© Niko Tavernise/Netflix (aus: "Don't Look Up")

Im Zeitalter der Verdummung

Sonntag, 26.12.2021

Ein Porträt des Regisseurs Adam McKay als einem Chronisten der politischen Infantilisierung

Diskussion

Der 1968 geborene Filmemacher Adam McKay wurde lange als Regisseur alberner Komödien um infantile Männer unterschätzt. Die darin schon erkennbare Satire auf fatale gesellschaftliche Entwicklungen in den USA tritt seit „The Big Short“ (2015) deutlicher in den Vordergrund. Inzwischen lässt sich McKays Ansatz als politisches Aufbegehren gegen den Siegeszug der Dummheit in der US-amerikanischen Politik verstehen. Mit seinem neuen Film „Don’t Look Up“ (bei Netflix) legt er ein wütendes Manifest über Ignoranz vor.


„Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit“, schrieb einst Mark Twain. Die berüchtigte Boshaftigkeit des großen schreibenden Menschenkenners dürfte auch all jenen vertraut vorkommen, die sich nicht um Literatur scheren. Schließlich muss man nur die täglichen Nachrichten verfolgen, um das angewandte Recht auf Dummheit in Vollendung zu bewundern. Ein steter Protagonist der mal strategisch gesäten, mal erstaunlich ignoranten Volksverblödung ist seit mindestens zwanzig Jahren die USA. Das Mutterschiff kapitalistischer Abhängigkeit hat mit dem Amtsantritt von George W. Bush im Jahr 2001 allerdings auch einen Chronisten des politischen Versagens, der medialen Pervertierung und des männlichen Infantilismus auf den Plan gerufen: den Regisseur Adam McKay.

Acht Spielfilme hat der Polit-Filmer in den Amtszeiten von vier Präsidenten seit 2004 gedreht. Alle dokumentieren historische Prozesse, die die Glaubwürdigkeit des Amerikanischen Traums beendeten. Was nicht ganz stimmt; denn es sind fiktionale Komödien. Fiktional, weil sie die Wahrheit als Komödien verkleiden. „Wenn du den Menschen die Wahrheit sagst, sei lustig oder sie bringen dich um“, wusste schon Billy Wilder. Komödien sind ein historisches Genre im Hollywoodkino. Filmemacher wie Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Jerry Lewis gehören zu ihren großen Vertretern. Manchmal gibt es heute noch Komödien, aber sie sind genauso rar gesät wie Western oder Melodramen. Vielleicht liegt das daran, dass alles viel zu lächerlich ist, um noch lachen zu können. So muss man es zumindest der Karriere von Adam McKay entnehmen, der im Umfeld von improvisierten Stand-up-Gruppen und „Saturday Night Live“ groß wurde.


Aus den Fugen

Seine ersten fünf Spielfilme Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy, „Ricky Bobby – König der Rennfahrer, „Die Stiefbrüder,Die etwas anderen Cops und Anchorman – Die Legendekehrt zurückumarmen mit großer Lust sämtliche Möglichkeiten des Genres. Man lacht weniger über ausgeklügelte Gags, sondern aufgrund der aus den Fugen geratenen Verhaltensweisen bestimmter Figuren. Oftmals passen Worte und Taten in keiner Weise zur Situation. Die Welt wird durch einen Filter betrachtet, der Kausalitätsketten mit den impulsiven Neigungen und Verformungen der Figuren durchkreuzt.

Will Ferrell in "Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy" (imago/United Archives)
Will Ferrell in "Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy" (© imago/United Archives)

Kongenialer Partner von Adam McKay war in dieser Phase Will Ferrell (kürzlich erzählte McKay der Vanity Fair“, wie es zur unguten Trennung der beiden kam). Eine der unzähligen typischen Szenen dieser Zusammenarbeit findet sich etwa in Ricky Bobby – König der Rennfahrer, in der Ferrell als Nascar-Fahrer nach einem Unfall die ersten Testrunden in seinem Rennauto dreht. Traumatisiert fährt er im Schritttempo um den Ring, um schließlich panisch aus dem Cockpit zu springen. Er glaubt zu brennen und rennt brüllend über die Straße, wirft sich gar auf den Boden und rollt umher, um das imaginierte Feuer zu löschen.

Im Amerikanischen werden diese Filme als „smart dumb comedy“ bezeichnet. Sie geben sich geradezu verschwenderisch einer albernen, anarchistischen Situationskomik hin, kommunizieren im Subplot aber ihr satirisches Bestreben. So drehen sich die beiden „Anchorman“-Filme um den frappierend inkompetenten Nachrichtensprecher Ron Burgundy, der sich zusammen mit seinem noch unqualifizierteren Team in den 1970er- und 1980er-Jahren mit der Existenz einer weiblichen Nachrichtensprecherin anfreunden muss. Die Stiefbrüder, der von Roger Ebert als „Zeichen des Endes der westlichen Zivilisation“ missverstanden wurde, entwirft das wilde Bild eines fehlenden Erwachsenwerdens, das in einem intelligenten Twist letztlich nur als Rebellion gegen die unmenschlichen Auswüchse von Neoliberalismus und konservativem Wohlstand entsteht.

Die Nerds und Unangepassten werden bei McKay zwar immer bloßgestellt, aber sie bleiben die Helden. „Ich liebe die Lampe“, sagt der Wettermann Brick Tamland (Steve Carell), die vielleicht ultimativste Figur aus dem McKay-Universum, als er dazu aufgefordert wird, auch mal zu sagen, was er gut finde. Seine absurden, größtenteils unzusammenhängenden Bemerkungen in den „Anchorman“-Filmen sind genetischen Veranlagungen geschuldet. McKays Humor besteht nicht darin, sich über Tamlands Dummheit lustig zu machen; vielmehr amüsiert er sich in einem ersten Schritt darüber, in welchen Rollen ein solcher Mann auftritt, um in einem zweiten Schritt die sensible Willkürlichkeit dieser Figur als positiven Gegenpol zum glattgebügelten, karrieristischen Ideal seines beruflichen Umfelds offenzulegen.

Diese Sympathie für die eigentlich satirisch betrachteten Männer ändert sich 2015 mit The Big Short, als die Verbrüderung von Dummheit und Macht nackt vor einer betrogenen Gesellschaft liegt.


Die Dummen, das ist das System

„The Big Short“ dreht sich um die Finanzkrise und den Zusammenbruch der US-amerikanischen Immobilienblase. Die Nerds sind nicht länger die Dummen, auch wenn ihnen das Leben schwerfällt. Die Dummen, das ist das System. Hier taucht zum ersten Mal eine Trope auf, die seither das Kino von McKay bestimmt: Jemand sieht etwas, was alle anderen nicht sehen oder nicht sehen wollen. In diesem Fall sind die Sehenden unter anderem Michael Burry (Christian Bale), das Investmentteam um Mark Baum (Steve Carell) und das Fondsmanager-Duo Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock). Sie erkennen, dass es zum großen Crash kommen wird.

Die Verbrüderung von Dummheit und Macht: "The Big Short" (imago/United Archives)
Die Verbrüderung von Dummheit und Macht: "The Big Short" (© imago/Cinema Publishers Collection)

Doch McKay interessiert sich nicht nur für die, die sehen. Er nutzt das Potenzial des Kinos als audiovisuelles Medium; das heißt, er zeigt etwas und dann zeigt er die, die so tun, als gäbe es das nicht. Daraus entsteht sowohl Komik als auch Entrüstung. Es wundert nicht, dass er sich in seinem neuen Film Don’t Look Up indirekt mit der Klimakrise beschäftigt.

Mit The Big Shortwagt McKay den Sprung von Mel Brooks zu Martin Scorsese. Statt Kindergarten gibt es Didaktik. Seine klaren, aber feinen politischen Klingen, die den Brachialhumor mundgerecht servierten, weichen einer vorrangigen politischen Gesinnung, die ihn auf eine ganz andere Ebene hieven, auf der man ein kapitalistisches Produkt herstellt, um den Kapitalismus zu kritisieren. Dass im ziemlich famosen Don’t Look Upauch die digitale Welt aufs Korn genommen wird, während der Film von Netflix produziert und distribuiert wird, ist dafür nur ein Beispiel.

Es ist gefährlich mit der Dummheit. Es ist so leicht, über sie zu lachen, wenn man vergisst, wie dumm man selbst ist. Bei Baltasar Gracián heißt es: „Die halbe Welt lacht über die andere Hälfte und alle sind sie Narren.“ Da wir alle dumm sind, lässt sich schwer mit dem Finger zeigen. In The Big Short und Vice– Der zweite Mann“ porträtiert McKay real existierende Personen, statt sich nur an ihnen zu orientieren. „Manchmal frage ich mich, ob die Welt von einigen Klugen regiert wird, die uns für dumm verkaufen wollen, oder von einigen Dummen, die ernsthaft reden“, lautet dazu passend ein anderes Zitat von Mark Twain.

Vice, der sich als spekulatives Biopic des Bush-Vizepräsidenten Dick Cheney (Christian Bale) versteht, zeigt unter anderem die Banalität der Mächtigen. Es ist der bislang einzige Film, in dem sich Adam McKay wirklich für die Psychologie seiner Figur interessiert. Das lähmt ihn, selbst wenn er nach oben zielt. Die Blödheit, die McKay filmt, erliegt in seinen schwächeren Momenten einer Versuchung. Sie wird populistisch und besserwisserisch. Ein billiges Theater, in dem satirisch offenbart wird, wie Menschen versagen. Reicht das? Letztlich bestätigt er nur, was alle Menschen in seiner Blase denken. Das passt ins Zeitgeschehen und stellt letztlich tagesaktuelle Fragen. Wie umgehen mit jenen, deren Meinung man nicht teilt? Wie umgehen mit dem, was man als dumm empfindet?


Kein Ausweg aus der Misere

Es ist inzwischen viel Zeit vergangen, seitdem der französische Philosoph und Cinephile Jacques Rancière bemerkte, dass man sich in Hollywood nur mehr das Ende der Welt vorstellen könne, aber nicht mehr, wie wir als Gesellschaft besser zusammenleben könnten. McKay, der deutlich versierter und genauer als viele seiner Kollegen das Ende der Welt (oder in den Worten seines Kritikers Roger Ebert, das Ende der westlichen Zivilisation) beobachtet, findet aus dieser Spirale auch keinen Ausweg. Er arbeitet wie ein Chronist. Der Filmemacher interessiert sich nicht für eine bessere Welt und beschränkt sich auf das, was er sehen kann, viele andere (seiner Meinung nach) aber nicht. Es ist schwer zu sagen, ob er ein Realist oder ein Populist ist.

Wütendes Manifest: "Don't look Up" (Niko Tavernise/Netflix
Wütendes Manifest: "Don't Look Up" (© Niko Tavernise/Netflix

In Don’t Look Up, einem wütenden Manifest über mediale, politische und gesellschaftliche Ignoranz, findet McKay dann doch so etwas wie einen Weg aus der regierenden Dummheit und ihrer Alternativlosigkeit. Denn dort, wo man mit Rancière nur mehr das Ende der Welt sehen kann, erblickt McKay den Triumph der Wahrheit über ihre Leugner. Es ist eine bittere Pointe. Immerhin gibt es in dem von Leonardo DiCaprio gespielten Astronomen Dr. Mindy zum ersten Mal eine Figur, die der eigenen Dummheit auf die Schliche kommt. Und auch die Selbstironie kehrt zurück. Das Kino ist nicht unschuldig, wenn es um die Verdummung geht.

Diese Ihr-werdet-schon-sehen-Dramaturgie zeigt nochmal deutlich, dass die Grenzen zwischen Satire, politischem Engagement und Popkultur fließend geworden sind. In mancher Hinsicht hätte Don’t Look Up auch von Jan Böhmermann gedreht werden können. Der Humor vieler Satiriker besteht heute darin, die lächerliche Widersprüchlichkeit und Absurdität eigentlich ernster Themen aufzuzeigen. Sie müssen kaum mehr überziehen; die Welt ist zu ihrer eigenen Satire verkommen.

Folgerichtig findet man in der gesamten Filmografie McKays immer wieder Witze, die darin bestehen, dass eine Figur einfach mitteilt, was passiert. „That escalated quickly“, sagt ein leicht mitgenommener Ron Burgundy zu seinen Mitstreitern nach einem irren Straßenkampf gegen andere Nachrichtenteams. Es nochmal zu sagen, nochmal zu zeigen, reicht, um den ganzen Wahnsinn offenzulegen. Meist muss man dann lachen. Wenn man nachdenkt, schmerzt es.

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