© Prokino (läuft derzeit im City 46: "Wild Tales" von Damián Szifron)

Eine Frage der Haltung

Die Kurzfilmtage Oberhausen und das Kino City 46 in Bremen feiern kommunale Filmarbeit im Schatten politischer Polarisierung

Veröffentlicht am
08. Mai 2024
Diskussion

Die kommunale Filmarbeit in Deutschland wird derzeit von der aufgeheizten politischen Stimmung rund um den Gaza-Krieg überrollt. Der tiefe Graben, der die Kulturszene durchzieht, macht auch vor den „Kokis“ nicht Halt. Mit Sorgen blicken manche auf die diesjährigen Wahlen, die noch härtere Zeiten heraufbeschwören könnten. Dennoch wäre Resignation ein schlechter Ratgeber; gerade jetzt kommt es darauf an, Chancen zu nutzen.


Was hätte der streitbare Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann als Gründer der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen und als geistiger Vater der Kommunalen Kinos wohl dazu gesagt, dass die kommunale Filmarbeit derzeit von der aufgeheizten politischen Stimmung überrollt zu werden droht? Nach dem Vorbild der Berlinale hatten sich auch die Kurzfilmtage ausgerechnet zu ihrem 70. Jubiläum entschlossen, erstmals einen „Verhaltenskodex“ obligatorisch zu machen: Antisemitische, rassistische, kriegsverherrlichende oder sonstige menschenfeindliche Inhalte und Haltungen, Gruppierungen oder Organisationen werden nicht toleriert, hieß es auf der Website des Festivals, was bei jeder Ticketbuchung mitakzeptiert werden musste.


Anfeindungen bleiben nicht aus

Es ist ein tiefer Graben, der die Kulturszene derzeit spaltet und der auch vor den mehr als 150 kommunal geförderten Kinos, Kinematheken und Filmfestivals nicht Halt macht. Hoffmann glaubte in der Wiederaufbauzeit an die Zivilisierung der Gesellschaft durch die Kultur. Doch sie droht sich derzeit von innen heraus zu zerstören. Seit dem Krieg in Gaza leiden nicht nur Oberhausen und dessen Leiter Lars Henrik Gass unter „pro-palästinensischen“ Boykottaufrufen, sondern auch viele andere Einrichtungen, die Solidarität mit den Opfern des Massakers vom 7. Oktober 2023 bekundeten oder einen Kulturaustausch mit Israel pflegen. Die Kurzfilmtage reagierten zur Eröffnung am 1. Mai mit verstärkter Polizeipräsenz und erstmals auch mit Taschenkontrollen am Eingang. Infolge zahlreicher Filmabsagen mussten 20 Prozent des Programms umgeplant werden. Selbst die persönliche Teilnahme am Festival geriet mitunter zum Spießrutenlauf, wie Podiumsgäste in Oberhausen berichteten.

Im Internationalen Wettbewerb von Oberhausen: "Spring 23" von Wang Zhiyi (Kurzfilmtage Oberhausen)
Im Internationalen Wettbewerb von Oberhausen: "Spring 23" von Wang Zhiyi (© Kurzfilmtage Oberhausen)

Um die Stimmung nicht weiter anzuheizen, bekundete das European Media Arts Festival in Osnabrück Ende April mit einem vielbeachteten „Code of Ethic“ hingegen explizit Verständnis für künstlerische Boykotte aus Solidarität mit den zahlreichen Opfern unter der palästinensischen Bevölkerung und machte Absagen von Filmen wie Filmkünstler:innen transparent.

Gegenwärtig kann man ein Rennen bis zur persönlichen Erschöpfung beobachten, wenn es um die eigene Positionierung gegenüber der ausufernden Zahl von Offenen Briefen und Solidaritätsaufrufen geht, mit denen Programmmacher:innen derzeit nahezu täglich konfrontiert werden. Persönliche Anfeindungen auch untereinander sind an der Tagesordnung. Was passiert hier gerade in der deutschen Gesellschaft und wieviel Verantwortung kann kulturelle Filmarbeit eigentlich noch übernehmen?


Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit

Mit einer Tagung unter dem bewusst doppeldeutigen Motto „Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit“ – ist es die Sehnsucht für oder gegen den Widerspruch? – bewiesen die Kurzfilmtage Oberhausen ihrerseits Haltung gegenüber einem vorauseilenden Konformismus und stellten den universalistischen Anspruch, mit dem Filmfestivals in Europa gegründet wurden, und damit sich selbst, zur Disposition. Zur Eröffnung von Oberhausen konfrontierte ein kulturtheoretisches Gespräch zwischen der Soziologin Alexandra Schauer und Rüdiger Suchsland das Premierenpublikum in der Lichtburg mit den Folgen der Fragmentierung von Öffentlichkeit durch das Internet. Das Gespräch ermutigte allerdings zugleich, durch gemeinsame Zeit, gemeinsame Erfahrung und gemeinsame Räume diese Öffentlichkeit neu zu gestalten – im Kino und auf Festivals.

In jeder Hinsicht friedlich verlief hingegen der Festakt zum 50. Geburtstag des kommunalen Kino City 46 in der geschichtsträchtigen Oberen Halle im Bremer Rathaus, die zum Weltkulturerbe zählt. Dass sich der Verein „Kommunalkino Bremen“ mit seinem Kino feiern lassen konnte, ist allerdings keineswegs selbstverständlich. Nur durch hartnäckiges Engagement wurden institutionelle Zuschüsse erstritten und konnte im Jahr 1974 der Betrieb eröffnet werden. Der Verein vagabundierte jedoch noch Jahre später ohne feste Spielstätte durch die Stadt und drohte immer wieder geschlossen zu werden. Als kommunales Kino gehörte es damals zu den Pionieren. Heute zählt das City 46 mit seinen zwei Leinwänden in der Innenstadt zu den erfolgreichen nicht-gewerblichen Kinos in Deutschland und lädt zum Experimentieren ein. Der Deutsche Kinemathekenverband hat es als „Kino, das verbindet“ und als „Kino, das bildet“ jüngst ausgezeichnet.

Die Betreiber-Mannschaft des "City 46" in Bremen (Morticia Zschiesche)
Die Betreiber-Mannschaft des "City 46" in Bremen (© Morticia Zschiesche)

Die Kommunalen Kinos, die aus studentischen Filmclubs und dem wütenden „Oberhausener Manifest“ der jungen Filmemacher hervorgingen, wurden 1972 durch das „Frankfurter Urteil“ als Kultureinrichtungen erstmals Museen, Bibliotheken und Theatern gleichstellt. „Andere Filme anders zeigen“, lautet bis heute das gemeinsame Motto der ansonsten heterogenen Spielstätten. Als wichtige Heimat zahlreicher Filmfestivals reichen sie von gut finanzierten Filmmuseen und Festivals bis hin zu ehrenamtlich geführten Unifilmclubs und Initiativen. Nur etwa zwei Drittel der Kommunalen Kinos sind klassische Kinos im Vollbetrieb; viele werden von Vereinen getragen. Entgegen der Annahme, dass kommunale Filmarbeit öffentlich komplett gefördert werde, ergab eine Umfrage im Jahr 2020, dass nicht einmal die Hälfte der Kokis ihren Etat durch einen hälftigen öffentlichen Zuschuss bestreiten. Rund 85 Prozent der Mitarbeitenden sind zudem ehrenamtlich oder im Niedriglohnsektor tätig.

Trotz einer oft prekären Finanzsituation bleiben die Akteure aber optimistisch. Denn die effizienten Netzwerke und die aktive Einbettung in die Stadtgesellschaft machen jede ihrer Spielstätten einzigartig. „Wir wollen nicht zeigen, sondern zum Sehen auffordern. Wir wollen ,weiter sehen‘ über die Leinwand, das Kino und die Stadt hinaus‘“, so Holger Tepe vom City 46. Auch der Nachwuchs lässt hoffen: In Donaueschingen eröffnete das „guckloch“ aus Villingen-Schwenningen eine neue Spielstätte, in Kenzingen laufen die Gespräche zum Generationenwechsel und der Wiedereröffnung der Löwen-Lichtspiele. Und die Kinemathek Karlsruhe empfängt zu ihrem 50. Geburtstag Anfang Dezember den Bundeskongress der Kommunalen Kinos.

Politischer, wirtschaftlicher und öffentlicher Druck sowie die Angst vor persönlicher Diffamierung bei der Programmauswahl, wie sie aktuell bei Festivals zu beklagen ist, könnten diese Vielfalt bedrohen. Die unheilvollen Pole bilden dabei fundamentalistische Strömungen von Gruppen von links oder rechts, die eine Unterordnung der Kunst und ihrer Akteure fordern. Dass der Wind demnächst noch schärfer wehen könnte, befürchtet Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Denn neben der Europawahl sind es vor allem die Kommunalwahlen im Juni in neun Bundesländern sowie die Landtagswahlen im September in Thüringen, Sachsen und Brandenburg, die einen spürbaren Rechtsruck in den Gremien nach sich ziehen könnten, die über die „freiwillige Leistung Kultur“ zu bestimmen haben.


Das Kinomobil Baden-Württemberg

Baden-Württemberg galt bislang als vorbildliches Beispiel in Sachen kultureller Filmförderung. Durch die Mitfinanzierung von aktuell 28 kommunalen Kinos durch die MFG, die bis zu 50 Prozent der Zuschüsse der Kommunen oder des Landkreises umfasst, hat sich hier eine große Anzahl von Filmkunsttheatern und sogar ein Wanderkino entfalten können. Doch ausgerechnet beim Kinomobil Baden-Württemberg tritt man nun ruckartig auf die Bremse: „Aufgrund einer angespannten Haushaltssituation“, wie es MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen begründet, wurden die Fördergelder um 20.000 Euro gekürzt, obwohl eine Fördersumme von 154.000 Euro in der Filmkonzeption Baden-Württemberg 2020 verbindlich verankert ist.

Der vor rund 40 Jahren gegründete Verein Kinomobil Baden-Württemberg ist als niedrigschwelligste Form von Kino-Filmkultur derzeit in rund 90 Gemeinden aktiv, in denen es kein Kino gibt. Der Verein machte die Kürzung öffentlich und fordert generell mehr Geld für die Filmförderung, die in Baden-Württemberg derzeit nur rund 17 Millionen Euro umfasst, was im Vergleich zu Bayern mit 42 Millionen oder Nordrhein-Westfalen mit 38 Millionen Euro vergleichsweise wenig ist.

Gemeinsam Filme sehen (Kurzfilmtage Oberhausen)
Gemeinsam Filme sehen (© Kurzfilmtage Oberhausen)

Hilmar Hoffmann hat bis zu seinem Tod im Jahr 2018 immer wieder gefordert, auch in Zeiten knapper Kassen die Ausgaben für Kultur auf mindestens 10 Prozent des Gesamtetats festzuschreiben, um kulturelle Bildung für alle zu gewährleisten. Dass diese Gelder in der kommunalen Filmarbeit gut angelegt sind, ist für Andreas Heidenreich, den Vorsitzenden des Bundesverbandes Kommunale Filmarbeit, eine ausgemachte Sache. Seit 2005 definiert ein Leitbild mit neun Kriterien dafür die Grundlagen. „Kulturelle Filmarbeit kann gerade in Zeiten der Krise demokratiestärkende Prozesse anstoßen und steht als künstlerische Form ebenso für Intervention, das Eingreifen in Diskurse wie für verantwortungsvolle Mitgestaltung unserer Gesellschaft. Kulturelle Filmarbeit verstehen wir als Haltung“, lautete Heidenreichs Fazit beim Bundeskongress der Kommunalen Kinos 2023 in Oldenburg. Ein Entwurf für die kulturelle Programmförderung auf Bundesebene als vierte Säule im Rahmen des neuen Filmfördergesetzes wird als längst überfällige Wertschätzung von den Kokis ungeduldig erwartet, nachdem die Streichung der Kurzfilmabspiel- und Referenzförderung in der geplanten FFA-Novellierung für viel Unmut sorgte.


Andere Filme anders zeigen

Am 8. Juni 2024 verleiht die Deutsch-Israelische-Gesellschaft im Bremer Rathaus die Ernst-Cramer-Medaille an Lars Henrik Gass. Und zwar für „seine Zivilcourage, seinen Anstand und sein Rückgrat angesichts des antisemitischen Ressentiments“, wie es in der Begründung lautet. Gass reiht sich damit in die Liste früherer Preisträger ein, zu der unter anderem der ehemalige israelische Staatspräsident Shimon Peres gehört.

Auch diese Ehrung wird die aufgeheizte Stimmung weiter polarisieren. Es ist die Freiheit zum Widerspruch, die nun geboten ist, für alle, die damit nicht einverstanden sind. Das gilt auch für die kommunale Filmarbeit in all ihren Ausprägungen und mit alle ihren Andersartigkeiten und Persönlichkeiten, die gesellschaftspolitisch auszuhalten und zu stärken sind, damit Meinungen außerhalb des anonymen Internets persönlich ausgetauscht werden können. In Zeiten aktueller Kriege und identitärer Hassreden bleiben nur der Humanismus und das Motto „Andere Filme anders zeigen“, und das mit Haltung.

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