© Lee Film/Film i Väst (aus „Mama Gorilla“)

Chemnitz strahlt: Das 26. „Schlingel“-Filmfestival für Kinder und junges Publikum (9.10.-16.10.2021)

Montag, 18.10.2021

Diskussion

Bereits zum 26. Mal öffnete in diesem Oktober das „Schlingel“-Festival seine Kinotüren. Das „Internationale Filmfestival für Kinder und junges Publikum“ ist eines der größten Festivals für den Kinder- und Jugendfilm überhaupt. Entsprechend breit und vielfältig war das Filmprogramm, auch wenn man sich in Chemnitz nicht so aktiv mit diesen Lorbeeren schmückt.


Wie soll man solche Vielfalt unter das Dach eines einzigen Themas setzen? Wie soll man fast 200 Filme allein in den Wettbewerben so subsumieren, dass die Unterschiede nicht sogleich aus allen Nähten hervorquellen? Es ist beim Blick aufs diesjährige Schlingel-Programm (9.10.-16.10.2021) leichter, die Unterschiede und Bandbreite zu benennen, als ein durchdringendes Thema zu finden. Es gab Kinder- und Jugendfilme von allen Kontinenten zu sehen, aus dem Iran und aus Kanada, aus Australien und Argentinien. Europäische Filme waren natürlich stark vertreten, wobei das „Schlingel“-Filmfestival traditionell einen Schwerpunkt auf Osteuropa legt und in diesem Jahr mit einem Länderfokus noch einmal genauer auf Russland schaute.

Von dort gab es viel Sport zu sehen, etwa „Frauen am Ball“ über eine junge Fußballspielerin oder „Kleiner Kämpfer“, in dem ein 13-Jähriger eine Karriere als Sumo-Ringer anstrebt. Aber eben auch die mit vielen Computereffekten aufgepeppte Neuverfilmung des Märchens vom buckligen Pferdchen: „Magic Roads – Auf magischen Wegen“ war in Chemnitz zum ersten Mal außerhalb von Russland zu sehen, wird aber schon bald hierzulande auch auf DVD erscheinen.


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Vormittage gehören den Schulklassen

Nicht alles, was auf dem „Schlingel“ gezeigt wird, gibt es dann später auch für eine breitere Öffentlichkeit in ganz Deutschland zu sehen. Daher gehört es auch zum Festival, das Zielpublikum in Scharen ins örtliche Kino zu holen. Die Werktag-Vormittage gehören ausschließlich den Schulklassen aus der Umgebung, die an mehreren Spielstätten in Chemnitz und Zwickau die Säle füllen.

Schon 2020 hatte das Festival den Corona-Widrigkeiten mit einem eigenen Hygienekonzept getrotzt, auch diesmal setzten Festivalleiter Michael Harbauer und sein Team ganz auf Präsenz. Direkt neben dem Eingang zum Hauptkino, dem CineStar in der Galerie Roter Turm (ein Einkaufszentrum, das sich das äußere Erscheinungsbild einer Burg gegeben hat) erlaubte ein Testzentrum auch spontane Kinobesuche.

Im Himmel ist auch Platz für Mäuse (© Charades)
"Im Himmel ist auch Platz für Mäuse" (© Charades)


Kleinode unter den Animationsfilmen

Im Sinne einer freundlichen Koexistenz mit dem „DOK Leipzig“, das eine eigene Kindersektion betreibt, verzichtet das Festival bewusst darauf, Dokumentarfilme zu präsentieren; aus dem gleichen Grund spielt auch Animation hier zumindest im Bereich der Langfilme keine herausragende Rolle. Gerade einmal sechs reine Animationsfilme gab es zu sehen, darunter allerdings Kleinode wie den gerade auf dem „Lucas“-Festival und nun auch beim „Schlingel“ mehrfach ausgezeichneten „Im Himmel ist auch Platz für Mäuse“ (eine tschechisch-französisch-polnisch-slowakische, also wirklich europäische Koproduktion) sowie den neuen Film von Linda Hambäck, der Regisseurin von „Kommissar Gordon & Buffy“: „Mama Gorilla“ (oder wie er auf einigen anderen Festivals hieß: „Ich, Gorilla und der Affenstern“), ausgezeichnet mit dem Preis des Club of Festivals in der Kategorie „Kind“.

In diesem mit einfachen, klaren Strichen gezeichneten Animationsfilm wird das kleine Waisenmädchen Jonna von der sehr mütterlichen Gorilla adoptiert. Nachdem sie der Affenfrau zunächst sehr skeptisch und ängstlich gegenübersteht, wachsen die beiden einander immer mehr ans Herz. Das wird dann zum Problem, als der Bürgermeister der Kleinstadt auf Gorillas Schrottplatz ein Freibad errichten will – und als Druckmittel damit droht, die Adoption anzufechten.

Das alles ist so zurückhaltend wie geruhsam für ein sehr junges Publikum ab 5 Jahren erzählt, versteckt darin aber zahlreiche Themen: Vorurteile, patriarchale Machtstrukturen, Freundschaft und Freiheit. Zugleich ist „Mama Gorilla“ kaum mit klassischen Genre-Beschreibungen einzupassen, zu sehr ist er bei allen dramatischen Konflikten einfach eine sehr vergnügliche Beobachtung einer sehr ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung.


Herzhafter Umgang mit Genre-Motiven

Andere Filme vom „Schlingel“ hingegen greifen erfreulich herzhaft zu Genre-Motiven, um ihre Geschichten zu erzählen. Neben den erwähnten Sportfilmen fanden sich Sozialdramen wie der bemerkenswert gelassene marokkanische Film „Mica“ über ein junges Tennistalent – oder eine Kung-Fu-Abenteuergeschichte innerhalb eines täuschend echten Videospiels im (dramaturgisch leider stark schwächelnden) „Kung Fu Girl“ aus China. Besonders das Genre des Road Movies bietet sich für den Jugendfilm immer wieder an, weil ihm das Thema der persönlichen Weiterentwicklung ebenso geradezu zwingend innewohnt wie der Aufbruch in die weite Welt. Das „Schlingel“-Festival zeigte dazu noch einmal den australischen „Moon Rock für Monday“, der jetzt hier auch in die Kinos kommt, und mit „The Short History of the Long Road“ einen Film, in dem die gemeinsame Wanderschaft einer Tochter mit ihrem Vater durch seinen plötzlichen Tod unterbrochen wird – und Nola dann auf einmal gezwungen ist, ihren eigenen Weg zu suchen (und möglicherweise ihre Mutter gleich auch noch dazu).

Elise und das vergessene Weihnachtsfest (© Capelight)
"Elise und das vergessene Weihnachtsfest" (© Capelight)

Überhaupt: Wenn man nach einem immer wiederkehrenden Thema oder Motiv in den Filmen des diesjährigen „Schlingel“ sucht, sind es womöglich die alleinerziehenden Eltern. Ob in den zuletzt genannten zwei Filmen, in der finnischen Weltpremiere „Vinski und das Unsichtbarkeitspulver“ oder in der deutschen Märchenverfilmung „Zwerg Nase“ (der in Chemnitz ebenfalls das allererste Mal zu sehen war), ob im Outback-Abenteuer „Buckley’s Chance“ oder im Weihnachtsfilm „Elise und das vergessene Weihnachtsfest“: Immer wieder strampeln sich da Väter oder Mütter allein mit der Erziehung des Nachwuchses ab.

Am besten wirkt dieses Motiv dann, wenn es eine enge und überzeugende Dynamik zwischen dem einen Elternteil und einem Kind ermöglicht, ökonomisches Erzählen gewissermaßen, das auf Komplikationen durch eine weitere Person verzichtet.


Eltern gegen Influencer

Das funktioniert zum Beispiel in der italienischen Komödie „Parents vs Influencer“ recht gut: Papa ist Philosophielehrer an einer Privatschule in Rom, ein Mensch der Bücher, ein wenig traditionell. Die Teenager-Tochter Simone hingegen (benannt nach de Beauvoir) strebt eine Karriere als Influencerin an, ihr Vorbild ist die Insta-Queen Ele-O-Nora. Es geht ein wenig hin und her, Papa wird zum „Anti-Influencer“, der natürlich selbst Influencer ist, dem Online-Zoff mit Ele-O-Nora folgt die Versöhnung und dann sogar mehr...

Michela Andreozzis Film ist alles andere als perfekt, er folgt eher einem Sitcom-Muster, getragen aber wird es von den beiden Hauptfiguren, Simone und ihrem Vater Paolo, die hier streiten, sich versöhnen, in den Konflikten mehrfach die Seiten wechseln. Das bleibt stets authentisch, sodass man dem Film vielen anderen Unsinn vergeben mag.

Es sind diese emotional ehrlichen Momente und Charakterisierungen, die die besten Filme in Chemnitz auszeichneten – von der Stop-Motion-Animation für kleine Kinder bis zu den härteren Sozialdramen vom Schlage eines „A Brixton Tale“, das den Chemnitzer Publikumspreis verliehen bekam. Bitte mehr davon!

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