© Frank Castel/Starface/Imago (Tilda Swinton in Cannes 2021)

Keine Grenzen - Tilda Swinton

Donnerstag, 05.05.2022

Gedanken und Reflexionen über die Schauspielerin Tilda Swinton anlässlich des Kinostarts von "Memoria"

Diskussion

Die 1960 geborene Schauspielerin Tilda Swinton ist einer der größten Stars ihrer Generation, für eine Film- und Popkultur-Ikone ist ihr Image aber erstaunlich fluide – das Überschreiten von Grenzen und die Transformation sind wesentliche Motoren ihrer Karriere, die einst in der Zusammenarbeit mit Derek Jarman startete und seitdem im internationalen Kunstkino, aber auch in Blockbustern immer wieder neue, wunderliche Blüten treibt. Eine Hommage anlässlich des Kinostarts von „Memoria“.


Im Nachhinein (man ist ja bekanntlich immer schlauer) hatte die damals 28-jährige Tilda Swinton bereits vieles vorweggenommen, als sie 1988 in „Cycling the Frame“ von Cynthia Beatt mit dem Fahrrad entlang der Berliner Mauer pedalierte. Ihr bisheriges Werk lässt sich, so abgenutzt dieses Bild auch sein mag, als jenes einer Grenzgängerin umschreiben. Das betrifft ihre Arbeit mit Geschlechterrollen, Identitäten sowie den Zustand zwischen Leben und Tod. Dass sie dabei sowohl in Marvel-Blockbustern wie „Doctor Strange“ als auch in internationalen Kunstfilmen wie „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul mit ihrer ganz eigenen Entrücktheit auf den Leinwänden erscheint, spricht für sich. Die Grenzen, so viel ist klar, existieren für Swinton nur deshalb, weil sie schön schimmern, wenn sie sich auflösen.


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Tilda Swinton war eine weiße Hexe, der Erzengel Gabriel, die mit allen chemisch-illegalen Wassern gewaschene Anwältin, und noch öfter spielte sie ihre eigene Zwillingsschwester. Wohl keine andere Starschauspielerin arbeitet so nachhaltig an der eigenen Verflüssigung. Begonnen hat ihre Karriere in den Filmen Derek Jarmans. „Caravaggio“, „Wittgenstein“, „The Garden“ oder „Edward II“. In Jarmans Filmen erscheint Swinton in der verspielten Erhabenheit einer Muse. Sie huscht nur so an den Blicken der Kamera vorüber, bis sie sich den ihr folgenden Blicken plötzlich in einem stillen Moment hingibt. Aus ihr sprechen zwei widersprüchliche, sich stets vermischende Pole, die vertraute Verletzlichkeit einer Frau, die nicht erkannt werden will, die sich versteckt, und die bedrohlich-verführerische Präsenz einer Frau, die aus der Welt getreten ist, um auf selbige zurückzublicken, ein wenig so, als wäre der Mond einst ein großer Stein auf der Erde gewesen und hätte sich ans Firmament gehangen.

"Caravaggio" (© Imago/Allstar)
"Caravaggio" (© Imago/Allstar)

So zeigt sie Jarman in „Caravaggio“ als tatsächliche Muse des Malers, ein Mond, ein unerreichbares Objekt der Begierde. Wann immer Swinton in diesem oder auch in anderen Werken direkt in das Objektiv der Kamera blickt, verändert sich die Temperatur der Filme. Aus Unbedarftheit wird so Ernst, aus Distanz Verführung, aus Liebe Verzweiflung. Nur wenige Darstellerinnen durften uns so oft ansehen. Ihr aus dem Rahmen des Films fallender Blick erinnert oft an jenen von Harriet Andersson in Ingmar Bergmans „Die Zeit mit Monika“. Eine Szene, die Grenzen im Kino zum Einsturz brachte.


In die Nacht projizierte Lichterscheinung

Wohl kaum eine Schauspielerin hat sich unabhängig irgendwelcher vorherrschender Schönheitsideale (die ja bekanntlich noch schneller wechseln, als Swinton sich in ihren Filmen verkleiden kann - und sie verkleidet sich oft) so sehr mit erotischer Ausstrahlung aufgeladen und aufladen lassen wie Swinton. Egal ob in „The Beach“, „Young Adam“ oder „A Bigger Splash“, es gibt eine im Mainstreamkino rar gesäte Sinnlichkeit, die aus ihrem Körper strömt. Swinton beherrscht sowohl eine mignonhafte Bubenschönheit als auch die im Kino klassischere Weiblichkeit, die bei ihr allerdings nie zum Klischee verkommt. Tatsächlich ist es so, dass es sich anders anfühlt, über die Schönheit Swintons zu schreiben, als das in den meisten anderen Fällen dieser Gehaltsebene der Fall wäre. Das liegt schlicht daran, dass die Darstellerin selbst mit ihrem Bild zu spielen scheint. Sie kontrolliert es, weil sie nichts entspricht außer sich selbst. Schönheit wird in ihr zum Kino selbst, zur Bewegung einer in die Nacht projizierten Lichterscheinung, nie ganz wirklich, nie ganz greifbar, aber nah und offener als das Leben.

Mit Ralph Fiennes in "A Bigger Slash" (© StudioCanal)
Mit Ralph Fiennes in "A Bigger Splash" (© StudioCanal)

Jarman begleitet die schottische Schauspielerin auch nach seinem Tod 1994. Zum einen, weil er ihr ein bleibendes Bild verlieh, und zum anderen, weil sie sich seit jeher für die Bewahrung von dessen künstlerischem Erbe einsetzt. Es fällt auf, dass Swinton sich mehr als andere Schauspieler für das Kino engagiert. Dabei entrinnt sie den mit ihrer Profession so eng verknüpften Eitelkeitsmechanismen nicht immer, was vor allem in ihren Kollaborationen mit dem britischen Listenfilmemacher (ein Neologismus für eine Tätigkeit, die es nicht wirklich braucht) Mark Cousins auffällt. Ehrenhaft ist ihr Bestreben aber allemal, denn ihre Stimme zählt und erreicht auch jene, die nicht glauben, dass es andere Filme gibt als die, die gestern gedreht wurden und heute auf Netflix laufen.


Treue Kollaborateurin

Allerdings war Swinton auch anderen Filmemacherinnen treu. Ihre Arbeit zeichnet sich auch durch anhaltende Kollaborationen aus, eine Entwicklung über einzelne Filme hinweg, ein Austarieren der Möglichkeiten des Spiels. So springt sie schon in Joanna Hoggs studentischem Kurzfilm „Caprice“ durch an Jean Cocteau erinnernde Fantasiewelten eines Modemagazins (später in Pedro Almodóvars „The Human Voice“ sollte es tatsächlich eine Cocteau-Parallelwelt sein) bevor sie in „The Souvenir“ und „The Souvenir II“ gemeinsam mit ihrer Tochter Honor Swinton Byrne erneut vor die Kamera Hoggs trat. In den beiden Coming-of-Age-Filmen spielt Swinton, wie sie es gerne tut, mit dem eigenen Altern. In ihr erwacht ein Vertrauen, das wir nur jenen entgegenbringen können, die die Last des Lebens in ihren Augen tragen. Swinton kann fliegen oder schlafen, es ist egal, unter ihr wartet immer ein Abgrund, den es mit Schauspiel und Körperlichkeit zu füllen gilt.

Für Jim Jarmusch greift Tilda Swinton auch zum Katana: "The Dead Don't Die" (© UPI)
Für Jim Jarmusch greift Tilda Swinton auch zum Katana: "The Dead Don't Die" (© UPI)

Ähnlich wie mit Hogg arbeitete sie auch mit Wes Anderson, den Coen-Brüdern, Jim Jarmusch, Luca Guadagnino oder Bong Joon-ho öfter zusammen. Ihre Treue zu einzelnen Filmemachern erinnert an Leonardo DiCaprio, ihr Hunger, mit großen Filmemacherinnen weltweit zu arbeiten, an Juliette Binoche. Dabei besitzt Swinton die ihr ganz allein gehörende Eitelkeit der Unerkennbarkeit. Von den Verkleidungen war bereits die Rede, sie führen von Prothesen über Körpergewicht bis zur Sprache in die Irre. Hinzu kommt, dass die Darstellerin manchmal nur ganz kurz (oder war sie das überhaupt?) zu sehen ist, mal gut, mal böse, jegliche Logik klassischer Starsysteme aufhebend, so weit, dass es nur allzu logisch erschien, als sie David Bowie, einer der größten Verwandlungskünstler der Popkultur, für sein Video zu „The Stars (Are Out Tonight)“ neben sich setzte. Die beiden spielen ein konservatives Pärchen, das beginnt sich aufzulösen in einer Celebrity-Welt aus Doppelgängern und falschen Bildern. Da war sie wieder in diesen Cocteau-Welten, den hinter den Spiegeln aufgehenden Traumzuständen.


Sie spricht mit ihrem ganzen Körper

Swinton wandelt durch ein ausdrucksarmes Kino wie ein expressionistisches Überbleibsel, sie wirkt meist, als hätte sich eine Stummfilmschauspielerin in einen Tonfilm verirrt. Sie spricht mit ihrem ganzen Körper. Mit ihr wird das Kino zum fluiden Möglichkeitsraum, manches in ihrem Spiel erinnert mehr an Praktiken der Commedia dell’arte, dann wieder wird sie zu einem Sinnbild moderner Kunst, indem sie Ästhetik und Kritik in ihrem Ausdruck bis hin zur sich selbst verneinenden Bedeutungslosigkeit zusammenfallen lässt. Man kann dieses Spiel und Widerspiel mit Verkörperung und Flucht, Identifikation und Desillusionierung sehen in „A Bigger Splash“, in dem sie eine ihrer Stimme beraubte Sängerin verkörpert, aber auch mit falschen Zähnen in „Snowpiercer“ oder tief unter ihrer dunklen Sonnenbrille schlummernd in „Only Lovers Left Alive“.

"Orlando" (© Imago/Allstar)
"Orlando" (© Imago/Allstar)

Großes Urbild ihrer zugleich ohnmächtigen wie sich befreienden Ausstrahlung ist aber ihr zwischen den Geschlechtsbildern oszillierender Auftritt in Sally Potters „Orlando“. Hier zeigt sich die eingangs erwähnte Verflüssigung besonders eindrücklich. Sie betrifft nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Rollen von Macht und Kunst, Ordnung und Chaos. In der Virginia-Woolf-Verfilmung spielt die Tochter eines Landbesitzers die titelgebende Orlando, die in Besitz von Land kommt, was angefochten wird, als sie ihr Geschlecht als weiblich offenbart. Gegen Ende des Films lösen sich auch die Grenzen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf. Alles, was historisch überschwappt, dient als Quell für die Flüsse der Gegenwart.


Gegen die Mauern anfahren

Swinton trägt die aufregendsten Kleider und Farben, alles an ihr wird zum Artefakt, zum Fetisch fast, zum Beispiel das über sie laufende rote Fleisch der Tomaten in „We Need to Talk About Kevin”, der Schweiß in „I Am Love“ oder ihr gleißendes rotes Haar (entsprechend unterstützt vom Filmlicht) in „Young Adam“. Selten hat man das Gefühl, dass Swinton diesen oder jenen Modedesigner trägt, vielmehr werden diese Marken von ihr getragen, bis sie mit ihrem Körper verschmelzen, bis sie mit der Darstellerin in eine andere Welt reisen.

Das Reisen, die Passage ist ohnedies entscheidend für diese Frau, die eben ganz zu Beginn ihrer Karriere vom Brandenburger Tor Richtung Westen radelte und schon damals auf ihrem Weg alles mitnahm, was in ihr Leben fiel. Die gleiche Bewegung wurde mehr als 20 Jahre später in „The Invisible Frame“ fortgesetzt. Diesmal, der Titel sagt es bereits, ist es die unsichtbare Mauer, die geistig noch immer existierende Mauer, die Swinton und Beatt interessierte. Eine Mauer, gegen die sie noch immer anfährt. In ihrem jüngsten Film „Memoria“ ist die Mauer nicht aus Stacheldraht gebaut, aber doch auch aus Ideologien. Es ist die Mauer zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, jene zwischen dem spirituellen Rumoren einer anderen, tieferen Welt und den oberflächlichen Regungen des modernen, sogenannten zivilisierten Lebens. Es wirkt fast so, als würde Swinton ihre Filme selbst schreiben. Sicherlich genießt sie den Luxus, sich ihre Projekte auszusuchen. Es überrascht nicht, dass Swinton einmal betonte, es falle ihr leichter, eine Hexe zu spielen wie in „Die Chroniken von Narnia“, als eine Anwältin eines Chemiekonzerns wie im beglückenden „Michael Clayton“, für den sie einen „Oscar“ als besten Nebendarstellerin erhielt.

Ab 5.5.2022 im Kino: Tilda Swinton in "Memoria" (© Kick the Machine Films/Burning/Anna Sanders Films/Match Factory Productions/ZDF/ARTE/Piano)
Tilda Swinton in "Memoria" (© Kick the Machine Films)

Dabei ist sie längst selbst zum Fetischobjekt geworden. Sie taucht in so vielen Kultfilmen der jüngeren Vergangenheit auf, dass selbst die Erinnerung an ihre Auftritte, womöglich ganz in ihrem Sinn, verschwimmt. Die wasserstoffblonde, cowgirlhuttragende Eiseskälte in Jim Jarmuschs „The Limits of Control“, die schrille Pseudomoralkapitalistin in „Okja“ oder die drei wirklich nicht mehr erkennbaren Rollen in „Suspiria“ (man denkt fast an Eddie Murphy bei so viel Verkleidungskunst oder zumindest an Peter Sellers in Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben). Wiederholt hängen ihre Rollen dabei an der Musik, der flüssigsten aller Künste. Sie lauscht oder singt, tanzt oder treibt und sucht nach diesem Punkt, an dem es keine Grenzen mehr gibt, sondern Leben.

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