© imago/Prod.DB (Serge Reggiani)

Die Tragik des Romantikers - Serge Reggiani

Sonntag, 01.05.2022

Hommage an den französische Schauspieler Serge Reggiani, der in Vollendung den Typus des melanolischen Romantikers verkörperte

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Der am 2. Mai 1922 geborene Serge Reggiani verkörperte im französischen Kino in Vollendung den Typus des melancholischen Romantikers, dem ein fatales Schicksal das Glück verwehrt. Als solcher glänzte er in Jean-Pierre Melvilles düsterem Gangsterkosmos, bei Claude Sautet und Theo Angelopoulos. Seine Begabung erlaubte ihm aber auch etliche Rollen abseits dieses Images, wie den lebensfrohen verliebten Tischler in „Goldhelm“ oder einen schrägen Hofnarren-Auftritt in „Berühre nicht die weiße Frau“. Eine Hommage an den 2004 verstorbenen Schauspieler zum 100. Geburtstag.


Während des Vorspanns zu Jean-Pierre Melvilles Der Teufel mit der weißen Weste (1962) läuft Serge Reggiani als Maurice Faugel in Paris durch eine große Fabrikruine, immer an einem Geländer entlang, dazu spielt die Musik von Paul Misraki. Reggiani trägt einen Trenchcoat und einen Bogart-Hut, so etwas wie eine „Uniform“ in Melvilles Gangsterfilmen – ein amerikanischer Mythos, übertragen nach Frankreich. Die Hände hat er tief in den Manteltaschen vergraben, der Hut sitzt leicht schief, die Lippen sind aufeinandergepresst, der Gesichtsausdruck ist verkniffen – ein Markenzeichen des Schauspielers. Nur einmal bleibt Faugel kurz stehen und blickt zu Boden – der Zuschauer weiß, dass ihm etwas schwer auf den Schultern lastet.

Paul Reggiani in "Der Teufel mit der weißen Weste" (imago/Prod.DB)
Paul Reggiani in "Der Teufel mit der weißen Weste" (© imago/Prod.DB)

Fast vier Minuten dauert diese Szene, nur einmal blickt die Kamera kurz nach oben in den Himmel, auf der Suche nach Erlösung. Was für ein Entree für einen Schauspieler, der mit nur wenigen Gesten jene mythischen einsamen Männer spielen kann, die so typisch sind für das Kino von Melville. Fast hat man den Eindruck, als wolle der Regisseur Reggiani besonders ehren, ihm ein filmisches Denkmal setzen. Einmal liegt der Schauspieler, in einem dieser Melville-Rituale, die man als Cineast so liebt, rauchend auf dem Bett, ein anderes Mal steigt er schwerfällig die Treppe zum Gefängnis hinauf. Faugel ist müde geworden, Hoffnung hat er keine mehr. Zu allem Überfluss muss er glauben, dass ihn Jean-Paul Belmondo als Silien nach einem Einbruch in eine Villa an die Polizei verraten hat. Für die geschickten Fallen und Konstrukte, die Silien erfindet, um ihn zu retten, fehlt ihm das Verständnis.

Die Erkenntnis, dass Silien kein Spitzel ist, kommt zu spät. Am Schluss läuft Faugel/Reggiani durch den Regen und kann das tragische Schicksal nicht mehr aufhalten. Der große, letzte Satz dieses Films gehört leider nicht ihm, sondern Belmondo: Tödlich getroffen, robbt er zum Telefon und ruft seine Geliebte an: „Liebling, ich kann heute Abend nicht kommen.“ Das ist der Stoff, aus dem große Filme gemacht werden.


Das Opfer von Täuschungen

Ein anderer Film, eine andere Stimmung: In Jacques Beckers Goldhelm (1952) spielt Serge Reggiani den Tischler Manda, der schon durch seine weiten Cordhosen als Arbeiter kenntlich ist. Er ist so ganz anders als Maurice Faugel, sehr viel lebendiger, freundlicher und natürlicher. In einem Tanzlokal lernt er zu Beginn des 20. Jahrhunderts Simone Signoret als Marie kennen, die wegen ihrer hochgesteckten blonden Haare „Goldhelm“ gerufen wird. Er lächelt sie mutig an, flirtet mit ihr, dreht sie beim Tanz wild im Kreis, wieder und immer wieder, in einer Nahaufnahme guckt er sie frech an. Später küssen sie sich umstandslos. Zwei Menschen, die sich lieben, ihre Gefühle füreinander sind das Herz des Films. Allerdings „gehört“ Marie einem Gangster. Manda tötet ihn – in einer inszenierten Provokation des Gangsterbosses, der auch ein Auge auf Marie geworfen hat – bei einem Messerkampf, so stellt er seinen Mut, aber auch seine Skrupellosigkeit heraus.

Wieder ist Serge Reggiani in einer seiner Rollen Opfer einer – diesmal echten – Täuschung geworden. Aus dem Tischler wird unvermutet ein Gesetzloser, und das ist die eigentliche Tragik dieses Films. Am Schluss erschießt Reggiani einen Mann mit derselben Entschlossenheit, mit der er zu Beginn von „Der Teufel mit der weißen Weste“ einen Freund, der seine Geliebte umgebracht hat, tötet. Jetzt wartet die Guillotine auf ihn, Reggianis Gesicht verrät keine Furcht, aber eine leichte Überraschung, als er sie entdeckt, und dann geht alles sehr schnell. Auch das ein großer Moment der Kinogeschichte.

Zwei Menschen, die sich lieben: Serge Reggiani, Simone Signoret (l.) in "Goldhelm" (Pallas)
Zwei Menschen, die sich lieben: Serge Reggiani, Simone Signoret (l.) in "Goldhelm" (© Pallas)

Simone Signoret und Serge Reggiani hatten sich zwei Jahre zuvor bereits kennen gelernt, in Max Ophüls’ berühmten Der Reigen. Gleich in der ersten Episode spielt er einen im wahrsten Sinne des Wortes zugeknöpften Soldaten. Der lange, enge Uniformmantel betont seine schmale Figur, kaschiert gleichzeitig aber seine wahre Körpergröße. Durch das Rauchen einer Pfeife will er sich den Anschein des Weltmännischen verleihen, doch es passt so gar nicht zu seiner schlechten Laune. „Kommst du mit, Engel?“, fragt ihn Leocadia, eine Wiener Prostituierte. „Nein, ich habe kein Geld“, antwortet er schnippisch und kurz angebunden. „Für Burschen wie dich mach’ ich es auch umsonst“, sagt sie, die Anziehungskraft des Mannes betonend.

Um wegen des nahenden Zapfenstreichs keine Zeit zu verlieren, lässt sich der Soldat eine Treppe hinunter ans Ufer der Donau ziehen, in eine Nische. Eine nüchterne, freudlose Begegnung ist das, die wahre Liebe von Goldhelm lässt sich hier noch nicht erahnen.


Prädestiniert für romantische und tragische Rollen

Sergio Reggiani wird am 2. Mai 1922 in Reggio Emilia geboren. 1926, im Alter von vier Jahren, gelangt er nach Frankreich – seine Eltern flüchten, ähnlich wie die von Yves Montand, vor dem Mussolini-Regime. Von 1940 bis 1943 lässt er sich am Konversatorium in Paris zum Schauspieler ausbilden. Bereits während der Lehre nimmt er kleinere Rollen am Theater an, es folgen Auftritte in Stücken von Jean Marais und Jean Cocteau, sogar „Die Eingeschlossenen von Altona“ von Jean-Paul Sartre. Als „François Villon“ (Regie: André Swoboda) wird er 1945, mit gerade einmal 23 Jahren bekannt. Unvergessen auch seine Rolle in André Cayattes Die Liebenden von Verona(1949), in dem er als Angelo an den Dreharbeiten zu „Romeo und Julia“ teilnimmt und ihn das gleiche Schicksal ereilt wie die Figuren Shakespeares. Zuvor, 1946, war noch Marcel Carnés Pforten der Nacht entstanden, in dem er als Bruder von Yves Montand, dem Hauptdarsteller, in den Selbstmord getrieben wird.

Reggiani scheint prädestiniert für diese romantischen und oftmals tragischen Rollen, sei es als Außenseiter oder als unglücklich Liebender, sei es als Melancholiker oder Gestrauchelter. „Er verlieh seinem Spiel Intensität, indem er diese Figuren nicht ins Tragisch-Pathetische überhöhte, sondern vielmehr im Beiläufig-Nachdenklichen ansiedelte,“ stand nach seinem Tod 2004 in einem Nachruf zu lesen.

Doppelte Tragik: Anouk Aimée und Serge Reggiani in "Die Liebenden von Verona" (imago/Prod.DB)
Doppelte Tragik: Anouk Aimée und Serge Reggiani in "Die Liebenden von Verona" (© imago/Prod.DB)

In Luchino Viscontis Der Leopard (1962) hat Serge Reggiani nur eine Nebenrolle, doch er verleiht ihr Würde und Loyalität. Reggiani spielt den Gutsverwalter Don Ciccio Tumeo, mit dem Don Fabrizio, der Fürst von Salina, gelegentlich auf die Jagd geht. Doch diesmal teilt der Fürst ihm mit, dass sein Neffe Tancredi die bürgerliche Angelica, Tochter des Bürgermeisters, heiraten werde. Ein Geheimnis, das noch eine Nacht bewahrt werden muss, und so schließt Don Fabrizio seinen Angestellten kurzerhand in der Jagdhütte ein. Klaglos und bescheiden fügt sich Don Ciccio Tumeo in sein Schicksal.


Vom Abenteurer zum Hofnarren

Sehr viel engagierter und tatkräftiger ist der Schauspieler 1966 in Robert Enricos Die Abenteurer, diesem „Hymnus auf das Leben in Freiheit und eine Meditation über den Abenteurer als metaphysische Existenz, der seine Erfüllung im zweckgebundenen Handeln findet,“ wie Hans Gerhold schreibt. Reggiani stört hier empfindlich die Freundschaft zwischen Alain Delon und Lino Ventura, die im kongolesischen Dschungel einen Schatz aus einem verunglückten Flugzeug heben wollen. Auch er hätte gerne ein Stück vom Kuchen, schließlich ist er als Pilot der abgestürzten Maschine der Einzige, der weiß, wo sie ist. Zwielichtig und heruntergekommen ist Reggiani hier, ungepflegt und verschlagen. Kurzum: ein Mann, dem nicht zu trauen ist. So beschwört er mit seiner Hinterhältigkeit und Unvorsichtigkeit das tragische Ende des Films erst herauf.

Mit Enrico wird Reggiani 1972 noch einmal zusammenarbeiten, bei Die kleinen Bosse. Er spielt darin einen gealterten Bankräuber, der zwar mit der Beute aus einem Coup entkommen kann, doch vergeblich in Cherbourg auf seinen Ziehsohn und dessen Freundin wartet: Sie wurden bei der Flucht aus dem Gefängnis erschossen.

Seine wohl bizarrste, extrovertierteste und vielleicht hässlichste Rolle spielt Serge Reggiani in Berühre nicht die weiße Frau (1973) von Marco Ferreri, einer vergnüglichen und unprätentiösen Westernparodie über General Custer und die Schlacht am Little Big Horn, angesiedelt in einem riesigen Bauloch mitten in Paris zur Jetztzeit, ein Beweis, wie sehr Ferreri auf Genrekonventionen pfeift. Reggiani ist den Credits zufolge ein „verrückter Indianer“. Was für ein Schock, als wir ihn zum ersten Mal sehen. Fast nackt hockt er auf einem Bordstein, als einziges Kleidungsstück trägt er einen knappen Lendenschurz, der seine Blöße nur mühsam bedeckt. Doch noch erschreckender ist sein kahl rasierter, glänzender Kopf, der die Ohren hässlich hervorstehen lässt, auch der sonst so typische Schnäuzer fehlt. Plötzlich steht er auf, verzieht das Gesicht zur Grimasse, die Augen weit geöffnet, und robbt durch den Sand. Dann schmiert er sich aus einem Napf gelben Grießbrei ins Gesicht, so als wäre dies Das große Fressen, und ruft Alain Cuny alias Sitting Bull zu: „Custer kommt! Custer kommt! Custer kommt!“ Reggiani erfüllt hier eindeutig die Rolle des Hofnarren, der als einziger die Wahrheit aussprechen darf. Das Bild seines breiverschmierten Gesichts wird der Zuschauer so schnell nicht vergessen.


Späte Rollen und Erfolge als Chansonnier

In Vincent, François, Paul und die anderen (1974), diesem wundervollen Ensemblefilm von Claude Sautet, ist Serge Reggiani trotz des vollen Haares sichtlich älter geworden, resignierter, illusionsloser. Er spielt Paul, einen von vier befreundeten Männern, die sich regelmäßig in ihren Häusern treffen und über die Arbeit und Privates sprechen. Paul ist Schriftsteller, doch es gelingt ihm nicht, seinen neuesten Roman zu beenden. Stattdessen hält er sich mit journalistischen Nebenjobs über Wasser, was die Kluft zwischen Selbstverwirklichung und Broterwerb nur noch größer macht. Diese Mischung aus Selbstmitleid und Versagensangst, aus Frustration und Bedauern verleiht Reggiani eine Melancholie, die wie ein Rückgriff auf seine Rollen der 1950er-Jahre erscheint.

Yves Montand, Serge Reggiani, Gérard Depardieu (v.l.) in "Vincent, François, Paul und die anderen" (imago/Prod.DB)
Yves Montand, Serge Reggiani, Gérard Depardieu (v.l.) in "Vincent, François, Paul und die anderen" (© imago/Prod.DB)

Bereits in den 1960er-Jahren hatte sich Serge Reggiani dem Chanson zugewandt, da war er schon über vierzig Jahre alt. Das macht ihn zu einem Seelenverwandten von Yves Montand, diesem großen Chansonnier, der auch in Italien geboren wurde. Sein Schallplattendebüt ist 1964 „Serge Reggiani chante Boris Vian“, veröffentlicht von Disques Jacques Canetti. Danach entstehen ein Dutzend Alben für Polydor. Barbara nach dem Gedicht von Jacques Prévert macht ihn auch in Deutschland bekannt und erlaubt ihm ab 1965 ein zweites Standbein als Sänger, 1968 wurde er sogar mit dem „Grand Prix“ ausgezeichnet. In den 1970er-Jahren ist Reggiani so beliebt, dass er ganze Konzertsäle füllt, Serge Reggiani wird zur Legende. Das Box-Set „Une vie de Passi“ (2005) gibt auf drei CDs mit 80 Chansons einen guten Überblick über seine Karriere als Sänger, den Fans mit Georges Moustaki vergleichen.


Langsamer Abschied vom Kino

Nachdem sich sein Sohn aber 1980 das Leben nahm, hat Serge Reggiani nicht mehr die Kraft zum Singen, er hört unvermittelt damit auf, auch Filmrollen nimmt er nur noch gelegentlich an. Stattdessen interessiert er sich für die Malerei, in der Pariser Galerie Vekav werden seine Bilder ausgestellt. 1990 veröffentlicht er unter dem Titel La question se pose seine Memoiren. Zu den wenigen Filmen, die er noch dreht, gehören Die Nacht ist jung (1986) von Léos Carax, I Hired a Contract Killer(1990) von Aki Kaurismäki und So sind die Tage und der Mond (1990) von Claude Lelouch.

Serge Reggiani (r.) und Jean-Pierre Léaud in "I hired a Contract Killer" (imago/Prod.DB)
Serge Reggiani (r.) und Jean-Pierre Léaud in "I Hired a Contract Killer" (© imago/United Archvies)

Nicht zu vergessen Der Bienenzüchter (1986) von Theo Angelopoulos. Reggiani spielt hier den namenlosen ehemaligen Widerstandskämpfer, der schwer erkrankt im Hospital liegt. Sichtlich freut er sich über den Besuch von Marcello Mastroianni, dem Titeldarsteller, und eines weiteren Freundes. Sie sind alte Kameraden, im Morgengrauen spazieren die drei Männer am Strand entlang und schwelgen in Erinnerungen an bessere Zeiten, Nostalgie durchweht den Film. Trotz aller Wiedersehensfreude ist Reggiani müde und ohne Hoffnung – ein „Verlierer der Geschichte“ (Josef Nagel). Reggiani nimmt hier noch einmal, wie schon in Vincent, François, Paul und die anderen, seine früheren Rollen als Melancholiker auf und führt sie zum Abschluss. Auch wenn er danach noch einige Filme gedreht hat – „Der Bienenzüchter“ ist sein eigentlicher Abschied vom Kino. Serge Reggiani starb am 23. Juli 2004. Er wurde 82 Jahre alt.

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