© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Sammlung Peter Gauhe

Der strukturierte Chaot

Freitag, 08.10.2021

Die Bundeskunsthalle in Bonn beleuchtet das Filmschaffen von Rainer Werner Fassbinder mit einer großen Ausstellung, die vor allem den Produktionsaspekt ins Zentrum rückt

Diskussion

In der Bundeskunsthalle in Bonn ist bis zum 6. März 2022 die Ausstellung „Methode Rainer Werner Fassbinder. Eine Retrospektive“ zu sehen, die sich insbesondere den Produktionsbedingungen seines fulminanten Schaffens widmet. Auch auf die Zeitbezüge seiner Filme, Drehbücher und Theaterstücke wird ein besonderes Augenmerk gelegt.


„Er war ein Regisseur der Verzweiflung und des starken, intensiven Gefühls – und insofern war er sehr deutsch.“ So charakterisierte der Filmproduzent Günter Rohrbach, der die Serien Acht Stunden sind kein Tag (1972) und Berlin Alexanderplatz (1980) von Rainer Werner Fassbinder produzierte, rückblickend den Filmemacher, der als Schlüsselfigur des Neuen Deutschen Films gilt. Nun widmet die Bundeskunsthalle in Bonn einem der erfolgreichsten Regisseure des deutschen Nachkriegskinos eine ambitionierte Ausstellung: Methode Rainer Werner Fassbinder. Eine Retrospektive ist bis 6. März 2022 zu sehen ist.

Mehr als 850 Exponate, darunter Drehbücher, Briefe, Fotografien, Skizzen, Kalkulationen, Kostüme, Interviews mit Zeitzeugen und persönliche Gegenstände, haben die Kuratoren Susanne Kleine, Hans-Peter Reichmann und Isabelle Louise Bastian für die chronologisch aufgebaute Schau ausgewählt, bei der die Kunsthalle eng mit dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main sowie der Fassbinder Foundation in Berlin zusammenarbeitete. Sie konnten dabei gleichsam aus dem Vollen schöpfen: das DFF hat 2018 den schriftlichen Nachlass Fassbinders übernommen und 2019 ein Fassbinder Center gegründet.

Rainer Werner Fassbinder und Team am Set von „Niklaushauser Fart“ (© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main/Sammlung Peter Gauhe)
Rainer Werner Fassbinder und Team am Set von „Niklaushauser Fart“ (© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main/Sammlung Peter Gauhe)

„Sozialkritik in Kinoplots umgesetzt“

„Fassbinder war einer der einflussreichsten Regisseure der Nachkriegszeit in Deutschland“, sagte die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus, bei der Eröffnung der Ausstellung, die wegen der Corona-Pandemie zweimal verschoben werden musste. In seinen Filmen habe Fassbinder „Sozialkritik in packende Kinoplots umgesetzt“. Die „sehr üppige Ausstellung“ entspreche „seinem unfassbar großen Werk“.

 

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Mehrere Projektionskojen präsentieren Ausschnitte seiner Filme; oft werden dabei ähnliche Sequenzen aus zwei Filmen einander gegenübergestellt. Hier, aber auch beim Flanieren durch die Ausstellung lassen sich die Schlüsselthemen leicht erkennen, mit denen sich Fassbinder immer wieder auseinandergesetzt hat: die Stellung der Frau, Homosexualität, Generationenkonflikte, Aufarbeitung der NS-Diktatur, Terrorismus, Spießertum, Nonkonformität, vor allem aber von Gewaltformen geprägte Liebesbeziehungen.

Wie bei kaum einem anderen Vertreter des Neuen Deutschen Films war das Schaffen von Fassbinder eng mit der deutschen Zeitgeschichte verknüpft, allerdings oft eingebettet in private Konflikte. Dementsprechend begleitet ein 100 Meter langer „Zeitstrahl“ durch die Ausstellung, eine bebilderte Stellwand, die sich durch die gesamte Etage zieht und an zahlreiche Ereignisse aus Politik, Gesellschaft und Kultur von 1945 bis 1982 sowie an wichtige Momente aus Fassbinders Leben erinnert. Sein Schaffen „kann nur im Spiegel der Zeit gelesen werden“, so Kleine. Wenn Fassbinder gesellschaftliche Strukturen und Tendenzen in seinen Arbeiten aufgriff, dann tat er dies zumeist radikal subjektiv, kritisch und provokativ. Kein Wunder, wenn er zeitweise als Bürgerschreck, Berserker und Enfant terrible verschrien war.


Kreative Schaffenswut

Dass Fassbinder, der 1982 mit nur 37 Jahren starb, als Drehbuchautor und Regisseur, Schauspieler, Produzent und Theaterautor zu einem der wichtigsten Repräsentanten des deutschen Films der 1970er- und 1980er-Jahre wurde, lag auch an seiner enormen Produktivität und Effektivität. Zwischen 1966 und 1982 drehte der Autodidakt 45 Filme. Während andere Regisseure vier Jahre für einen Film brauchen, schaffte er in manchem Jahr gleich vier Filme. Fassbinder produzierte oder co-produzierte 26 Filme, schrieb 37 Drehbücher und wirkte an 13 weiteren mit. Er spielte als Darsteller in 19 eigenen Filmen und 21 Filmen anderer Regisseure. Außerdem verfasste der Ausnahmekünstler 14 Theaterstücke und setzte 25 in Szene. Dazu kommen vier Hörspiele. „Dass er das überhaupt alles hervorbringen konnte, das hatte schon etwas von Berühren mit einem Zauberstab, bei allem Fleiß, den er auch hatte“, sagte dazu 2014 Hanna Schygulla, eine seiner engsten Mitarbeiterinnen.

Fassbinders Drehbuch zu „Lili Marleen“ (© Juliane Maria Lorenz-Wehling/Rainer Werner Fassbinder Foundation)
Fassbinders Drehbuch zu „Lili Marleen“ (© Juliane Maria Lorenz-Wehling/Rainer Werner Fassbinder Foundation)

Die Ausstellung arbeitet anschaulich heraus, dass ein solches Arbeitspensum nur mit einer klaren Strukturierung des Produktionsprozesses zu schaffen war. „Er war so fokussiert, dass er beim Dreh schon genau wusste, was er wollte“, berichtet Fassbinders langjährige Editorin Juliana Maria Lorenz-Wehling. Fassbinder habe nie mehr als drei Einstellungen einer Szene gedreht.

Wie präzise der Produzent Fassbinder seine Projekte teilweise sogar parallel vorbereitete und durchrechnete, zeigen mehrere Kostenaufstellungen. So schrieb der Workaholic für das Filmprojekt „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1970) eine genaue Kalkulation, die sich auf 308.300 Deutsche Mark belief. Er selbst sagte 1978: „Was das Filmemachen anbetrifft oder das Arbeiten an sich, da bin ich ein ordentlicher Mensch, ja.“

Die straffe Planung und die effektive Drehpraxis zahlten sich aus. Während andere Regisseure den Drehplan überziehen und das Budget überschreiten, schaffte es Fassbinder bei dem Prestigeprojekt Berlin Alexanderplatz, sagenhafte 39 Drehtage einzusparen. Waren bei der ersten Klappe am 18. Juni 1979 193 Drehtage veranschlagt, so wurde der Plan im folgenden November auf 165 Tage gekürzt. Als die letzte Einstellung an Gründonnerstag, 3. April 1980, im Kasten war, hatten 154 Drehtage ausgereicht.


Strukturierte Arbeitsweise

Fassbinder war also in handwerklicher Hinsicht keineswegs ein Chaot. Vielmehr ging er „sehr strukturiert vor“. Dieses spezifische „methodische Vorgehen“ herauszuarbeiten, so Kleine, ist das Hauptanliegen der Ausstellung. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die sogenannte Fassbinder-Familie aus Schauspielerinnen und Schauspielern, Bühnenbildern und Musikern wie Hanna Schygulla, Irm Hermann, Ingrid Caven, Harry Baer, Kurt Raab und Peer Raben, die immer wieder in seinen Filmen mitwirkten. Mit einigen von ihnen lebte er bereits seit dem Münchner Theaterkollektiv der frühen 1960er-Jahre zusammen. Diesem „Clan“ ist zu Beginn der Schau eine Hommage gewidmet: Die Namen von 150 Filmschaffenden prangen in glitzernden Buchstaben an den Wänden.

Rainer Werner Fassbinder, Luise Ullrich und Werner Finck in „Acht Stunden sind kein Tag“ (© WDR/Rainer Werner Fassbinder Foundation. Foto: Peter Gauhe)
Rainer Werner Fassbinder, Luise Ullrich und Werner Finck in „Acht Stunden sind kein Tag“ (© WDR/Rainer Werner Fassbinder Foundation. Foto: Peter Gauhe)

Vor allem in der ersten Hälfte von „Methode Fassbinder“ dominieren die Vitrinen, erst später wird die Schau mit Kostümen und persönlichen Objekten des Künstlers visuell attraktiver. So erfährt man eingangs, dass der junge Fassbinder Gedichte und kurze Erzählungen schrieb. Zu sehen ist die Sammlung „Im Land der Apfelbäume“ mit Lyrik, Prosa und einem Hörspiel von 1962, die für seine Mutter bestimmt war. Ausgestellt sind auch das Typoskript zu der Kurzgeschichte „Der heilige Wald“ (1962), das preisgekrönte Theaterstück „Nur eine Scheibe Brot“ (1965) oder das Drehbuchfragment „Das kleine Chaos“ (1967) für einen Kurzfilm.

Die Vitrinen werden durch „digitale Leinwände“ ergänzt, auf denen digitalisierte Dokumente zu sehen sind oder „Making of“-Beiträge, etwa zu Despair – Eine Reise ans Licht, 1977 gefilmt von Hellmuth Costard. Große Fotos und Bühnenmodelle werfen zudem Schlaglichter auf die avantgardistische Theaterarbeit des Allround-Talents, etwa als Intendant des Theaters am Turm 1974/75 in Frankfurt am Main.


Stöbern und entdecken

Wer sich in die Inhalte der Vitrinen vertieft, kann so manche Entdeckung machen. So werden zwei handschriftliche Briefe gezeigt, in denen sich Fassbinder und Romy Schneider im August 1975 über mögliche Projekte austauschen. Konkret geht es um die Rolle der Maria Braun und eine Neuverfilmung der Novelle „Immensee“ von Theodor Storm. Hier äußert sich Fassbinder unter anderem über die Kunstform des Melodrams: „(…) Melodramen, da bin ich sicher, sind die einzige Möglichkeit des Films, die Verzweiflung greifbar und erfahrbar zu machen – und das sollte unser Anlauf, unser Anfang sein. Durch Kunst plastisch gewordene Verzweiflung, Angst, Depression sind überwindbar. Eine eigene Art von Lebenshilfe also, oder auch nur eine aufregende Geschichte, wenn man nicht mehr darin sehen will. Und das sollte sie allemal sein, die Geschichte, aufregend und rasant und zärtlich und …“

Entdeckungen ermöglicht ein „Archivraum“ mit Fassbinders privatem Sofa, das der Designer Ubald Klug für die Schweizer Manufaktur de Sede entworfen hat. Von bequemen braunen Lederpolstern aus kann man hier auf drei mal zwei Monitoren anhand von Filmausschnitten manche Inspirationsquelle des Regisseurs daraufhin analysieren, wie er Anregungen von Vorbildern in seine Filmsprache übertragen hat. Etwa bei auffällig ähnlichen Szenenfolgen aus Jean-Pierre Melvilles Klassiker Der eiskalte Engel und Liebe ist kälter als der Tod oder bei einer Sequenz aus Josef von Sternbergs Film Der blaue Engelund Lili Marleen.

Fassbinder bei Dreharbeiten zu „Händler der vier Jahreszeiten“ (© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main/Sammlung Peter Gauhe. Foto: Peter Gauhe)
Fassbinder bei Dreharbeiten zu „Händler der vier Jahreszeiten“ (© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main/Sammlung Peter Gauhe. Foto: Peter Gauhe)

Gleich nebenan wird in einem Wandregal Fassbinders Sammlung wichtiger Filme gezeigt. Brav aneinandergereiht stehen dort 120 VCR-Cassetten mit Filmen von „Der eiskalte Engel“ bis Zu neuen Ufern von Detlef Sierck, die Fassbinder selbst aufgezeichnet hat. Der klobige VCR-Recorder von Philips hat es ebenfalls nach Bonn geschafft.


Materialfundus „Berlin Alexanderplatz“

Ein Highlight der Schau stellt eine Koje zu der berühmten, seinerzeit aber auch umstrittenen Fernsehserie Berlin Alexanderplatz nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin dar. Während eine Vitrine die 14 Drehbücher Fassbinders präsentiert, ertönt aus Lautsprechern die Stimme Fassbinders, der 1979 alle Bücher aus dem Kopf gesprochen und auf Audiokassetten aufgenommen hat. Seine Mutter Liselotte Eder hat die 78 Stunden langen Aufzeichnungen dann mit der Schreibmaschine abgetippt. Die von ihr benutzte Triumph ist in Bonn ebenso ausgestellt wie der originale ITT-Kassettenrekorder.

Neben den vielen Papier- und Filmdokumenten sind auch private Devotionalien zu sehen. Dazu gehören neben dem Sofa die legendäre Lederjacke Fassbinders, das Rennrad „Franzl II“ der Marke Garlatti sowie sein bunter „Bally“-Flipper.

Für den Schluss haben sich die Kuratoren einen Schwerpunkt mit teils opulenten Kostümen aufgehoben, die veranschaulichen, dass Fassbinder zumindest in den aufwändigen späten Filmen großen Wert auf solide Ausstattung legte. Zu sehen sind hier etwa ein cremefarbener Winterwollmantel mit Kragen und Ärmelstulpen aus Ozelotfell, den Hanna Schygulla in Die Ehe der Maria Braun (1978) trug, oder das weiße Sommerkleid aus Organdy mit dunkelblauer Blumenstickerei, mit dem Barbara Sukowa in Lola (1981) auftrat.

Einblick in die Ausstellung in der Bundeskunsthalle (© Bernd Lammel, 2021/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)
Einblick in die Ausstellung in der Bundeskunsthalle (© Bernd Lammel, 2021/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Ein Manko der Ausstellung ist, dass es keine Infotafeln mit Basisinformationen gibt, die prägnant zusammengefasst eine erste Orientierung über Leben und Werk geben. Der 100 Meter lange „Zeitstrahl“ kann das wegen seiner Kleinteiligkeit und Detailfülle nicht leisten. Schade ist auch, dass die Ausstellung – jenseits des Katalogs mit fachkundigen Aufsätzen – darauf verzichtet, fast 40 Jahre nach Fassbinders Tod eine filmhistorische Einordnung zu wagen. Wo steht die Fassbinder-Rezeption heute? Ist die Ikone des deutschen Autorenfilms noch immer so wichtig und einflussreich wie in den 1980er Jahren? Welchen Rang hat sein Werk im Kontext des Neuen Deutschen Films? Das würde nicht nur junge Besucher interessieren, die seine Filme nicht oder kaum kennen, sondern auch Cineasten und Liebhaber seines Werks.


Hinweis

Die Ausstellung „Die Methode Rainer Werner Fassbinder. Retrospektive“ läuft bis zum 6. März 2022. Geöffnet ist sie dienstags und mittwochs von 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet zehn Euro, ermäßigt 6,50 Euro. Für Jugendliche ist der Eintritt frei. Zur Ausstellung ist im Verlag Hatje Cantz ein 271 Seiten starker Katalog erschienen. Die Bundeskunsthalle zeigt im Rahmen der Ausstellung viele Fassbinder-Filme in ihrem Forum und auf der eigenen Streaming-Website.
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