© Shengze Zhu/Burn the Film (aus: "Present.Perfect.")

Aus der ersten Person #22: „Present.Perfect.“ (2019) von Shengze Zhu

Dienstag, 28.12.2021

Die chinesische Regisseurin Shengze Zhu präsentiert in ihrem Film „Present.Perfect.“ Bilder aus Live-Streaming-Plattformen ihres Landes, auf denen auch gesellschaftliche Randfiguren um Aufmerksamkeit kämpfen

Diskussion

Die chinesische Regisseurin Shengze Zhu präsentiert in ihrem Film „Present.Perfect.“ Bilder aus Live-Streaming-Plattformen ihres Landes, auf denen auch gesellschaftliche Randfiguren um Aufmerksamkeit buhlen. Esther Buss spürt in ihrem Kracauer-Blog der Kraft dieses kontemplativen Werks nach, das von Arbeitsbedingungen, Bauboom und Gentrifizierung erzählt, aber auch von tiefer Einsamkeit.


Ein Kran dreht sich einmal fast vollständig um die eigene Achse, die Arme eines Baggers reißen ein Haus nieder, ein Roboter vollführt die immer gleichen Bewegungen. Zu Beginn von „Present.Perfect.“ gehört die erste Person den Maschinen, die Perspektiven sind kalt und interesselos, nicht-anthropozentrisch. Erst dann treten Menschen in den Film, zunächst in Gruppen, anonym, von eher weit weg gefilmt, dann überaus nah und in unmittelbarer Kommunikation mit der Kamera.

„Willkommen in meinem Showroom“, begrüßt ein Bauer, der irgendwo in der Erde herumhackt, sein Publikum und nennt das, was er da macht, „Agritainment“. In einer anderen chinesischen Provinz, ähnlich entlegen und unwirtlich, stapft ein sehr kleiner Mann durch eine Ruinenlandschaft, die an das Setting eines dystopischen Films erinnert. Dabei beantwortet er in aller Offenheit Fragen zu seiner Körpergröße und sexuellen Orientierung.


Alle Bilder stammen aus Live-Streaming-Plattformen

Alle Bilder in „Present.Perfect.“ stammen von Live-Streaming-Plattformen. In China ist das Streaming ein Massenphänomen. 2017, im Jahr des größten Booms und vor der Einführung reglementierender Gesetze durch die Regierung, schauten 422 Millionen Menschen anderen Menschen dabei zu, wie sie ihren Alltag lebten oder über ihre Haustiere und Probleme sprachen. Aus insgesamt 800 Stunden Material hat die Regisseurin Shengze Zhu Live-Bilder in Schwarzweiß umgewandelt und kommentarlos zu einem zweistündigen Film in vier Kapiteln montiert. Nachdem der Blick sich anfangs panaromatisch in alle Richtungen öffnet, konzentriert er sich bald auf ein paar gesellschaftliche Randfiguren. Was sie verbindet, ist die Suche nach einer Gemeinschaft, nach Menschen, denen sie etwas erzählen können und die ihnen zuhören.

Filmplakat zu "Present.Perfect." (Shengze Zhu/Burn the Film)
Filmplakat zu "Present.Perfect." (Shengze Zhu/Burn the Film)

Eine erschöpfte alleinerziehende Mutter teilt ihren Schichtalltag in einer Nähfabrik in Fujian – zum ohrenbetäubenden Lärm der Maschinen und auch nur, wenn der Boss gerade nicht da ist. Ein Straßenkünstler mit verwachsenen Gliedmaßen kalligrafiert auf einem Gehsteig; sein Publikum beschäftigt vor allem die Frage, ob er so auf die Welt gekommen ist und ob er mit Stäbchen oder Löffel isst. Ein Mann mit schweren Verbrennungen im Gesicht spricht über seinen Alltag nach dem Unfall und darüber, was Streaming mit Weiterleben zu tun hat. Zu sehen ist außerdem ein etwas ungeschickter Tänzer. Bei seinen schiefen Darbietungen auf Brücken und in Unterführungen wird er gelegentlich vom Ordnungsamt verjagt, aber auch die Besucher:innen seines „showrooms“ meinen es mit ihm nicht gut. Einmal setzt er sich in einer bewegenden Rede gegen die Hasskommentare zur Wehr; vielleicht ist die Verletzung aber schon längst Teil seines Programms. Zu seinem von Tränen begleiteten Monolog spielt er sehr wirkungsvoll eine kitschige Ballade – „Ihr könnt ja wieder fernsehen“, wirft er den Trollen noch entgegen.


Kleine Bühnen und Bekenntnisräume

Im Live-Streaming kommen verschiedene Ich-Formen zusammen. Die so genannten „Anchors“ sind Tagebucherzähler und Performerinnen, aber auch Social-Media-Akteure; per Live-Chat bekommen sie von ihren Zuschauerinnen Nachrichten („bullets“) und kleine Geldbeträge zugeschickt. Ihre „showrooms“ sind kleine Bühnen und Bekenntnisräume, informelle Selbsthilfegruppen und Redekuren. Der Mann mit der Wachstumsstörung nennt sich mit Internetnamen „Opposite Attitude“. In der Schule wurde er schlimm gemobbt. Bevor er anfing zu streamen, lebte er praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt eingeschlossen in seinem Zimmer. Er träumt davon, unabhängig zu sein und für sich selbst zu sorgen. Am Ende des Films lebt er in einer anderen Stadt, er hat dort Arbeit in einer Fabrik gefunden.

Über die Figuren und ihre privaten Geschichten schreibt sich ein Porträt der chinesischen Gesellschaft und ihrer sozioökonomischen Transformationsprozesse: Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse, Bauboom und Gentrifizierung. Das prägende Gefühl der so entfalteten Welt ist eine überwältigende Einsamkeit.

„Present.Perfect.“ verpflanzt die Figuren in eine neue Umgebung, in der sie gleichermaßen fremd wie geschützt sind. Von den Aufmerksamkeitsökonomien der digitalen Medien ist wenig zu spüren. Mit seinen langen Einstellungen entfaltet der Film eher die Kraft eines kontemplativen Werks. Auch das kontrastarme Schwarzweiß schafft einen Abstand. Die Bilder wirken karg und ärmlich, aber auch klar – ihrem Zuhause, der Internet-Echtzeitwelt, sind sie abhandengekommen.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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