© Alamode (aus „Petite Maman“)

Emanzipation durch Begehren - Céline Sciamma

Donnerstag, 17.03.2022

Über die Filme der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Céline Sciamma und ihr erfrischendes Spiel mit Rollenzuschreibungen

Diskussion

In den Filmen und Drehbüchern der französischen Regisseuren Céline Sciamma geht es um meist junge, überwiegend weibliche Figuren mit dem Wunsch, dazugehören zu wollen. Ihre Erzählungen von Außenseiterinnen und Außenseitern erweitern die allzu verbreiteten eindeutigen Geschlechterzuschreibungen des Kinos um ungewöhnliche Rollenverständnisse, ohne Urteile zu fällen. In ihrem neuesten Film Petite Maman freundet sich ein Mädchen auf magische Weise mit der Kinderversion seiner Mutter an. Ein Porträt.


Beim Spaziergang durch Wälder passiert man nicht selten kleine, aus dicken Ästen errichtete Zelte. Sie stehen etwas abseits der Wege. Man fragt sich, wer sie gebaut hat. Nie sieht man jemand in ihnen sitzen. Das liegt daran, dass es sich bei diesen Zelten um Zeitkapseln handelt. Würde man sich in sie setzen, wäre man sogleich unsichtbar. Es ist fast unheimlich. Zum Glück aber gibt es Céline Sciamma. Sie filmt die Menschen, die solche Zelte bauen. Ihre Drehbücher und Filme widmen sich jenen, die abseits der Wege Welten erschaffen, um sich selbst zu finden. Ganz buchstäblich gibt es ein solches Versteck aus Zweigen in ihrem Film „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ aber eigentlich geht es seit ihrem gefeierten Debüt „Water Lilies“ unablässig um das Leben in diesen Zelten.

Sciammas inzwischen fünf Spielfilme, einige Kurzfilme und etliche Drehbücher umfassendes Oeuvre verortet sich rund um ein einziges, aber vielfach gebrochenes Begehren. Ihre Protagonistinnen wollen dazugehören, „normal“ sein, akzeptiert und geliebt werden. Sie lieben das, was unerreichbar erscheint. Es sind intime Porträts einsamer, oftmals „queerer“ und jugendlicher Außenseiterinnen, die aus einer quasi monologischen Perspektive, als hätten sie unter Wasser gelebt, erstmals auftauchen. Die unsicheren, zweifelnden Figuren werden ernst genommen. Sciamma sagte einmal, dass sie Kindheit und Jugend darüber definieren würde, dass alles bedeutend sei. Jeder Blick, jede Geste, jedes Gefühl kann eine Welt öffnen oder zum Einsturz bringen. Diese Fragilität macht Sciamma greifbar.

Céline Sciamma (© Alamode/Claire Mathon)
Céline Sciamma (© Alamode/Claire Mathon)

Die Pubertät und ihre körperlichen Marker

Water Lilies“, der bis heute beste Film Sciammas, der in den Kanon der großen Teenagerfilme neben die Werke von John Hughes oder Amy Heckerling gehört, ist folgerichtig auch im Wasser angesiedelt. Genauer gesagt in Swimmingpools und der Welt des Synchronschwimmens. Der Film folgt der 15-jährigen Marie, die sich in Floriane, die Kapitänin des Schwimmvereins, verguckt. Ihre langsam fallende Schüchternheit ist körperlich. Besonders eindrücklich sind die Szenen in den Umkleidekabinen, in denen das Begehren für die anderen Körper und die Scham vor dem eigenen Körper plötzlich ganz nah zusammenliegen.


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Insbesondere in ihren ersten drei Filmen, „Water Lilies“, „Tomboy“ und „Bande de filles gilt Sciammas Blick körperlichen Markern der Pubertät. Lippenstift, wachsende Brüste, Oberarmmuskeln und Kleider werden zu Indikatoren von Selbst-, aber auch von Fremdbildern. Wenn etwa die Mutter in „Tomboy ihren Nachwuchs dazu zwingt, ein Kleid anzuziehen, ist das Ausdruck einer unsensiblen Rollenzuschreibung. Wenn jedoch die Protagonistin in „Bande de filles mit einem blauen Kleid vor einem Spiegel posiert, ist das zunächst ein selbstbestimmter, befreiender Akt. Der emanzipatorische Gestus hängt eng daran, ob und wie der eigene Körper, das eigene Geschlecht und vor allem die eigene Sexualität akzeptiert wird. Die im Diskurs des letzten Jahrzehnts äußerst präsente Frage nach der Identität beantwortet Sciamma ambivalent: Ihre Protagonistinnen sind stets fluid oder „in Flammen“.

2007 debütierte Céline Sciamma mit „Water Lilies“ (© Pro-Fun)
2007 debütierte Céline Sciamma mit „Water Lilies“ (© Pro-Fun)

Wiederholt filmt die 1978 in Pontoise geborene Filmemacherin schweigende, in sich verharrende Mädchen, die eine Welt betrachten, zu der ihnen der Zugang fehlt. Sie wollen dazugehören und versinken gleichzeitig in sich selbst. Dieses Gefühl des Fremd- und Falschseins ist eng mit den Identitäten der Figuren verbunden. Lesbische und schwarze Frauen oder, wie im Fall von „Tomboy“, Menschen, die sich nicht wohl mit ihrem biologischen Geschlecht fühlen, werden von Sciamma in einem Zustand der dauernden Isolation und Einsamkeit begriffen. Die Filmemacherin sagte einmal, dass sie das Kino als genuines Medium einer Erfahrung von Einsamkeit verstehe.


Klassizismus mit vielseitigen Geschlechterrollen

Um die damit verbundene, durchaus berührende Identifikation zu erreichen, bedient sich Sciamma klassizistischer Methoden. Sie arbeitet mit den Klischees von Coming-of-Age-Filmen und Melodramen: Dreieckskonstellationen, eine Gesellschaft, die sich gegen das Glück stellt, Selbstfindung durch Enttäuschung der eigentlichen Wünsche. Handwerklich sind ihre Filme, vor allem wenn sie von der Kamerafrau Crystel Fournier gedreht wurden, äußerst sorgfältig gearbeitet, aber selten ideenreich. Formal oder dramaturgisch fügt sie den Grundmustern ihrer Genreerzählungen wenig hinzu; allerdings verdreht sie die anderswo bis heute erschreckend einseitigen Geschlechterrollen solcher Filme.

Die Gefahr eines solchen Vorgehens liegt auf der Hand und wurde im politischen Kino seit den 1960er-Jahren umfassend diskutiert. Da sich Sciamma dominanter Formen und Bilder bedient, um andere Erzählungen weiblichen und lesbischen Begehrens zu erzählen, stellt sich die Frage, ob das reicht. Müsste ein Kino, das sich wahrhaft gegen die männlich dominierte Arbeitsweise dieser Industrie sträubt, nicht eigentlich auch formal und distributionspolitisch anders agieren? Oder ist es gerade wichtig, dass es im Gewand der vom Arthouse-Markt umarmten Stoffe nun auch diese Stimme gibt? Ein Vergleich mit Superheldinnen und Filmen à la „Ocean’s 8“ drängt sich auf.

Das beste Beispiel dafür ist das gefeierte Drama „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, das lesbische Liebe im Gewand eines im 18. Jahrhundert angesiedelten Kostümfilms greifbar macht. Der große Erfolg des Films hängt letztlich an seiner Zugänglichkeit und einer inszenatorisch biederen Klarheit, die sich sehr wohl an ähnlichen, aber dezidiert männlichen Bildern aus der Film- und Kunstgeschichte orientiert. Gibt es überhaupt einen weiblichen Blick? Wenn ja, dann wäre er wahrscheinlich nicht so hierarchisch und geordnet wie in den Filmen von Sciamma.

Weibliche Umdeutung etablierter Bilder aus der Film- und Kunstgeschichte: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (© Alamode)
Weibliche Umdeutung etablierter Bilder: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (© Alamode)

Der eigene Blick

Céline Sciamma hat ihren eigenen Blick. Sie definiert ihn nur in einer Zeit, in der sie damit für viele spricht. Strenggenommen entziehen sich ihre Filme solchen von der Kulturindustrie nur allzu gern vermarkteten Zuschreibungen. Das gilt etwa für „Tomboy“, in dem Sciamma bewusst auf moralistische Urteile verzichtet. Das Begehren von Laure, die als Junge wahrgenommen werden will, wird so dringlich und unsicher gezeigt, als hätte dieser junge Mensch Hunger oder Durst. In solchen Fragen gibt es kein richtig oder falsch, es gibt nur das nackte Sein, hilflos, offen.

Ein anderes Beispiel ist der Animationsfilm „Mein Leben als Zucchinivon Claude Barras, für den Sciamma das Drehbuch schrieb. Der in einem Kinderheim landende Protagonist möchte „Zucchini“ genannt werden. Im Heim baut er sich gemeinsam mit den anderen Kindern langsam ein Zelt. Die Nähe zwischen diesen Menschen, ihr unbedingtes Verlangen danach, ein Teil der Welt zu sein, ist komplexer, als ihre Identitäten und Geschlechter und sozialen Hintergründe es erzählen könnten. In ihren besten Momenten wird das in den Filmen von Sciamma auch sichtbar.

Porträt einer jungen Frau in Flammen“ spielt auf einer fast nur von Frauen bewohnten Insel und greift damit einen weiteren Faden auf, der sich durch ihr ganzes Werk zieht. Stets gibt es einen Konflikt zwischen einem utopischen Zustand, einer Welt, in der Begehren und Leben in Einklang sind, und der Bedrohung dieser Welt. Oftmals sind die „Antagonisten“ Männer oder Eltern. Die eingangs beschriebenen Zelte sind Rückzugsorte, Schutzschilde gegen die Wirklichkeit. Sie zeigen sich als Inseln, Fantasien, Wälder, Hotelzimmer, Schwimmbäder oder schlicht dem, was man in den anderen sieht. Hier finden Utopien statt, wenn die ausgebüxten Mädchen in Bande de filles im Hotelzimmer zu Rihannas „Diamonds“ tanzen oder wenn sich die beiden Freundinnen in „Petite Maman“ hinter ihrer Imagination verschanzen.

Die Mädchengang als Utopie: „Bande de filles“  (© Peripher)
Die Mädchen-Gang als Utopie: „Bande de filles“ (© Peripher)

Qualität durch Natürlichkeit

Die große Qualität der Filme in solchen Szenen besteht in dem, was man etwas hilflos „Natürlichkeit“ nennt. Die Darstellerinnen agieren so, als wäre die Kamera gar nicht da. Vor allem die Kinder verschwinden im schützenden Spiel, das das Kino auch bedeuten kann. Aber diese Utopien sind lediglich Momente, und Sciamma fragt ganz offen: Kann man einen Moment stehlen? Kann man in einem Film leben? Dabei verschließt sie nicht die Augen vor den Konsequenzen dieser Diebstähle, die eigentlich keine sein sollten. Gebrochene Herzen, familiäre Zwiste und Gewalt folgen auf das Glück. Die Welt ist nicht bereit, daher muss sie neu gebaut werden.

Ihr eigenes Schaffen hat Céline Sciamma perfekt in ihrem Kurzfilm „Pauline (2009) zusammengefasst. Darin erzählt ein junges Mädchen aus einer Kleinstadt für einige Minuten, wie es begann, sich für andere Mädchen zu interessieren, bevor es sich in eines von ihnen verliebte. Als es sich dazu durchrang, seinem Begehren zu folgen, wurde es von seiner Familie und aus dem Ort verjagt. Trotzdem habe es sich durch ihr Begehren emanzipiert. Dass diese Haltung politisch ist, steht außer Frage. Als Céline Sciamma 2019 gemeinsam mit ihrer langjährigen Partnerin und Star vieler ihrer Arbeiten, Adèle Haenel, bei der „César“-Verleihung an Roman Polanski wütend den Saal verließ, hievten die Filmschaffenden ihren leisen, aus den Filmen hervorgehenden Protest auf die große öffentliche Bühne.

Sciamma spricht heute nicht gern über diesen Protest. Sie identifiziert sich lieber mit ihren Figuren, die vom Rand aus sehen und verstehen. In Frankreich hält sich seit Jahrhunderten der Mythos von der poetischen Kindheit. Ohne dem zu widersprechen, zeigt Sciamma, dass die Kindheit andauert. Das von vielen idealisierte Kindbleiben ist allerdings weniger Ausdruck einer um sich greifenden lyrischen Weltsicht, sondern verweist vielmehr auf den anhaltenden Wunsch nach Geborgenheit, Akzeptanz und Frieden.

Die anhaltende Kindheit als Wunsch nach Akzeptanz und Frieden: „Petite Maman“ (© Alamode)
Die anhaltende Kindheit als Wunsch nach Akzeptanz und Frieden: „Petite Maman“ (© Alamode)

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