Seit dem Gewinn des „Goldenen Bären“ für „Körper und Seele“ (2017) steht die ungarische Filmemacherin Ildikó Enyedi wieder im Fokus der medialen Öffentlichkeit. In den Jahren nach ihrem furiosen Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ (1988) war es recht still um die eigensinnige Regisseurin geworden. Nun startet ihr neues Drama „Silent Friend“, das auf drei Zeitebenen spielt und das Verhältnis zwischen Menschen und der Natur sehr spielerisch verhandelt.
In Ihren jüngeren Filmen tauchen eigensinnige Objekte auf. In „Körper und Seele“ spielt ein Hirsch eine wichtige Rolle, in „Silent Friend“ begegnet man einem mächtigen Ginkgobaum. Wie bewusst setzen Sie auf diese Motive und Symbole?
Ildikó Enyedi: Das ist keine gute Frage für eine Filmemacherin. Vieles bleibt ja auch für mich ein Geheimnis. Ich folge beim Filmemachen meiner Neugier. Das hat auch mit gewissen Lebensabschnitten zu tun, die mir wichtig sind. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen.
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Es gibt eine Anekdote zu Ihrem Debütfilm „Mein 20. Jahrhundert“. Angeblich wollten Sie zunächst einen etwas anderen Film drehen. Die Prämisse lautete: Was wäre passiert, wenn Hitler Maler geblieben wäre? Was hätte das für Europa, was für die Historie bedeutet? Stimmt diese Anekdote?
Enyedi: Es war ja mein erster Film. Das Drehbuch war noch sehr wild und unglaublich lang. Es ging um diese Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Geschichte mit den beiden Zwillingsschwestern, die in unterschiedlichen Verhältnissen aufwachsen, ist gleichgeblieben. Aber es gab noch viel mehr Details. Etwa die kurze Zeitspanne, in der Stalin, Hitler und Freud in Wien und gar nicht weit voneinander entfernt gelebt haben. Das ist dann Kürzungen zum Opfer gefallen. Ich musste viele Kompromisse eingehen. Es war nicht möglich, alle Farben des Spektrums zu zeigen. Im Kern ging es mir dabei um eine emotionale Reise. Es war eine historische Periode mit großen Hoffnungen, in der sich viele neue Horizonte eröffneten. Doch was wurde daraus? Zwei Weltkriege und Diktaturen.
Was interessierte Sie an diesem Übergang zum 20. Jahrhundert?
Enyedi: Ich mag auch andere historische Epochen! In „Mein 20. Jahrhundert“ aber wollte ich aufzeigen, welche wunderbaren Erfindungen und Perspektiven sich eröffneten – und was für ein höllisches Jahrhundert daraus erwuchs. Es ging um diesen Kontrast. Es ist doch zutiefst verstörend, wie viele Wege sich damals eröffneten, und wozu die Erfindungen dann führten. Das Interessante daran ist, dass es dabei um uralte, geradezu mythologische Sehnsüchte ging: das Fliegen, die Fotografie, das Sehen in die Ferne, die Aufzeichnung von Tönen. Auch wenn sich das Grammophon und ein Flugzeug fundamental unterscheiden, basieren beide doch auf Mythen: den von Ikarus und Pygmalion. Es handelt sich also um mythische Erfindungen, die alle innerhalb von 30 Jahren entstanden sind. Damals jung zu sein, das muss wahnsinnig gewesen sein.
Und das kommt auch in „Silent Friend“ vor, wenn die junge Fotografin zu arbeiten beginnt.
Enyedi: Dort liegt der Schwerpunkt aber darauf, dass die Figur mit der Technologie ihrer Zeit, also der Schwarz-weiß-Fotografie, in den Pflanzen etwas entdeckt, das zuvor noch niemand gesehen hat. Ähnlich öffnen sich in den 1970er-Jahren andere Augen für dieselben Pflanzen, und im Jahr 2020 wird eine sehr fortschrittliche Technik verwendet, die sich nochmal auf einen ganz anderen Aspekt der Natur konzentriert.
Wo steht dieser riesige Baum? Im Botanischen Garten in Marburg?
Enyedi: Der Marburger Ginkgo steht an einer Mauer und lässt sich nicht so leicht filmen. Deshalb haben wir einen anderen Baum gesucht. Der Ginkgo aus dem Film steht nicht weit von der Stadt Pécs entfernt, also in Südungarn, aber ebenfalls in einem Botanischen Garten.
Wie haben Sie die drei Geschichten im Film miteinander verbunden?
Enyedi: Es sollte keine dramaturgische Verbindung zwischen den drei Geschichten geben. Es ging darum, wie die Geschichten mit den Pflanzen verbunden sind. Ich wollte Momente aus dem Leben eines Baumes zeigen. Wenn man vermitteln will, dass der Baum schon viel länger da ist als ein Menschenleben, zeigt man am besten Momente aus dem Leben verschiedener Generationen. Man weiß dann, dass die erste Figur der Fotografin schon lange tot ist, wenn im dritten Kapitel die Figur von Tony Leung auf dem Campus herumläuft, während der Baum sicher noch ein paar Jahrhunderte lang leben wird.
Im Drehbuch waren diese Episoden streng voneinander getrennt. Wenn ich schon beim Schreiben versucht hätte, Übergänge zu schaffen, wären daraus dramaturgische Verbindungen erwachsen. Wir haben aber nach sinnlichen Verbindungen gesucht, also nach einer Stimmung oder einem Gefühl. Es ging um einen Schwung. Dieser Prozess hatte etwas von einem musikalischen Schnitt. Das entstand im Schneideraum. Wir wussten natürlich schon während der Dreharbeiten, dass es zu Überschneidungen kommen wird. Also haben wir die Orte, die Optiken und die Winkel sorgfältig notiert, damit wir in einer anderen Jahreszeit mit einem anderen Darsteller dorthin zurückkehren konnten, um mit Wiederholungen zu spielen und zeigen zu können, wie unterschiedlich derselbe Ort im Herbst, im Frühling und im Sommer aussieht.
Hatten Sie den Film schon so sehr im Kopf, dass Sie wussten, wie er am Ende aussehen würde? Oder gab es im Schnitt noch Überraschungen?
Enyedi: Es ging eher darum, was uns die Natur gegeben hat und was nicht. Da kann man nur geduldig sein, aufmerksam beobachten und viel Material aufnehmen. Wenn es nicht passt, muss man nachdrehen. Wir hatten deshalb viele Drehtage mit einem kleinen Team, um nach Abschluss der Dreharbeiten einiges noch zusätzlich nachzudrehen.
Tony Leung verkörpert in „Silent Friend“ als Wissenschaftler eine sehr interessante Figur. Er hat ja nicht nur mit Wong Kar-wai gedreht, sondern auch eine Menge Actionfilme. Warum wollten Sie mit ihm drehen?
Enyedi: Ich habe mir Interviews mit ihm angesehen und entdeckt, was für ein Mensch er ist. In „Silent Friend“ zeigt er eine neue Seite von sich. Ich war neugierig, ob er dazu bereit sein würde, mit einem mönchsähnlich rasierten Kopf und fast ohne Make-up zu spielen. In den meisten Filmen von Wong Kar-wai hat er einen Schutzpanzer um sich; hier aber spielt er ganz ohne ihn. Ich war sehr darauf gespannt, etwas zu zeigen, was in ihm steckt, er bisher aber noch nicht offenbart hat.
Mir hat auch die Beziehung zwischen Tony Leung und Sylvester Groth sehr gut gefallen, da die beiden Figuren nur sehr wenig miteinander sprechen. Das ist wie in einem Stummfilm. Nur die Gestik und die Gesichter zählen.
Enyedi: Die beiden sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Deshalb habe ich sie ausgewählt. Wir haben vor den Dreharbeiten gründlich geprobt und daran gearbeitet, was ihre Beziehung im Film ausmacht. Das führte dazu, dass es beim Dreh sehr einfach und die Arbeit mit ihnen sehr angenehm war.
Im mittleren Teil des Films in den 1970er-Jahren gibt es eine sehr feine Liebesgeschichte. Was interessiert Sie an dieser Art von subtiler Liebe, bei der man nicht so genau weiß, ob es Liebe ist oder nur Anziehung?
Enyedi: Das finde ich äußerst spannend. Besonders in jungen Jahren, am Ende der Pubertät, wenn man erwachsen wird, ist das andere Geschlecht so unendlich attraktiv und aufregend, man selbst aber ratlos, wie man damit umgehen soll. Die Welt ist voller attraktiver Dinge, aber zugleich hat man ganz viele Ängste. Dieser intensive Zustand reizt mich sehr, denn eigentlich erlebt man dann alles sehr intensiv, und es lohnt sich, das Leben zu leben.
Wie sehen Sie die aktuelle Situation im ungarischen Film? Es entstehen viele Low- oder No-Budget-Produktionen, die komplett unabhängig produziert werden.
Enyedi: Eigentlich hängt das von den Mitarbeitern und Teammitgliedern ab, die einen Film auf ihren Schultern tragen, von ihrer Loyalität und ihrem Einsatz. Viele von ihnen konnten durch hoch bezahlte Jobs in ausländischen Produktionen, die in Ungarn gedreht wurden, ihre Familien ernähren. Sie können es sich leisten, ab und zu kostenlos oder für einen symbolischen Betrag in einem unabhängigen Film mitzuarbeiten, weil sie an das Projekt glauben. Es gibt sehr schöne Beispiele für diese Solidarität. Ähnlich verhält es sich mit dem Cine-Collegium in Budapest, einer Initiative des International Budapest Film Festival. Es wurde gegründet, damit sich junge Regisseure und Regisseurinnen einmal im Jahr für einen Low-Budget-Film bewerben. Ich war 2025 die Jury-Vorsitzende. Es hat eine stark gemeinschaftsbildende Kraft, wenn nicht jeder für sich alleine kämpft, sondern es ein Forum gibt, in dem junge Filmemacher sich treffen und als eine echte Gemeinschaft fühlen können.