Guy Pearce, Jack O'Connell in „Ink“
Guy Pearce, Jack O'Connell in „Ink“ (© Anthony Dickenson/Studiocanal)

Filmfestival Venedig - Der Auftakt

Die 83. Filmfestspiele Venedig haben mit dem Eröffnungsfilm "Ink" einen überzeugenden Einstieg gefunden

Aktualisiert am
03.09.2026 - 18:06:19
Diskussion

Nachdem im Vorfeld der 83. „Mostra“ noch die Nervosität der Veranstalter fühlbar war, dass das Festival von ähnlichen Querelen aufgerieben werden könnte wie zuletzt die Kunstbiennale oder die Berlinale, ließ der Eröffnungstag am 2. September aufatmen. Die Lido-Magie entfaltet sich auch 2026, unter anderem dank des überzeugenden Eröffnungsfilms "Ink" von Danny Boyle.

 

Die großen europäischen Filmfestivals hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Das liegt einerseits am polarisierten politischen Klima; am Druck, der auf Kulturveranstaltungen ausgeübt wird, „Position zu beziehen“, und an den Shitstorms in den Sozialen Medien bis hin zu Boykott-Aufrufen, wenn sich jemand wie etwa Wim Wenders bei der Berlinale-Pressekonferenz 2026 aus der Sicht mancher unliebsam äußert. Es liegt aber auch an der Festival-Müdigkeit Hollywoods, dessen Interesse, Filmfestivals als öffentlichkeitswirksame Plattformen zu nutzen, anscheinend deutlich zurückgegangen ist.

 

     Das könnte Sie auch interessieren

 

Von beiden Problemen ist auch die 83. „Mostra internazionale d’arte cinematografica“ betroffen. Die großen Hollywood-Studios inklusive Netflix, die vor einigen Jahren das Festival in Venedig noch als eine Art „Oscar“-Barometer nutzten, halten sich mit ihren Prestige-Produktionen zurück. Und noch kurz vor Festivalbeginn sah es so aus, als könne die „Mostra“ von neuerlichen Querelen rund um die Haltung zum Gazakonflikt überschattet werden. Nur wenige Tage vor Festivalbeginn veröffentlichte die Initiative Venice4Palestine einen offenen Brief, der die Festivalveranstalter und die Filmbranche dazu aufrief, „konkrete Maßnahmen“ zur Unterstützung Palästinas zu treffen. Und kurz darauf gab es Trubel um die zunächst abgesagte, kurzfristig aber doch wieder angesetzte Pressekonferenz der Internationalen Jury – die Veranstalter der „Mostra“ hatten „Terminkonflikte“ als Grund für die Verschiebung angegeben; am Lido wurde der Rückzieher aber eher der Angst vor ähnlichen Debakeln wie in Berlin zugeschrieben und entsprechend scharf kritisiert.

 

Die Eröffnung ist geglückt

Im Rückblick auf den Eröffnungstag lässt sich nun aber sagen: Trotz aller Nervosität ist es gutgegangen. Das Filmfestival in Venedig mag ähnlich wie die Festivals in Cannes und Berlin mit Problemen ringen. Aber noch hält es stand und funktioniert als glanzvolles Fest der Kinokunst, bei dem Filme und Filmemacher und der Austausch mit ihnen und über ihre Werke im Mittelpunkt stehen. Während bei der diesjährigen Berlinale das Programm von den Debatten in den Schatten gestellt zu werden drohte, konnte sich am Lido zum Festivalauftakt die Euphorie fürs Medium Film durchsetzen. Die Präsidentin der internationalen Jury, Maggie Gyllenhaal, meisterte die Pressekonferenz mit Grazie und hielt im Rahmen der Eröffnungsgala eine bewegende Rede, in der sie betonte, dass Filme gerade in Zeiten akuter Krisen als Medium, das Empathie trainiert, umso wichtiger seien.

Kluges, medienkritisches Kino: „Ink“
Kluges, medienkritisches Kino: „Ink“ (© Anthony Dickenson/Studiocanal)

 

Auch George Clooney, der bei der Eröffnung mit einem „Goldenen Ehrenlöwen“ für sein Lebenswerk geehrt wurde, brachte mitsamt seiner Laudatorin Laura Dern nicht nur genug Old-School-Hollywoodglamour auf die Bühne, um das Fehlen einiger vielerwarteter US-Produktionen im „Mostra“-Wettbewerb zu überspielen, sondern er verstand es mit einer Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit, Optimismus zu verbreiten. Für ihn sind Filme nicht zuletzt ein Medium, das dabei mithilft, Fremde nicht als Fremde, sondern als Mitmenschen wahrzunehmen. Sie bilden gleichsam ein Gegengewicht zu den notorischen Angstmachern und Apokalyptikern, die Furcht und Aversionen für ihre Zwecke instrumentalisieren.

 

Drama über die Boulevardzeitung "The Sun"

Neben solchen gelungenen Auftritten sorgte auch der Eröffnungsfilm „Ink“ von Danny Boyle für einen stimmigen Auftakt. Das Drama um den Aufstieg der britischen Zeitung „The Sun“ ab den späten 1960er-Jahren, als der Australier Rupert Murdoch (im Film gespielt von Guy Pearce) das Blatt kaufte und Larry Lamb (Jack O’Connell) als Chefredakteur installierte, ist ebenso kraftvoll-verführerisches wie kluges Kino - und letztendlich auch bitterböse Medienkritik.

Boyle inszeniert das Unterfangen des Medienunternehmers Murdoch und des Zeitungsmanns Lamb, die „Sun“ vom Käseblatt zur meistverkauften Boulevardzeitung der Welt zu machen, zunächst als von rebellischer Energie getragene Underdog-Story. Der Kampf, von einer Außenseiter-Position aus den britischen Medienmarkt aufzumischen und es dem Establishment zu zeigen, besitzt zunächst auch klassenkämpferisches Flair – nur um dies, je weiter die Geschichte fortschreitet, genüsslich zu dekonstruieren und die vermeintliche Nähe zu den „einfachen Leuten“ und ihren Interessen, die sich Lamb und Murdoch auf die Fahne schreiben, als scheinheilig zu entlarven - und als Vorform der populistischen Narrative, mit denen es die Welt heute zu tun hat.

Während auf dem „Sales Board“ in Lambs Büro die Linie, die die Verkaufszahlen der „Sun“ markiert, immer weiter nach oben klettert und die Konkurrenz nach und nach aussticht, gehen er und sein Blatt moralisch immer mehr auf Talfahrt; der Ehrgeiz, Nachrichten unters Volk zu bringen, die irgendwie nützlich sein wollen und dazu beitragen sollen, dass die Wählerinnen und Wähler sinnvolle Entscheidungen treffen - was Lamb zu Beginn noch zu seinem journalistischen Selbstverständnis als „Newsman“ erklärt, bleibt auf der Strecke.

Dramaturgisch markant verdichtet anhand einzelner Themen wie der Berichterstattung über den Entführungs- und Mordfall Muriel McKay, erzählen der Drehbuchautor James Graham und Danny Boyle sowie das brillante Darstellerteam von der allmählichen Aushöhlung von journalistischem Ethos. Dass am Ende in einer Montagesequenz eine explizite Linie von der „Sun“ bis ins Zeitalter der Fake News und des „Slobs“ gezogen wird, hätte es gar nicht mehr gebraucht.

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren