© UPI (aus „Keine Zeit zu sterben“)

Der beste Mann der Welt

Donnerstag, 23.09.2021

Gedanken zu James Bond zum Start seines 25. Kinofilms „Keine Zeit zu sterben“

Diskussion

Seinen ersten Kinoeinsatz hatte der britische Agent James Bond im Jahr 1962 und auch knapp 60 Jahre später werden seine Abenteuer noch immer von Fanpublikum ungeduldig erwartet. Auch der am 30. September startende 25. Bond-Film Keine Zeit zu sterben ist ein vorprogrammierter Kassenerfolg. Doch passt der Mann, dem ein unsensibler Umgang mit Frauen und moralisch fragwürdige Methoden vorgeworfen werden können, überhaupt noch in diese Zeit? Einige Gedanken zum Männlichkeitsbild der James-Bond-Reihe.


Mit aufgeknöpftem Hemd cocktailschlürfend auf das Meer starren, nachdem man sich durch Feuer, Wüstenstaub, reißende Gewässer, Tiefschneeabhänge, die Schwerelosigkeit und Wolkendunst gekämpft hat. Dabei nie um das richtige Wort verlegen, schlagfertig und humorvoll durch dubiose High-Society-Empfänge oder auch durch versiffte Hafenanlagen wandeln, immer so, als würde man dazugehören. Sich nochmal den Anzug zurechtzupfen, bevor man in den Sportwagen schlüpft oder auf das Motorrad steigt oder in den Helikopter, die Yacht und unklassifizierbare Fahrzeuge, zu gefährlich, um von irgendwem anderen benutzt zu werden.

James Bond ist auch in „Keine Zeit zu sterben“ ein Mann der schnellen Autos (© UPI)
James Bond ist auch in „Keine Zeit zu sterben“ ein Mann der schnellen Autos (© UPI)

Die Uhren, die Laptops, die Autos, die Getränke, alles wird bereitgestellt, man muss nur lernen, wie man die Markennamen ins Bild dreht, und schon darf man sich vergnügen. Die Frauen nur ansehen mit diesen spöttisch-gierigen Augen heterosexueller Virilität. Sogleich sprühen die Funken und man landet im Bett oder in der Pipeline. Irgendwo schwebt ein Phallussymbol durch den Raum, man spürt den Altherrenhumor, den Geruch von Aftershave und Verführung. Den Charme spielen lassen vor all den Marionetten, die da sind, um gut auszusehen. Sich besaufen und trotzdem noch die Welt retten. Jetsetten und dabei niemals einen Jetlag haben, die nächste Trauminsel ist nur einen Schnitt entfernt. Alle werden geschüttelt und sind ganz gerührt, wenn du menschlich wirst. Doch rettet Ironie die Würde, bevor einen alle für einen sexistischen Massenmörder mit Alkoholproblemen halten?


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Kino-Helden, denen man nicht nacheifern kann

Das Kino hat seit jeher Helden geschaffen, denen man nicht nacheifern kann. Ihre Moral ist eine Sache unmöglicher Bewegungen, denen man nur staunend beiwohnen kann. Das hat bei Chaplin begonnen und ist heute die Sache der Superhelden, auch wenn deren Bewegung längst animiert ist. Das gilt auch für James Bond, der im Lauf der Zeit immer wieder sein Gesicht wechselte, um doch der gleiche zu bleiben. Da war Sean Connery, unheimlich braungebrannt für einen Schotten und mit der äußerst bereitwillig gezeigten Beinmuskulatur jahrelanger Highland-Wanderungen gesegnet, Roger Moore, ein flegelhafter Mann, der den Gentleman gab und der es vermochte, dass es durch die Leinwand hindurch nach Seife und Cognac roch, Pierce Brosnan, das österreichische Werbegesicht für Spar-Supermärkte, ein Mann so glatt, dass ein Aal neidisch werden könnte, und nun zum letzten Mal Daniel Craig, der nur in seinen eisblauen Augen verrät, dass er nicht doch als ukrainischer Menschenschlepper oder Hundezüchter besser besetzt wäre als in dieser Rolle des wahren Mannes, des besten Mannes der Welt.

Gewandt in allen Lebenslagen: Sean Connery als erster James Bond auf der Leinwand (© Fox)
Gewandt in allen Lebenslagen: Sean Connery als erster James Bond auf der Leinwand (© Fox)

Dazwischen hat man es mit anderen Darstellern versucht, aber letztlich stellte sich heraus, dass dieser Mann vor allem deshalb so ein guter Mann ist, weil er beliebt ist. George Lazenby und Timothy Dalton waren unbeliebt. Also vertraute man auf diese vier fallschirmspringenden Höhlentaucher, um ein Bild des Mannes zu entwerfen, das all den Hobbyagenten da draußen erklärt, dass ein Mann immer nur so gut ist wie seine Gadgets und die mitreißende Musik, die ertönt, wenn er andere Männer tötet.


Nicht denken, sondern handeln

Bond ist dann ein attraktiver Mann, wenn er sich bewegt. Würde er denken, bevor er handelt, oder gar denken, statt zu handeln, wäre er nur ein emotionales Wrack, ein weiterer Egomane, der glaubt, er könnte alles ändern, würde er nur… und würden die… und überhaupt sei alles gegen ihn.

Um zu verstehen, was für ein Mann James Bond ist, könnte man zunächst eine Liste entwerfen, mit einigen Dingen, die er nicht ist: treu, einfühlsam, zuverlässig, entspannt, belesen, sanft, ein Mann, mit dem man tiefe Gespräche führen kann und alt werden möchte. Nein, Bond zelebriert selbst nach den Anpassungen seiner Figur mit Daniel Craig und sich über mehrere Filme hinweg erzählenden Frauenfiguren lediglich die Oberflächen männlichen Glanzes im Spiegel der eingebildeten Selbstwahrnehmung. Er ist als Traumgebilde entworfen, der Angestellte mit der Nummer 007, der alles richtig macht, alles so macht, wie es ihm gefällt, und dabei alles bekommt, was er will.

Daran ändert sich auch nichts, wenn er leidet. Er kann sich immer durchsetzen, egal ob verbal, mit Fäusten, Waffen, hinter Lenkrädern, an Pokertischen oder bereits auf Folterstühlen gedemütigt und nah an der Kastration. Durch ihn verkörpert sich das männliche Urbild von Kraft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen, vermischt mit genau so viel britischer Kultur und Stil und Anzügen, dass er nicht als widerwärtiger Macho auffällt. Ian Fleming sei Dank!

Bond ist Brite. Das kann man eigentlich nicht vergessen, auch wenn das Weltmännische der UK-Männlichkeit unter Boris Johnson mehr als abhandengekommen ist. Tatsächlich gibt es auch ein ganz anderes Bild britischer Maskulinität, jenes der verschrobenen Rotschöpfe, biertrinkenden Auenländer, höflich-gelangweilten Tea-Time-Monarchisten, die Weasleys, die aus ihren Baumhäusern kriechen und im Namen irgendeiner Ungerechtigkeit alle Feinde unterwerfen, alle Grenzen schließen und alle Gräser exakt auf die gleiche Länge schneiden. Auch wenn James Bond mit den Klischees spielt, scheint sich seine „Britishness“ letztlich auf den Humor zu beschränken. Wer mehr vom wahren England und seinen Männern sehen will, muss wohl zu Johnny English gehen.

Exotische Kulissen wie Thailand in „Der Mann mit dem goldenen Colt“ sind ein Muss für Bonds Einsätze (© IMAGO / United Archives)
Exotische Kulissen wie Thailand in „Der Mann mit dem goldenen Colt“ sind ein Muss für Bonds Einsätze (© IMAGO / United Archives)

Raus aus der Banalität des Daseins

Aber im Ernst, wer will nicht Bond sein? Endlich der Banalität des Daseins entwischen, endlich keine Zeit mehr haben, um zu sterben. Die zum großen Teil aus der Mode gekommenen Männlichkeitsbilder der vergangenen Jahrzehnte wurden in den Filmen längst ersetzt durch neue Idealbilder, wie jenes des leidenden Mannes, der seinen Werten treu bleibt, oder jenes des in seiner Identität gebrochenen Mannes, der nach und nach herausfindet, wer er eigentlich ist. Oder das des hintergangenen Romantikers, der Rache übt an der Ungerechtigkeit der Welt.

Dieser Kino-Held mag nicht mehr so souverän erscheinen, aber er hat immer eine Wahl. Noch bevor man darüber nachdenken kann, ob er die richtige Wahl getroffen hat, bewegt er sich schon, und die Hormonausschüttung im Zuschauer darf beginnen. Dabei huscht ihm in Daniel Craigs Körper vielleicht seltener ein Lächeln über die Lippen, aber immerhin reist er und liebt er weiter in den schönsten Orten bis ans Ende der Zeit.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass er immer so lebt wie ein sehr reicher Mann. Als vor kurzem in Berlin ein mutmaßlich für Russland in der britischen Botschaft spionierender britischer Agent verhaftet wurde, konnte man lesen, wie sehr sich die Illusion dieses Genres mit der Wirklichkeit schneidet. Der 57-jährige Mann lebte in einem Neubau in Potsdam mit Ford Fiesta vor der Tür und John-Le-Carré-Büchern im Regal. Vielleicht mochte er Martini, aber selbst das ist zu bezweifeln.

Das alles wurde so oft parodiert und analysiert, bewundert und gehasst, dass es nur noch gleichgültig wahrgenommen wird. James Bond hat zwei Stunden zu unterhalten und verschwindet dann wieder. Die dramatische Ernsthaftigkeit bleibt bloße Deflexion, ein durchdachter Versuch, sich mit verkauften Kinokarten an die Zeit zu klammern, aus der man längst gefallen ist. Es funktioniert letztlich über die letzte gesicherte Bastion der aus der Mode Gefallenen: Nostalgie. Denn dort, wo sich alles auf die Vergangenheit stürzt, die besseren oder anderen Zeiten, da finden sich noch Gemeinplätze. Die attraktiven Narben, die Geheimnisse, die Gewalttaten und die anhimmelnden Blicke verführerischer Frauen lassen sich heute leichter erzählen, wenn sie sich auf irgendeine Bagatelle aus der Vergangenheit beziehen, statt einfach aus dem heiteren Himmel auf den allgegenwärtigen Mann zu fallen. Wenn dem Mann dann auch noch einige starke Frauen mit kecken Antworten auf die coolen Sprüche zur Seite gestellt werden, wähnt man sich auf der sicheren Seite.

Viele der sogenannten „Bond-Girls“ (wie Pussy Galore in „Goldfinger“) waren selbstbestimmte Frauen (© Fox)
Viele der sogenannten „Bond-Girls“ (wie Pussy Galore in „Goldfinger“) waren selbstbestimmte Frauen (© Fox)

Emanzipierte Frauenfiguren und wahnsinnige Bösewichter

Dabei waren die sogenannten „Bond-Girls“ immer wieder auch selbstbestimmte Figuren; schwach wurden viele von ihnen nur im Anblick dieses einen Mannes und in Bezug auf ihre Namenswahl, in die der nicht nur mögliche, sondern stets stattfindende Sex bereits eingeschrieben war. Kissy Suzuki, Trigger oder Honeychile Rider lassen grüßen. Ob man darin nun problematische Zähmungsfantasien oder romantische Träume erkennt, liegt wahrscheinlich im Auge der Betrachterinnen, aber die Frauen standen Bond in ihrer Unwirklichkeit niemals nach, und es gab in westlichen Mainstream-Filmen kaum mächtigere, emanzipiertere Frauenfiguren. Das ist natürlich alles nichts wert, wenn dann dieser Agent kommt und alle Selbstbestimmung flöten geht. Aber man kann sich seine Filme ja ansehen, wie man will.

Die wahren Identifikationsträger sind ohnehin die Bösewichter, diese seltsam entgleisten Wahnsinnigen, deren Charme der Heterodominanz des über Dächern springenden Geheimdienstmitarbeiters subversive Energie entgegenhält. Leider sind diese oft von Größenwahn, Terrorismus und menschlicher Schwäche beseelt, aber selbst da stehen die Antagonisten dem Helden nicht wirklich nach. In Kleidungsfragen oder bezüglich der gewählten Innenausstattungen ihrer schicken Lofts und irren Schlösschen weht im Bösen ein ganz anderer, teilweise „queerer“ Wind, deutlich aufregender als es das digitale Franchise-Design heute zulässt, weshalb die Gegenspieler jüngeren Datums oft nur noch in glasklaren Hallen und laborähnlichen Nicht-Orten agieren.

Man gönnt den Anti-Bonds nur mehr die Exzentrik verformter Gesichter und betörender Arroganz. Aber so abartig und brutal ihre Fantasien auch sein mögen, wenigstens haben sie welche. Der mit sich selbst hadernden Männlichkeit Bonds wird meist eine destruktive Anarcho-Parade entgegengestellt, die in einer Welt, in der die alten Ordnungen und Weltbilder zunehmend ins Wanken geraten, fast produktiver wirken als die gute alte, sich selbst auf die Schulter klopfende Moralität von Queen und Konsorten. Susan Sontag unterschied einmal zwischen Schriftstellern, die man heiraten, und Schriftstellern, mit denen man eine Affäre beginnen würde. Würde sie eine solche Unterscheidung bei den James-Bond-Männern anlegen, käme in Fragen der Heirat, aber auch nur, wenn man versteht, mit dem Nerdtum umzugehen, einzig Ben Whishaws Q in Frage. Der entspricht wahrscheinlich am ehesten dem Bild eines zeitgenössischen Spions. Alle anderen Männer kann man kaum ernsthaft länger lieben, selbst wenn die sehnsuchtsvollen Stimmen der Bond-Titelsongs anderes erzählen.

Die Widersacher sind oft als Spiegelbilder Bonds angelegt wie Silva (Javier Bardem) in „Skyfall“ (© ZDF/Francois Duhamel)
Die Widersacher sind oft als Spiegelbilder Bonds angelegt wie Silva (Javier Bardem) in „Skyfall“ (© ZDF/Francois Duhamel)


Im Sandkasten für 300 Millionen Dollar

Eigentlich sind es sowieso alles Kinder, die in einer fiktionalen Welt spielen, als wäre das ein Sandkasten. Nur dass dieser Sandkasten eben 300 Millionen Dollar kostet und man dementsprechend, ob man will oder nicht, mit entsprechend viel Sand beworfen wird. Da hilft wahrscheinlich nur, sich locker zu schütteln, den Sand vom Sakko zu streifen, die Ärmel zu richten und irgendeinen lockeren Spruch zu finden, mit dem sich alles leichter ertragen lässt.

Man darf sich nichts vormachen: James Bond ist weder Mann noch Frau, er ist nur eine weitere Illusion, die sich gerade deshalb verkauft, weil für sie die Regeln des Menschseins außer Kraft gesetzt sind. Der beste Mann, der Sexist, der Spion, der Macho, der Romantiker, der Superheld, der Mustermann, das Kind, die Illusion – Bond wird immer das sein, was der Markt von ihm verlangt.

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