub nach Farø, jener Insel, auf der Ingmar Bergman den größten Teil seines Lebens verbrachte. Während der erfolgreichere Tony dort nicht nur die “Bergman Safari” macht, sondern auch erfolgreich an seinem Projekt weiterarbeitet, von dem er nichts erzählen will, ringt Chris mit ihrer Filmidee, deren Inhalt schließlich zum Film-im-Film wird. Bei Hansen-Løve, wie auch bei Joanna Hogg, deren zweiter Teil von “The Souvenir” in der Quinzaine des Réalisateurs zu sehen war, schimmert eine Ethik des Filmemachens durch, die dem Ideal des autonomen Kunstschaffens durch einen großen Auteur entgegensteht: eine Ethik der Transparenz, der Kollaboration, des Teilens. Und das Plädoyer für ein Filmemachen, das sich in der Welt verortet und sich nicht nur im Eigenen suhlt.


"Bergman's Island" (© Mia Hansen-Løve)
"Bergman's Island" (© Mia Hansen-Løve)

So waren es wie häufig eher solche einzelne Entdeckungen als die gesamte Bandbreite des Festivals, was überzeugen konnte. Und es ist ja nicht die schlechteste Nachricht, dass Cannes 2021 tatsächlich nicht die große und triumphale Rückkehr des Kinos war, als die sich das Festival inszenierte, sondern sich eher wie „business as usual“ anfühlte. Die Pandemie mag an den Verhältnissen, in denen sich die Filmindustrie wird behaupten müssen, einiges verändert haben, die Filme selbst hat sie (mal abgesehen von Miguel Gomes’ und Maureen Fazendeiros schöner Filmemachen-im-Lockdown-Spielerei “The Tsugua Diaries”) eher kalt gelassen. Ästhetisch stehen wir in etwa da, wo wir vor zwei Jahren standen, und Schneisen durchs Dickicht des insgesamt etwas beliebig anmutenden Programms musste man schon selbst schlagen.

Umso erfreulicher, dass der Jury um Spike Lee mit ihren Entscheidungen zum Abschluss des Festivals genau dies gelang. Konsequent zeichneten sie jene Werke aus, die das Kino nicht als fertige Kunstform denken, sondern als Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Werke, die noch im Moment der feierlichen Rückkehr des Kinos dieses Kino schon weiterdenken.


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