© Reiner Bajo (aus „Im Westen nichts Neues“)

Neues aus dem Westen

Freitag, 03.02.2023 16:45

Am 24.1. wurden die Kandidaten für die 95. „Academy Awards“ bekannt gegeben

Diskussion

Am 24. Januar wurden die Nominierungen für die 95. „Oscars“ bekannt gegeben. Bei der Verleihung am 12. März in Los Angeles haben unter anderem Filme von Steven Spielberg, Daniel Kwan/Daniel Scheinert, Martin McDonagh und Todd Field gute Chancen. Viele Nominierungen entfielen aber auch auf „Top Gun: Maverick“ und auf den deutschen Film „Im Westen nichts Neues“. Einen klaren Favoriten gibt es allerdings noch nicht.


Der Spagat zwischen kommerziellen und künstlerisch wertvollen Filmen ist seit jeher eine der Grundherausforderungen, wenn es um die „Oscars“ geht. Zwar ist den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sehr wohl bewusst, dass Kassenerfolge Hollywood am Leben erhalten, die nicht immer allen filmischen Ansprüchen genügen, während auf der anderen Seite künstlerische Ambitionen von Filmemachern sich nicht immer an der Kinokasse auszahlen. So scheinen die Academy-Mitglieder 2023 mehr denn je darauf aus, beiden Fraktionen gerecht zu werden, was angesichts der frappanten Kino-Situation auch sehr verständlich ist. Denn um das durch Streaming-Konkurrenz und Corona-Schock verlorene Publikum wiederzugewinnen, führt kein Weg daran vorbei, dass die Kinos zugkräftige Hits ebenso brauchen wie ansprechendes Kunstwerk. Dementsprechend lassen sich die zehn Werke, die am 24. Januar 2023 bei der Bekanntgabe der „Oscar“-Nominierungen als Auswahl für die Kategorie des besten Films vorgestellt wurden, in zwei Gruppen teilen: die Blockbuster und die Kritikerlieblinge.

In der einen stehen zuvorderst die Kino-Phänomene „Avatar: The Way of Water“ und „Top Gun: Maverick“, denen bei allen berechtigten Einwänden gegen ihre inhaltliche Glätte und einfachen Handlungsmuster nicht abzusprechen ist, dass sie ihr Publikum erreicht und offensichtlich begeistert haben. Ergänzen lassen sich hier auch Baz Luhrmanns großes „Elvis“-Spektakel, der allein durch überwältigende Mundpropaganda über Monate in den Kinos laufende Multiversumscoup „Everything Everywhere All at Once“ und Edward Bergers deutsche „Im Westen nichts Neues“-Neuverfilmung, die zu den größten Erfolgen von Netflix bei nicht-englischsprachigen Filmen gehört.


Noch kein klarer Favorit

Während „Everything Everywhere All at Once“ unter diesen fünf als einziger Film auch die Kritik fast geschlossen zu Begeisterungsstürmen hinriss, fand die zweite Gruppe der nominierten Arbeiten zwar Anklang bei der Kritik, aber ein deutlich kleineres Publikum. Bitter dürfte dies vor allem für Steven Spielberg gewesen sein, dessen autobiographisches Herzensprojekt „Die Fabelmans“ zu seinem größten Kassenflop überhaupt wurde, aber auch Martin McDonaghs schwarzhumoriges Drama „The Banshees of Inisherin“, Todd Fields komplexe Studie „Tár“ über Machtmissbrauch und Cancel-Unkultur und Sarah Polleys Drama „Die Aussprache“ sind keine Publikumsrenner. Immerhin im europäischen Arthouse-Kino reüssierte Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“, der erste auf Englisch gedrehte Film des schwedischen Regisseurs, der die „besten zehn“ vervollständigt.

Ein klarer „Oscar“-Favorit lässt sich nach den Nominierungen allerdings noch nicht ausmachen. Zwar führt „Everything Everywhere All at Once“ mit insgesamt elf Nennungen die Nominierungsliste an, doch dürfte auch „The Banshees of Inisherin“ (neun Nominierungen) noch gute Chancen haben, zumal Regisseur und Autor Martin McDonagh den leichten Vorteil in der Kategorie „Bestes Originaldrehbuch“ haben dürfte und bereits 2018 mit seinem vorherigen Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ lange als Hauptkandidat für den „Oscar“ gegolten hatte. Auch mit Spielberg könnte durchaus zu rechnen sein, immerhin dürfte kein anderer lebender Filmemacher auf ein ähnliches Ansehen bei seinen Hollywood-Kollegen zählen können wie der 76-Jährige.

"Everything Everywhere All at Once" (Jamie Lee Curtis, Michelle Yeoh (© Leonine)
"Everything Everywhere All at Once" (© Leonine)


Ein beachtlicher Erfolg für den deutschen Beitrag

Beachtlich muss man auch den Erfolg von „Im Westen nichts Neues“ nennen. Hierzulande eher mit Achselzucken und etwas verhaltenem Lob für den Aufwand bedacht, hatte er sich in der englischsprachigen Welt mehr und mehr Fans gesichert und erhielt nun von der „Academy“ neun Nominierungen zugesprochen. Damit übertraf der Film von Edward Berger auch den Erfolg von Wolfgang Petersens „Das Boot“, der 1983 auf sechs „Oscar“-Chancen gekommen war. Zumindest der Preis als „Bester internationaler Film“, wo die Remarque-Adaption es mit „Argentina, 1985“, „Close“, „EO“ und „The Quiet Girl“ aufnimmt, dürfte ihm kaum zu nehmen sein.

Jeweils sechs Nominierungen gingen an „Tár“ und „Top Gun: Maverick“, die beide auch noch nicht aus dem Rennen um den besten Film sind. „Top Gun: Maverick“ ist neben der Film-Nominierung und vier technischen Nennungen auch im Rennen um das „Adaptierte Drehbuch“ – was bei der Verkündigung der Nominierten im Publikum für hörbare Überraschung sorgte, aber jedenfalls ein Zeichen dafür ist, dass sich das patriotische Flugabenteuer nicht einfach abschreiben lässt. Für „Tár“, mit dem sich Todd Field 16 Jahre nach „Little Children“ eindrucksvoll wieder im Filmgeschäft zurückmeldete, dürfte in jedem Fall Cate Blanchett mit der achten Nominierung der dritte „Oscar“ ihrer Karriere fast sicher sein. Gefährlich werden kann ihr wohl nur Michelle Yeoh mit „Everything Everywhere All at Once“, während Michelle Williams („Die Fabelmans“) mit ihrer insgesamt 5. Nominierung und die Debütantinnen Ana de Armas („Blond“) und Andrea Riseborough („To Leslie“) sich wohl mit der Nominierung werden zufriedengeben müssen. Wobei die Berücksichtigung der Britin Riseborough immerhin zu den positiven Überraschungen der „Oscar“-Nominierungen gehört, nachdem diese mit ihrer aufopferungsvollen Rolle einer mit sich ringenden Alkoholikerin in dem Independent-Film während der „Awards Season“ ansonsten sträflich ausgeklammert worden war.

"Oscar"-reif: Cate Blanchett in "Tar" (© Focus Features)
"Oscar"-reif: Cate Blanchett in "Tar" (© Focus Features)

Längst überfällige Darsteller-Nominierungen

Innerhalb der Schauspieler-Kategorien finden sich generell viele Darstellerinnen und Darsteller, bei denen die „Oscar“-Nominierung lange überfällig scheint: So sind Colin Farrell und Brendan Gleeson für „The Banshees of Inisherin“ beide erstmals für einen „Oscar“ nominiert (wie auch ihre – allerdings deutlich jüngeren – Filmpartner Barry Keoghan und Kerry Condon), gleiches gilt für Farrells vier Hauptdarsteller-Konkurrenten Austin Butler („Elvis“), Paul Mescal („Aftersun“), Bill Nighy („Living“) und Brendan Fraser („The Whale“). Unter den Nebendarstellern kommen zudem Brian Tyree Henry („Causeway“), Hong Chau („The Whale“) sowie Jamie Lee Curtis und Ke Huy Quan aus „Everything Everywhere All at Once“ (ergänzt um Stephanie Hsu, die mit Curtis in der Nebendarstellerinnen-Kategorie antritt) gleichfalls alle erstmals für einen „Oscar“ in Frage. Ergänzt werden sie durch zwei seit Jahrzehnten etablierte Akteure: Angela Bassett greift mit ihrer Königinnen-Rolle in „Black Panther: Wakanda Forever“ nach dem ersten „Oscar“ für eine schauspielerische Darbietung innerhalb des Marvel-Cinematic-Kosmos. Bei den Nebendarstellern dabei ist Judd Hirsch für seinen Auftritt als exzentrischer Onkel in „Die Fabelmans“, womit der knapp 88-jährige Veteran 42 Jahre nach seiner Nominierung für „Eine ganz normale Familie“ zum zweiten Mal für einen „Oscar“ in Frage kommt.

Überfällig für Auszeichnungen: Colin Farrell und Brandan Gleeson in "The Banshees of Inisehrin" (© 20th Century Studios/The Walt Disney Company (Germany) GmbH)
Überfällig für Auszeichnungen: Colin Farrell und Brandan Gleeson in "The Banshees of Inisehrin" (© 20th Century Studios/The Walt Disney Company (Germany) GmbH)

In der Regie-Kategorie finden sich neben Steven Spielberg das „Everything…“-Duo Daniel Kwan und Daniel Scheinert, Todd Field, Martin McDonagh und Ruben Östlund, die auch das beste Originaldrehbuch unter sich ausmachen. Bei den adaptierten Drehbüchern müssen es „Im Westen nichts Neues“ und „Top Gun: Maverick“ mit „Die Aussprache“, „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ und „Living“ aufnehmen. In den technischen Kategorien könnten einige Preise für „Elvis“ dazukommen, aber auch „Black Panther: Wakanda Forever“ könnte an seinen erfolgreichen Aufschlag bei den „Oscars“ 2019 anschließen, wo der erste Teil dreimal ausgezeichnet wurde. Hier könnte auch der Siegesmoment für „Avatar: The Way of Water“ schlagen, der für Produktionsdesign, Ton und Visuelle Effekte nominiert wurde. Viel wie Glamour und wie viel Filmkunst kommen 2023 bei den „Oscars“ zusammen? Am 12. März wird diese Frage beantwortet.


Alle Nominierungen in der Übersicht


Bester Film

Die Aussprache

Avatar: The Way of Water

The Banshees of Inisherin

Elvis

Everything Everywhere All at Once

Die Fabelmans

Im Westen nichts Neues

Tár

Top Gun: Maverick

Triangle of Sadness


Beste Regie

Todd Field für Tár

Daniel Kwan, Daniel Scheinert für Everything Everywhere All at Once

Martin McDonagh für The Banshees of Inisherin

Ruben Östlund für Triangle of Sadness

Steven Spielberg für Die Fabelmans


Bester Hauptdarsteller

Austin Butler für Elvis

Colin Farrell für The Banshees of Inisherin

Brendan Fraser für The Whale

Paul Mescal für Aftersun

Bill Nighy für Living


Beste Hauptdarstellerin

Cate Blanchett für Tár

Ana de Armas für Blonde

Andrea Riseborough für To Leslie

Michelle Williams für Die Fabelmans

Michelle Yeoh für Everything Everywhere All at Once


Bester Nebendarsteller

Brendan Gleeson für The Banshees of Inisherin

Brian Tyree Henry für Causeway

Judd Hirsch für Die Fabelmans

Barry Keoghan für The Banshees of Inisherin

Ke Huy Quan für Everything Everywhere All at Once


Beste Nebendarstellerin

Angela Bassett für Black Panther: Wakanda Forever

Hong Chau für The Whale

Kerry Condon für The Banshees of Inisherin

Jamie Lee Curtis für Everything Everywhere All at Once

Stephanie Hsu für Everything Everywhere All at Once


Bestes Originaldrehbuch

Martin McDonagh für The Banshees of Inisherin

Daniel Kwan, Daniel Scheinert für Everything Everywhere All at Once

Steven Spielberg, Tony Kushner für Die Fabelmans

Todd Field für Tár

Ruben Östlund für Triangle of Sadness


Bestes adaptiertes Drehbuch

Sarah Polley für Die Aussprache

Rian Johnson für Glass Onion: A Knives Out Mystery

Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell für Im Westen nichts Neues

Kazuo Ishiguro für Living

Ehren Kruger, Eric Warren Singer, Christopher McQuarrie, Peter Craig, Justin Marks für Top Gun: Maverick


Beste Kamera

Bardo, die erfundene Wahrheit einer Handvoll Wahrheiten

Elvis

Empire of Light

Im Westen nichts Neues

Tár


Bestes Produktionsdesign

Avatar: The Way of Water

Babylon

Elvis

Die Fabelmans

Im Westen nichts Neues


Beste Kostüme

Babylon

Black Panther: Wakanda Forever

Elvis

Everything Everywhere All at Once

Mrs. Harris Goes to Paris


Bester Schnitt

The Banshees of Inisherin

Elvis

Everything Everywhere All at Once

Tár

Top Gun: Maverick


Beste Musik

Justin Hurwitz für Babylon

Carter Burwell für The Banshees of Inisherin

Son Lux für Everything Everywhere All at Once

John Williams für Die Fabelmans

Volker Bertelmann für Im Westen nichts Neues


Bester Originalsong

Applause“ aus Tell It Like a Woman

Hold My Hand“ aus Top Gun: Maverick

Lift Me Up“ aus Black Panther: Wakanda Forever

Naatu Naatu“ aus RRR

This Is A Life“ aus Everything Everywhere All at Once


Bester Ton

Avatar: The Way of Water

The Batman

Elvis

Im Westen nichts Neues

Top Gun: Maverick


Beste Spezialeffekte

Avatar: The Way of Water

The Batman

Black Panther: Wakanda Forever

Im Westen nichts Neues

Top Gun: Maverick


Bestes Make-up und Frisuren

The Batman

Black Panther: Wakanda Forever

Elvis

Im Westen nichts Neues

The Whale


Bester Animationsfilm

Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch

Guillermo del Toro’s Pinocchio

Marcel the Shell with Shoes On

Rot

Das Seeungeheuer


Bester animierter Kurzfilm

The Boy, the Mole, the Fox and the Horse

The Flying Sailor

Ice Merchants

My Year of Dicks

An Ostrich Told Me the World is Fake, and I Think I Believe It


Bester Real-Kurzfilm

An Irish Goodbye

Ivalu

Le Pupille

Night Ride

The Red Suitcase


Bester Dokumentarfilm

All That Breathes

All theBeauty and the Bloodshed

Fire of Love

A House Made of Splinters

Navalny


Bester Kurz-Dokumentarfilm

The Elephant Whisperers

Haulout

How Do You Measure a Year?

The Martha Mitchell Effect

Stranger at the Gate


Bester internationaler Film

Argentina, 1985 (Argentinien)

Close (Belgien)

EO (Polen)

Im Westen nichts Neues (Deutschland)

The Quiet Girl (Irland)

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