© imago/Gerhard Leber (Georg Stefan Troller)

Spiel mit der Wahrheit - Georg Stefan Troller

Samstag, 11.12.2021

Am 10. Dezember 2021 wurde Georg Stefan Troller 100 Jahre alt. Das Filmarchiv Austria ehrt den Journalisten und Filmemacher mit einer umfangreichen DVD-Jubiläums-Box

Diskussion

Am 10. Dezember 2021 wurde Georg Stefan Troller 100 Jahre alt. Der Wiener Journalist und Filmemacher hat die Kunst des dokumentarischen Porträts mit seinen Arbeiten fürs Fernsehen seit den 1960er-Jahren geprägt und einen unverwechselbaren Stil erschaffen. Sein subjektiver Blickwinkel wurde ebenso zum Markenzeichen wie seine filmischen Experimente. Doch auch seine eigenen Erfahrungen als Heimatloser flossen immer wieder mit ein. Eine DVD-Box versammelt nun 26 seiner Filme aus den Jahren 1962 bis 1992, an deren Auswahl Troller selbst beteiligt war.


Georg Stefan Troller sieht es als Aufgabe des Dokumentarfilms an, immer wieder neue Formen der Wirklichkeitsauslegung zu entwickeln. Entsprechend war er nie ein Purist wie Klaus Wildenhahn oder Hans-Dieter Grabe. Im Gegenteil: Trollers Filme sind ungezügelt. Sie zelebrieren die Lust am sprachlichen und visuellen Ausdruck – und an dokumentarischen Grenzgängen. Zum Markenzeichen wurde seine markante Stimme, sein „Plauderbaß“ (Walter Jens), der seine Filme unverkennbar macht. Man „hört“ sofort, dass man einen Film Trollers sieht.

Wolf Donner nannte Troller 1976 in der „Zeit“ „einen exotischen Vogel im ausgewogenen, sterilisierten Programm“. Im heutigen durchformartierten Fernsehen hätte Troller, der schon in den 1970er-Jahren offenbar eine Ausnahmeerscheinung war, keinen Platz mehr. Insofern zeigen seine Filme auch, was Fernsehen einmal war, was Fernsehen sein könnte.

Georg Stefan Troller (r.) und seine Alter ego Alexander Pschill (Kick Film)
Georg Stefan Troller (r.) und seine Alter ego Alexander Pschill (© Kick Film)

Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag am 10. Dezember 2021 erscheint nun eine von Ernst Kieninger im Filmarchiv Austria herausgegebene DVD-Box mit 26 Filmen und Beiträgen aus den Jahren 1962 bis 1992 sowie dem Dokumentarfilm Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller (2021) von Ruth Riesner. Das ermöglicht eine Wiederentdeckung eines der produktivsten und kreativsten deutschsprachigen Fernsehdokumentaristen.

1938 von den Nazis aus Wien vertrieben, gelangte Troller 1941 nach jahrelanger Flucht quer durch Europa in die USA. 1943 folgte dann eine erste Rückkehr nach Europa: als US-Amerikaner und GI. Später studierte er in der USA und landete 1949 in Paris. Anfang der 1960er-Jahre wechselte er vom Hörfunk zum Fernsehen.


Experimentierfreudig schon beim „Pariser Journal“

Trollers Experimentierfreude erkennt man bereits im „Pariser Journal“, das für ihn zunächst nicht mehr als ein „buntscheckiges Konglomerat“ war. 1962 übernahm er die Sendung von Norbert Mai und prägte sie nachhaltig; er machte es zu „seinem“ Magazin. Bis 1971 realisierte Troller für den WDR 50 Ausgaben, in denen sich vielfältige Reportagen, Erklärstücke und zunehmend vor allem Kurzporträts von Künstlern, Literaten, Exzentrikern und Außenseitern finden.

Das „Pariser Journal“ steht in der Tradition bekannter Auslands-Reihen wie „Bilder aus der neuen Welt“ (1955-1960) von Peter von Zahn oder Walter Bergs „Gesichter Asiens“ (1959-1986), die von der subjektiven Sicht ihrer Reporter geprägt sind. Doch Trollers „Journal“ unterschied sich mit seinem Gestaltungswillen und seiner zunehmenden Fokussierung auf Porträts wesentlich von ihnen. In gewisser Weise war das „Journal“ ein Übungsfeld für Troller, auf dem er neue Ansätze und Formen ausprobierte, bis er seine Formsprache fand. Die stilistische Vielfalt ist heute noch beeindruckend.

In der DVD-Edition des Filmarchiv Austria finden sich lediglich sieben Beiträge aus dem „Pariser Journal“, etwa die über Edith Piaf oder Josephine Baker. Der ebenfalls auf der DVD unter dem Reihentitel aufgeführte essayistische Film „Am Rande der bewohnbaren Welt. Das Leben des Dichters Arthur Rimbaud“ (1971) zählt eigentlich nicht dazu. Der Magazincharakter und damit der ursprüngliche Formatzusammenhang gehen mit der Auswahl einzelner, losgelöster Beiträge verloren. Das ist gerade für fernsehhistorisch Interessierte sehr schade. Vor allem aber wird so kaum ersichtlich, wie sehr das Journal als Experimentierfeld Trollers begriffen werden kann.

Das Porträt "Muhammad Ali - Das lange Weg zurück" drehte Troller 1974 (ZDF/Ron Frehm)
Das Porträt "Muhammad Ali - Das lange Weg zurück" drehte Troller 1974 (© ZDF/Ron Frehm)

Mit dem in den 1960er-Jahren aufkommenden – vor allem in Deutschland auch stark politisch engagierten – „Direct Cinema“ konnte oder wollte Troller nicht viel anfangen (obwohl beispielsweise „Begegnung im Knast“ oder „Stan Rivkin – Der letzte der Kopfgeldjäger“ deutlich davon inspiriert sind). Umgekehrt kritisierte beispielsweise Klaus Wildenhahn, dass „das Formale“ bei Troller „zum sich selbständig machenden Inhalt“ werde. Das Paris des „Pariser Journals“ sei nicht mehr als ein „synthetisch verkürztes Traumland“.

In der „Personenbeschreibung: Bob Graham und Big Jim – Gewalt ist so amerikanisch wie Eiskrem“ (1976) greift Troller solche Vorbehalte selbstbewusst auf. So heißt es im Eingangskommentar: „Fangen wir gleich mit dem dicken Ende an: dieser nette Junge ist der uneheliche Sohn eines Millionärs – und sogar eines Multimillionärs – und noch dazu in Südkalifornien, wo man Spaß am Leben hat, statt es gebührend ernst zu nehmen. Also weder arm, noch ausgebeutet, noch schwul, noch Knast. Mit anderen Worten: dies kann kein seriöser Dokumentarfilm werden. Und jetzt setzen Sie sich bequem zurück, freuen Sie sich am Spektakel und suchen Sie nicht überall eine tiefere Bedeutung!“


Der unverwechselbare Stil der „Personenbeschreibungen“

Aus den Formspielen des „Pariser Journals“ entwickelte sich ein eigener Stil, die persönliche Handschrift, die Trollers „Personenbeschreibungen“, die er von 1972 bis 1993 für das ZDF realisierte, so unverwechselbar machen. Die 70 Porträts basieren zumeist auf ausführlichen Interviews, auch wenn vieles daraus von Troller erzählend in seinem Kommentar wiedergegeben wird. So führen indirekte Zitate, Beschreibungen, selbstreflexive Verweise auf die Drehsituation, Interpretationen und Reflexionen sowie Beobachtungen, reportagehafte Sequenzen und Interviews zu einer Melange, die immer Trollers Blick auf seine Protagonisten spiegelt und Trollers Wahrnehmung der Person. Es ist nicht immer ist es ein positives Bild, das er zeichnet; aber nie führt er jemanden vor. Dennoch versucht er mit seinen Fragen, das Gegenüber aus der Reserve zu locken.

16 dieser „Personenbeschreibungen“ sowie zwei weitere, ursprünglich nicht im Rahmen dieser Reihe gesendete Produktionen („Die rote Jungfrau: Aus dem Leben der kommunistischen Mystikerin Simone Weil“ und „Stan Rivkin – Der letzte der Kopfgeldjäger“), finden sich in der DVD-Box, die in enger Absprache mit Troller entstand.

Traumnah: Eine Woche im Leben von "Isabella Rosselini" (ZDF/Phoenix/BR/Kick-Film)
Traumnah: Eine Woche im Leben von "Isabella Rosselini" (© ZDF/Phoenix/BR/Kick-Film)

Da Trollers Zugang zur „inneren Wahrheit“ eine bewusste Gestaltung ist, versteht er seine Protagonisten immer auch als Figuren, genauer: als Spielfiguren. Die Spiel-Metapher verwendete Troller auffällig oft zur Beschreibung seiner Methode, die er mit einer Spielmöglichkeit für den Protagonisten verglich. Troller spielt mit seinen Protagonisten, er arrangiert Ereignisse und Begegnungen, wenn diese ihm helfen, die Porträtierten „aufzubrechen“. Insbesondere die Interviewszenen sind oft bewusst auf zentrale Aussagen und Momente hin verdichtet: „Man kann mit der Wahrheit spielen, jonglieren, phantasieren, das ist erlaubt. Man darf keine falschen Tatsachen bringen. Aber dazwischen ist eine Gummigrenze.“


Semi-dokumentarisches und die „Selbst-Beschreibung“

Troller hat auch schon früh semi-dokumentarische Formen ausprobiert. So schrieb er die Drehbücher zu zwei Dokumentarspielen von AxelCorti (Ein junger Mann aus dem Innviertel – Der junge Hitler und Der junge Freud) oder verfilmte mit Selbst-Beschreibung (2001) seine eigene Biografie. Der Clou: Der Film ist ein ironisches Selbstgespräch in verteilten Rollen. Troller stellt aus dem Off Fragen an sich selbst – vielmehr an seine jugendliche Verkörperung durch den Schauspieler Alexander Pschill. Es sind Fragen zu seinem Leben, die sein jugendliches Ich reflektiert beantwortet. Die „Figur“ Troller stellt aber seinerseits auch Fragen an ihr Alter Ego oder kommentiert. Die Figur ist also – wie bereits in „Der junge Freud“ – nicht an die erzählte Zeit gebunden.

Viele Filme Trollers – insbesondere aus der Reihe „Personenbeschreibung“ – sind geprägt vom außergewöhnlichen visuellen Stil des Kameramanns Carl-Franz Hutterer und der Schnittmeisterin Elfi Kreiter. Die Kamera umkreist den Protagonisten, der Schnitt treibt durch Ellipsen und teilweise auch durch die Verdeckung von Orts- und Zeitsprüngen voran (etwa in „Ron Kovic – Warum verschwindest Du nicht?“ oder in „Bullenreiter – Die längsten acht Sekunden der Welt“). Obwohl viele der Filme dramaturgisch eher konventionell sind, zeigt sich hier eine große stilistische Virtuosität: „Die Bildarbeit hat mich immer viel mehr interessiert als das blöde Texten, das man bei mir immer hervorhebt.“

Aus: "Auslegung der Wirklichkeit - Georg Stefan Troller" (RR-Filmproduktion)
Aus: "Auslegung der Wirklichkeit - Georg Stefan Troller" (© RR-Filmproduktion)

Die Porträts spiegeln seine Erfahrungen als Heimatloser

Auch wenn Kunst und Literatur wichtige Aspekte seiner Filme sind (auch außerhalb des „Pariser Journals“ und der „Personenbeschreibung“ wie beispielsweise in „Am Rande der bewohnbaren Welt. Das Leben des Dichters Arthur Rimbaud“ oder „Karl Kraus – verhaßt, verliebt“), so sind sie oft nicht das eigentliche Thema. Auf subtile Weise spiegeln sich in den Porträts und biografischen Dokumentationen Trollers Erfahrungen als Heimatloser, als Heimatsuchender – als „Emigrant auf Lebenszeit“.

Troller ist dabei nicht (so sehr) an Lebensgeschichten interessiert (wie Hans-Dieter Grabe), als an den Selbst-Ergründungen seiner Protagonisten, an „der Essenz eines solchen Lebens“. Dabei seien ihm „die Filme mit völlig Unbekannten, möglichst in dramatischen Situationen“ am liebsten, wie er einleitend im Booklet zur DVD-Box schreibt. Seine eigene Emigrationsgeschichte verarbeitete er in den autobiografisch stark geprägten Drehbüchern zu Axel Cortis Fernsehfilmtrilogie Wohin und zurück(1982-1986).

Vor Trollers biografischem Hintergrund ist es allerdings überraschend, dass das Thema Drittes Reich/Holocaust keine dominante Rolle in seinem Werk spielt. Aufgegriffen wurde es zum Beispiel in Folge 28 des „Pariser Journals“ (1963), in „Art Spiegelman – Von Katzen und Mäusen“ (1988) oder „Niklas Frank – Der Sohn des Mörders“ (1992).

Georg Stefan Troller zeichnet für über 170 Produktionen verantwortlich. Die 26 Filme der DVD-Box können daher nur einen kleinen Einblick in das umfassende Werk des ersten Ehrenpreisträgers des „Deutschen Dokumentarfilmpreises“ geben. So finden beispielsweise seine Semi-Dokumentationen oder das Spätwerk keinerlei Berücksichtigung. Man kann daher nur hoffen, dass sich weitere Editionen anschließen.




Diskografischer Hinweis

Georg Stefan Troller (Jubiläums-DVD-Box). 6 DVDs mit Booklet, die 27 Filme umfassen. 840 Min. 29,90 EUR. Bezug: Filmarchiv Austria

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