Am Mittwoch, 2. September, startet in Venedig die 83. „Mostra internazionale d’arte cinematografica“ mit dem Drama "Ink" von Danny Boyle, in dem es um den Aufstieg des britischen Boulevardblatts "Sun" geht. Im Wettbewerb konkurriert auch Werner Herzog mit „Bucking Fastard“ um "Löwen"-Ehren. Kontroversen verspricht der politisch brisante Dokumentarfilm "Naza". Ein Überblick über die Filme am Lido.
Der Festivaldirektor von Venedig, Alberto Barbera, dürfte sich gefreut haben, als die Konkurrenz in Cannes im Frühjahr für Werner Herzogs neuen Film „Bucking Fastard“ nur einen Platz in einer Nebensektion einräumen wollte. Der deutsche Regisseur zog sein Werk daraufhin kurzerhand zurück und zeigt es nun beim 83. Filmfestival am Lido (2.9.-12.9.2026). Hier läuft der Film, der nach mehreren Dokumentarfilmen wieder ein Spielfilm ist und von einer realen Lebensgeschichte inspiriert wurde, in der „Löwen“-Konkurrenz. 2025 wurde Herzog mit einem „Ehrenlöwen“ des Festivals geehrt und für seinen Dokumentarfilm „Ghost Elephants“ mit nicht enden wollenden Standing Ovations gefeiert.
"Bucking Fastard" kreist um zwei symbiotische, fast wie eine Seele in zwei Körpern lebende, sogar synchron sprechende Schwestern (Rooney Mara & Kate Mara), die in den 1980er-Jahren in den USA leben. Ein Clip, den Herzog auf seinem Insta-Account veröffentlichte, gibt einen ersten Einblick in das ungewöhnliche Drama.
Mut zu Extremen
In Venedig schätzt man dieses Herzoghaft-Seltsame offensichtlich mehr als in Cannes. Auch sonst kann man Barbera den Mut zum Extremen nicht absprechen. Sonst hätte er kaum den russischen Filmemacher Ilja Chrschanowski mit dessen jüngstem Beitrag seines „DAU“-Projekts in den Wettbewerb geladen. 2020 sorgte „DAU. Natacha“ bei der Berlinale für heftige Kontroversen. Das Mammutwerk, das sich mit Fokus auf ein Atomforschungsinstitut in stilisierter Form an der Sowjetunion und den Mechanismen des Totalitarismus abarbeitet, dürfte auch in „DAU - Teil 3“ einigermaßen verstörend ausfallen.
Ein Filmemacher, der ebenfalls das Extreme nicht scheut, ist der Japaner Shinya Tsukamoto, der seit „Tetsuo: The Bullet Man“ (2009) immer wieder mit markanten Beiträgen am Lido zu Gast war, etwa mit dem markerschütternden Kriegsfilm „Nobi“ (2014) oder zuletzt mit „Shadow of Fire“ (2023). Sein neuer Film „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ kreist um das Thema der Kriegsgräuel, festgemacht an einer realen Figur: dem afroamerikanischen Vietnamkriegsveteranen Allen Nelson, der ab 1966 als US-Marine in Vietnam kämpfte und später als Antikriegsaktivist versuchte, jungen Menschen die grausigen Realitäten des Krieges vor Augen zu führen.
Vielversprechende Filme aus Asien und den USA
Die Wettbewerbsauswahl 2026 glänzt außerdem mit weiteren vielversprechenden asiatischen Beiträgen. Neben Tsukamoto ist sein Landsmann Hirkozu Kore-eda mit dem Coming-of-Age-Drama „Look Back“ um eine angehende Manga-Künstlerin und ihre Freundschaft zu einem schüchternen Teenager-Mädchen vertreten. Auch der Südkoreaner Lee Chang-dong, Regisseur des fulminanten Films „Burning“, zeigt sein neues Werk. „Possible Love“ kreist um zwei verheiratete Paare, die im Rahmen eines Dokumentarfilmprojekts aufeinandertreffen.
Hollywood hält sich dagegen, wie schon im Frühjahr in Cannes, bei der diesjährigen „Mostra“ eher etwas bedeckt. Dass Alejandro González Iñárritu, dessen Tom-Cruise-Film „Digger“ im Oktober in den Kinos startet, vorher nicht am Lido vorbeischaut, dürfte viele enttäuschen. Dennoch gibt es verheißungsvolle US-Filme im Programm. So präsentiert Casey Affleck seinen Film „Company“. Das sich über drei Zeitebenen entfaltende Mystery-Drama um schuldhafte Verstrickungen, Trauer, Rache und Vergebung ist mit Nick Nolte und Ben Mendelsohn besetzt. Zudem bereichert Martin McDonagh die „Mostra“ mit „Wild Horse Nine“ um zwei CIA-Agenten, die in Chile stationiert sind, aber auf die Osterinsel versetzt werden, von wo aus sie 1973 den Militärputsch in Chile miterleben. Als Darsteller spielen John Malkovich, Sam Rockwell und Steve Buscemi.
Interessant klingt auch das Spielfilmdebüt des bislang mit Dokumentarfilmen hervorgetretenen US-Amerikaners Lance Oppenheim. Unter dem Titel „Primetime“ kreist es um die Entstehung der umstrittenen True-Crime-Serie „To Catch a Predator“, in der pädophile Männer geködert wurden, um sie vor laufender Kamera bloßzustellen; Robert Pattinson spielt den Moderator und Produzenten Chris Hansen.
Um Medienkritik geht es auch im Eröffnungsfilm der diesjährigen „Mostra“. Der Brite Danny Boyle präsentiert „Ink“, eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von James Graham. Die Story spielt in den 1960er-Jahren und kreist um den Aufstieg des berüchtigten britischen Boulevardblatts „The Sun“. Die Hauptrollen verkörpern Jack O’Connell und Guy Pearce.
Ansonsten dominieren italienische und französische Beiträge den Wettbewerb – etwa ein neuer Film von Nanni Moretti („It Will happen Tonight“) oder von Stéphane Brizé, der sich in „Un bon petit soldat“ erneut mit den Dilemmata der kapitalistischen Arbeitswelt befasst. Und in „Bunker“ von Florian Zeller geht es um einen Architekten, der sich von einem Tech-Milliardär anheuern lässt, um diesem das titelgebende Refugium zu bauen, in das sich dieser zurückziehen kann, wenn die Welt vor die Hunde geht. Über diesem Auftrag gerät der Architekt (Javier Bardem) in heftige Konflikte mit seiner Ehefrau (Penélope Cruz).
Äußerst kläglich vertreten sind hingegen Filme von Regisseurinnen. Die Dänin May el-Toukhy steuert mit „Woman Unknown“ ein Drama um eine Dienstbotin bei, die durch eine Heirat den sozialen Aufstieg schafft, deren Position aber durch ein schamvoll gehütetes Geheimnis aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gefährdet wird.
Hochbrisant: "Naza" von Hamdan Ballal & Basel Adra
Nachdem ein Großteil des Programms bereits Ende Juli bekannt gegeben worden war, vermeldeten die Veranstalter am 24. August noch einen Nachzügler für den Wettbewerb: „Naza“ ist ein neues Dokumentarfilmprojekt der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor, die zuletzt zusammen mit Hamdan Ballal und Basel Adra für den umstrittenen Film „No Other Land“ verantwortlich gezeichnet hatten, der 2024 bei der Berlinale für Aufruhr sorgte. Auch ihr neuer Film befasst sich mit dem Gaza-Konflikt: Angestoßen durch Enthüllungen, die von der palästinensisch-israelischen Onlineplattform +972 Magazine, der hebräischsprachigen Nachrichtenseite Local Call und der britischen Zeitung The Guardian veröffentlicht wurden, soll er belegen, dass im Zug des auf den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 folgenden Gaza-Kriegs durch die israelische Armee systematisch gezielte Tötungen palästinensischer Zivilisten vorgenommen wurden. Der Film stützt sich dabei auf geheime Interviews mit Militärangehörigen, die zwischen 2023 und 2025 nachts über den Dächern von Tel Aviv geführt wurden.
Ansonsten kommt das dokumentarische Genre vor allem außer Konkurrenz zum Zug, und das gleich mit einer Vielzahl an Beiträgen hochkarätiger Regisseur:innen. Unter anderem ist eine neue Arbeit von Wim Wenders über den Architekten Peter Zumthor („From Inside Out - Die Architektur von Peter Zumthor") zu sehen. Dazu kommt ein Projekt von Luca Guadagnino: Unter dem schönen Titel „Joie de vivre“ präsentiert er ein episches Porträt seines Landsmanns Bernardo Bertolucci. US-Dokumentarist Alex Gibney wiederum hat sich, mit knapp vier Stunden ebenfalls in epischer Länge, Elon Musk vorknöpft („Musk“). Außerdem feiern Dokumentarfilme von Sergej Loznitsa und Julia Loktev in Venedig Premiere; Loznitsas „Imperium“ kreist um die Vergangenheit imperialistische Vergangenheit der Sowjetunion, Loktevs Film „My Undesireable Friends: Part II“ um die gegenwärtige Realität russischer Journalistinnen, die der Druck des Putin-Regimes ins Exil trieb.
An Spielfilmen läuft außer Konkurrenz ein neues Werk von Paul Schrader mit dem Titel „The Basics of Philosophy“. Ein Philosophieprofessor an einem kleinen College im Mittleren Westen der USA schreibt an einem Buch über Baruch Spinoza, als er von einer Verfehlung in seiner Vergangenheit eingeholt wird. In „Place to Be“ von Kornél Mundruczó spielen Ellen Burstyn und Taika Waititi ein ungleiches Gespann, das eine verloren gegangene Renntaube von Chicago in ihr Zuhause in New York bringt. Das Gangsterepos „Father Joe“ von Barthélémy Grossmann kreist mit Kiefer Sutherland und Al Pacino um einen Priester in Manhattan, der sich gegen die Mafia zur Wehr setzt, die das Little-Italy-Viertel kontrolliert.
Um einen Priester geht es auch im Abschlussfilm der „Mostra“. Pierfrancesco Favino spielt im Historienfilm „Dio ride“ von Giovanni Veronesi einen Mönch, der im 17. Jahrhundert den Glauben auf ungewöhnliche Weise näherbringen will: mittels spielerischer Komik, die bei seinen Predigten ein gewisses Commedia-dell’arte-Flair verbreitet. Was ihn prompt mit seinen Kirchenoberen aneinandergeraten lässt und den Verdacht der Häresie weckt. Ob daraus eine „göttliche Komödie“ wird oder doch nur ein Film, der dem Selbstrepräsentationsanspruch des Gastgeberlandes gerecht wird?
Das Programm des Filmfestivals Venedig 2026
Wettbewerb
Eröffnungsfilm: Ink von Danny Boyle
Company von Casey Affleck
A Bit of Light von Ali Asgari
Ritorno a Buenos Aires von Marco Bechis
Un bon petit soldat von Stéphane Brizé
Il Fuoco che ti porti dentro von Edoardo de Angelis
Woman Unknown von May el-Toukhy
Bucking Fastard von Werner Herzog
A Place to Heal von Cédric Kahn
DAU – Teil 3 von Ilja Chrschanowski
Look Back von Hirokazu Kore-eda
Possible Love von Lee Chang-dong
Wild Horse Nine von Martin McDonagh
It Will happen Tonight von Nanni Moretti
Primetime von Lance Oppenheim
The Echo Chamber von Andrea Pallaoro
Un peu avant minuit von Nicolas Pariser
L’Estranea von Paolo Strippoli
Mr. Nelson, Did You Kill People? von Shinya Tsukamoto
Bunker von Florian Zeller
Naza von Yuval Abraham und Rachel Szor
Out of Competition
Nessun Dolore von Gianni Amelio
Father Joe von Barthélémy Grossmann
Let Us Through, Dear Ancestors von Lav Diaz
Scherzetto von Mario Martone, Toni Servillo
Place to Be von Kornél Mundruczò
No Paradise If You Are Killed By a Woman von Halkawt Mustafa
Arrested Memory von Sabu
The Basics of Philosophy von Paul Schrader
Un Bon Avocat von Tristan Seguela
Jupiter von Alexandre Smia
Abschlussfilm: Dio Ride von Giovanni Veronesi
Dokumentarfilme
Be Brave von Francesco Carrozzini
What Love Builds von Russell Crowe
Burgundy von Michael Dweck, Gregory Kershaw
Musk von Alex Gibney
The Road to Jerico von Amos Gitai
Citizen Osama von Ahmed Hassouna
Union Town von Barbara Kopple
Holy Wood Dust von Victor Kossakovsky
Letters von Anderi Kustila
Biografia di Jorge Luis Borges von Mariano Llinás
My Undesirable Friends Part II von Julia Loktev
Boatbuilders von Luke Lorentzen
Imperium von Sergej Loznitsa
Shumei. The Living Legacy of Kabuki von Takashi Miike
Queer Edward II von Theo Rollason
Oasis: Don’t Look Back in Anger von Dylan Southern, Will Lovelace
Dust von Tsai Ming-Liang
Everest: The Other Side von Elizabeth Chai Vaserhely, Jimmy Chin
From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor von Wim Wenders
Joie de vivre von Luca Guadagnino
Twist & Shout Mister Suzuki von Yves Montmayeur
Intermission von Yonfan
The Pervert's Guide to Utopias von Sophie Fiennes
Nino - Un Film su Nino Rota von Walter Fasano
Hinweis
Eine Übersicht über das komplette Festival-Programm findet sich hier