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In memoriam Pilar Bardem

Montag, 26.07.2021

Zum Tod der spanischen Schauspielerin und Aktivistin (14.03.1939-17.07.2021)

Diskussion

Die spanische Schauspielerin Pilar Bardem gehörte zu einer berühmten Familie von Filmschaffenden und nahm darin den Part der Matriarchin ein. Das prägte auch viele ihrer Filmrollen in einer fünfzigjährigen Karriere. Zugleich war sie in Spanien auch als engagierte Aktivistin in gesellschaftlichen Streitfragen bekannt. Ein Nachruf.


Die Schauspielkunst war ihr in die Wiege gelegt: Pilar Bardem wurde am 14. März 1939 in Sevilla geboren, wo ihre Eltern im Rahmen einer Theatertournee einige Monate verbrachten, in eine Familie, die ganz eng mit dem spanischen Theater und Film verbunden war. Ihr siebzehn Jahre älterer Bruder, der Filmregisseur Juan Antonio Bardem wurde mit seinen sozialkritischen Dramen Calle mayor („Hauptstraße“) oder Muerte de un ciclista („Der Tod eines Radfahrers“) weltweit bekannt, und er besetzte seine kleine Schwester in mehreren seiner Filme, etwa El puente („Ein langes Wochenende“, 1977) oder der Fernsehserie Lorca: Muerte de un poeta („Federico Garcia Lorca – Der Tod eines Dichters“, 1987). Auch ihre drei Kinder wurden Schauspieler: Carlos, Monica und Javier. Der jüngste, Javier Bardem, wurde zum Weltstar und seine Mutter ging mit dem Etikett Bardem offensiv humorvoll um; sie sei mehr als die Nachlassverwalterin ihres Bruders und die Mutter ihres Sohnes, erklärte sie einmal. In spanischen Medien galt sie bald als Oberhaupt des Bardem-Clans und wurde als „La matriarca“ (die Matriarchin) bezeichnet.

Ihr Filmdebüt gab sie 1965 unter der Regie ihres Schauspielkollegen Fernando Fernán Gómez in dessen von der spanischen Zensur verbotenem neorealistischem Drama El mundo sigue („Die Welt geht weiter“), ihr letzter Film, die schrille Komödie „El rey gitano“ („Der Romakönig“) des baskischen Regisseurs Juanma Bajo Ulloa kam 2015 in die spanischen Kinos. Im dem halben Jahrhundert dazwischen spielte sie in 80 Kinofilmen und 50 Fernsehproduktionen: Neben- und Hauptrollen, oft Frauenfiguren, die die gesellschaftlichen Missstände erleiden oder bekämpfen. Etwa als Doña Julia, einer Mutter Courage im Kampf gegen die Drogenmafia in „Nadie hablará de nosotras cuando hayamos muerto“ („Keiner wird von uns sprechen, bevor wir tot sind“), von Agustín Díaz Yanes, einem Part für den sie 1995 mit dem „Goya“, dem wichtigsten spanischen Filmpreis, für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde.


Immer wieder spielte sie Frauen mit Macht

1992 spielt sie in Julio Medems origineller baskischer Familiensaga Vacas („Kühe“) die Clanchefin Paulina, zwischen Kriegen, Bürgerkriegen und sozialen Umbrüchen im Baskenland. 1997 in Carne Trémula („Live Flesh – Mit Haut und Haar“) von Pedro Almodóvar als Doña Centro de Mesa eine Zuhälterin. Auch in „Pantaleón y las visitadoras“ („Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“, 1999) des peruanischen Regisseurs Francisco J. Lombardi, spielt sie die Bordellchefin auf einem Schiff im Dschungel des Amazonas, ebenso in Airbag („Airbag – Jetzt knallt‘s richtig“, 1996) von Juanma Bajo Ulloa. Aber auch als Nonne war sie erfolgreich: 1972 in „La novicia rebelde“ („Die rebellische Novizin“) von Luis Lucia, dann in Alatriste von Agustín Díaz Yanes (2006), und im Fernsehen 1998 als Äbtissin in der Serie „Hermanas“ („Schwestern“). In anderen Rollen war sie Mutter und Ehefrau, die versucht, ihre Familie in Bürgerkrieg und Diktatur durchzubringen, so 2005-2007 als Elpidia Grande in der Fernsehserie „Amar en tiempos revueltos“ („Lieben in unruhigen Zeiten“). 2004 verkörperte sie in „María Querida“ („Geliebte Maria“) von José Luis García Sanchez die spanische Schriftstellerin und Philosophin Maria Zambrano.

Mindestens ebenso bekannt wie als Schauspielerin in Film, Fernsehen und Theater, wurde Pilar Bardem als politische Aktivistin, die sich immer wieder in die großen Themen und Diskussionen der spanischen Gesellschaft einmischte: Als 2003 der damalige spanische Regierungschef José Maria Aznar in Allianz mit der USA und ihrem Präsidenten George W. Bush in den Golfkrieg zog, provozierte das eine breite Protestbewegung, bei der sich besonders die Filmschaffenden hervortaten. Pilar Bardem war aktiv dabei, als sich die Verleihung der „Goyas“ in eine Plattform gegen den Krieg und die Politik der spanischen Regierung verwandelte und als prominente spanische Schauspieler erst zu einer Aussprache ins spanische Parlament eingeladen und dann hinausgeworfen wurden, als sie ihre T-Shirts mit dem deutlich zu sehenden Text „No a la guerra“ („Nein zum Krieg“), dem Slogan der spanischen Friedensbewegung, enthüllten.


Mit geballter Faust und freundlichem Lächeln

Mit geballter Faust und freundlichem Lächeln setzte sie sich auch für die sozialen Rechte der Schauspieler ein, aber auch gegen häusliche Gewalt und gegen die Diskriminierung der Frau in der spanischen Gesellschaft. Sie engagierte sich vehement für die Immigranten in Spanien und für die Aufarbeitung der Verbrechen der Franco-Diktatur. Unermüdlich war auch ihr Einsatz für die Sahrauis, für die Unabhängigkeitsbewegung Polisario in der Westsahara, die seit dem Abzug der spanischen Kolonialmacht 1974 von Marokko besetzt ist.

Pilar Bardem war engagiert, herzlich und resolut, als Mensch, als Schauspielerin und als politische Aktivistin, eine Art Mutter Courage der spanischen Linken: Von vielen in Spanien geliebt, von vielen abgelehnt, aber allen bekannt. Am 17. Juli ist sie im Alter von 82 Jahren in Madrid gestorben.

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