Drama | Italien/Belgien/Frankreich 2022 | 148 Minuten

Regie: Felix Van Groeningen

Eine Junge aus Turin lernt in den 1980er-Jahren während der Sommerferien im Aostatal einen anderen Jungen aus der Gegend kennen. Obwohl beide sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde. 15 Jahre später begegnen sie sich als Erwachsene wieder und erfüllen ein Vermächtnis, indem sie eine baufällige Hütte in den Bergen wiederherrichten. Die wortkarge Romanverfilmung setzt auf eindringliche Bilder, die aber im fast quadratischen 4:3-Format gefilmt sind und weniger auf Überwältigung als auf innere Entwicklungen und Befindlichkeiten setzen. Ein intimes, meisterliches Werk über das Auf und Ab das Lebens. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LE OTTO MONTAGNE
Produktionsland
Italien/Belgien/Frankreich
Produktionsjahr
2022
Regie
Felix Van Groeningen · Charlotte Vandermeersch
Buch
Charlotte Vandermeersch · Felix Van Groeningen
Kamera
Ruben Impens
Musik
Daniel Norgren
Schnitt
Nico Leunen
Darsteller
Alessandro Borghi (Bruno) · Luca Marinelli (Pietro) · Filippo Timi (Giovanni) · Elena Lietti (Francesca) · Gualtiero Burzi (Luigi)
Länge
148 Minuten
Kinostart
12.01.2023
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Meisterliche Ode auf die Freundschaft zweier Männer, die sich viele Jahre nicht gesehen haben, dann aber eine Hütte in den italienischen Alpen renovieren.

Diskussion

2016 erschien der Roman „Le otto montagne“ von Paolo Cognetti, der von einer bewegten Männerfreundschaft erzählt. Der Titel bezieht sich auf ein nepalesisches Mandala, das in acht gleich große Stücke unterteilt ist. Der Mittelpunkt repräsentiert das Zentrum der Welt, an dem sich der höchste Gipfel, der Sumeru, erhebt. Diesen umgeben acht Berge und acht Meere. Diesem Mandala ist Pietro (Luca Marinelli) in Nepal zum ersten Mal begegnet. Er hat seine Heimat im Alter von etwas über 30 Jahren verlassen und ist am Fuße des Himalayas hängengeblieben. Bei einem Heimatbesuch einige Jahre später erzählt er seinem besten Freund Bruno (Alessandro Borghi), der am Rande des Monte-Rosa-Massivs in den Alpen lebt, die Geschichte des Mandalas. Im Roman zeichnet er es für Bruno in den Schnee, im Film auf ein Stück Papier. Dann stellt er Bruno die Frage, für die das Mandala steht: „Wer erlangt mehr Weisheit? Derjenige, der alle acht Meere überquert und alle acht Berge besteigt, oder derjenige, der den Gipfel des Sumeru erklimmt und dortbleibt?“

Bruno kann diese Frage so wenig beantworten wie jeder andere, dem man sie stellt. Doch er erklärt, von ihnen beiden sei er der Mann auf dem Sumeru und Pietro der andere. Tatsächlich sind Pietro und Bruno, obwohl sie ihre Leidenschaft für Berge und Gebirgslandschaften teilen, sehr verschieden. Pietro wächst als einziges Kind eines Ingenieurs und einer Lehrerin wohlbehütet in Turin auf. Bruno ist ein Kind der Berge. Seine Vorfahren und seine Verwandten sind Hirten. Sie verbringen den Winter im Tal, ziehen im Sommer auf die Alm und leben von dem, was Landwirtschaft in den Bergen hergibt: Eier, Milch, Käse und dem, was sie anpflanzen oder was in freier Natur wächst.

Eine Begegnung in den Bergen

Man schreibt das Jahr 1984, als Pietro mit seinen Eltern die Sommermonate zum ersten Mal im Grana verbringt, einem einst blühenden Weiler im Aostatal, in dem gerade noch ein gutes Dutzend Menschen leben und unter denen Bruno das einzige Kind ist. Bruno und Pietro sind damals beide elf oder zwölf Jahre alt. Pietro lebt bei seinem Onkel. Sein Vater ist als einziger in der Familie Maurer geworden und arbeitet auf Baustellen im nahen Ausland, der Schweiz und Österreich.

Bruno kennt jedes Tier, jeden Stein, jedes Haus und jede Ruine im Dorf und geht alsbald selbstverständlich bei Pietros Familie ein und aus. Die beiden Knaben verbringen den Sommer zusammen. Sie erkunden gemeinsam die Umgebung, lernen sich im Spiel kennen und vertrauen, verlieren sich im Winter aber wieder aus den Augen. Dem ersten folgt ein zweiter gemeinsamer Sommer; einen dritten gibt es nicht mehr. Als Pietros Eltern vorschlagen, Bruno mit nach Turin zu nehmen, damit er dort zur Schule gehen kann, holt ihn sein Vater zu sich und zwingt ihn, fortan auf der Baustelle zu arbeiten. Bruno, heißt es lapidar, hatte keine Jugend, sondern musste mit 13 erwachsen werden.

Ein Haus für beide

Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch erzählen aus der Sicht von Pietro, der auch als Off-Erzähler figuriert. Die Story entwickelt sich chronologisch, aber mit großen zeitlichen Sprüngen und mit vielen Leerstellen und Auslassungen. Nicht selten summieren einzelne Sätze Jahre oder werfen kurze Vignetten Licht auf eine ganze Lebensphase. So etwa steht eine kurze Begegnung von Bruno und Pietro in einem Lokal in einem Nachbardorf, bei der sich beide bloß aus der Ferne grüßen, weil Bruno mit den Arbeitern, Pietro aber mit den Dorfschnöseln unterwegs ist, symbolisch für den ganzen Schmerz der durchs Verhalten der Eltern erzwungenen Trennung.

Es dauert über 15 Jahre, bis sich die Kindheitsfreunde, inzwischen über 30 Jahre alt und bärtig, wiederbegegnen. Bruno ist in der Region geblieben. Er hat sich als Maurer durchgeschlagen, will demnächst aber die Alm seines inzwischen verstorbenen Onkels übernehmen. Pietro hingegen hat sich mit seinem Vater überworfen, weil er sich weigerte, wie dieser Ingenieur zu werden, und seit zehn Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen. Er möchte Filme drehen und Bücher schreiben, hat bisher aber nichts zustande gebracht und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Jetzt ist sein Vater unverhofft an einem Herzinfarkt gestorben. Ein Anruf der Mutter bringt Pietro zurück nach Turin und damit auch zu Bruno, der, wie Pietro nun merkt, in den Jahren, in denen er mit seinem Vater nicht gesprochen hat, diesem so etwas wie ein zweiter Sohn geworden ist. Im letzten Sommer hatte Pietros Vater in den Bergen ein Stück Land mit einer zerfallenen Hütte erstanden, die Bruno für ihn hätte umbauen sollen. Nun errichten Bruno und Pietro gemeinsam das Haus; die vier Monate, die sie dafür brauchen, markieren den Neuanfang ihrer Freundschaft. Er werde, sagt Pietro, als er im Herbst in die Stadt zurückkehrt, jeden Sommer in dieses Haus zurückkehren und Bruno dort treffen. Das Haus, fügt er an, gehöre Bruno ebenso wie ihm.

Nichts wird „abgehandelt“

Ein Steinhaus abgelegen in den Bergen, zwei Männer, sehr unterschiedlich, einander aber zugetan und umeinander besorgt: Das ist die Geschichte einer bewegenden Freundschaft, die „Acht Berge“ inmitten einer wild-herben Landschaft erzählt. Die Filmemacher tun es im heute wenig verwendeten, für einen inmitten trutziger Berge spielenden Film aber durchaus angebrachten, klassischen 4:3-Format. Luca Marinelli als Pietro und Alessandro Borghi als Bruno spielen die beiden Freunde ebenbürtig und sehr körperlich. Auch wenn ihre Beziehung nie explizit erotisch wird, weckt der Film Erinnerungen an „Brokeback Mountain“.

Man kann „Acht Berge“ als klischiert empfinden und ihm auch eine gewisse Oberflächlichkeit vorwerfen. Doch man wird dem Film, der auf fast zweieinhalb Stunden Dauer nicht nur die Lebens- und Freundschaftsgeschichten zweier Männer erzählt, sondern auch deren zerrütteten Verhältnisse zu ihren Vätern schildert, damit nicht gerecht. Vielleicht sagen solche Vorwürfe sogar mehr über die Haltung und (falschen) Erwartungen aus, mit dem manche diesem Film begegnen.

„Acht Berge“ spielt in den Bergen. Er spielt nicht nur an sonnigen Tagen und er erzählt nicht nur von Schönem, sondern er handelt auch von Schwierigem, Traurigem und Dramatischem. Doch das Geschehen wird nur selten „abgehandelt“, und wenn, dann meist sehr diskret auf der Bildebene. Die Inszenierung setzt vielmehr auf die durch Geschehnisse evozierten Befindlichkeiten. Tatsächlich wird oft nicht gezeigt, sondern nur in Worten erzählt, was geschieht oder bereits geschehen ist. Der Fokus liegt eindeutig auf der inneren Erzählung und der emotionalen Entwicklung der beiden Männer. Auf Pietros Wahrnehmung von Bruno, ihre selbstverständliche Verbundenheit, die sich auch darin ausdrückt, dass der wortgewandte Pietro seinen Freund, der nicht über viele Worte verfügt, versteht, ohne dass sie viel miteinander sprechen.

In einem solchen erzählerischen Setting wird die Landschaft, in die die Geschichte eingebettet ist, und der durch den Wechsel von Jahreszeiten und Wetterverhältnissen bedingten Veränderungen zum Spiegel der (seelischen) Befindlichkeiten. Diese schon im Roman zugrunde gelegten Spiegelungen haben Groeningen und Vandermeersch in „Acht Berge“ meisterhaft ins Filmische übertrage.

Kommentar verfassen

Kommentieren