© imago images (Peter Fleischmann, 1989 am Lido in Venedig)

Nachruf Peter Fleischmann

Montag, 16.08.2021

Nachruf auf den Filmemacher Peter Fleischmann (26.7.1937-11.8.2021) der die deutsche Nachkriegszeit und ihre (Geistes-)Landschaften akribisch sezierte

Diskussion

Der deutsche Filmemacher Peter Fleischmann (26.7.1937-11.8.2021) war ein pfälzischer Kosmopolit, der als Weltenbummler die Leidenschaft für lebendige Bilder mit in den Neuen deutschen Film brachte und mit seismografischem Gespür und moralischer Unerbittlichkeit beständig wider den Stachel löckte. Er passte in keine Schublade, blieb anstößig und unangepasst, ein Ungleichzeitiger, der im Ausland mehr geschätzt wurde als in seiner Heimat.


Er war ein Spurensucher, der die deutsche Nachkriegszeit und ihre (Geistes-)Landschaften akribisch sezierte: Peter Fleischmann (26.7.1937-11.8.2021). Geboren im westpfälzischen Zweibrücken, wuchs er in Neustadt an der Weinstraße auf. Reminiszenzen daran finden sich im Dokumentarfilm Mein Freund, der Mörder (2006), seiner nach Der Al Capone von der Pfalz(1987) zweiten Auseinandersetzung mit dem Einbrecher und Bankräuber Bernhard Kimmel. Ein Abenteurer, ein Außenseiter, der die Grenzen der pfälzischen Heimat wie der großen Gesellschaft herausfordert.

Auch der 1992 entstandene Film Mein Onkel der Winzererinnerte an die Wurzeln des Regisseurs, wobei das elterliche Weingut Anschauungsmaterial bot. Schon vorher setzte Frevel (1984), mit einen vom Filmemacher selbst verkörperten Kommissar unter dem Einfluss einer „amour fou“, auf heimatliche Gefühle. Der Schauplatz des Pfälzer Waldes, das geschichtsträchtige Hambacher Schloss und die regionale Färbung der Sprache transportierten die Sehnsucht nach dem anderen, dem richtigen Leben im falschen.


Das Lebensgefühl der 1968er

Peter Fleischmann studierte am Deutschen Institut für Film und Fernsehen (DIFF) in München und von 1960 bis 1962 am Pariser IDHEC. Inspiriert vom Oberhausener Schlachtruf „Papas Kino ist tot“ wurde er zu einem interessanten, unprätentiösen Vertreter des Neuen Deutschen Films. Erfahrungen als Weltenbummler weckten die Leidenschaft für die lebenden Bilder. Diesen Elan atmete auch seine erste lange dokumentarische Arbeit: Herbst der Gammler (1967), eine seismographische Momentaufnahme des Lebensgefühls junger Aussteiger, einer (Studenten-)Generation, die neue Formen des Zusammenlebens und einen neuen Lebenssinn suchte.

Ugo Tognazzi und Mario Adorf in "Der dritte Grad" (imago/ZUMA/Keystone)
Ugo Tognazzi und Mario Adorf in "Der dritte Grad" (© imago/ZUMA/Keystone)

Auch der ein Jahr später entstandene Spielfilm Jagdszenen aus Niederbayern (1968) beschreibt mit hohem Authentizitätsanspruch eine erstarrte Dorfgemeinschaft in der Provinz. Ein Außenseiter, ein schwuler entlassener Häftling, wird zum Blitzableiter. Der schwarz-weiße Film entromantisiert die Enge der Heimatidylle. Ein Jahrzehnt später resümierte der Filmemacher: „Bei Jagdszenen aus Niederbayern schrieben die Kritiker: Das ist ein gut gemachter Film, aber wen, außer ein paar niederbayerischen Bauern, soll er interessieren. Nach 1968 wollte man nämlich erst einmal Großstadt-Probleme gelöst sehen. Beim Unheil ist das Gleiche passiert. Das war vielleicht der erste Film über ökologische Probleme, aber die Intellektuellen befassten sich noch voll mit dem Klassenkampf und warfen mir vor, ich lenkte nur ab.“ In Das Unheil(1970/71) porträtierte Fleischmann einen kleinstädtischen Pfarrerssohn, dessen Erzeuger ein Treffen schlesischer Heimatvertriebener organisiert; der Film klagt ein autoritäres Schulsystem und die Luftverschmutzung durch die Chemiefabrik an.


Chronist einer anderen Heimat

Fleischmann war ein Landvermesser, der Chronist einer anderen, „neuen“ Heimat. Einer, der die gesellschaftlichen Schwachstellen, die Lebenswirklichkeit von Verlierern und „kleinen“ Leuten, oft Fremden oder Gefangenen im eigenen Land, mit surrealer Sympathie begleitete, aber nicht entschuldigte. Damit stürzte er sich und seine Protagonisten in eine Form von Heimatlosigkeit und selbstverschuldeter Entfremdung. Zeit seines Lebens blieb Fleischmann ein Unangepasster. Mit seinem Hang zu Ungleichzeitigkeiten, zu den Ablagerungen des „alltäglichen Faschismus“, wollte er ein Stachel im Fleische sein. 2008 erschien sein Roman „Die Zukunftsangst der Deutschen“.

Weder künstlerisch noch politisch in die zeitgenössischen Schubladen passend, erwiesen sich viele der von ihm traktierten Inhalte als ihrer Zeit weit voraus, ja visionär. Etwa Dorotheas Rache (1973), eine äußerst umstrittene, in Bayern zeitweise mit Aufführungsverbot belegte Parodie des seinerzeit populären Sex- und Aufklärungsfilms. Der von Fleischmann als „Anti-Porno“ deklarierte und mit einigen Hässlichkeiten inszenierte Film erntete bei der Uraufführung in Paris viel Zuspruch, konnte den Vorwurf des spekulativen Narzissmus in seiner Heimat jedoch nicht entkräften.

Dem 1976 entstandenen PolitthrillerDer dritte Grad liegt der Roman „Der Fehler“ des griechischen Schriftstellers Antonis Samarakis zugrunde. Die Geschichte spielt in einem politischen Niemandsland und handelt von den Verstrickungen eines Mannes in den Fängen der Geheimpolizei. Es geht um Reflexionen über Macht und Ohnmacht, Individuum und Staat. Ein Film mit einem ungebändigten Drehbuch, das von Jean-Claude Carrière und Martin Walser verfasst wurde.

Ingmar Zeisberg und Vitus Zeplichal in "Das Unheil" (imago/United Archives)
Ingmar Zeisberg und Vitus Zeplichal in "Das Unheil" (© imago/United Archives)

In Die Hamburger Krankheit (1979) breitet sich ein rätselhaftes Virus über die Bundesrepublik und halb Europa aus. Was heute verblüffend aktuell erscheint, meidet jeden Katastrophenhorror, sondern arbeitet sich an Ursache und Wirkung in einer aufgeklärten, scheinbar perfekten Welt ab. „Es ist auch ein Film über die ‚falsche‘ Stabilität unserer Gesellschaft. Diese diffuse Angst entsteht daraus, dass jeder das Gefühl hat, so stabil sei’s gar nicht bei uns. Dabei empfinde ich den Film mehr wie ein Abenteuer, eine Reise quer durch Deutschland, durch all die Nester, die einander durch die Fußgängerzonen, die gleichen Betonblumenkästen und Pilskneipen ähneln. Das war die Entdeckung der Wirklichkeit“, notierte Fleischmann.

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein(1987-1989), eine überdimensionierte Adaption des Science-Fiction-Romans von Arkadi und Boris Strugatzki, gilt als gescheitert. Trotz eines enormen Aufwands bei Ausstattung und Technik sowie der Drehbuchmitarbeit von Jean-Claude Carrière wurde die deutsch-sowjetische Co-Produktion ein veritabler Kassenflop. Wie fast der gesamte junge deutsche Film profitierte auch Fleischmann vom amphibischen Fernsehfilm. Die Filmgeschichte interessierte ihn dabei immer wieder. Das ZDF ermöglichte 1963 den Kurzfilm Begegnung mit Fritz Lang“ über die Dreharbeiten von Jean-Luc Godards Die Verachtung“.


Ein unterschätzter Filmemacher

Trotz handwerklicher und dramaturgischer Schwächen seiner Filme erweist sich Peter Fleischmann im Rückblick als unterschätzter Filmemacher. Auf Filmfestival war er präsent; seine Filme wurden häufig ausgezeichnet; doch das Verhältnis zum deutschen Publikum, insbesondere zur Filmkritik, war mehr als gespalten. Ein sprechendes Beispiel ist das vernichtende Urteil über Die Hamburger Krankheit von Helmut Schmitz in der „Frankfurter Rundschau“: „Katastrophal die Gesprächs- und Dialogszenen, eine Peinlichkeit an der anderen, statische Arrangements für eine gänzlich uninspirierte Kamera… Fleischmanns Kino, es hat große Bilder im Kopf und bringt kleine auf die Leinwand. Da will einer partout seine eigene Sprache sprechen und stammelt in aufgeschnappten Brocken (und die Freunde, Schlöndorff zum Beispiel, suggerieren, er redete in Zungen).“

Das Werk eines Unangepassten: "Die Hamburger Krankheit" (imago/United Archives)
Das Werk eines Unangepassten: "Die Hamburger Krankheit" (© imago/United Archives)

Am 11. August 2021 ist das Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie und des europäischen Regieverbands (FERA) sowie der engagierte Befürworter der Filmstudios in Potsdam-Babelsberg im Alter von 84 Jahren verstorben. Es wäre an der Zeit, den Ausnahmekünstler, dessen Filme teilweise neu restauriert wurden, wieder- oder auch neu zu entdecken.

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