© IMAGO / gezett (Frank Beyer)

Ein Mann mit Grundsätzen - Frank Beyer

Mittwoch, 25.05.2022

Am 26. Mai wäre der Filmregisseur Frank Beyer 90 Jahre alt geworden

Diskussion

Der aus Thüringen stammende Regisseur Frank Beyer (1932-2006) war der international am meisten wahrgenommene Filmemacher der DDR, der mit historischen Stoffen wie „Fünf Patronenhülsen“, „Nackt unter Wölfen“ und „Jakob der Lügner“ Meilensteine des DEFA-Kinos schuf. Mit wachsender kritischer Haltung ertrug er das Verbot seines Baustellenwesterns „Spur der Steine“ und mehrerer weiterer Filme und erkämpfte sich seinen Platz in der DDR immer wieder zurück. In seinem Gesamtwerk spiegeln sich die Auf- und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Eine Würdigung zum 90. Geburtstag am 26. Mai.


Am Nachmittag des 1. Juli 1966 erhielt der DEFA-Regisseur Frank Beyer eine dringende Depesche von DDR-Kulturminister Klaus Gysi. In dem eiligst einberufenen Gespräch wurde Beyer aufgefordert, er möge zu der am selben Abend angesetzten Premiere seines Films Spur der Steine im Berliner Kino International nicht erscheinen. Natürlich leistete er diesem Ansinnen keine Folge. Wenige Stunden später erlebte er, wie sich im Kassenraum des Kinos Journalisten und andere geladene Gäste stauten, für die angeblich keine Karten mehr vorhanden waren, während drinnen ein Drittel der Zuschauer begann, lautstark gegen den Film zu protestieren. An einen Zwischenruf erinnerte sich Beyer noch lange: „Ins Gefängnis mit dem Regisseur.“

Der Abend, ebenso bedrückend wie spektakulär, ging in die Literatur ein. Jurek Becker, Stefan Heym und Thomas Brasch, allesamt anwesend, schrieben ebenso darüber wie Beyer selbst in seinen 2001 erschienenen Memoiren Wenn der Wind sich dreht. Wer genau den Befehl zu dieser Aktion gegeben hatte, die auf fatale Weise den Kinorandalen der SA aus den frühen 1930er-Jahren gegen den Remarque-Film Im Westen nichts Neues ähnelte, hat Beyer nie herausbekommen. Es müssen führende Politiker der SED gewesen sein, denn viele der Unruhestifter waren von der Berliner Bezirksparteischule ins International abgeordnet worden, um den geforderten Unmut kundzutun.

„Nackt unter Wölfen“ war 1963 ein bahnbrechendes KZ-Lagerdrama (© IMAGO / United Archives)
„Nackt unter Wölfen“ war 1963 ein bahnbrechendes KZ-Lagerdrama (© IMAGO / United Archives)


Eine zunächst bruchlose Karriere

Beyer war zutiefst verstört. Denn er glaubte, mit dem ebenso ehrlichen wie packenden Film, der eine Demokratisierung des Sozialismus einklagte, seinem Staat genutzt zu haben. Die DDR hatte dem 1932 geborenen Sohn einer Verkäuferin und eines kaufmännischen Angestellten, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, eine bis dahin bruchlose Karriere ermöglicht. Nach dem Abitur und kurzen Zwischenspielen beim Kulturbund und an einem thüringischen Theater war der Zwanzigjährige an die Prager Filmhochschule FAMU delegiert worden. Schon mit 25 konnte er seinen ersten DEFA-Film realisieren: Zwei Mütter, ein Melodram über zwei Frauen, eine Deutsche und eine Französin, deren Babys während eines Bombenhagels am Ende des Krieges im Krankenhaus vertauscht werden.


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Mit 28 begann eine ebenso kontinuierliche wie fruchtbringende Arbeit an großen Stoffen. Es muss für Beyer eine glückliche Zeit gewesen sein, als er den Spanienkriegsfilm Fünf Patronenhülsen (1960) mit Erwin Geschonneck, Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl drehte, anschließend die Liebesgeschichte Königskinder (1962), wiederum mit Mueller-Stahl und Annekathrin Bürger, dann das KZ-Lagerdrama Nackt unter Wölfen (1963) und schließlich die Nachkriegskomödie Karbid und Sauerampfer (1963). Inhaltlich rückte er immer näher an die Gegenwart heran, der Baustellen-Western „Spur der Steine“ spielte in den späten 1950er-Jahren. So hätte es damals weitergehen können: Jakob der Lügner stand schon für 1966 auf dem Drehplan des Regisseurs (und konnte erst 1973/74 gedreht werden), danach eine Verfilmung des Romans „Die Aula“ von Hermann Kant.


Ein wachsendes Dilemma

Doch nach den Querelen um „Spur der Steine“, die bald zu einem Verbot des Films führten, wurde Beyer auf Weisung des SED-Politbüros aus dem DEFA-Studio für Spielfilme entlassen. Aus drei Angeboten, künftig an Theatern der DDR zu arbeiten, wählte er sich Dresden, machte dort unter anderem einen „König Lear“ mit Rolf Hoppe, und folgte schließlich dem Ruf des Deutschen Fernsehfunks, Fernsehfilme zu drehen. Einen weiteren Bruch in seiner politischen Haltung zur DDR gab es 1968, als er den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei hautnah miterlebte. Beyer war ein Sympathisant des Prager Frühlings, der nun von Panzern niedergewalzt wurde.

„Spur der Steine“ warb für eine Demokratisierung des Sozialismus, was bei der DDR-Führung schlecht ankam (© Kinowelt)
„Spur der Steine“ warb für eine Demokratisierung des Sozialismus, was bei der DDR-Führung schlecht ankam (© Kinowelt)

Immer deutlicher wurde ihm das Dilemma, vor dem alle in die DDR hineingewachsenen und -geborenen Intellektuellen standen: Die herrschende Partei und ihre Führung legitimierte sich zwar durch ihre politische Herkunft aus dem antifaschistischen Kampf, wendete aber zugleich altbekannte stalinistische Praktiken an. Eigene, generationsspezifische und kritische Sichten auf den Gang der Dinge waren unerwünscht. In einer Rede zur Wiederaufführung von „Spur der Steine“ im Herbst 1989 fasste Beyer das in die Worte zusammen: „Es gibt einen großen Respekt im Lande vor denjenigen, die viele Jahre ihres Lebens in der Emigration oder in Gefängnissen und Lagern verbringen mussten. Man hätte Antifaschisten bekämpfen müssen, um den Stalinismus zu bekämpfen. Das wollten viele nicht.“ – Das wollte auch er lange nicht.


Keine Lust mehr auf Vergangenheitsbewältigung

Und doch wandte er sich bereits im September 1977 in einem Offenen Brief gegen die Verhärtungen und Verkrustungen in der Kulturpolitik der DDR. Nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976, gegen die er protestierte, dem Verbot seines Gegenwartsfilms Geschlossene Gesellschaft (1977) mit Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl, der Verschiebung von Das Versteck (1977), dessen Hauptdarsteller Manfred Krug in die Bundesrepublik ausgereist war, und der Ablehnung weiterer Gegenwartsprojekte schrieb er: „Ich habe keine Lust mehr, im Namen der Zukunft Vergangenheitsbewältigung zu betreiben und mich damit an der Bewältigung der Gegenwart vorbeizudrücken. Ich habe auch keine Lust mehr, die Erfahrungen einer älteren Generation, die nicht die meinen sind, weiterzugeben, sondern ich möchte meine Erfahrungen weitergeben, verbündet mit Schriftstellern meiner Generation.“ Gemeint waren Jurek Becker und Klaus Schlesinger, deren Bücher „Schlaflose Tage“ und „Alte Filme“ er gern fürs Kino adaptiert hätte.

Eine Übersiedlung in die Bundesrepublik wäre für ihn nur dann in Betracht gekommen, wenn man ihm in der DDR jegliche Filmarbeit unmöglich gemacht hätte. Doch nachdem er fürs westdeutsche Fernsehen die historische Parabel Der König und sein Narr (1980), ein Gleichnis über das Verhältnis von Macht und Kunst, und den Gegenwartsfilm Die zweite Haut(1981) inszeniert hatte, kehrte er zur DEFA zurück, um hier Der Aufenthalt (1982), Bockshorn (1983) und Der Bruch (1988) auf die Leinwand zu bringen. Sein Bekanntheitsgrad und das Vermögen, für die jeweiligen Stoffe immer auch die entsprechenden filmischen Formen zu finden, sicherten ihm ab 1989 zunächst einen bruchlosen Übergang in die Marktwirtschaft. Mit Arbeiten wie den Fernsehfilmen Das große Fest(1991), einer melancholischen Satire auf die deutsche Vereinigung, und dem Gesellschaftspanorama Nikolaikirche (1995), das die letzten Monate der DDR aus Perspektiven diverser Leipziger Protagonisten reflektiert, rundete sich seine Filmografie.

Auch der Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“ stieß in der DDR auf großen Widerstand (© Das Erste/mdr)
Auch der Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“ stieß in der DDR auf großen Widerstand (© Das Erste/mdr)


Ein Werk als Spiegel deutscher Ur- und Abgründe

Beyers Gesamtwerk spiegelt nicht mehr und nicht weniger als die Auf- und Umbrüche des 20. Jahrhunderts, deutsche Ur- und Abgründe: Kaiserreich und Weimarer Republik, Nazi- und Nachkriegszeit, den Versuch einer sozialistischen Alternative und deren Fiasko. Von den stark stilisierten Bildern der frühen Filme – etwa den strengen, gemeinsam mit dem genialen Kameramann Günter Marczinkowsky ertüftelten Schwarz-weiß-Aufnahmen von Nackt unter Wölfen – führte sein Weg zum poetischen Realismus späterer Arbeiten, ohne seine stilistischen Ambitionen aufzugeben: Aus dem Ghettofilm Jakob der Lügner, dem einzigen DEFA-Film, der jemals für einen „Oscar“ nominiert wurde, verbannte er beispielsweise weitgehend die Farbe Grün. Und in den Traumszenen von Der Verdacht (1991) nach der Erzählung „Unvollendete Geschichte“ von Volker Braun ließ er die staatlichen Bedränger eines jungen Paares wie Larven und Lemuren zu einem Hexentanz antreten. Für Ende der Unschuld (1990), einen Fernsehfilm über deutsche Wissenschaftler, die in den USA an der Entwicklung der Atombombe mitarbeiteten, wählte er die Form eines intensiven, dichten Kammerspiels. Ebenso wie für Abgehauen(1998) nach dem Erinnerungsband seines Freundes Manfred Krug. Die meisten seiner Arbeiten gerieten ihm auf eindringliche Weise schnörkellos. Und in allen vertraute er auf die Kraft seiner Schauspielerinnen und Schauspieler.

Zum Beispiel Vlastimil Brodsky als jüdischer Friseur Jakob aus Jakob der Lügner, eine Adaption des Romans von Jurek Becker. Ein unheldischer Held par excellence: verschmitzt und melancholisch, hungrig, müde und trotz Bitternis wach und lebendig. Das Gesicht mit den tief liegenden Augen, ein Lächeln unter Tränen, der leicht gebückte Gang. Unvergesslich die Szene, in der Jakob ein Radioprogramm imitiert: eine Rede Churchills, einen Walzer, die Suche nach Sendern. Und grandios jener Moment, in dem er eine Scheibe Brot isst: bedächtig, jeden Biss genießend, immer nur ein winziges Stück, und einen Tropfen Wasser dazu.

Bis Ende der 1990er-Jahre inszenierte Frank Beyer regelmäßig; das hörte erst auf, nachdem er die Regie zur Fernseh-Miniserie „Jahrestage“ im Zorn niedergelegt hatte. Seine Absage, nach monatelanger, intensiver Vorbereitung, hing damit zusammen, dass der Produzent kurz vor Drehbeginn die Hauptdarstellerin und die Regieassistentin auswechseln wollte. Das widersprach Beyers künstlerischen und moralischen Grundsätzen; er wehrte sich. Eine solche Art von Solidarität sprach sich in der Branche schnell herum; Beyer galt fortan auch im Westen als das, was er zeitlebens war: aufrichtig, eigensinnig und unbequem. Einen Film hat er bis zu seinem Tod am 1. Oktober 2006 nicht mehr gedreht.

Der größte Erfolg Frank Beyers war die Adaption von „Jakob der Lügner“ (© DEFA-Stiftung)
Der größte Erfolg Frank Beyers war die Adaption von „Jakob der Lügner“ (© DEFA-Stiftung)

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