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Liebe und Anarchie - Jacques Audiard

Dienstag, 05.04.2022

Ein Interview mit dem französischen Regisseur Jacques Audiard über seinen Film „Wo in Paris die Sonne aufgeht“

Diskussion

Der französische Filmemacher Jacques Audiard gilt vor allem als Spezialist sehr intensiver, auch harter Filme wie „Ein Prophet“ oder „Der Geschmack von Rost und Knochen“. Sein Schwarz-weiß-Drama Wo in Paris die Sonne aufgeht(ab 7. April im Kino) überrascht jedoch durch eine große Leichtigkeit, mit der es über unterschiedliche Auffassungen von Liebe unter Pariser Studenten erzählt. Ein Gespräch über die Reize der schwarz-weißen Ästhetik und ihre Vermittlung an eine junge Generation.


Ich habe es sehr genossen, dass Sie Ihren Film in Schwarz-weiß gedreht haben. Was bedeutet Ihnen dieses Ausgangsmaterial?

Jacques Audiard: Ich gehöre ja noch einer Generation an, die mit einer Kinokultur aufgewachsen ist, in der es noch sehr viele Schwarz-weiß-Filme gab. Wenn Sie diese Frage heute 13- bis 15-Jährigen stellen, gibt es niemanden mehr, der mit diesen Filmen noch etwas anzufangen weiß. Wann aber kam es zu diesem Bruch? Wahrscheinlich in den 1980er-Jahren. Vielleicht steckt in jedem Filmemacher der heimliche Wunsch, irgendwann einmal einen Schwarz-weiß-Film zu drehen. Das kann sein, und in diesem Fall habe ich diesen Film jetzt gemacht. Wenn man heute in Paris einen Film in Schwarz-weiß dreht, dann denken alle nur an Truffaut, Godard oder Louis Malle. Aber ein solches nostalgisches Verhältnis habe ich gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich wollte mit einem Film in Schwarz-weiß einen ganz modernistischen Blick auf eine Stadt werfen, die ich gut kenne: auf Paris.

Jacques Audiard (© Neue Visionen)
Jacques Audiard (© Neue Visionen)

Bei „Der Geschmack von Rost und Knochen“ haben Sie das erste Mal digital gedreht und waren sich damals nicht sicher, ob diese neue Arbeitsweise, sich nicht mehr einschränken zu müssen, für Sie die richtige ist. Wie sehen Sie das Drehen mit digitalen Kameras heute?

Jacques Audiard: Ich habe keine ästhetischen Probleme, aber manchmal technische Einschränkungen. Der letzte Film, den ich noch auf Filmmaterial gedreht habe, war Ein Prophet. Die ganze Postproduktion war jedoch bereits digital. Alle anderen Filme drehte ich dann digital. Auch in diesem Fall wollte ich kein nostalgisch-fetischistisches Verhältnis zu einem Material. Es gibt jedoch ein Problem mit der hochstehenden Sonne, wenn man digital dreht. Für Licht, das tiefer steht, ist es hingegen ideal. Bei Der Geschmack von Rost und Knochen gab es das Problem, dass es bei dieser knallenden Sonne im Süden Frankreichs einfach nicht gut aussah. Wenn man mit einem Kran drehte, konnte man niemals den Himmel und das Meer zugleich sehen. Das Wasser wirkte braunstichig. Ideal wäre also, tagsüber auf analogem Film zu drehen und abends digital. In der digitalen Postproduktion ließe sich das dann wunderbar kombinieren. Aber das macht keiner. Filmmaterial ist zu teuer geworden.


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„Der Geschmack von Rost und Knochen“ war für mich ein Liebesfilm. „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist es auch. Worin sehen Sie in beiden Filmen Gemeinsamkeiten?

Audiard: Es freut mich, dass Sie da eine Verbindung zwischen beiden Filmen hervorheben. Bei Der Geschmack von Rost und Knochenwollte ich Fragen verhandeln wie: Was ist das Gefühl des Verliebtseins? Die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau? Das basiert auf einem sehr harten, bitteren Schema. Und unser Model für den Film, für meinen Co-Autor Thomas Bidegain und mich, war Nightmare Alley [deutscher Titel „Der Scharlatan“] von Edmund Goulding aus dem Jahr 1947. Wir wollten einen Film über Jahrmärkte und die Freaks auf diesen Jahrmärkten machen und über Hundekämpfe. In dieser Welt schwebte uns dann eine sehr sexualisierte Liebesgeschichte vor. Vielen ist dabei gar nicht aufgefallen, dass durch den Umstand, dass die Figur von Marion Cotillard keine Beine mehr hat, das Ganze noch sehr viel sexualisierter wirkt. So konnte man mit den Liebesszenen sehr sparsam umgehen. Bei „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ musste ich schon mehr Mittel einsetzen, damit der Liebesakt wahrscheinlicher erscheint. Die Sexszenen zwischen Marion Cotillard, die eine beinamputierte Frau spielt, und Matthias Schoenaerts waren schon „speziell“. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Durch diese physische Besonderheit der Heldin bekam das körperliche Verhältnis zwischen den Beiden etwas ganz Spezielles. Das war mir immer bewusst.

Lucie Zhang, Noémie Merlant und Makita Samba (© Neue Visionen)
Lucie Zhang, Noémie Merlant und Makita Samba (© Neue Visionen)

Und wie ist dann das Verhältnis zwischen Liebe und Sex im neuen Film?

Audiard: Es sind Charaktere, die glauben, man könne den Körper vom Liebesaffekt trennen. Sie irren sich. Darüber könnte man eine Vierstundenarbeit in der Schule schreiben: „Lässt sich das Herz von der körperlichen Liebe trennen?“ Aber genau darum geht es, um diese Beobachtung. Kann man sich körperlich völlig loslösen und nur die Lust genießen? Hat das Konsequenzen oder keine Konsequenzen? Kann ich diese Erfahrungen immer weiter fortführen und wie lange? Geht das alles ohne den Liebesaffekt? Das sind die Fragen, die ich stelle.

Die beiden Hauptdarsteller Makita Samba und Lucie Zhang haben erzählt, wie neugierig Sie waren und wie viele Fragen Sie ihnen stellten, weil sie ja zu einer anderen Generation zählen. Warum wollten Sie einen Film über die Generation der 30-Jährigen und ihr Verhältnis zur Liebe drehen?

Audiard: Ich erinnere mich gar nicht mehr so genau daran, aber da ich ja aus der von Ihnen erwähnten Generation stamme, sieht meine Auffassung von Liebe zwischen Männern und Frauen ganz anders aus. Etwas zugespitzt bin ich dann eher bei Meine Nacht bei Maud von Eric Rohmer als bei Deep Throat. Es mag deshalb schon sein, dass ich den beiden Fragen gestellt habe, etwa Lucie im Bezug auf einige Szenen, die sie spielen sollte. Sie war erst 19 Jahre alt, außerdem Chinesin mit einem ganz anderen Konzept zum Körper und zur Scham. Ich wollte von ihr wissen, wie sie zu diesen Fragen steht, damit wir uns dann einig sind.

Als der Film im Vorjahr in Cannes seine Premiere feierte, wurde sehr viel darüber geredet, dass Jacques Audiard einen radikalen Stilwechsel vollzogen habe, auch weil er mit den beiden Co-Autorinnen Céline Sciamma und Léa Mysius zusammengearbeitet habe. Wie genau verlief denn diese Zusammenarbeit?

Audiard: Céline Sciamma bin ich vor allem dafür dankbar, dass sie zu Beginn des Projekts mit von der Partie war. Es gab zwei Adaptionen und einen Gesamtzyklus, der sich über zwei Jahre erstreckte. Mit ihr zusammen haben wir zunächst die Graphic Novels von Adrian Tomine ausgewählt und dann adaptiert. Und mit Léa Mysius habe ich dann dieses Drehbuch weiterbearbeitet.

Aber wie kam es überhaupt zur Zusammenarbeit mit Céline Sciamma?

Audiard: Wir kannten uns bereits eine Weile beruflich, auch durch die SRF, die „Société des réalisateurs de films“, den Berufsverband der Filmregisseure. Hinzu kam eine gemeinsame gute Freundin, die Regisseurin Rebecca Zlotowski, sodass wir uns gelegentlich sahen. Als ich dann eine Drehbuchautorin suchte, ermutigte mich Rebecca, doch Céline einfach anzusprechen. Das passierte dann alles ziemlich schnell und wir waren sehr zufrieden. Céline kennt sich sehr gut mit dem Werk von Adrian Tomine aus.

Der 13. Bezirk von Paris erfährt eine seltene Kinowirkung (© Neue Visionen)
Der 13. Bezirk von Paris erfährt eine seltene Kinowirkung (© Neue Visionen)

Obwohl ich selbst einige Jahre lang in einem Pariser Vorort aufgewachsen bin, kenne ich den 13. Pariser Bezirk überhaupt nicht, in dem „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ spielt. Was ist das für ein Bezirk und wie bekannt ist er bei den Parisern?

Audiard: Das gutbürgerliche Paris kennt im Süden des 13. Bezirks das Quartier „La Butte aux Cailles“. Es war eine Hochburg der Pariser Kommune. Die Soldaten von Versailles liquidierten dort die letzten Kommunarden. Bis heute befindet sich in der Nähe eine anarchistische Buchhandlung. Ich habe zehn Jahre in diesem Viertel in der Nähe gelebt, in der Rue de la Butte aux Cailles, von der Geburt meiner ersten Tochter bis zur Geburt der zweiten. Dort schrieb ich meine ersten beiden Filme.

Wie haben Sie die Rollen im neuen Film ausgewählt?

Audiard: Mit meiner Casting-Agentin Christelle Baras. Sie ist genial und sah sofort, dass es zwischen Noémie Merlant und Jehnny Beth eine Ähnlichkeit gab, die bei diesen beiden Frauenfiguren ja beabsichtigt ist. Mir gefiel der Film von Céline Sciamma, Porträt einer jungen Frau in Flammen, aber für mich war Noémie Merlant eine sehr ernsthafte Schauspielerin. Noémie Merlant sah ihre Figur dann zunächst auch als eine sehr dramatische Rolle. Später sagte ich ihr: Nein, das ist eine Figur wie Diane Keaton in den Komödien von Woody Allen. Als ich ihr das sagte, spielte Noémie völlig befreit auf. Bei den anderen war es etwas komplexer. Makita Samba kommt vom Theater. Das verleiht ihm eine gewisse theatralische Steifheit. Das war nicht immer leicht. Als ich Lucie Zhang kennenlernte, war sie 19, Studentin und kannte sich wirklich überhaupt nicht aus. Obwohl man sie als Franko-Chinesin bezeichnet, ist sie eigentlich nur Chinesin. Denn Französisch ist nur die Kommunikation mit ihr, der Rest ist Chinesisch, wenn es um Gefühle, die Übersetzung in Emotionen geht. Es war witzig mit ihr. Sie ist sehr intelligent, wirklich brillant, aber sehr zurückhaltend. Das ist manchmal fast verstörend. So verstand sie manchmal nicht, was Ironie ist. Sie dachte, das sei etwas Böses.

Die Generation der 30-Jährigen und ihr Verhältnis zur Liebe (© Neue Visionen)
Die Generation der 30-Jährigen und ihr Verhältnis zur Liebe (© Neue Visionen)

Sie haben insgesamt zwei Jahre an „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ gearbeitet, auch mit einer längeren Pause, als Sie die fünfte Staffel der französischen Serie „Büro der Legenden“ mit Mathieu Kassovitz als Spion inszenierten. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Audiard: Der Serienschöpfer und Showrunner Eric Rochant kam auf mich zu und bot mir das an. Ich kannte die Serie und mochte sie, hatte aber nicht alles gesehen. Ich wollte unbedingt mit und für Eric Rochant arbeiten, den ich sehr schätze und dessen Film Staatsauftrag: Mord für mich sehr wichtig war. Er ist in Frankreich derjenige, der diese neue Funktion eines Showrunners am besten verkörpert.

Und wie war das Wiedersehen mit Mathieu Kassovitz, mit dem Sie Ihre ersten beiden Filme „Wenn Männer fallen“ und „Das Leben: Eine Lüge“ gedreht haben?

Audiard: Das war schon sehr merkwürdig, aber auch schön. Als mir Eric Rochant das anbot, meinte ich zu ihm: Bei einer Serie Regie zu führen, interessiert mich vor allem unter dem Aspekt, dass ich dann nicht das Drehbuch schreiben muss. Doch dann kam alles anders. Sie hatten eine Panne mit einem Autor und plötzlich schrieben wir alle zusammen mit Eric Rochant und Thomas Bidegain. Es war aber wirklich charmant. Mir hat es viel Spaß gemacht. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob meine Folgen dem Publikum wirklich gefallen haben, so war Eric Rochant doch sehr zufrieden.

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