© IMAGO/glasshouseimages (Gérard Philipe in „Die Schönen der Nacht“)

Moderner Musketier - Gérard Philipe

Montag, 30.01.2023 13:29

Hommage an Gérard Philipe zum 100. Geburtstag (4.12.2022)

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In den ersten rund 15 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Gérard Philipe der junge Star des französischen Kinos. Der am 4. Dezember 1922 geborene Darsteller wurde als fröhlicher Springinsfeld ebenso berühmt wie als empfindsamer Romantiker, doch sein schauspielerisches Profil umfasste so vieles mehr: einsame Idealisten, jugendliche Rebellen, verlorene Seelen, scheiternde Don Juans, Trinker und Spieler, Verführer und Bekehrte. Eine Hommage an den Schauspieler, der schon mit 36 Jahren starb und dem Kino so ein ewiges Bild der Jugendlichkeit hinterließ.


Berstend vor Tatendrang schlitzt Fanfan die Plane des Wagens auf. Dabei sah es noch kurz zuvor so aus, als habe der kesse junge Mann nichts Dringlicheres vor, als sich von dem kleinen Trupp für den Siebenjährigen Krieg angeworbener Soldaten wieder abzusetzen. Doch nun stürmt Fanfan los, ignoriert den Befehl des Soldatenwerbers, sich zurückzuhalten, und fährt wie ein Wirbelwind in die Räuberschar hinein, die gerade eine Kutsche überfällt. Derartiger Beistand für edle Damen in Not gehört bekanntlich zum Standardrepertoire fechtender Kinohelden, doch das irre Tempo, das Regisseur Christian-Jaque und sein Hauptdarsteller Gérard Philipe in dieser frühen Szene in „Fanfan, der Husar“ vorlegen, ist ziemlich einzigartig. In nur etwa zwei Minuten erledigt Fanfan im Alleingang ein halbes Dutzend Schurken mit Degen, Messer und Pistole, wobei er ständig die Richtung wechselt, Hieben durch Sprünge ausweicht, sich Bäume, den Boden und die Kutsche im Kampf zunutze macht und mit den immer neuen Waffen in den Händen geradezu jongliert. So unbeschwert er sich gibt, ist Fanfan doch hier, im Einsatz für die Schutzbedürftigen, in seinem ureigenen Element.


Kultrolle mit Degen & Dynamik

Erst mit „Fanfan, der Husar“, 1952 uraufgeführt, etablierte sich in Frankreich das Mantel-und-Degen-Kino, das bis dahin in erster Linie von Hollywood-Helden wie Douglas Fairbanks und Errol Flynn befeuert worden war. Erst mit Gérard Philipe fand auch die Heimat der Musketiere einen idealen Fechtvirtuosen für die Leinwand, dem durch den Erfolg des Films Anhänger in der ganzen Welt zufielen. Als der Schauspieler wenige Jahre danach als künstlerischer Botschafter umherreiste, traf er überall auf begeisterte „Fanfan“-Anhänger – sogar in der Sowjetunion und in China. Ganz zu schweigen von Frankreich, wo sich sein schon bestehender Ruhm dank „Fanfan“ endgültig zum Legendenstatus mauserte, und das noch vor seinem 30. Geburtstag. Gérard Philipe, das war in den ersten 15 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur der unbestreitbar größte Star des französischen Kinos. Vor allem stand er wie kein anderer Schauspieler, mit denen der Film in Frankreich ab 1945 einen Neustart gewagt hatte, für eine Jugend, die zu den größten Hoffnungen Anlass gab.

Ein neues Idol: "Fanfan, der Husar" (© 952 TF1 Droits Audiovisuels/Rizzoli)
Ein neues Idol: "Fanfan, der Husar" (© 1952 TF1 Droits Audiovisuels/Rizzoli)

Ein neues Männerbild

Der Bruch mit der älteren Generation war dabei von Anfang an fester Bestandteil der Leinwandauftritte des Darstellers, der am 4. Dezember 1922 in Cannes geboren worden war. Schon Gérard Philipes erste bedeutende Leinwand-Hauptrolle in der Dostojewski-Verfilmung „Der Idiot“ von Georges Lampin führt seinen von der Brutalität der Menschheit bestürzten Prinzen Myschkin als jemanden ein, der sich nach fünfjähriger Abwesenheit aus Liebe zu seiner Heimat wieder unter Menschen wagt – im Erscheinungsjahr des Films 1946 als Anspielung auf die peinigende Besatzungszeit und Vichy-Kollaboration nicht misszuverstehen. Myschkins Verletzlichkeit und seine Absage an jede Form von Hass stellt der Film nicht als Schwächen, sondern als große Verdienste dar, wovon nicht nur die staunende Anerkennung der anderen Figuren Zeugnis abgibt, sondern insbesondere das intensiv studierte Gesicht von Gérard Philipe: weitherzig offene, dunkle Augen, makellose Züge, ungebändigtes Haar, markantes Kinn, leicht abstehende Ohren und ein dünner, stets zum Lächeln bereiter Mund. Der gutherzige, wenn auch schmerzerfüllte Myschkin hat noch wenig von der Impulsivität eines Fanfan, das neue Männerbild, mit dem Gérard Philipe seine Leinwandkarriere beginnt, prägen Nachdenklichkeit, Zurückhaltung, Sanftmut.

Es sind Attribute, mit denen Philipe zuvor schon 1943 mit der Rolle eines Engels in Jean Giraudoux’ „Sodome et Gomorrhe“ seinen Theater-Durchbruch erzielt hat, doch hat er schon vor „Der Idiot“ seine Fühler auch nach anders gearteten Charakteren ausgestreckt und spielt parallel zum Dreh am Abend auf der Theaterbühne den Tyrannen Caligula in Albert Camus’ gleichnamigem Stück. Nahtlos gelingt der Übergang vom reinen Guten zum reinen Bösen.

Schon Gérard Philipes nächster Film führt diese Widersprüche in einer ambivalenteren Figur zusammen. „Teufel im Leib“ (1947) ist die Adaption des in den 1920er-Jahren zum Skandal gewordenen Romans von Raymond Radiguet, die auch im noch angeschlagenen Frankreich der späten 1940er-Jahre als Provokation aufgefasst werden musste: Der Roman wie auch die Verfilmung von Claude Autant-Lara zeigen tiefes Verständnis für eine Jugend, die rebellisch gegen die Werte ihrer Elterngeneration aufbegehrt und die eigenen Bedürfnisse ohne Scheu an die erste Stelle setzt.

"Der Teufel im Leib" (© IMAGO/ZUMA Wire)
"Der Teufel im Leib" (© IMAGO/ZUMA Wire)

Gérard Philipe spielt den intelligenten, aber auch zügellosen Schüler François, der sich in die verheiratete Marthe (Micheline Presle) verliebt und eine Affäre mit ihr beginnt; dass ihr Mann im Ersten Weltkrieg kämpft, weckt keine Gewissensbisse bei ihm, im Gegenteil wünscht er sich offen, dass der Krieg möglichst lange andauert. Auch Versteckspiel aus gesellschaftlichen Gründen ist ihm zuwider, Marthes Schwangerschaft begrüßt er deshalb enthusiastisch wie den Beginn eines neuen Zeitalters. Ihre Frage „Und die Eltern?“ beantwortet er freudestrahlend mit: „Die Eltern? Das sind wir jetzt, die Eltern!“


Rebellion und Verlorenheit

Mehrere Jahre, bevor sich die jungen rebellischen Männer weltweit im Kino zu häufen beginnen, führt „Teufel im Leib“ bereits einen französischen Prototypus vor, der entschlossen und durchaus egoistisch seinen eigenen Weg zu gehen versucht. Gérard Philipes Ruhm ist nach diesem Auftritt endgültig nicht mehr aufzuhalten, speziell bei seinen Altersgenossen, die nach frischen Vorbildern verlangen; dass die Figuren des Schauspielers oft nicht erreichen, was sie ersehnen, verstärkt eher noch ihre Ausstrahlung, indem es ihnen eine tragische Komponente beifügt. Bei „Teufel im Leib“ wird das Glück des jungen François jäh durch den Tod von Marthe beendet, bei ihrer Beerdigung erklingt wie zum Hohn von ferne die Triumphmusik zum Kriegsende.

In „Ein hübscher kleiner Strand“ (1949) ist der Protagonist Pierre gar vollkommen der Verzweiflung überlassen, ein trotz seines jungen Alters Verlorener, der in einem Dorf im verregneten Nordfrankreich vergebens nach Trost sucht. Regisseur Yves Allégret wagt sich noch einmal erfolgreich an den poetischen Realismus der Vorkriegszeit, entsprechend melancholisch ist die Stimmung: Die Polizei ist Pierre auf den Fersen, weil er seine Geliebte, eine deutlich ältere Sängerin, getötet hat, doch ihn plagen weniger Sorgen vor der Verhaftung oder Gewissensbisse als seine wachsende Überzeugung, nie eine Chance auf Glück im Leben gehabt zu haben. Auch Allégret weiß die Empfindsamkeit seines Hauptdarstellers zu nutzen: Seine hoffnungslose Lage lässt Pierre mehrfach in hemmungsloses Schluchzen verfallen, sogar in Gegenwart einer Gasthof-Bediensteten (Madeleine Robinson), die ihm Sympathie entgegenbringt. Den Kopf in ihren Schoß gebettet, ist sie keineswegs überrascht von seinen Tränen und bestärkt ihn sogar: „Das hilft auch. Männer weinen ebenfalls und oft haben sie guten Grund dazu.“


Eine französische Faust-Variante

Tatsächlich sieht man Gérard Philipe insbesondere in seinen frühen Filmen immer wieder auch weinen, was nicht im Widerspruch dazu steht, dass er im kollektiven Gedächtnis des Kinopublikums zuallererst als fröhlicher Tausendsassa mit strahlendem Lachen erinnert wird. Vielmehr sind beides, die sensible Betroffenheit und die ausgelassene Freude, Seiten ein und derselben vielschichtigen Interpretation von Jugend, die große Hoffnungen kennt, aber auch um ihre Vergänglichkeit weiß. Frankreichs herausragende Filmemacher der Zeit schöpfen diese Ambivalenz bravourös aus, etwa René Clair bei seiner Faust-Variante „Der Pakt mit dem Teufel“ (1950), in dem Gérard Philipe als verjüngte Version des Professors staunend das Geschenk der Jugend wiederentdeckt, aber nicht unbeschwert auskosten darf. Mehrmals entzieht ihm Mephisto alles Erreichte und stößt ihn ins Elend zurück, oder er führt Faust vor Augen, wie er sich zum Tyrannen wandelt. Gut geht das Ganze nur aus, weil die aufmerksame Marguerite dem verdutzten Teufel im rechten Moment den Pakt einfach aus der Hand reißt.

Clair schenkt Faust ein ungleich glücklicheres Film-Ende, als es Pierre in „Ein hübscher kleiner Strand“ mit einem unvermeidbaren, einsamen Selbstmord vergönnt ist. In ihren existenziellen Notlagen liegen die Figuren jedoch nicht so weit auseinander. Erst in „Fanfan, der Husar“ tritt Gérard Philipe ohne seelischen Ballast auf und auch in der unmittelbar danach entstandenen Komödie „Die Schönen der Nacht“ (1952), erneut unter der Regie von René Clair, fallen die störenden und lebenshinderlichen Heimsuchungen für die Hauptfigur letztlich nicht dauerhaft ins Gewicht. Sein Misserfolg als Komponist und die Überforderung als Lehrer mögen seine Träume vom Leben in „besseren“ Zeiten (sprich: in der Vergangenheit) beflügeln – und in dem Film zu köstlichen Konfrontationen mit der Belle Époque, dem Napoleonischen Zeitalter, der Revolution und der Musketier-Ära führen –, doch schließlich erweist sich die profane Gegenwart doch als ganz gute Zeit, um sein Glück zu finden.


Auf dem Gipfel der Popularität

Mehr noch als „Fanfan“ ist „Die Schönen der Nacht“ der Kulminationspunkt für den ersten Teil von Gérard Philipes Filmlaufbahn. Der verträumte Feingeist, seine Gewandtheit, die Sanftheit, die von anderen auch ausgenutzt wird, die Anfälle von Trotz, all das sind Muster, die sich durch seine Filme ziehen – genauso wie durch seine Theaterarbeit, bei der er zum Zugpferd für das Pariser Théâtre National Populaire und das gerade etablierte Festival in Avignon wurde und u.a. als Corneilles „Le Cid“, Kleists „Prinz von Homburg“ und Mussets „Lorenzaccio“ glänzte. Philipe ist auf dem Gipfel der Popularität angekommen, doch hadert er mit dem Image des strahlenden Helden.

Auch wenn niemand ahnen kann, dass es bereits der abschließende Teil sein wird, beginnt 1953 unübersehbar ein neuer Abschnitt in Gérard Philipes Leinwandkarriere. Bereits seine bisherigen Filme haben sich oft nicht in der Schönheit des Darstellers gesonnt, sondern gerade über sein Gesicht auch schmerzliche Erfahrungen verdeutlicht, sei es die Trauer wie in „Der Idiot“ oder „Teufel im Leib“, der Lebensüberdruss in „Ein hübscher kleiner Strand“ oder auch die Strapazen einer Gefängnisfolter in der Stendhal-Adaption „Die Kartause von Parma“ (1948). Nun wird dieser Effekt geradezu ein Markenzeichen für Gérard Philipes Filme.


Ein gefallener Heiliger

Sein erster Leinwandauftritt nach „Die Schönen der Nacht“ ist ein regelrechter Schock. In abgerissener, durchgeschwitzter Kleidung, unrasiert, verdreckt und torkelnd vor Trunkenheit stolpert Gérard Philipe in „Die Hochmütigen“ (1953) hinein. Wieder führt Yves Allégret die Regie, und das düster-fatalistische französische Vorkriegskino steht einmal mehr Pate, bestärkt durch die Präsenz eines seiner Stars, Michèle Morgan. Philipe ist ein gefallener Heiliger in einem von Gott und der Menschheit vergessenen mexikanischen Kaff, ein früherer Arzt, zum Säufer herabgesunken, und nach dem – von ihm verschuldeten Tod – seiner Frau endgültig verwahrlost. Den Grad seines Verfalls definiert eine unvergessliche Szene: Der Trinker bettelt in einer Bar um einen Drink und wird höhnisch aufgefordert, ihn sich doch mit einem Tanz zu verdienen. Ohne zu zögern, beginnt Gérard Philipe daraufhin tatsächlich zu tanzen, eine groteske Abfolge von hemmungslosen Drehungen, Sprüngen, Stürzen und gerade noch glückenden Versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Das wilde Delirium dieser Verausgabung wird durch das Erscheinen von Michèle Morgans Nellie zuerst sogar noch gesteigert, doch bewirkt ihre Gegenwart letztlich die Wende. Für den Anfang zerschmettert er die für den Tanz erhaltene Flasche auf dem Tresen, und als sich im Ort eine Meningitis-Epidemie weiter ausbreitet, der als erstes Nellies Mann zum Opfer gefallen war, findet der Arzt wieder zu seiner Bestimmung zurück. Die „Reinheit“, die Gérard Philipe als Qualität seit seinen schauspielerischen Anfängen zugesprochen worden war, ist auch in „Die Hochmütigen“ unter dem Schmutz noch vorhanden und tritt unter günstigen Bedingungen auch weiterhin hervor. Die bleiben nun allerdings immer öfter aus.

"Die Hochmütigen" (© IMAGO/United Archives)
"Die Hochmütigen" (© IMAGO/United Archives)

Sogar in „Das große Manöver“ (1955), der dritten Kooperation mit René Clair, ist Philipes Figur kein Happy End mehr beschieden. Der Soldat Armand de la Verne mag als Tänzer, im Duell und bei den Frauen so galant sein, wie er will, am Ende erwartet ihn diesmal das Schicksal seines Metiers, wenn sein Regiment in den Krieg zieht – und der Zuschauer obendrein sieht, dass die von Armand aufrichtig geliebte Marie-Louise (wieder Michèle Morgan) tot in ihrem Bett liegt. Als André Ripois in „Liebling der Frauen“ (1954) verkörpert Philipe einen beständig scheiternden Don-Juan-Charakter, bei dem die wechselnden Beziehungen kein Beleg seiner Verführungsgabe sind. Vielmehr verraten sie die Tragik eines Mannes, der mit keiner Frau glücklich werden kann, auch wenn er sich beständig anzupassen versucht und zeitweise sogar nach London zieht, wo ihm das unbekannte Land und die fremde Sprache zusätzliche Last auflegen.


Das Selbstbewusstsein wird brüchiger

In authentischen Straßenszenen lässt Regisseur René Clément die wachsende Erschöpfung von André miterleben, der für die zynische Haltung zu Frauen, der er sich verschrieben hat, viel zu empfindsam ist. Und für einen galanten Verführer zu tollpatschig: Mal stürzt er beim Rangieren eines Ruderbootes in einen See, mal beim Tapezieren von einem Tisch. Kann Gérard Philipe dabei nonchalant zeigen, dass sein Talent für slapstickhafte Komik sich nicht auf heitere Fechtszenen à la Fanfan beschränkt, ist der letzte Sturz seiner Figur im Film tragisch-makaber. In den ungelösten Beziehungen zu drei Frauen heillos verstrickt, fällt er von einem Balkon, was ihm weitere Entscheidungen abnimmt; die letzte Szene zeigt ihn im Rollstuhl, zwei seiner Geliebten an seiner Seite, und Gérard Philipes wehmütiges Gesicht macht klar, wie wenig diese Situation für André die Erfüllung seiner Wünsche ist.

"Liebling der Frauen" (© IMAGO/Allstar)
"Liebling der Frauen" (© IMAGO/Allstar)

Das Selbstbewusstsein der Philipe-Charaktere ist ohnehin brüchiger geworden. Nicht nur in „Liebling der Frauen“ spricht sich die Hauptfigur beständig selbst Mut zu, auch in „Rot und Schwarz“ (1954) spielt Gérard Philipe den widerspenstigen Emporkömmling Julien Sorel als Charakter, der permanenter Selbstermahnung bedarf. Hinter dem Stolz, mit dem er sich in der Stendhal-Verfilmung gegen die hohe Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auflehnt, steckt keine wahre Überzeugung mehr – und seine Jugend nimmt Sorel nicht als Vorteil wahr, sondern als eigentlichen Grund für sein letztliches Scheitern. Eine veritable Verlierer-Figur schließlich ist der Hauslehrer Alexej in „Das Spiel war sein Fluch“ (1958), nochmals nach einer Vorlage von Dostojewski. Seine herablassende Behandlung provoziert Alexej geradezu, denn Gérard Philipe gibt ihn als taktlosen, launenhaften und ungeschickten Burschen, dem Todessehnsucht nicht fremd ist. „Ich schieße schlecht, aber vielleicht geht im richtigen Moment ein Schuss los“, ist sein Kommentar, als wieder einmal ein Duell droht; keine Spur von der eleganten bis überheblichen Raffinesse, mit der Philipes Figuren in „Die Kartause von Parma“, „Fanfan, der Husar“ oder „Das große Manöver“ derartige Situationen gemeistert haben. Dafür erwartet die Zuschauer das bis zum Wahn gesteigerte Fieber eines Mannes, der im Casino einen immensen Erfolg erlebt, nur um alles wieder zu verlieren und in den Teufelskreis der Spielsüchtigen zu geraten. Allein die Szenen, in denen Gérard Philipe am Spieltisch hektisch seine Einsätze platziert und nervös und ungläubig erst seine Gewinne und dann seine Verluste beobachtet, sind absolut sehenswert – die seinerzeit harschen Verrisse des Films in Frankreich hat er jedenfalls nicht verdient.


Sprechendes Gesicht

Ohnehin finden sich unter den letzten Filmen von Gérard Philipe einige, die eine Neubewertung lohnen, insbesondere „Montparnasse 19“ (1958), Jacques Beckers Film über Amedeo Modigliani. Nie zuvor hat Gérard Philipe eine derart vom Unglück verfolgte Figur gespielt wie den alkoholkranken, tuberkulösen Maler, dem jeder Verkaufserfolg seiner Kunst zu Lebzeiten verwehrt bleibt. Müde und erschöpft nimmt er schon am Anfang des Films zur Kenntnis, dass ein von ihm gezeichneter Arbeiter das Bild nicht annehmen will, die erfolglose Ausstellung seiner Werke verlässt er frühzeitig, und schließlich sieht man ihn bettelnd durch die Cafés ziehen und seine Skizzen feilbieten.

"Montapransse 19" (© IMAGO / United Archives)
"Montparnasse 19" (© IMAGO / United Archives)

Philipes Modigliani-Interpretation setzt Trunksucht-Signale eher nur sparsam ein; der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Verzweiflung über den kontinuierlichen Nichterfolg, der dem lebhaften Leuchten in seinen Augen, wenn er wie getrieben auf Leinwände zeichnet, so sehr Hohn spricht. Noch einmal wird eine Geschichte zu großen Teilen über das Gesicht von Gérard Philipe erzählt, profitiert ein Film immens von seinem feinfühligen Mienenspiel.

Mit dem Wissen der Nachwelt mag es wie ein böser Scherz des Schicksals erscheinen, dass Gérard Philipe, als er die Rolle eines Künstlers spielt, der bereits mit 35 Jahren einen frühen Tod starb, selbst nur noch etwa zwei Jahre zu leben bleiben. Anders als bei Modigliani ist Philipes Schaffensdrang bis fast zuletzt ungebrochen, nach „Montparnasse 19“ dreht er in kurzen Abständen noch vier Filme und verfolgt auch seine Bühnenambitionen weiter. Erst als er nach Dreharbeiten mit Luis Buñuel in Mexiko erschöpft nach Frankreich zurückgekehrt ist und wegen einer vermeintlichen Infektion der Leber operiert wird, entdecken die Ärzte eine unheilbare Leberkrebs-Erkrankung. Wenige Wochen später stirbt Gérard Philipe, am 25. November 1959, neun Tage vor seinem 37. Geburtstag. Darüber, was ihn in einem längeren Leben noch für reizvolle schauspielerische Aufgaben erwartet hätten, lässt sich nur spekulieren. Für ihn als Schauspiel-Star des „Cinéma de qualité“ der 1940er- und 1950er-Jahre wäre das folgende, von der Nouvelle Vague geprägte Jahrzehnt sicher ein herausforderndes geworden, angesichts der Feindseligkeit, die ihm die späteren Nouvelle-Vague-Regisseure um François Truffaut und Jean-Luc Godard in ihrer Zeit als Kritiker regelmäßig entgegenbrachten. Doch Gérard Philipes Intelligenz und Wandlungsfähigkeit hätten dem Darsteller wohl auch im reiferen Alter weiter gut zu Gesicht gestanden und ihm einen Platz unter Frankreichs Publikumslieblingen gesichert.

Sein Vermächtnis bleibt in jedem Fall das Bild der ewigen Jugendlichkeit, das seine Filme konserviert haben. In seiner letzten Rolle in Buñuels Gefängnisinsel-Melodram „Das Fieber steigt in El Pao“ bringt er noch einmal eine Variante des gutherzigen Idealisten auf die Leinwand, als der er in den 1940er-Jahren zuerst hervorgetreten war. Am Ende verwirkt er mit einer guten Tat sein Leben, wandert in eine dunkle Gasse und verschwindet. Ein Abgang nach Maß, für die Figur wie für den Darsteller.

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