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Filmklassiker: Dune – Der Wüstenplanet (1984)

Montag, 18.10.2021

Die Möglichkeit vieler Filme: Über David Lynchs umstrittene Adaption von Frank Herbert Science-Fiction-Klassiker

Diskussion

Über David Lynchs „Dune – Der Wüstenplanet‟ zu erzählen, bedeutet auch immer, darüber zu erzählen, was er nicht ist oder was er hätte sein können. Der Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1984 gilt als Flop und wurde weder von Kritikern noch Publikum noch dem Regisseur selbst geschätzt, der hier nicht das Recht hatte, die finale Schnittfassung zu überwachen. 37 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist der Film am 14.10.2021 beim Label Koch Media noch einmal in neuer Pracht erschienen, passend zum Start von Denis Villeneuves Neuadaption der berühmten Romanvorlage von Frank Herbert aus dem Jahr 1966; im Februar 2022 kommt zudem mit einer „Ultimate Edition“ noch ein besonders üppiges Fan-Paket auf den Markt. Und weil man sich so viel Mühe mit dieser Ausgabe gegeben hat, sowohl in technischer Hinsicht als auch mit Blick auf die begleitenden Dokumentationen, Interviews und alternativen Fassungen, wird umso deutlicher, dass „Dune‟ viel mehr ist als ein fertiggestellter Film. Er ist die Möglichkeit vieler Filme, eine Zusammenstellung von Fragmenten.


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David Lynch gab den Sandwürmern den Vorzug vor den Jedi-Rittern

Mit seinem dunkel-bedrohlichen „Eraserhead‟, der bald zum Standardrepertoire von „Midnight Movie“-Slots wurde, setzte David Lynch 1977 ein erstes Ausrufezeichen, für „Der Elefantenmensch‟, die schaurig-authentische Geschichte eines deformierten Mannes, der als Monster zur Schau gestellt wird, wurde er drei Jahre später für den „Oscar“ nominiert. Ausgerechnet diesem Nachwuchsregisseur bot man schließlich an, die Inszenierung von Herberts erstem „Dune‟-Roman zu übernehmen, ein Projekt, an dem im Jahrzehnt zuvor unter anderem schon Alejandro Jodorowsky (in Zusammenarbeit mit dem französischen Comickünstler Jean Giraud/Moebius) gescheitert war. Lynch sagte zu, nachdem er kurz zuvor das Angebot abgelehnt hatte, bei „Die Rückkehr der Jedi-Ritter‟ Regie zu führen.

Immerzu wird betont, dass es Produzent Dino de Laurentiis genau um Lynchs eigene Handschrift und seinen besonderen Blick ging. Nur: „Eraserhead‟ hatte de Laurentiis damals noch nicht gesehen – und damit zunächst keine Ahnung, wie abgründig und surreal die Bildwelten von Lynch im Kern sind und wie sehr dessen Filme viel mehr über Assoziationen, Andeutungen und Sound funktionieren als über eine klassische Erzählweise.


"Dune" (© Koch Media)
"Dune" (© Koch Media)

Stets ist in „Dune‟ zu spüren, dass Lynch sich hier in eine Welt vorgewagt hat, die sich deutlich von seinen anderen Filmen unterscheidet. Die überschaubaren Geschichten aus der Nachbarschaft sind einem Epos in einer riesigen Galaxie gewichen, die äußeren Schauwerte bestimmen die Handlung. Der Teenager Paul Atreides, gespielt von Kyle MacLachlan, der eigentlich schon viel zu alt für diese Rolle war, muss mit seiner Familie aus politischen Gründen auf den lebensfeindlichen Planeten Arrakis umziehen, um dort den Abbau des Spice-Rohstoffs zu überwachen, ohne den Raumfahrt nicht möglich wäre. Doch die Versetzung der Herrscherfamilie erweist sich als Intrige. In Wirklichkeit geht es dem Imperator nur darum, das ungeliebte Haus Atreides durch das Haus Harkonnen vernichten zu lassen. Den Angriff der Feinde überlebt Paul nur, weil er von seiner Mutter, die einer quasireligiösen weiblichen Gemeinschaft angehört, trainiert wurde – und er offenbar der Heilsbringer ist, der gemäß alter Prophezeiungen erwartet wird und die Ureinwohner auf dem Wüstenplaneten im Kampf gegen ihre Ausbeuter anführen wird.

Ein junger Mann, der von beängstigenden Visionen getrieben wird

„Dune‟ besticht vor allem durch seine Schauwerte: das prächtige Szenenbild von Anthony Masters („2001‟), die visuellen Effekte und Miniaturen von Emilio Ruiz del Rio, die aus gegenwärtiger CGI-geprägter Sicht noch einmal in anderem Licht erscheinen, die Maskeneffekte von Carlo Rimbaldi („E.T.‟). Wohl aber gibt es einiges, was nicht funktioniert. Unbeholfen bemüht sich „Dune‟ mit vielen Voice-Over-Einspielungen und Dialogerklärungen darum, die komplexe Handlung, die zahlreichen zentralen Figuren sowie deren Motive verständlich zu machen. Man befürchtete offensichtlich, dass sich das Publikum in dieser Welt nicht zurechtfindet. Dazu passt auch, dass der Film sich zum Ende hin deutlich von den Figuren abwendet und nur noch auf Action setzt, den eigentlichen Konflikt aber aus den Augen verliert. Dabei war es doch gerade Paul Atreides, der Lynch so interessiert hat: ein junger Mann, der von beängstigenden Visionen getrieben wird, der in seinen Träumen mehr sieht als andere, und der die Rolle als Messias, in die er gedrängt wird, keineswegs so freudig annimmt, wie es letztlich im Film dargestellt wird.

Kyle Maclachlan (© Koch Media)
Kyle MacLachlan (© Koch Media)

So gibt es immer wieder Szenen, die man regelrecht ausblenden muss: das beschönigende Ende etwa, in dem Regengüsse über dem Wüstenplaneten niedergehen, aber auch manch campige Augenblicke, die im schlimmsten Fall homophob wirken. Über Sting, der als Pauls Gegenspieler Feyd Rautha aus der Dusche kommt und nichts trägt als eine aberwitzige Unterhose mit Flügeln – nackt wollte man ihn in einem PG-13-Film nicht zeigen – kann man herzlich lachen. Über den lüsternen aufgedunsenen Widerling Vladimir Harkonnen, der sich auf einen schmächtigen Jüngling stürzt und sich diesen geradezu einverleibt, während den heterosexuellen Figuren sanfte Liebesszenen gegönnt werden, lässt sich das nicht mehr sagen.

Vom Wurm-Fötus-Hybrid zur Katzenmelkmaschine

Dafür ist es spannend, den Lynch-Spuren in diesem Mainstream-Film zu folgen, vom dumpfen, bedrohlichen Dröhnen auf der Tonspur, das durch den Bauch wirkt, schon ganz zu Beginn, bis hin zur Faszination Lynchs für das Monströse. Eigentlich ist es schon überraschend, welche Schreckensbilder es trotz aller künstlerischen Unstimmigkeiten doch in den Film geschafft haben – von dem Gildennavigator, einem riesigen schwimmenden Wurm-Fötus-Hybrid, zur sadistischen Katzenmelkmaschine, von den Harkonnen-Dienern, denen Augen oder Ohren zugenäht wurden, bis zum Energydrink, für den eine Maus im Glas zerquetscht wird. In solchen Momenten wird deutlich, wie sehr sich „Dune‟ als Anti-„Star Wars‟ geben wollte.

Vor allem aber sticht aus der Inszenierung der Heimatplanet des Hauses Harkonnen hervor, der von Industrieanlagen geprägt ist. Da knarzt und scheppert es, da wird gefeuert, Rauch steigt empor, mechanische Maschinen pumpen – der Ort ist für Lynch ein großer Spielplatz, an dem er sich sichtlich wohl fühlt und der viel stimmiger und visuell aufregender wirkt als die barocke Umgebung des Palasts des Imperators mit seinem Personal. Und die wenigen Bilder eines fallenden Wassertropfens, der eine stille Oberfläche stört, vermitteln eine Ahnung davon, wie hier auch mehr mit suggestiven Bildern gearbeitet hätte werden können.

Anti-"Star Wars": In "Dune" blitzt die Lust am Makabren durch (© Koch Media)
Anti-"Star Wars": In "Dune" blitzt die Lust am Makabren durch (© Koch Media)

Er habe sich nie für Science-Fiction interessiert, gibt David Lynch offen zu – ganz im Gegensatz zu Denis Villeneuve, der „Dune‟ nun neu adaptiert hat und seit seiner Kindheit Science-Fiction-Filme machen wollte. Beide haben ganz ähnliche Szenen aus der Romanvorlage herausdestilliert und greifen manchmal auf dieselben Dialoge zurück. Aber doch wirken die Filme ganz anders. Bild- und tongewaltig ist die Version von Villeneuve geworden, farblich fast monochrom, sehr auf Paul Atreides konzentriert und mit einer zwar nur sehr kurz zu sehenden, aber doch viel stärker und selbstbewusster auftretenden weiblichen Heldin (Zendaya). Wobei Villeneuve freilich auch den Film machen durfte, den er wollte und in einer Laufzeit von 165 Minuten bislang nur die erste Hälfte von Herberts Roman unterbringen musste (Teil 2 ist schon in Arbeit), während Lynch das gesamte Buch in einer kürzeren Fassung unterbringen musste. Lynchs Vision existiert nur in Fragmenten. Es wäre wohl ein Film geworden, der im Science-Fiction-Rahmen auch tief in die Psyche des Protagonisten vorgedrungen wäre und den Aspekt des (Alb-)Traums herausgearbeitet hätte.

Fragmentarisches Material, mit dem gespielt werden kann

Befeuert durch den Misserfolg an den Kassen sind um die Lynch-Version mehrere Versuche entstanden, die bestehende Fassung zu retten oder aufzuwerten, zunächst eine knapp dreistündige Fassung für das Fernsehen, in die zuvor geschnittenes Material wieder integriert wurde. Lynchs Namen allerdings darf diese „extended version‟ nicht tragen; dieser „Dune‟ ist nur noch ein „Alan Smithee‟-Film. Auch diese flankiert nun auf der umfangreichen Ultimate Edition von Koch Films Lynchs ungeliebte und umstrittene Originalfassung. Aber viel spannender ist, dass nicht nur auf die offiziellen Quellen zurückgegriffen wurde: Eine weitere Blu-ray-Disc enthält den Fan Edit „Alternative Edition Redux‟ von Spicediver, der bereits in seriösen Filmpublikationen häufiger genannt wurde. Weil von Lynch keine definitive Fassung von „Dune‟ zu erwarten ist (und auch gar nicht möglich wäre, weil viele von Lynchs Wunschszenen schon in der Drehbuchphase gestrichen und nie gedreht wurden), liegt es am Publikum, an den Fans, mit dem vorliegenden Material zu spielen. „Zu versuchen, die vielen Schwächen zu minimieren, die vielen Stärken herauszustellen und – in meinem Fall – zu versuchen, auch etwas Neues hinzuzufügen‟ – so formuliert es Spicediver im Vorwort zu seiner dritten Schnittfassung des Films aus dem Jahr 2012. Regen über Arrakis gibt es hier jedenfalls nicht.

Es ist einer der seltenen Fälle, in denen eine Prestige-Veröffentlichung sich mit einer inoffiziellen, außerhalb der Filmstudios entstandenen Schnittfassung darum bemüht, die Möglichkeiten eines Films abzubilden. Wenn Lynchs „Dune‟-Fassung ab 2021 ohnehin immer im Schatten der Neuadaption von Denis Villeneuve stehen wird und sich mit diesem vergleichen lassen muss, ist es diese kuratorische Entscheidung, die zusammen mit dem erschöpfenden bekannten sowie neu produzierten Bonusmaterial, in dem immer wieder überraschend offen über die Fehler des Films gesprochen wird – große Lust macht, noch einmal auf Lynchs Arrakis zu reisen.



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