© ZDF/Deutsche Kinemathek (Szene aus "Brüder")

Restaurierte Authentizität: Der Stummfilm „Brüder“ (1929) von Werner Hochbaum

Montag, 19.09.2022

Der Stummfilm „Brüder“ (1929) von Werner Hochbaum ist als digital restaurierte Fassung bis 18. Oktober in der arte-Mediathek zugänglich

Diskussion

Auf arte feiert in der Nacht zum 20. September um 00.40 Uhr die digital restaurierte Fassung des Stummfilms „Brüder“ ihre Fernsehpremiere und steht bis zum 18. Oktober in der arte-Mediathek. Der 1929 entstandene Film von Werner Hochbaum schildert einen Streik der Hamburger Hafenarbeiter Ende des 19. Jahrhunderts. Die Entscheidung, das Werk als Klassiker des proletarischen Films zu digitalisieren, zeigt allerdings sowohl Segen als auch Fluch dieser Technik auf.


Werner Hochbaums Stummfilm „Brüder“ aus dem Jahr 1929 hat eine bewegte Geschichte. Nicht nur, dass er durch die Zensur in der Weimarer Republik um gut 200 Meter beschnitten wurde und damit nicht in der vom Regisseur intendierten Fassung in die Kinos kam. Auch in der Zeit bis zu seiner „Wiederentdeckung“ als „final“ restaurierter Version auf der Berlinale 2022 war der Film als Vertreter des Stummfilmkinos diversen „natürlichen“ und „künstlerischen“ Veränderungsprozessen unterlegen. Von Kommissionen als erhaltungs- und restaurationswürdig erachtet, wurde der Film ihn den Mitteln des „Förderprogramms Filmerbe“ restauriert und digitalisiert und so für die Nachwelt konserviert. Das ist ein Glücksfall, den „Brüder“ gewährt als ein Klassiker des „proletarischen Films“ authentische Einblick in seine Entstehungszeit.

Gewährt Einblicke in seine Entstehungszeit: "Brüder" von Werner Hochbaum (ZDF/Deutsche Kinemathek)
Gewährt Einblicke in seine Entstehungszeit: "Brüder" von Werner Hochbaum (ZDF/Deutsche Kinemathek)

Zwar thematisiert Regisseur Werner Hochbaum ein Ereignis, das 1929 schon längst vergangen und allenfalls journalistisch oder wissenschaftlich-historisch dokumentiert ist. Doch die im Film thematisierten Ereignisse Ende des 19. Jahrhunderts spiegeln vor allem jene Stimmung wider, wie sie zwischen den beiden Weltkriegen in Deutschland herrschte.


Eine Episode aus dem Hafenarbeiterstreik 1896-97

Im Vorspann ist (in den Zwischentiteln) zu lesen, dass der Film auf „authentischem Material“ aufbaut und eine „Episode aus dem Hafenarbeiterstreik (Hamburg) 1896-97“ schildert. „Dieser Bildstreifen ist ein Versuch, mit einfachen Mitteln einen deutschen proletarischen Film zu schaffen. Die Darsteller sind Hafenarbeiter und Arbeiterfrauen, Kinder und andere Menschen aus dem Volke. Alle Mitwirkende standen zum ersten Mal vor der Filmkamera.“

Man sieht offensichtlich dokumentarische Aufnahmen vom Hamburger Hafen, Arbeitersiedlungen, die im Winter noch grauer, trister und verrauchter erscheinen, hagere, tuberkulose, anämische Gestalten in ihren ärmlichen Behausungen, in denen eine vergilbte Tischdecke und ein spärlich geschmückter Weihnachtsbaum zum größtmöglichen Luxus gehören.

Die Spielhandlung zeigt einen Arbeiter, der sich nach Kräften müht, seiner Mehrgenerationenfamilie einen halbwegs erträglichen Alltag zu ermöglichen. Das von der Großmutter anrichtete Essen nimmt er jeden Morgen hastig zu sich, um den Tag über mit Schwerstarbeit im Hafen zu verbringen. Allerdings zunehmend ungehalten, da sich die Vorarbeiter immer mehr zu Schindern entwickeln und eigentlich versprochene Lohnerhöhungen mit dem Argument abgewiesen werden, dass die Überschüsse komplett investiert werden müssten.

Doch die Arbeiterschaft ist nicht machtlos. Sie haben sich organisiert und wollen die Fron für 4,20 Mark am Tag nicht weiter hinzunehmen. „Wir müssen streiken…“, fordern die Vertreter bei einem Treffen in der Stube des Arbeiters. Alle sind versammelt: Speicherarbeiter, Maschinisten, Kohlenschauerleute, die Ewerführer, Seeleute und Schiffsreiniger. Gemeinsam wollen sie für die gerechte Sache streiten.


Intimer als die russischen Vorbilder

„Brüder“ ist ein Agitationsfilm reinsten Wassers. Hochbaum hat sicher „Streik“ (1924) und „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) von Eisenstein bewundert. Man sieht auch in „Brüder“ die kämpferischen Bartträger in Großaufnahmen mit den geballten Fäusten in den Himmel gestreckt. Man sieht die steinernen Löwen als stumme Zeugen an den Fassaden der Herrschenden, durch Montage zum Leben erweckt, scheinbar aufbegehren. Auch hier spürt man die Revolution. Doch wirkt das Szenario intimer als bei den russischen Vorbildern. Denn Hochbaum thematisierte die beiden Fronten am Beispiel der titelgebenden Brüder. Der eine ist der Arbeiter, der andere ein Handlanger des weitgehend unsichtbaren Kapitals, ein Polizist, hin- und hergerissen zwischen den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter und seiner Pflicht, dem geschriebenen „Recht“ zu dienen.

Doppelter Konflikt: "Brüder" von Werner Hochbaum (ZDF/Deutsche Kinemathek)
Doppelter Konflikt: "Brüder" von Werner Hochbaum (ZDF/Deutsche Kinemathek)

Auf diese Weise ist „Brüder“ nicht nur politisch, sondern in seinem doppelten Konflikt auch spannend. Das Ende wirkt durch diese Verknüpfung noch persönlicher und dramatischer. Denn natürlich gibt es im wahren Leben nur selten ein Happy End. Aber sei’s drum, so die eindrückliche Konklusion, die im Schatten einer glühenden, rot viragierten Fahne als finales Bild aufkeimt: „Opfer aller Art hat der elfwöchige Kampf gekostet. Er war notwendig! In tausend und abertausend Geistern, die bis dahin schliefen, ist in diesen Wochen der zündende Funken der Begeisterung gefallen. Trotz alledem!“


Eine Diskussion um Original und „beste Fassung“

Auf der Berlinale 2022 fand anlässlich der Premiere von „Brüder“ in den Räumen der Deutschen Kinemathek eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „In neuem Licht“ statt. Der künstlerische Direktor der Kinemathek, Rainer Rother, befragte unter anderem den Filmemacher Andres Veiel, die leitende Restauratorin Maxi Zimmermann sowie Nikolaus Wostry als Stellvertreter des Rechteinhabers, dem Filmarchiv Austria, nach der Bedeutung von Digitalisierung und Restaurierung für die neue Sichtbarkeit des deutschen Filmerbes.

Das Podium war sich im Postulat einig, dass zu retten sei, was zu retten ist. Doch während Maxi Zimmermann beteuerte, dass durch die von ihnen kuratierte Restaurierung aus drei im Bundesarchiv lagernden Nitratkopien die beste und getreueste Fassung entstanden ist, blieb Wostry in seiner Funktion als Archivar ein wenig verhaltener. Die Digitalisierung sei bestenfalls eine Simulation des Originals. Denn das Digitale überlebt nur durch stetige Duplikation; Festplatten werden nur durch Migration erhalten. Wer, so stellt sich zu Recht die Frage, würde eine über Jahrzehnte verschollene und dann wiedergefundene Festplatte wieder zum Laufen bringen?

Die Flüchtigkeit eines Originals im Zeitalter des Digitalen offenbarte sich auch in der Bemerkung Zimmermanns, dass man einen guten Mittelweg gewählt habe, um die unterschiedlich intensiv viragierten drei Kopien des Films in die jetzt definitive Version zu überführen. Das Blau des winterlichen Hamburger Hafens und der Zinnober der wehenden Fahne ist damit festgeschrieben und gilt fortan als authentisch.

Dezidiert inhaltlich und subjektiv argumentierte bei der Podiumsdiskussion hingegen Andres Veiel. Er habe „Brüder“ zunächst nur ohne Ton, in Schwarz-weiß und nicht auf der großen Leinwand gesehen und sei von der „Musikalität der Bilder“ beeindruckt gewesen. Ein Eindruck, der sich beim Zweitsehen verfestigt habe.


Neue Musik für zwölf Instrumente und Elektronik

Für die neuerliche Premiere ist „Brüder“ mit einer musikalischen Neukomposition für zwölf Instrumente und Elektronik von Martin Grütter versehen worden. Eine Musik, die ebenso radikal wie eindringlich und suggestiv ist. Sie besteht aus Clustern, Klangfragmenten, ist so abstrakt wie fordernd, und hebt sich bewusst vom begleitenden Untermalen klassischer Stummfilmmusik ab. Über seine Komposition sagte Grütter: „Der Alltag interessiert mich nicht besonders, drum lass’ ich ihn in Frieden und schwing’ mich auf in luftigere, übersteigertere, riesenhaftere, transzendentere, größenwahnsinnigere Gefilde.“ Wunderbar! Was das allerdings mit der Authentizität von Hochbaums Bildern macht, dürfte noch manches musik- oder filmwissenschaftliche Seminar beschäftigen. Veiel als „Zuschauer“ war vom Ergebnis begeistert und lobte insbesondere, dass die Musik nicht illustrierend sei, sondern sich einen eigenen Raum schaffe.

Wie klingen die Bilder? Dokumentarische Hafenszene in "Brüder" (ZDF/Deutsche Kinemathek)
Wie klingen die Bilder? Dokumentarische Hafenszene in "Brüder" (ZDF/Deutsche Kinemathek)

Jetzt feiert „Brüder“ auch im Fernsehen in seiner neuen Fassung bei arte Premiere und gilt damit endgültig als kanonisiert. Interessant ist, dass eine weitere Version des Filmes auf Youtube kursiert. Es ist die in Bild und Montage weit schlechtere Fassung, die 1991 im NDR ausgestrahlt wurde, versehen mit einer Klavierbegleitung von Joachim Bärenz, die traditioneller, illustrierender, emotionaler und empathischer ist und damit etwas ganz anders als der akademischere, transzendentere Ansatz von Grütter. Welche Musik den Bildern von Werner Hochbaum gerechter wird, ist Geschmacks- oder Glaubenssache. Diese sollten aber durchaus mehr thematisiert werden, wenn es um die Frage nach der „neue Sichtbarkeit des deutschen Filmerbes“ geht. Filme „in neuem Licht“ zu betrachten und damit nur das Bild zu meinen, greift hier sicher zu kurz.


Hinweis

Brüder“ läuft in der Nacht von Montag, 19.9., auf Dienstag, 20.9., um 00.40 Uhr auf arte und ist dann bis zum 18.10. in der Mediathek abrufbar.

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