© kath.ch/Carine Roth (Franz Ulrich 2017 in der Cinémathèque suisse)

Zum Tod des Schweizer Filmpublizisten Franz Ulrich

Montag, 07.03.2022

Nachruf auf den "Doyen der progressiven Filmkritik", der mit seiner Passion für das Arthouse-Kino und den Schweizer Film zu einer wichtigen Figur der helvetischen Kulturgeschichte wurde

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Der Schweizer Filmpublizist Franz Ulrich pflegte nicht nur als Kritiker eine wohltuende Bescheidenheit. Er verstand sich als Mittler, der seine Erfahrungen und Erkenntnisse mit den Lesern teilte. Mit seiner verschmitzten Art hielt er die Balance zwischen einer großen Fachkompetenz und dem offenen Blick für das Neue. Im Alter von 85 Jahren ist der langjährige Redakteur der Zeitschrift "Zoom - Filmberater" jetzt gestorben.


„Franz war ein Guter“, sagte der Filmemacher Erich Langjahr wenige Tage nach dem Tod von Franz Ulrich am 21. Februar 2022. Das ist ein großes Lob aus dem Mund eines Mannes, der wenig jünger ist als der am 1. März 1936 geborene Ulrich und der wie dieser aus der tiefen Innerschweiz kommt. Die beiden stammen aus einer Zeit und einer Region, in der man nicht viele Worte verliert und jedes einzelne Wort Bedeutung hat. „Ein Guter“, bedeutet im Fall der beiden auch privat befreundeten Männer so viel wie zuverlässig, treu, solide, auch menschenfreundlich, weltoffen, neugierig, bescheiden und zugleich großzügig, geduldig und fleißig, leidenschaftlich, gleichwohl aber klar, gerecht und begründet im Urteil über das Filmische. Ulrich, so Langjahr, habe in den vielen Jahren, in denen er publizistisch tätig war, jeden seiner Filme besprochen. Letzteres könnten auch andere Schweizer Filmschaffende von sich sagen.

Franz Ulrich hat die Schweizer Filmkritik maßgebend mitbestimmt. Nachdem er das Kollegium Schwyz mit Schwerpunkt auf den alten Sprachen absolviert hatte, studierte er an der Universität Freiburg im Üechtland Geisteswissenschaften. 1961 erwarb er das Sekundarlehrerdiplom, blieb aber der Universität verbunden und begann sich mit dem Medium Film auseinanderzusetzen. Er leitete von 1960 bis 1966 den „Cinéclub Universitaire de Fribourg“, war Mitbegründer der Freiburger Arbeitsgruppe Film und Leben sowie des katholischen Schmalfilmverleihs Selecta. Mit den von ihm betreuten Filmvorlesungen an der Universität trug er sehr früh dazu bei, die Filmwissenschaft als akademisches Fach zu etablieren.


Der Doyen der progressiven Filmkritik

1966 wurde Ulrich an das katholische Filmbüro (später: Katholischer Mediendienst) nach Zürich berufen. Seine Aufgabe war die Redaktion des vom Schweizerischen Katholischen Volksverein herausgegebenen Fachorgans „Filmberater“, das 1973 mit der von der evangelisch-reformierten Kirche publizierten Filmzeitschrift „Zoom“ zur ökumenischen Medienpublikation „Zoom-Filmberater“ fusionierte. Die Zeitschrift, die 1941 ihren Anfang nahm und 2003 ihr Erscheinen einstellte, änderte ihren Titel im Laufe der Zeit mehrfach und wurde in späten Jahren zuerst in „Zoom“ und kurz vor Ende schlicht in „Film“ umbenannt.

Ulrichs Einfluss auf die deutschsprachige Filmkritik bestand allerdings nicht nur in der eigenen publizistischen Arbeit. Er hat als Redakteur jungen Filminteressierten immer wieder eine Chance gegeben. Manche und mancher, die heute noch filmpublizistisch tätig sind, hat bei Ulrich, der jeden Artikel sorgfältig redigierte, eine strenge, aber gerechte Schulung durchlaufen. Zu seiner Tätigkeit in Rahmen der kirchlichen Medienarbeit gehörte auch die Betreuung der Sammlung der „Zoom-Dokumentationsstelle“. Auf dem Rückweg von Filmfestivals – er berichtete nicht nur aus Cannes und Venedig, sondern auch aus Solothurn, Nyon und Locarno – konnte man ihn regelmäßig mit schweren Taschen voller Flyer, Pressehefte und Fotos begegnen, die er für die Dokumentationsstelle organisiert hatte.

Der Schweizer Filmpublizist Franz Ulrich (1.3.1936-21.2.2022; kath.ch/Carine Roth)
Der Schweizer Filmpublizist Franz Ulrich (1.3.1936-21.2.2022) (© kath.ch/Carine Roth)

Ulrichs Rückzug von seiner beruflichen Tätigkeit erfolgte in Etappen. Bei der Umwandlung von „Zoom“ zu „Film“ im Jahr 1999 zog er sich als Redakteur zurück und ging in Pension. In den folgenden Jahren engagierte er sich aber weiterhin filmhistorisch und arbeitete in der Zoom-Dokumentation, die 2004 in die Cinémathèque Suisse integriert und als Zweigestelle des in der Westschweiz ansässigen Filmarchivs in Zürich weitergeführt wurde. Er bereinigte dabei die Nach- und Vorlässe namhafter Schweizer Filmschaffender wie Reni Mertens und Walter Marti, Hans Stürm und Beatrice Michel. Von 1973 bis 2007 war Franz Ulrich zudem Mitglied der Fachkommission, die im Kanton Zürich die Jugendfreigabe regelte.


Ein leidenschaftlicher Sammler

Franz Ulrich war ein leidenschaftlicher Sammler; in seinen späten Jahren verdrängte seine bereits in der Kindheit entdeckte Liebe zum Buch zunehmend seine Passion für den Film. Man traf ihn nun nicht mehr auf Film-, sondern an Literaturfestivals sowie bei Lesungen, wo er oft mit ganzen Stapeln von Büchern erschien, um sie signieren zu lassen. Seine private Bibliothek, die zahllose Erstausgaben und Raritäten enthält, umfasst etwa 40 000 Bücher und war Franz Ulrich bis zuletzt von großer Bedeutung.

Franz Ulrich ist am 21. Februar 2022 gestorben. Er war der Älteste einer sechsköpfigen Kinderschar. Der frühe Tod seines Vaters, der ihn als 13-Jährigen zum „männlichen Oberhaupt“ der Familie machte, hat ihn belastet und geprägt. Der Zusammenhalt und die Geselligkeit, nicht nur in der Familie, sondern auch unter Freunden, zu denen zahlreiche Filmschaffende zählten, war ihm überaus wichtig. Wer je mit ihm zu Tische saß oder unterwegs war, kann sich an eine heitere Anekdote erinnern, die Franz Ulrich erzählte oder die man in seiner Gesellschaft selbst erlebte.

Franz Ulrich hatte vier Kinder. Seine Ehe zerbrach nach 18 Jahren „wegen seiner Leidenschaft zum Buch“, wie es sein jüngster Bruder bei der Beerdigung formulierte. Franz Ulrich hat seinen humorvollen Geist bis zuletzt bewahrt. Als man ihm zu Weihnachten 2021 mitteilte, dass die Zeitschrift „Zoom“, ihre Vor- und Nachläufer im Rahmen des E-Periodica-Projekts von der ETH Zürich digitalisiert und online zugänglich gemacht wurden, soll er gestrahlt haben, da er so nun ja zumindest eine Spur hinterlasse. Wer ihn kannte, wird Franz Ulrich und sein verschmitztes Lachen auch sonst in Erinnerung behalten.

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