© Grandfilm (Szenenfoto aus "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?")

Rückeroberung der Unschuld - Alexandre Koberidze

Montag, 11.04.2022

Über die Filme des georgischen Filmemachers

Diskussion

Der gebürtige Georgier Alexandre Koberidze hat schon während seines Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin international von sich reden gemacht. Sein Abschlussfilm Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?(seit 7. April im Kino) über eine Liebesgeschichte unter magischen Vorzeichen gewann im Berlinale-Wettbewerb 2021 den Preis der Filmkritiker und erhielt zahlreiche weitere Ehrungen. Darin wie auch schon in Lass den Sommer nie wieder kommen (2017) erweist sich Koberidze als Filmemacher, der das Kino als Raum unendlicher Möglichkeiten betrachtet.


Beim 1984 in Tiflis, Georgien, geborenen Alexandre Koberidze erwähnen diejenigen, die über ihn schreiben oder sprechen, oft, dass er ein junger Filmemacher sei. Sie betonen das wahrscheinlich, weil seine zwei bisherigen Langfilme, Lass den Sommer nie wieder kommen und Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?so gebaut sind, als wären sie schon immer da und fester Bestandteil der Filmgeschichte.

Der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ausgebildete Filmemacher (Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?ist sein Abschlussfilm) gehört zu jenen, die Filme drehen, weil sie in ihnen all das passieren lassen können, was dem echten Leben abhandengekommen ist. Koberidze rächt sich gewissermaßen an der Wirklichkeit, zumindest an der Nüchternheit, mit der wir normalerweise auf diese blicken. Man könnte von Utopien oder Träumereien sprechen. So zelebriert der Regisseur in seinem jüngsten Film das Fußballspielen, einen Sport, so betont er in Interviews, für den er selbst geboren wäre, den er aber nie professionell ausübte. Gleichzeitig lässt er in einer fiktionalen Fußballweltmeisterschaft Superstar Messi den Titel holen, der ihm im tatsächlichen Leben bisher verwehrt blieb, und filmt spielende Kinder mit der gleichen Zeitlupengeste begleitet von Gianna Nannini und Edoardo Bennato, in der einst den größten Stars des Sports gehuldigt wurde. Sein Kino glaubt hier frei nach Paul Éluard an eine andere Welt, die sich in der, die wir kennen, befindet.

Beim Dreh von "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Elena Mikaberidze)
Beim Dreh von "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Elena Mikaberidze)

Märchenhafte Narrative

Koberidzes märchenhafte Narrative, die stets von einem Voice-Over begleitet werden, lassen ihn stellenweise wie einen Erzähler aus längst vergangenen Tagen erscheinen. Gleichzeitig überfrachtet er seine Filme derart mit formalen, narrativen und tonalen Kniffen und Spleens, das diejenigen, die das wollen, darin ein Zeichen seiner Jugend erkennen mögen. Das Kino als Raum mannigfacher Möglichkeiten wird ausgereizt. Bereits in seinem Kurzfilm Colophonarbeitete er mit Zwischentiteln, Märchenstrukturen und einer Romantik, die man so eher aus Stummfilmen kannte. Es ist zugleich unmöglich und äußerst leicht, seine Plots zu beschreiben. Es geht um unvorhergesehene Begegnungen, die Liebe, das Schicksal, die Träume und all das, was an den Rändern aufleuchtet. Magie ist Teil der Wirklichkeit und wird so hingenommen, wie ein Wind, der durch die Straßen fegt.


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Koberidze interessiert sich nicht für Hierarchien im Erzählen. Eine Blumenvase auf dem Tisch bekommt die gleiche Bedeutung wie Straßenhunde oder ein Kuss. Aus seinen Filmen spricht die Sehnsucht nach einer Intensivierung des Lebens. Alles soll endlich wieder etwas bedeuten. Das erinnert an die Wahrnehmung von Kindern und ist vielleicht das größte Kompliment, das man diesen Filmen machen kann.

In einem frühen Text beklagte der französische Filmemacher und Kritiker Jacques Rivette einmal, dass das Kino seine Unschuld verloren habe. Er spielte dabei unter anderem auf den Verlust der Geste als filmisches Ausdrucksmittel nach Einführung des Tonfilms an. In mancher Hinsicht arbeiten die an Stummfilmgrammatiken geschulten Arbeiten Koberidzes daran, diese Unschuld zurückzugewinnen. Sein Kino trachtet danach, die Dinge zum ersten Mal zu sehen. Verzaubert, gegenwärtig. Ganz so unschuldig sind die Filme aber nicht, dazu kokettieren sie viel zu sehr mit der eigenen Metaebene und Querverweisen auf die Film- und Literaturgeschichte.


Alexandre Koberidze (© Marius Land/Grandfilm)
Alexandre Koberidze (© Marius Land/Grandfilm)

Einfach Filme

In seinen beiden Langfilmen kommt der georgischen Stadt Kutaissi eine besondere Rolle zu. Man kann Lass den Sommer nie wieder kommenund Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? wie Zwillinge betrachten, die an verschiedenen Tagen, mit unterschiedlichen Kameras an den Ufern des Rioni spazieren. Früher nannte man solche Filme Stadtsymphonien, aber Koberidze lässt eigentlich keine Zuschreibungen zu. Aus jeder Schublade, in die man ihn stecken möchte, bringt er ein neues Element seines Kinos hervor: ethnographische Studien, Romanzen, experimentelle Essays, Märchen, Komödien. Es sind einfach Filme, das muss man erstmal akzeptieren.

Diese „einfachen“ Filme erscheinen wie das ungebremste Brainstorming eines Poeten. Das ist ein schwieriges Wort. Was ist schon ein Poet? Koberidze balanciert entlang der höchsten und billigsten Bedeutungen dieses Begriffs. Hoch, weil die Intelligenz und Empathie seiner Filme sich jederzeit in seinen formalen Ansprüchen findet. Billig, weil manche Regieentscheidung nicht von einer bloßen Geste, einem poetischen Effekt zu unterscheiden ist. So neigt sich seine Kamera auf die Füße wie in einem Film von Bresson oder er adressiert das Publikum direkt im Voice-Over oder per Zwischentitel. Er müht sich um Ausdruck und lässt diesen zärtlich-verspielt durch sich fließen. In Koberidzes Filmen vermittelt sich das Gefühl, dass der Filmemacher noch träumt, während wir seine Bilder sehen.


"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Grandfilm)
"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Grandfilm)

Produziert wurde Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? übrigens von Luise Hauschild und Mariam Shatberashvili und ihrem „New Matter Films“. Da die beiden Produzentinnen sowie Julian Radlmaier, ein enger Vertrauter, in dessen Filmen Koberidze immer wieder tragende Rollen spielt, ebenfalls an der dffb studierten, liegt es nahe, dass bald irgendwer eine neue Welle im deutschen Kino ausruft. Die georgisch-deutsche Welle, die mit dem Diktat des Realismus bricht. Oder so ähnlich.


Magie greift über auf die Wirklichkeit

Die Magie greift über auf die Wirklichkeit und vom Format (in Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?wechselt er zwischen analog und digital, während er sich in Lass den Sommer nie wieder kommenim wunderschönen Pixelsumpf ertränkt) über das Titel- und Schriftdesign, die Sprache, den Schnitt, die Bilder, die Musik (in Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?komponiert von seinem Bruder Giorgi) bis zum Ton ist nichts vor einer ironischen oder berührenden Geste sicher. Dabei vertraut der Filmemacher auf einen rhythmischen Wechsel zwischen Nahaufnahmen und Totalen, sein Blick ist neugierig und abschweifend zugleich. Er ist abschweifend, gerade weil er neugierig ist. In seiner Kurzdoku „Linger on Some Pale Blue Dot“ (zu sehen auf der Website der dffb) zelebriert der Filmemacher sein avanciertes Spiel mit Dekadrierungen, in dem gerade die Tatsache, dass wir nicht das sehen, was wir gewohnt sind (Gesichter, Establishing Shots), hilft, dass wir etwas sehen, was uns sonst entgeht.

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Grandfilm)
"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen" (© Grandfilm)

Dass das Filmmagazin „Cinema-Scope“ Koberidzes Debütfilm kürzlich als Film des vergangenen Jahres würdigte, ist ein Ritterschlag, arbeitet deren Chefredakteur Mark Peranson doch entscheidend am Geschmackssinn internationaler Festivals. Es lässt sich nicht leugnen, dass Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?wie maßgeschneidert in die derzeitige Festivallandschaft und zu Streaminganbietern wie Mubi passt. Die dort vorherrschende Dominanz künstlerischer Gesten gegenüber dem, was Helmut Färber als „das Kinematographische“ bezeichnete, also das schlichte Verhältnis vom Film zur Wirklichkeit, die er registriert, ist frappierend. Es ist keine Zeit der Demut und Zurückhaltung im Kino. Zumindest auf Festivals, denn von regulären Kinos, so hört man, wird sein Film noch immer abgelehnt, weil er angeblich schwer zugänglich sei. Hinzu kommt, dass Koberidze die so herrlich eigene, sich der digitalen Assimilation widersetzende Ästhetik von Lass den Sommer nie wieder kommenfür seine jüngste Arbeit über Bord geworfen hat. Noch reichen seine wilden Einfälle, um eine Unabhängigkeit von den Mechanismen der Festivalindustrie zu behaupten, aber es wird spannend, wohin ihn sein nächster Film, laut Aussagen wieder ein Märchen, trägt. Er ist ja noch ein junger Filmemacher, und das ist unser Glück.

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