© Skopia Film ("Eo" von Jerzy Skolimowski)

Cannes 2022 - Im Jahr der Esel

Sonntag, 29.05.2022

In der Preisflut zum Ende des 75. Cannes Festivals spiegelt sich ein Jahrgang ohne Ausschläge nach oben und kaum nach unten

Diskussion

Mit einer wahren Preisflut ist das 75. Cannes Filmfestival zu Ende gegangen. In den Kompromissen der Jury spiegelt sich ein weniger aufregender Jahrgang, bei dem es zwar viele interessante Filme zu entdecken gab, aber keinen, der die Gemüter erhitzt hätte oder an den man noch in zwei Jahrzehnten denken würde. Auch die Entscheidung der Goldenen Palme für „Triangle of Sadness“ steht ganz im Zeichen einer ungewissen Zukunft des Kinos.


Wie gut, dass es beim Filmfestival in Cannes offiziell keinen Preis für Tiere gibt! Denn als Jerzy Skolimowski den ex aequo mit „Le otto montagne“ verliehenen „Preis der Jury“ für „Eo“ in Empfang nahm, dankte er mit listig blinzelnden Augen an erster Stelle seinen sechs Eseln, die für den vierbeinigen Protagonisten vor der Kamera standen, und machte in aller Seelenruhe mit deren Namen, Herkunft und Schönheit bekannt. Mit etwas surrealer Fantasie hätte man sich die Tiere durchaus auf der Bühne des Palais vorstellen können, da es auf ein halbes Dutzend Preisträger mehr oder weniger in diesem Jahr nicht angekommen wäre. Zwei Mal ex aequo sind drei Mal zu viel! Denn was ist ein Grand Prix in Cannes noch wert, wenn ihn sich Lukas Dhont für „Close“ und Claire Denis für „Stars at Noon“ teilen müssen, und die Dardenne-Brüder für „Tori et Lokita“ oberdrein einen weiteren Grand Prix anlässlich des 75. Jubiläums erhalten?

Preis für die beste Regie: "Decision to Leave" von Park Chan-Wook (Moho Film)
Preis für die beste Regie: "Decision to Leave" von Park Chan-Wook (© Moho Film)

Man kann der Jury unter Leitung des französischen Schauspielers Vincent Lindon durchaus die Leviten lesen über so viele Kompromisse, zu denen selbst die „Goldene Palme“ für die schwedische Satire „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund gerechnet werden kann oder die Schauspieler-Preise für die Iranerin Zar Amir Ebrahimi (in „Holy Spider“) und den Südkoreaner Song Kang-ho (in „Broker“); zumindest Park Chan-wook musste sich bei der Ehrung als bester Regisseur für seinen Liebesthriller „Decision to Leave“ nicht mit einem Schattenmann arrangieren! Das Naserümpfen über diese Preisinflation negiert allerdings, dass sich darin durchaus die Qualität des diesjährigen Jahrgangs spiegelt, und sie außerdem als Reaktion auf die aktuellen Probleme des Kinos verstanden werden kann.


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Denn es gab beim 75. Festival du Cannes viele gute und interessante Filme, aber keine wirklichen Highlights, über die man tagelang diskutiert hätte; von neuen Meisterwerken der Filmkunst ganz zu schweigen. Im Jury-Votum lässt sich hingegen durchaus eine Reaktion auf die existenzielle Verunsicherung des Kinos erahnen, das sich nach zwei Corona-Jahren mit einem veränderten Publikumsverhalten konfrontiert sieht; die bleibende Etablierung des Streamens von Filmen hat sich als dauerhafte Konkurrenz etabliert, die nicht nur den Ort des Lichtspielhauses, sondern den Erlebnis- und Ausdrucksraum „Kino“ bedroht.

Die „Goldene Palme“ für „Triangle of Sadness“ muss in dieser Situation geradezu als eine Art Bekenntnis, wenn nicht sogar als ein Aufruf zum Widerstand verstanden werden. Das satirische Drama von Ruben Östlund, der 2017 mit „The Square“ schon einmal in Cannes mit Gold geehrt wurde, vereint alle Grundanliegen des Festivals, höchste filmästhetische Ansprüche mit politisch-gesellschaftlichen Sensibilitäten zusammenzuführen – und neuerdings auch noch das Publikum und die Zukunft der Filmkunst mit im Blick zu behalten. Denn „Triangle of Sadness“ ist fürs Kino gemacht, weil der Film nur auf der großen Leinwand funktioniert.


Lachen, auch wenn es nichts zum Lachen gibt

Östlund reizt seine langen, visuell glänzenden Einstellungen mit kühler Präzision aus und bindet sie in knappe, klar konturierte Dialoge ein, die anfangs um die Dynamik eines Influencer-Pärchens kreisen, das sich um Geld, Macht und Rollenklischees streitet. Im Mittelstück des Dramas schwillt dies auf einer Luxusjacht beim Käptn’s-Dinner dann aber zu einem irrwitzigen Crescendo über Hierarchie und Kapitalismus an, ehe es im Finale auf einer einsamen Insel in einem deutlich schwächeren „Herr der Fliegen“-Szenario mündet. Bei keinem anderen Film in Cannes wurde so herzhaft gelacht, obwohl es über den bizarren Slapstick hinaus eigentlich nichts zum Lachen gibt; zudem zielen die angespielten Konflikte jenseits ihrer mitunter gallig-sarkastischen Note mitten in aktuelle Auseinandersetzungen hinein.

Blau-kalte (Weihnachts-)Bilder: "R.M.N." von Cristian Mungui (Mobra Films)
Blau-kalte (Weihnachts-)Bilder: "R.M.N." von Cristian Mungiu (© Mobra Films)

Es gab im Wettbewerb durchaus härtere, anspruchsvollere Filme, etwa „R.M.N.“ von Cristian Mungiu, in dem Widersprüche und Konflikte um Vielfalt und Einheit in Europa in eine grimmige Handlung integriert sind; doch dem winterlich-dunklen Drama fehlt jeder Anflug von Gefälligkeit, der die blau-kalten (Weihnachts-)Bilder aus einem kleinen Städtchen in Siebenbürgen in Rumänien aufhellen könnte; dort kristallisiert sich um drei Leiharbeiter aus Sri Lanka der Widerstand gegen die vermeintliche Überfremdung der Region; dass die einheimischen Männer selbst ihr Geld irgendwo in Europa verdienen, verschärft die Problematik nur noch.

Auch Mungiu hat mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ schon einmal eine „Goldene Palme“ gewonnen, doch das war im Jahr 2007, was aus heutiger Perspektive eine halbe Ewigkeit zurückliegt; dass „R.M.N.“ jetzt ganz ohne Lorbeeren blieb, markiert die Crux des Augenblicks, die im Votum der Jury weitaus gefälligere Werke ins Zentrum rückte, etwa „Close“ von Lukas Dhont über eine tragisch scheiternde Jungenfreundschaft, oder „Stars at Noon“ von Claire Denis, die visuell aufregend, aber historisch verblasen eine Amour fou aus dem Bürgerkrieg in Nicaragua erzählt; zwei Filme, bei denen man viel Wohlwollen braucht, um ihre Auszeichnung zu verstehen.

Ähnliches gilt in gewisser Weise auch für ein Werk wie „Eo“ von Jerzy Skolimowski, der auf den Spuren von Robert Bressons „Zum Beispiel Balthasar“ von der tragischen Odyssee eines Esels durch halb Europa erzählt. Interessant sind daran vor allem jene Teile, in denen Skolimowski die nicht sonderlich ergiebigen Narrationen, unter anderem mit Isabelle Huppert als französischer Gräfin, zugunsten experimenteller Momente aufbricht, in denen die Leidensgeschichte der Kreatur ins Transgressive tendiert. Und auch das von der kirchlichen Jury prämierte Wahlfamilien-Drama „Broker“ von Hirokazu Kore-eda fügt sich hier ein, in dem der japanische Regisseur sein Kernthema rund um die südkoreanische Hafenstadt Busan und eine zusammengewürfelte Gruppe von Außenseitern entfaltet, die sich um ein zur Adoption bestimmtes Baby versammelt; im Unterschied zu früheren Werken Kore-edas wirkt der Film aber seltsam zusammengestückelt und mehr gewollt als genial.

Lubna Azabal (l.), Saleh Bakri in "Le blue du caftan" von Maryam Touzani (Les films du Nouveau Monde)
Lubna Azabal (l.), Saleh Bakri in "Le blue du caftan" (© Les films du Nouveau Monde)


Was bleibt von Cannes und dem Kino?

Was also bleibt vom 75. Cannes Filmfestival 2022? Neben den vielen interessanten Filmen, von denen eine Reihe auch über internationale Verleiher verfügt, vor allem die bange Frage, ob es für echte Filmkunst in Zukunft noch eine repräsentative Basis, nämlich ein relevantes, über den kleinen Kreis der Cinephilen hinausreichendes Publikumsinteresse geben wird. Denn ein Film wie „R.M.N.“ passt in keinen Streamingkanal; so wenig wie das stille Kleinod „Le bleu du caftan“ von Maryam Touzani, das zumindest der Filmkritiker-Jury FIPRESCI einen Preis wert war. In der Dreiecksgeschichte um ein Ehepaar aus der Medina einer marokkanischen Stadt und einem jungen Gehilfen reduziert sich der Plot auf wenige Aktionen, die aber mit höchster Sorgfalt und größter filmischer Kraft inszeniert sind und geradewegs ins Herzen zielen – was zwingend den Raum des Kinos braucht, um sich entfalten zu können.

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