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Filmklassiker: Das eigensinnige Mädchen

Sonntag, 27.03.2022

Das schauspielerische Kino-Debüt von Ehren-"Oscar"-Preisträgerin Liv Ullmann - aktuell zu entdecken in der arte Mediathek

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Über Liv Ullmann muss man gar nicht viel Worte verlieren. Durch ihre Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman gelangte sie zu Weltruhm, acht Filme drehten sie zwischen 1965 und 1978 gemeinsam, darunter so bahnbrechende Werke wie „Persona“ (1965), „Schande“ (1968), „Passion“ (1969) und „Schreie und Flüstern“ (1972). Natürlich ist sie auch in der vieldiskutierten, sechsstündigen Fernsehserie „Szenen einer Ehe“ zu sehen. „Das eigensinnige Mädchen“ hingegen ist, nach einer Nebenrolle ohne Credit in „Fjols til fjells“ (1957), Liv Ullmanns schauspielerisches Kinodebüt, 1959 von der norwegischen Regisseurin Edith Carlmar inszeniert. 21 Jahre war Liv Ullmann damals alt – eine schöne, junge Frau, die ihre erotische Ausstrahlung durch knappe Shorts, figurbetonende Hosen und einen lang geschlitzten, nachlässig geknöpften Rock noch hervorhebt. Nicht zu vergessen eine kurze Nacktszene im Freien, einmal legt sie in einer Hütte einen Striptease hin. Ihrer Wirkung auf Männer ist sie sich bewusst. Fordernd, mit einem neckischen Lächeln, sieht sie sie viel zu lange an, sie singt frivole Lieder, die keine Zweifel an ihren möglichen Absichten lassen. Die Introvertiertheit ihrer Bergman-Rollen mit Ängsten und Zweifeln lässt sich hier noch nicht erahnen. Liv Ullmann pfeift in der Titelrolle auf Konventionen. Sie zieht alle Aufmerksamkeit, ob Begehren oder Ablehnung, auf sich und wird so zum Mittelpunkt der Erzählung.


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Ausbruchs aufs Land

Kein Wunder, dass sich der introvertierte, blasse Student Anders in dieses 17-jährige Mädchen namens Gerd verliebt. Gerd ist so ganz anders als er, wild und ungestüm, und so hofft er ein wenig, dass ein Quäntchen ihrer Lebensfreude auf ihn abfärben möge. Allerdings sind seine spießigen Eltern von dem unbekümmerten Mädchen nicht begeistert. Nicht nur, dass sie die uneheliche Tochter einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter ist. Sie war auch schon in Polizeigewahrsam und hat zu allem Überfluss die Schule abgebrochen. Gerd, da sind sie sich einig, hat einen schlechten Einfluss auf ihren Sohn. Anders fährt daraufhin kurzentschlossen im „geliehenen“ VW-Käfer seines Vaters mit Gerd aufs Land, um mit ihr ungestört allein sein zu können, aber auch, um sie vor den Lockungen der Großstadt zu bewahren. In einer einsamen Waldhütte leben die jungen Leute von Luft und Liebe. Doch dann taucht Anders’ Vater auf, um seinen Käfer einzufordern, auch Gerds Mutter sieht nach dem Rechten. Doch da ist noch jemand, der die Idylle empfindlich stört: ein urwüchsiger Wanderer, der Gerd ausnehmend gut gefällt. Er weiß nicht nur, wie man ein Lamm schlachtet, sondern auch, wie man mit einer Frau flirtet. Unvermeidliche Folge: Anders wird eifersüchtig.

Der zehnte und letzte Spielfilm der Filmpionierin Edith Carlmar – sie gilt als erste Filmregisseurin Norwegens – wurde 2019 unter seinem Originaltitel „Ung Flukt“ im Rahmen der Berlinale Classics als Wiederentdeckung des norwegischen Filmarchivs gezeigt; er erinnert zunächst an die Genretradition der „Juvenile Delinquents“ aus Hollywood mit Coca Cola, Jeans und Rockmusik. Doch wie zum Widerspruch zu diesen Konventionen schaltet Anders das laute Transistorradio seiner Freundin einfach aus – hier geht es nicht um Jugendrevolution. Die Regisseurin steht vielmehr auf der Seite ihrer lebenshungrigen, fragilen Hauptfigur.

Provozierend freizügig

Dazu gehört auch der Sex, den Carlmar immer wieder in eindeutigen Pin-Up-Posen der Ullmann ausstellt. In Deutschland hieß der Film zunächst „Frühehe“ (Die Liebenden, im Original ohne Trauschein, wurden in der Synchronisation verheiratet, um der FSK ein Schnippchen zu schlagen), später dann „Die jungen Sünder“. „Das eigensinnige Mädchen“ wurde sogar als „Der neue starke Schweden-Film“ vermarktet, obwohl er in Norwegen entstand – nur um ihn eindeutiger im Genre des Sexfilms zu verorten. In den 1950-Jahren waren Nacktheit und freie Liebe durchaus noch anstößig, wie die Skandale um „Die Sünderin“ und „Die Zeit mit Monika“ beweisen. Auch hier geht es um sexuelle Freiheit, um Selbstverwirklichung und das Ablegen gesellschaftlicher Zwänge. Nicht jedem gefiel das damals: „Ihr Gesicht ist lebendig und ausdrucksvoll, und sie hat Sex. Da ist es ganz überflüssig, dass Edith Carlmar so bemüht auf ihre Brüste und Schenkel setzt. Liv Ullmann ist kein BB-Typ. Sie kann mit viel bedeutenderen Mitteln wirken“, schrieb damals die Osloer Tageszeitung Verdens Gang.

Natürlich könnte man bedauern, dass Anders’ Versuche, ein richtiger Mann zu werden, seltsam lächerlich wirken. Einmal versucht er, ein Lamm mit einer Axt zu töten, um so die leere Speisekammer zu füllen. Doch er hat zu viele Skrupel – im Gegensatz zu Gerd, die einfach ein Messer zückt und das Lamm ersticht. Erst im Kampf mit dem Rivalen entpuppt sich Anders’ Grausamkeit, der Hahnenkampf ist entschieden – was dramaturgisch allerdings folgenlos verpufft. Die Regisseurin interessiert sich nicht so sehr für Männlichkeitsmythen, auch der Gegensatz zwischen Stadt und Land wird nicht weiter thematisiert. Calmar ging es vielmehr um eine junge Frau, die die Erwartungen der Gesellschaft enttäuscht und nur ihren Vorstellungen folgt. Ein eigensinniges Mädchen, in der Tat.


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