- | Deutschland 1997 | 109 Minuten

Regie: Katja von Garnier

Vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilte Frauen, die sich im Rahmen eines Rehabilitationsprogramms zu einer Rock-Band zusammengetan haben, gelangen eher zufällig in die Freiheit. Gejagt von der Polizei, nähern sie sich einander an und werden zu einer eingeschworenen Clique, die durch den Medienrummel um sie und ihre Musik ungeahnte Popularität erlangt. Ein ganz vom Rhythmus der Musik geprägtes musikalisches Drama, das Themen wie Freundschaft, Leben und Tod zu griffig-populären Chiffren verdichtet. Bruchlos fließen die Ton- und Bildebenen zu einem illusionären Spiel ineinander, das sich vor allem durch die Zuneigung zu den Hauptfiguren auszeichnet. - Ab 14 möglich.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1997
Regie
Katja von Garnier
Buch
Katja von Garnier · Uwe Wilhelm
Kamera
Torsten Breuer
Musik
Peter Weihe · Udo Arndt · Volker Griepenstroh · bandits
Schnitt
Hans Funck
Darsteller
Katja Riemann (Emma) · Jasmin Tabatabai (Luna) · Nicolette Krebitz (Angel) · Jutta Hoffmann (Marie) · Hannes Jaenicke (Schwarz)
Länge
109 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14 möglich.

Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo (16:9, 1.85:1, DD5.1 dt., DTS dt.)
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Diskussion
Vier sehr verschiedene Frauen begegnen sich als Häftlinge hinter Gefängnismauern. Luna, der man eine "geringe Frustrationstoleranz" bescheinigt hat, sitzt wegen Raub und schwerer Körperverletzung, die attraktive Angel wegen Heiratsschwindel, die sich rätselhaft und verschlossen gebende Emma, soeben erst eingeliefert, wegen Totschlag. Wesentlich älter als diese drei Frauen zwischen 20 und 30 ist Marie, die eine lebenslängliche Haft verbüßt, weil sie ihren Ehemann vergiftet hat. Was sie alle zusammenbringt, ist weniger Solidarität als ein Rehabilitationsprogramm, durch das sie eine Rock-Band gründen können, die ihren ersten Auftritt beim diesjährigen Polizeiball] haben soll. Durch eine Verkettung von Zufälligkeiten geraten sie dabei jedoch in die Freiheit und beschließen, von Hamburg aus mit einem Schiff ins Ausland zu flüchten. Verfolgt von einem beinharten Kommissar, entwickelt sich eine Odyssee, während der sich die Frauen einerseits immer näherkommen, sich einander öffnen und sich verstehen lernen, sie sich andererseits in einen ungeahnten Medienrummel verstrickt sehen: ein Plattenproduzent nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlichte ein Demo-Band ihrer Musik, und nun macht die Verkettung aus Nachrichten-"Prominenz", allgegenwärtiger Präsenz ihrer Musik und massiven PR-Maßnahmen aus den gejagten Kriminellen prominente Musik-Idole.

Ein Film über Musik und Freundschaft, Leben und Tod, nicht zuletzt über das Kino und den pulsierenden Rhythmus der Bilder und Töne - selbst wenn man die Inhaltsbeschreibung ausführlicher anlegen würde, käme man der Erzählweise des Films sowie seiner ungewöhnlichen Attraktivität damit noch nicht näher. "Bandits" besitzt weder psychologische Stringenz noch sonderlich nachvollziehbar entwickelte Charaktere im herkömmlichen Sinne, nimmt es sich vielmehr sehr selbstbewußt und mutig heraus, griffige Chiffren zu entwickeln und die sich dabei zwangsläufig ergebenden Leerstellen vom Betrachter füllen zu lassen. Das Maß aller (erzählerischen) Dinge ist dabei stets die Musik. Sie hat katalysatorische Funktion, weckt Stimmungen und verdichtet Gefühle, prägt aktionsreiche Szenen ebenso wie lyrische Ruhepausen, wie sie überhaupt den gesamten Schnittrhythmus des Films bestimmt. Dabei täte man Katja von Garnier wiederum Unrecht, würde man ihren Film als aufgeblähten Videoclip der MTV-Generation abtun; viel eher fühlt man sich angesichts ihres hochartifiziellen musikdramatischen Konstrukts an andere "Traditionen" erinnert: zum einen an Konzeptalben wie "Tommy" von den Who oder auch "Thick as a Brick" von Jethro Tüll, zum anderen an die Musikfilme Jacques Demys, dessen "Mädchen von Rochefort" (fd 16 911) einmal sogar sehr deutlich anklingen, als sich die vier Musikerinnen in einer Bar in einen Bühnenauftritt hineinträumen, während dem sie paillettenbestickte mondäne Abendkleider tragen.

So funktioniert "Bandits" denn auch nicht als herkömmlicher Krimi- und Knastfilm, über dessen handlungsunlogische Sprünge man ebenso lachen könnte wie über die plakative Zeichnung der Nebenfiguren (vor allem den sprücheklopfenden Macho-Kommissar). Stimmig ist der Film indes als höchst sinnliches Action-Musikdrama, das sich seine ganz eigene erzählerische "Wirklichkeit" konstruiert.Bruchlos fließen dabei zahlreiche Bilderund Tonebenen ineinander und verbinden sich zu einem illusionären Spiel, das sich vor allem durch eines auszeichnet: eine ausgesprochen zärtliche Zuneigung zu den vier Frauen. Deren Musik erinnert ein wenig an die Berliner "Rainbirds", fließt recht süffig als erdige Grunge- und Rockvariation mit psychedelischen Anleihen daher, reizvoll kontrastiert durch die klaren, fast lyrischen Gesangsstimmen der Schauspielerinnen, die selbst komponierten und musizierten.

Allenfalls die von Nicolette Krebitz gespielte Angel kann sich dabei etwas entwickeln und das anfängliche Dummchen-Image relativieren, während die übrigen von Beginn an festgelegten Typisierungen folgen - Pop-Ikonen mit bemerkenswert direkter physischer Präsenz, zunehmend ins Heldenhafte entrückt, ganz wie es der "Logik" und Eigendynamik eines Rock-Songs entspricht und wie sie sich stimmig in den spektakulären Stunts des Films wiederfindet. Gewiß mag man sich an dieser ins (Trivial-)Mythische abgleitenden Verdichtung stören, bei der selbst grundsätzliche Fragen nach Leben und Tod zur schicken Floskel geraten und zudem eine dem gängigen Vokabular der Rock-Musik entlehnte diffuse Todessehnsucht einfließt. Sich daran festzubeißen, hieße jedoch, sich auf einem Nebenschauplatz auszutoben, der von der eigentlichen Stringenz des Films ablenkt. "Es gibt kein Tempo in der Mitte", sagt Luna zu Beginn einmal, "es gibt nur das richtige Tempo!" Und um das geht es Katja von Garnier, und über weite Strecken hat sie es auch gefunden.
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