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Crashs & Comebacks: M. Night Shyamalan

Montag, 09.08.2021

Kurz vor dem Kinostart seines jüngsten Werks „Old“ ist mit „Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan“ ein Buch zum Werk des umstrittenen Regisseurs von Filmen wie „The Sixth Sense“, „After Earth“ und „Split“ erschienen

Diskussion

Die Karriere des indisch-stämmigen US-Regisseurs M. Night Shyamalan gleicht einer Abfolge von Hochs und Tiefs. Erst wurde er für Filme wie „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“ gefeiert, dann mit Arbeiten wie „After Earth“ zum Objekt des Spottes. Passend zum Filmstart von „Old“ ist mit „Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan“ jetzt ein Buch über das Werk des umstrittenen Hollywood-„auteurs“ erschienen.


Eine Karriere wie ein spannendes Drehbuch: Aufstieg, Fall, Comeback. Vom „neuen Spielberg“ zum Spottobjekt, zuletzt zum umstrittenen, aber stets überraschenden Genre-Regisseur. Der Filmemacher M. Night Shyamalan ist zweifellos eine der interessantesten Figuren des US-amerikanischen Gegenwartskinos. Noch im Erfolg ein Fremdkörper. Eine Irritation, ob im oder am Rande des Mainstreams.

Passend zum deutschen Kinostart von Shyamalans neuen Films „Old“ hat sich der Autor Adrian Gmelch mit seinem Buch „Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan“ (erschienen im Büchner-Verlag) dem unebenen Pfad des Regisseurs angenommen, der einer eigenwilligen Fieberkurve voller Auf und Abs gleicht, von Hits wie „The Sixth Sense“ oder „Split“ und Flops wie „Die Legende von Aang“ und „After Earth“. Erzählt werden soll, so der Untertitel, „Wie sich ein einst gefeierter Filmemacher zurück an die Spitze kämpft“. Die Präsensform erinnert daran, dass dieser Kampf weiter andauert.


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Shyamalan ist bis heute ein Filmemacher ständig wechselnder Aggregatszustände. Gmelch bietet gleich mehrere Periodisierungen seiner Karriere an. Die entscheidende unterteilt seinen Werdegang in drei Phasen. Zuerst der „alte Shyamalan“ von 1999 bis 2006, ein klassizistischer, bedächtig inszenierender Prestige-Regisseur, der mit Filmen wie „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“ große Erfolge feiert. Dann der verlorene, dem System Hollywood verfallene Regisseur mit Filmen wie „Das Mädchen aus dem Wasser“ oder „The Happening“. Zuletzt der – passend zu den spirituellen Motiven seiner Filme – wiedergeborene Shyamalan ab 2015. Letzterer ist durch seine experimentelleren, freieren Filme definiert: „The Visit“, „Split“, „Glass“. Außerdem arbeitet er jetzt auch verstärkt fürs Fernsehen. Einzelne Kapitel und Abschnitte widmen sich Herkunft und Inspirationsquellen des Regisseurs, seiner Form, seinem Einsatz von Rückblenden, seinen Themen und Motiven.

In Shyamalans neuestem Werk "Old" altern die Menschen in kurzer Zeit um Jahrzehnte. (© Universal)
In Shyamalans neuestem Werk "Old" altern die Menschen in kürzester Zeit ganze Jahrzehnte. (© Universal)

Viele Fakten, die allerdings oft wenig über die Filme erzählen

Aus dem Vorwort erfährt man, dass der Autor zuvor hunderte von Wikipedia-Artikeln mit Fokus auf Film und Fernsehen verfasst hat. Tatsächlich liest sich das Buch stellenweise auch wie ein besonders umfassender Wikipedia-Artikel. „Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan“ erweist sich schnell als Fleißarbeit. Es werden zweifellos eindrucksvolle Massen an Informationen zusammengetragen. Diese formen aber oft kein großes Ganzes, keine übergeordnete Erzählung und kein stringentes Argument mit rotem Faden.

Die Kapitel sind detailverliebt, vollgestopft mit mal mehr, mal weniger interessanten Anekdoten. Man spürt die Sehnsucht nach einer Objektivierung der Analysen, vor allem durch Quantifizierung. Ein Buch, das den fragwürdigen Datenglauben moderner Sozial- und Kulturwissenschaften exemplifiziert. Immer wieder wird auf Einspielergebnisse oder die Gehälter der Stars verwiesen, meist ohne großen Mehrwert. Nackte Fakten, die wenig illustrieren: Diesen Preis hat der Regisseur gewonnen; so viel Geld für jenes Drehbuch erhalten; dieser Film hat das 3,3-fache seiner Kosten eingespielt.

Diese Herangehensweise setzt sich bei der Beschreibung seines Stils fort: „Shyamalans vier erste Filme weisen zusammen gerade einmal 1.964 Einstellungen auf.“ Als Vergleich wird dann etwa Michael Bays „Armageddon“ herangezogen, der natürlich mehr Einstellungen enthält. (Wobei der Maximalist Bay bis heute eine extreme Erscheinung des Blockbuster-Kinos markiert.) Wenn kurz darauf die durchschnittlichen Einstellungslängen von so disparaten Filmemachern wie Michael Haneke, Woody Allen, Werner Herzog, David Lynch und Steven Spielberg miteinander verglichen werden, mutet das ein wenig abstrus an. Resultiert aus einer längeren „Average Shot Length“ wirklich eine „ruhige, besonnene Erzählweise“? Passt diese Beschreibung etwa zu Sebastian Schippers „Victoria“ oder Erik Poppes „Utøya 22.Juli“? Zu der ersten Szene von „Im Zeichen des Bösen“?


"Servant" (© Apple TV+)
In "Servant" entwickelt eine Mutter eine Besessenheit für eine Puppe. (© Apple TV+)

Enthusiasmus und Sachlichkeit

„Bei der Erzählweise fällt auch auf, dass Shyamalans Filme von The Sixth Sense bis zu Lady in the Water alle exakt zwischen 106 und 109 Minuten dauern, was ebenfalls auf eine gemeinsame Filmsprache hindeutet“, heißt es wenig später. Ein befremdliches Argument, mit dem man auch „Star Wars – Episode VII“, Tsai Ming-Liangs Slow-Cinema-Drama „Stray Dogs“ und den Klassiker „Alles über Eva“ vergleichen könnte – sie dauern schließlich ungefähr gleich lang. Immer wieder wird für die Argumentation auch (gänzlich unkritisch) auf Aggregator-Plattformen wie die IMDb oder Rotten Tomatoes zurückgegriffen.

Das Buch wird von einem Widerstreit zwischen Enthusiasmus und Sachlichkeit bestimmt. Fast wirkt der - von einigen Stilblüten und Neologismen wie „subtillose Inszenierung“ abgesehen – nüchterne Stil, als solle er die leidenschaftliche Sympathie für den Regisseur maskieren. Die Identifikation mit dem so oft verschmähten Filmemacher geht manchmal ein wenig zu weit. Es wirkt dann fast so, als würde der Schmerz des Regisseurs ob der Kritik reproduziert. Was in der Praxis bedeutet, dass das Buch sich hier und da aufrichtig beleidigt liest. Immer wieder wird die Grausamkeit der Kritiker betont. Eine relativ harmlose Aussage von David Cronenberg über Shyamalan lässt diesen „nicht unbedingt gut aussehen“. Die Rezeption jedes Films wird pauschal einer von drei Kategorien zugeordnet: positiv, durchwachsen, negativ. (Im Anhang gibt es sogar eine entsprechende Tabelle.)

Natürlich war Shyamalan in der Mittelphase seiner Karriere in einer schwierigen Lage: Bei kritischem Erfolg kann man auf den ahnungslosen Pöbel schimpfen, bei finanziellem auf die Invektiven der blasierten, bedeutungslosen Kritiker. Ihm fehlte jedoch beides. „Was auch immer im Kopf der amerikanischen Kritiker vorging, es glich einem kollektiven Kreuzzug. Eine differenzierte, nuancierte Filmbesprechung war kaum zu finden“, schreibt der Autor über die Reaktion auf „Die Legende von Aang“.

Natürlich ist Kritik an der Kritik begrüßenswert – auch Rezensenten agieren oft genug konformistisch, engstirnig, selbstgerecht und vieles mehr. Immer wieder werden Filme zu designierten Hassobjekten, an denen eine manchmal vielleicht zu nachsichtige Branche ihre Härte und Fähigkeit zum benjaminschen Vernichten-Können demonstriert.

In "Glass" lässt Shyamalan drei grundverschiedene Arten von "Supermenschen" aufeinanderprallen. (© Walt Disney)
In "Glass" lässt Shyamalan drei grundverschiedene Arten von "Supermenschen" aufeinanderprallen. (© Walt Disney)

Flucht ins Kleinklein

Doch statt zur vollmundigen Verteidigung auszureiten, flüchtet Gmelch sich ins Kleinklein. Man wünscht sich oft weniger Zitate und mehr originäre Analyse, weniger Abarbeiten am vermeintlichen Konsens und mehr mutige kritische Gesten. Das Buch setzt dem vorherrschenden Narrativ über Shyamalan nur selten ein eigenes entgegen. Im Fall von „Die Legende von Aang“ etwa werden „Drei positive Aspekte“ angeführt: die geringe Schnittfrequenz der Kampfsequenzen, das große pazifistische Finale und die Filmmusik. Dann wird – wieder einmal – mit dem Einspielergebnis des Films argumentiert, der schließlich mehr eingespielt habe als „Produktions- und Marketingbudget“ zusammengerechnet.

Bei „After Earth“ werden vom Autor „Logikfehler“ bemängelt: „Wieso ist alles auf dem Planeten noch eintausend Jahre nach dem Tod des letzten Menschen weiterhin darauf ausgerichtet, Menschen zu töten? Wie können Pflanzen und Tiere den Frost und die Sauerstoffknappheit überleben?“ Ein etwas trostloser Blick auf ein fantastisches Medium, wie er leider noch immer in vielen Kommentarsektionen und Internetforen vorherrscht. Zumal zwei Kapitel zuvor gleichermaßen langweilige Einwände gegen „Signs“ (Wieso attackieren Aliens, für die Wasser schädlich ist, ausgerechnet den Planeten Erde?) mit der christlichen Metaphorik des Films fortgewischt wurden.

Shyamalans Ausflüge ins Blockbuster-Segment werden letztlich als notwendiges Übel für seine „Wiedergeburt“ beurteilt. Und wie kämpft sich der Filmemacher nun „zurück an die Spitze“? Zuerst mit der Serie „Wayward Pines“, dann mit dem günstigen Found-Footage-Film „The Visit“ für das Erfolgsstudio Blumhouse Productions. Mit den „Unbreakable“-Fortsetzungen „Split“ und „Glass. Mit einem „schnelleren, hektischeren Erzählrhythmus“, kürzeren Filmen, neuen Mitarbeitern und schockierenden Bildern anstelle von Subtilität. Mit einem neuen Sinn für Humor, mit „der Rückkehr zur Essenz des Filmemachens“, mit einer neuen Orientierung an David Lynch.


Mit David Lynch und dem europäischen Arthouse-Kino

Ein Vergleich, der im Buch ein wenig oberflächlich bleibt. „The Visit“ gewinnt wenig dadurch, neben „Blue Velvet“ gestellt zu werden. Andere Gegenüberstellungen, wie die von „Split“ und Giorgos Lanthimos’ „Dogtooth“, sind ergiebiger. Das europäische Arthouse-Kino als Bezugspunkt hat angeblich „Shyamalans Ketten gesprengt“. Es wird ohnehin viel verglichen: Gmelch verortet den neuen Shyamalan zwischen jüngeren Genre-Filmemachern wie Ari Aster, David Robert Mitchell und Robert Eggers.

Zur Visualisierung von Thesen werden nun verstärkt Stills eingesetzt. Kapitel und Exkurse etwa zu der „gesellschaftspolitische[n] Dimension in Shyamalans Filmen“ oder seinem Einsatz von Rückblenden gehören zu den aufschlussreichsten des Buches. Hier weichen die sonst so überpräsenten „Cinemetrics“ einer Arbeit mit dem eigentlichen filmischen Text.

So passt sich das Buch seinem Gegenstand an: Wie Shyamalans Karriere hat es klare Höhen und Tiefen. Kuriose, von außen kaum nachvollziehbare Entscheidungen treffen auf stringent und überzeugend argumentierte Passagen. Buch und Filmografie bleiben gleichermaßen uneinheitlich und fragmentiert. Puzzle, die sich nicht fügen wollen, und vielleicht gerade dadurch interessant sind. Ächter und Skeptiker wird „Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan“ für diesen „Special Event-Regisseur“ wohl nicht bekehren. Aber vielleicht braucht M. Night Shyamalan ja auch immer wenigstens eine Handvoll Feinde. Zwischen den Zeilen entdeckt man Kritik und Ablehnung als Triebkraft jeder Neuerfindung. Was für ein ärmlicher „Rebell“ wäre einer auch, der von allen geliebt wird?


Literaturhinweis

Die Neuerfindung des M. Night Shyamalan. Von Adrian Gmelch. Büchner Verlag, Marburg 2021. 326 S., zahlr. farbige Abbildungen. 29,00 EUR. Bezug: Beim Verlag oder in jeder Buchhandlung.

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