© Focus Features (Oscar Isaac in "The Card Counter")

Mann im Zimmer, wartend

Samstag, 04.09.2021

Die ersten Tage am Lido: Star-Power, Science-Fiction-Action und ein erster künstlerischer Höhepunkt mit „The Card Counter“ von Paul Schrader

Diskussion

Die ersten Tage beim Filmfestival in Venedig zeigen, dass die Kino-Maschinerie auf vollen Touren läuft. Die Pandemie hat die Kreativität stimuliert und die Messlatte für Qualität nach oben verlagert. Das Science-Fiction-Abenteuer „Dune“ lässt das Kino beben, viele Stars verbreiten Glamour und Flair auf dem Lido, und mit „The Card Counter“ von Paul Schrader ist bereits ein erster herausragender Anwärter auf den „Goldenen Löwen“ sichtbar.


Kino, überlebensgroß: Mit Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos „Dune“ lief die 78. „Mostra“ schon in den ersten Tagen zu Bestform auf. Rund um den Palazzo Grande tummelten sich die Fans, um Blicke auf die Stars des Films zu erhaschen (neben Timothée Chalamet und Zendaya insbesondere auf Javier Bardem, Josh Brolin und Oscar Isaac); im Kino bebte bei den Sandwurm-Attacken und den epischen Schlachten auf dem Planeten Arrakis förmlich der Boden. „Dune“ ist genau die Art von unwiderstehlich immersivem, überwältigendem Leinwand-Spektakel, nach der man nach der Lockdown- und Heimkino-Phase gehungert hat.

Inhaltlich mussten Regisseur Denis Villeneuve und seine Co-Drehbuchautoren nicht viel tun, um der Romanvorlage von Frank Herbert und der kultigen Verfilmung von David Lynch aus den 1980er-Jahren eine stimmige Neuinterpretation an die Seite zu stellen. Der Stoff bringt genug motivische Resonanzräume mit, in denen fast 30 Jahre nach Lynchs Verfilmung aktuelle Themen widerhallen können.


Ein früher Prophet der Nachhaltigkeit

Bei der Pressekonferenz erklärte das Filmteam den Romanautor Frank Herbert zu einer Art Prophet in Sachen Nachhaltigkeit: Die Problematisierung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, in „Dune“ am schwer umkämpften Abbau einer Substanz namens Spice festgemacht, und die Erzählung vom Überleben in und unter extremen Klimabedingungen auf dem Planeten Arrakis korrespondieren mit der von der Klimakrise gebeutelten Gegenwart. Dazu kommt die Kritik an imperialistischen Machtstrukturen und das Plädoyer für ein respektvolles Miteinander unterschiedlicher Kulturen, gespiegelt am Konflikt der „Fremen“, der indigenen Arrakis-Bewohner, mit dem galaktischen Imperium.

"Dune" mit Timothée Chalamet (Warner Bros Ent.)
"Dune" mit Timothée Chalamet (© Warner Bros Ent.)

Ansonsten setzt der Film nicht zuletzt aufs bestmögliche „World Building“, wofür Villeneuve im Gegensatz zu Lynch die ganze Illusionsmacht des digitalen Zeitalters zu Gebote steht. Neben den Spezialeffekten und dem gigantomanischen Set-Design (in dem der Stil von Lynchs Film noch mitschwingt) überzeugt aber nicht zuletzt Villeneuves Sinn fürs Detail, etwa im Gestalten fremder Sprachen (da erkennt man den Regisseur von „Arrival“ wieder). Ähnlich wie in seinem „Blade Runner“-Sequel geht Villeneuve in keiner Weise auf ironische Distanz zu dem Erzähluniversum; die Story ums „Game of Thrones“ zwischen den mächtigen Fürstenhäusern der Atreides und der Harkonnen, der Konflikt um den Spice-Abbau auf Arrakis und eine mörderische Intrige entfaltet sich mit heiligem Ernst und dem „Sound and Fury“ einer Shakespeare’schen Tragödie, atmosphärisch befeuert von einem gewaltigen Hans-Zimmer-Soundtrack und getragen von einem erstklassigen Darstellerensemble rund um Timothée Chalamet als jugendlichem Helden Paul Atreides, dessen Heldenreise auf der Suche nach seiner Berufung den roten Faden abgibt.


Die „Mostra“ kann aus dem Vollen schöpfen

"Als hätte die Corona-Pandemie die Kreativität stimuliert und die Messlatte in Sachen Qualität nach oben verlegt" – so lobte Venedigs Festivalchef Alberto Barbera im Vorhinein den Film-Jahrgang, aus dem die 78. „Mostra“ ihr Programm bestückte. Die Veranstalter konnten also aus dem Vollen schöpfen. Die ersten Tage der 78. „Mostra“ demonstrierten das eindrücklich; neben „Dune“, der außer Konkurrenz lief, glänzte das Festival im Wettbewerb unter anderem mit neuen Arbeiten von Pedro Almodóvar („Madres paralelas“), Jane Campion („Power of the Dog“) und Paolo Sorrentino („The Hand of God“), dem Regiedebüt der US-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal („The Lost Daughter“) und „Spencer“ von Pablo Larraín - Letzterer ein Film über Prinzessin Diana, der als deutsche Co-Produktionen in Stückchen weit als deutscher Beitrag zum Wettbewerb durchgehen kann. Benedict Cumberbatch, Penélope Cruz, Oscar Isaac, Olivia Colman und Kristen Stewart gehören zu den Stars, die das Festival mit ihrer Anwesenheit schmücken – die Corona-Krise ist zwar noch allgegenwärtig; zu den Sicherheitsmaßnahmen zählen verschärfte Kontrollen beim Zugang aufs Festivalgelände, bei denen nicht nur die Taschen, sondern auch die Körpertemperatur kontrolliert wird, doch die Magie der Kino-Maschine läuft trotzdem mit voller Kraft.

Ungewöhnlich burlesk: "Hand of God" von Paolo Sorrentino (The Apartment)
Ungewöhnlich burlesk: "Hand of God" von Paolo Sorrentino (© The Apartment)

Richtige Enttäuschungen waren bisher nicht unter den „Löwen“-Anwärtern (auch wenn der Humor von Paolo Sorrentino in „The Hand of God“ bisweilen arg italienisch-burlesk ausfällt); den künstlerischen Höhepunkt aber kann bislang unbestreitbar Paul Schrader für sich verbuchen, der zuletzt 2017 mit „First Reformed“ in Venedig vertreten war. Mit „The Card Counter“ präsentierte er ein neues Meisterwerk, das an Intensität, formaler Durchdachtheit und inhaltlicher Tiefe seinen besten Werken in nichts nachsteht.

Motivisch bewegt sich der Film auf der Linie von „Taxi Driver“ über „American Gigolo“ und „Light Sleeper“ bis zu „First Reformed“. Einmal mehr geht es um eine Männerfigur, die in einer Art Zwischenreich feststeckt und auf Erlösung wartet – „A man alone in a room, wearing a [metaphorical] mask, waiting for something to happen“, charakterisierte dies Schrader kürzlich in einem Interview.


Eine Schuld, die noch nicht abgetragen ist

Die metaphorische Maske ist im Fall der Hauptfigur (Oscar Isaac), die sich William Tell nennt, früher aber mal anders hieß, ihr Gewerbe. Tell ist ein professioneller Spieler; während acht langer Jahre im Gefängnis hat er sich beigebracht, bei Partien die Karten zu zählen, d.h. er kann durch die aufmerksame Registrierung bereits ausgespielter Karten kalkulieren, welche anderen Karten noch im Spiel sind und daraus Wahrscheinlichkeiten für den weiteren Spielverlauf ableiten. Mit diesem Know-how tourt er, wieder auf freiem Fuß, durch die Casinos, spielt aber immer nur mit überschaubaren Einsätzen und Gewinnen. Ihm geht es nicht ums große Geld, sondern mehr darum, die Zeit totzuschlagen, wie er einmal erklärt. Man könnte auch sagen: Es geht ihm darum, noch weitere Zeit abzusitzen, denn die Schuld, die ihn einst ins Gefängnis brachte, ist er in den acht Jahren hinter Gittern nicht losgeworden.

Als Tell noch Tillich hieß und bei der US-Armee diente, war er im Irak an Folterungen beteiligt. Die Erinnerungen, die man in einigen wenigen albtraumhaften Rückblicken aus einem surreal verzerrten Abu-Ghraib-Gefängnis sieht, begleiten ihn auf seinen Reisen und in den Motelzimmern, in denen er alle Oberflächen mit weißen Tüchern verhüllt, so als wollte er all den unterschiedlichen Orten, an denen er sich bewegt, einen einheitlich-sterilen Look wie in seiner Gefängniszelle verpassen.

Mann im Zimmer, wartend: Oscar Issac in "The Card Counter" (Focus Features)
Mann im Zimmer, wartend: Oscar Isaac in "The Card Counter" (© Focus Features)

Die Begegnung mit einem jungen Mann (Tye Sheridan), dem Sohn eines ehemaligen Kameraden und Mitschuldigen, der sich nach dem Selbstmord seines Vaters an dessen Vorgesetzten und „Befragungsspezialisten“ (Willem Dafoe) rächen will, wird für Tell zur Chance, seinem inneren Gefängnis zu entkommen. Anstatt dem Jungen bei dessen Racheplänen zu helfen, nimmt er ihn mit auf seine Casino-Tour; er will ihn von diesen Plänen abbringen und beim Spielen genug Geld gewinnen, um seinem Schützling den Start in ein neues Leben zu ermöglichen.

Schrader greift mit den Menschenrechtsverletzungen in Abu Ghraib einmal mehr ein US-amerikanisches Trauma auf und stellt eine Figur in den Mittelpunkt, die stellvertretend für die Nation eine Schuld abträgt, die kollektiv nie wirklich aufgearbeitet wurde. In dem markerschütternden Drama um die Suche nach Vergebung und Erlösung geben ähnlich wie in „First Reformed“ innere Monologe in die verwundete Psyche der Hauptfigur, die äußerlich als Spielers bestens bluffen und ihre Gefühle unter Verschluss halten kann. Der trashige Glamour der Casinos, in dem Tell immer wieder von einem anderen Profispieler mit dem nom de guerre „USA“ im Sternenbanner-Dress genervt wird – eine Art lästiger Dämon, sozusagen der verkörperte Ausverkauf US-amerikanischer Werte –, bildet den trostlos-zynischen Rahmen; einzig die weiche, fast verklärende Ausleuchtung der Bilder, wenn Tell allein in seinen weißen Motelzimmern sitzt, scheint Gnade zu signalisieren und ihn in seiner Einsamkeit und seiner Schuld fast zu verklären.

Großes Kino also, das der Jury unter Bong Joon-ho einen herausragenden Anwärter für die „Löwen“ beschert.

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