© IMAGO / agefotostock (Das Maratha Mandir Theatre in Mumbai, wo seit Mitte der 1990er-Jahre „Dilwale dulhania le jayenge“ läuft).

Kino gegen den Stream (I): Zurück ins Kino?

Montag, 21.03.2022

Die Pandemie-Beschränkungen fallen – aber wird die Filmkultur die Krise überleben?

Diskussion

Das Kino ist zurück. Aber ist es noch dasselbe? Kann man etwas, das rund 125 Jahre lang allgegenwärtig war, so einfach aus- und wieder anschalten wie eine Projektorlampe? Und sind wir diesem Kino noch dasselbe Publikum? Können wir einfach so wieder hineinspazieren, als wären wir niemals weg gewesen? Zum Start der Essayreihe „Kino gegen den Stream“ blickt der Siegfried-Kracauer-Stipendiat Daniel Kothenschulte auf die Chancen des Kinos nach dem Wegfall der Pandemie-Beschränkungen.


Während der vierten Phase der Covid-19-Pandemie durchlebte die Filmbranche eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Verleiher zogen geplante Kinostarts zurück. Der natürliche Austausch von Filmproduktion und Publikum war unterbrochen und mithin auch die Zukunft der Kinokultur, wie wir sie kennen. Auch wenn staatliche Hilfsprogramme die meisten Filmtheater über die schwierige Zeit retten sollten, ist ihre Zukunft ungewiss. Sehgewohnheiten verändern sich, und schon vor der Corona-Krise litten die Kinos unter der neuen Konkurrenz der Streamingdienste.

Nun ist Medienwandel ein konstantes Phänomen in der Kulturgeschichte. Das Theater des 20. Jahrhunderts hat wenig gemein mit dem der Antike; statt Operetten komponiert man heute Musicals, der Tonfilm verdrängte den pantomimischen Stummfilm, und ganze Gattungen wie das Melodram und populäre Präsentationsformen wie das Panorama kamen niemals wieder. Warum sollte es dem Kino da anders ergehen?


Die Ahnung von einer Welt ohne Kino

Schon als ich als Teenager in den 1980er-Jahren meine ersten Filmkritiken schrieb, sahen manche das Ende des Kinos kommen. Doch weder die Unkenrufe des britischen Filmemachers Peter Greenaway noch der liberalisierte TV-Markt, Video und DVD, nicht einmal die Digitalisierung haben das Kino zu Fall gebracht. Erst die Pandemie und der gleichzeitige Aufschwung der Streaming-Kultur gaben mir eine Ahnung von einer Welt ohne Kino.

„Mach dir ein paar schöne Stunden, geh ins Kino“, lautet ein langlebiger Slogan der Filmbranche. Lange Zeit war „Ins Kino gehen“ ein so selbstverständlicher Teil des Alltags, dass derartige institutionelle Werbung völlig überflüssig gewesen wäre. Kinobesitzer bewarben ihre Premieren auf riesigen, farbenprächtigen Transparenten. Aber wer hätte sich ernstlich um den Freizeit- und Kulturort als solchen Sorgen gemacht?

Noch im Februar bei der Berlinale gehörten Corona-Tests zur Kinovorstellung dazu (© IMAGO / snapshot)
Noch im Februar bei der Berlinale gehörten Corona-Tests zur Kinovorstellung dazu (© IMAGO / snapshot)

Diese Standortbestimmung versucht eine Momentaufnahme von Kino und Film mit dem Blick auf jene Weichen in die Zukunft, die man vielleicht noch justieren kann. Dazu gehört natürlich auch eine Bestandsaufnahme dessen, was das Kino heute noch bedeutet.


Der zweite, unsichtbare Vorhang fällt

Wenn dieser Text erscheint, fallen in den deutschen Kinos gerade die letzten Corona-Beschränkungen. Ein von Maske und Abstand einmal abgesehen normaler Spielbetrieb bestand ja schon seit etlichen Monaten. Und doch schien die Pandemie dabei einen zweiten, unsichtbaren Vorhang in den Kinos eingezogen zu haben. Am deutlichsten war dieser Unschuldsverlust zuletzt erst beim hoffentlich letzten großen Filmfestival unter Hygieneauflagen, der „Berlinale“ 2022, zu spüren.

Auf dem Höhepunkt der Fallzahlen (mancherorts stiegen sie nachher weiter, aber die Omikron-Variante erweckte weniger Schrecken) war nichts mehr vom Freiheitsgefühl der ersten großen Festivals in der Pandemie in Cannes oder Venedig wahrzunehmen. Die Festivalleitung teilte den Wunsch der Politik nach einem großen Publikumsfestival, zwang aber die internationale Filmpresse in ein enges Korsett aus lediglich sechs Spieltagen bis zur Preisvergabe unter strengsten Hygieneauflagen: Impfstatus, tägliche Tests, FFP2-Maskenpficht sogar im Außenbereich zwischen den Kinos. Spontane Begegnungen mit Kollegen wurden zur Seltenheit, und in den Sälen gab es keine Platznachbarn.

Großes Kino steht natürlich über diesen Dingen, es findet einen doch. Und wenn die Brille mal beschlug über der Maske, konnte sich das romantisch anfühlen wie Regen im Autokino. Aber sollte das alles am Ende noch Kino sein? Wieviel vom vertrauten Wohlgefühl, das zum Kinobesuch dazu gehört, überlebte dieses neue Unwohlsein, verbunden vielfach mit der noch immer berechtigten Angst vor Ansteckung? Auch „Berlinale“-Chef Carlo Chatrian empfahl mir zwei Tage vor Festivalbeginn in einem Interview: „Wenn Sie Angst haben, bleiben Sie besser zu Hause.“


Das Wohlgefühl des Kinosaals

Alfred Hitchcock hat in seiner Karriere immer wieder über dieses wohlige Gefühl von Geborgenheit gesprochen, das er für den idealen Lebensraum jenes kontrollierten Schauers hielt, den seine Filme verbreiten wollten: „A happiness comparable to that which one feels when one drinks after having been very thirsty. A happiness which makes one appreciate the sweet warmth which the friendly lamp diffuses, under the lampshade, and the soft armchair in which one is comfortably seated.“ Dieses Wohlgefühl, das uns ein Kinosaal bereiten kann, ist für das Überleben des Kinos wahrscheinlich noch wichtiger als hochauflösende Projektion. Es hilft nicht nur über mittelmäßige Filme hinweg, sondern hat auch dazu beigetragen, dass kuschelige Teenie-Horror-Filme zu einem der wenigen krisenfesten Genres wurden.

Wohlgefühl im Kinosaal (© IMAGO / Panthermedia)
Wohlgefühl im Kinosaal (© IMAGO / Panthermedia)

Die Verschmelzung von Privatheit und Öffentlichkeit, die das 19. Jahrhundert etwa im Kaffeehaus, im Theater oder im Wartesaal hervorbrachte, gehörte zu den prägenden Erfahrungen der Moderne. Passagen und Hotelfoyers inspirierten Walter Benjamin und Siegfried Kracauer zu bedeutenden soziologischen und kulturkritischen Überlegungen. In den späten 1960er-Jahren betonten ihre Nachfahren der Frankfurter Schule die Chance des Kinos, durch das Zeigen von Filmen das Private wiederum zum Teil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses zu machen. Der in der Folge für den Feminismus und die Lesben- und Schwulenbewegung so wichtige Satz „Das Private ist politisch“ bestimmte auch die Haltung der damals blühenden Filmclubs und späteren kommunalen Kinos. Auch wenn politische Filmarbeit heute weit weniger sichtbar ist, betonen insbesondere Filmfestivals wie die „Berlinale“ gern die politische Relevanz ihrer Programme.

Der temporäre Verlust des Kinos während des Lockdowns war für sein Publikum deshalb so schockierend, weil das Kino in vielen frühen Krisen ein sicherer Hafen gewesen war. Vor dem Ersten Weltkrieg boten die Filmtheater der armen, in die Städte migrierten Landbevölkerung in den Städten Zuflucht. Während und nach den beiden Weltkriegen fanden Obdachlose eine temporäre Zuflucht.

Noch heute kann man diese soziale Funktion des Kinos etwa in der indischen Filmmetropole Mumbai beobachten, dieser in der Klassengesellschaft so übergroßen integrative Kraft. Eine meiner prägendsten Kinoerinnerungen war die Einladung einer früheren Studentin von einem Lehrauftrag des Goethe-Instituts zu ihrem Lieblingsfilm, „Dilwale dulhania le jayenge“ („Wer zuerst kommt, kriegt die Braut“). Dieser Film hielt damals bereits den Weltrekord des längst laufenden Kinoeinsatzes, doch die gut besuchte Nachmittagsvorstellung in dem betagten Filmpalast bevölkerten nicht nur romantische Herzen und Fans des Hauptdarstellers Shahrukh Khan. Im billigen Parkett schliefen Rikscha- und Taxifahrer, die sich von ihren Nachtfahrten erholten. Mich erinnerte dieses Erlebnis an Erzählungen aus der Nachkriegszeit, als Kinos zu den wenigen beheizten Orten zählten. Allerdings waren auch die Schachtelkinos meiner Jugend in den 1980er-Jahren ein Zufluchtsort für Obdachlose. Besonders am wöchentlichen Rabatttag lohnte es sich, mit einer günstigen Kinokarte bis spät abends von Saal zu Saal zu wandern.


„Im Kino hat man mehr vom Film“

Mit welchen Vorzügen möchte sich das Kino weiterhin unverzichtbar machen? Was hat es den virtuellen Verbreitungswegen bewegter Bilder noch voraus? Seit es mit Aufkommen des Fernsehens sein Bewegtbild-Monopol verlor, verwiesen Kinobetreiber gerne auf ihren technischen Vorteil. „Im Kino hat man mehr vom Film“, lautete ein Slogan aus den 1970er-Jahren, der mir schon als Kind wie eine Untertreibung erschien. Schließlich sah man im Kino keineswegs denselben Film und überhaupt: Musste man das überhaupt noch hervorheben? Henri Alekan, der große Bildgestalter des poetischen Realismus, schien mir diesen Vergleich etwas treffender zu formulieren, wenn er sagte: „Wer einen Film im Fernsehen gesehen hat, hat nichts gesehen.“

Der Kinobetrieb läuft nach dem Corona-Einbruch nur zögerlich an (© IMAGO / ZUMA Wire)
Der Kinobetrieb läuft nach dem Corona-Einbruch nur zögerlich an (© IMAGO / ZUMA Wire)

Lange definierte sich dieser höhere Erlebniswert durch den Zelluloidfilm, inzwischen gelten eine große Leinwand und das Gemeinschaftsgefühl als Attraktionen. Was aber, wenn der Blick auf einen hochauflösenden Flachbildschirm – wie von meinem 19-jährigen Sohn – als ideal empfunden wird und die Gegenwart eines Publikums gar nicht mehr erwünscht ist?

Ein Erfolgsmerkmal der Streaminganbieter ist ihre Ausrichtung auf einen betont individualistischen Filmkonsum. Stärker noch als das Fernsehen mit seinen festen Sendeterminen gelingt es ihnen, Gewohnheiten zu etablieren. Dazu ist es enorm hilfreich, dem Konsumenten die Dosierung selbst zu überlassen. Selbst der Videorekorder konnte an den Intervallen der Ausstrahlung noch nichts ändern. Auch diesen Vorteil, den das Kino vor dem Fernsehen hatte, das Filme ja nicht wochenlang im Programm halten konnte, ist es heute los. Tatsächlich etablierte sich die Serienkultur im Kino bereits vor dem ersten Weltkrieg. Louis Feuillade, dessen 5- bis 14-teilige Filmserien wie „Fantomas“ und „Les Vampyres“ stilbildend wirkten, feierte seine größten Erfolge mit fantastischen Thrillern – auch heute bei Netflix und Amazon eines der erfolgreichsten Genres.

Aus der Niederschwelligkeit der Kinokultur, die täglich allen sozialen Schichten preiswerte Unterhaltungsangebote machte, ist heute eine Ereigniskultur geworden. Aber wird das Publikum noch dieselbe Lust empfinden, überhaupt auszugehen, wenn ihm während der Lockdowns Kultur von der Politik als nicht systemrelevant dargestellt wurde? Auch nach dem Wegfall der Hygienemaßnahmen könnte es sein, dass die Selbstverständlichkeit eines Kinobesuchs nicht zurückkehrt. Die Lockerungen könnten sogar zusätzlich weitere Menschen, die sich nun vor Ansteckung fürchten, zu Hause halten.

Netflix verbuchte in der Pandemie-Zeit Erfolge wie „Squid Game“ (© Noh Juhan/Netflix)
Netflix verbuchte in der Pandemie-Zeit Erfolge wie „Squid Game“ (© Noh Juhan/Netflix)

Verwegen in den Kinosaal

Einen öffentlichen Ort zu betreten und sich dort augenblicklich wie zu Hause zu fühlen, hatte ja genau besehen immer etwas Verwegenes. Wieviel extremer noch müssen frühere Zuschauergenerationen diese Freiheit empfunden haben, die es nur im Kino gab. Wenn deutsche Diktaturen Filme zensierten, hatte das immer mit der Tatsache zu tun, dass jeder ein Kino allein betreten konnte. Das machte die Wirkung eines Films möglicherweise noch gefährlicher, zum Beispiel für diskriminierte gesellschaftliche Gruppen, angefangen mit dem weiblichen Teil der Bevölkerung. Gut möglich, dass sich etwas von dieser Aura des Subversiven in die DNA von Kinosälen eingeschrieben hat.

Dass gerade dieser niederschwellige Kunstort von grenzenloser Freiheit einmal – und sei es auch nur pandemiebedingt – verschlossen bleiben könnte, schien unvorstellbar. Kein Wunder, wenn das Kino am Ende eines langen Hin- und Her aus Schließungen und Öffnungen unter Auflagen etwas von seiner Selbstverständlichkeit verloren haben sollte. Aber mehr als jede andere Kunstform lebt es nun einmal von dieser Selbstverständlichkeit.

Viele dachten, wer monatelang gezwungenermaßen zu Hause bleiben muss, stürmte, sobald man wieder dürfe, all die so lange versagten öffentlichen Orte. Das wäre vielleicht nach ein paar Wochen so gewesen, doch nun könnte sich die Gewohnheit schleichend verändert haben. Die Rückkehr der Massen erscheint zögerlich (abgesehen vom Kultfilm „Spider-Man: No Way Home“ und dem aktuellen Blockbuster „The Batman“), und das liegt nicht allein an der Streaming-Konkurrenz. Es könnte einem gehen wie dem Vogel, der sich an seinen Käfig gewöhnt hat.

„The Batman“ sorgt seit der Pandemie als einer von wenigen Filmen für hohe Zuschauerzahlen (© Warner Bros./Jonathan Olley/DC Comics)
„The Batman“ sorgt als einer von wenigen Filmen für hohe Zuschauerzahlen (© Warner Bros./Jonathan Olley/DC Comics)

Drehrekorde und der Bedeutungsverlust des Qualitätskinos

Wohl noch nie hat es in der Filmgeschichte diese Situation gegeben: Es wird gedreht wie verrückt, die Produktionsfirmen können sich vor Aufträgen kaum retten. Unter den Streamingdiensten tobt ein Verdrängungswettbewerb, der nur über den Content entschieden werden kann. Doch lediglich wenige spektakuläre Blockbuster füllen auch tatsächlich die Filmtheater. Den Bedeutungsverlust des Qualitätskinos zeigt der Blick auf die Nominierten der „Oscar“-Verleihung am 28. März:

Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“, einer der Favoriten bei Kritik und Publikum (imdb-Bewertung: 8,4 Punkte von 10), floppte gleichwohl an der Kinokasse. Geschätzten Produktionskosten von 40 Millionen Dollar stehen Einnahmen von 27,5 Millionen Dollar (Stand: 21. März) gegenüber. Natürlich war Qualität noch nie ein Garant für große Kasse, aber mit „West Side Story“ (Budget 100 Mio./Erlöse 74,5 Mio.) und „King Richard“ (50 Mio./37,7 Mio.) spielten auch andere gefeierte Filme und „Oscar“-Favoriten nur rund zwei Drittel ihrer Kosten ein. Und auch diese Situation ist ungewöhnlich: Vom Film mit den meisten „Oscar“-Nominierungen sind gar keine Einspielergebnisse bekannt – schließlich ist „The Power of the Dog“ eine Netflix-Produktion.

Es ist keine Frage, dass auch weiterhin künstlerisch relevante Kinofilme produziert werden, insbesondere in Ländern mit hoher staatlicher Filmförderung. Sorgen aber muss man sich mit dem Überleben der Kinos auch um das der Schauseite Hollywoods – einer bestimmten Sorte aufwändigen und eigentlich auch populären Autorenkinos.


Hinweis:

Die Beiträge des Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ von Daniel Kothenschulte und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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