My Name is Joe

Komödie | Großbritannien/Deutschland 1998 | 105 Minuten

Regie: Ken Loach

Ein seit einem Jahr "trockener" Alkoholiker glaubt, sein Leben im Griff zu haben. Dabei aber gerät er in eine schwere Krise, als er einem jugendlichen Freund im Konflikt mit einem Drogen-Boß hilft und dadurch von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Ein bewegender Film, der gesellschaftspolitisches Engagement mit einer zutiefst menschlichen Botschaft verbindet. Die subtile Inszenierung, die die Stimmung stets zu steigern und zu variieren versteht, findet eine Entsprechung im überzeugenden Spiel der Schauspieler, die den Charakteren große Überzeugungskraft verleihen. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MY NAME IS JOE
Produktionsland
Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr
1998
Produktionsfirma
Parallax Pictures/Road Movies
Regie
Ken Loach
Buch
Paul Laverty
Kamera
Barry Ackroyd
Musik
George Fenton
Schnitt
Jonathan Morris
Darsteller
Peter Mullan (Joe) · Louise Goodall (Sarah) · Gary Lewis (Shanks) · Lorraine McIntosh (Maggie) · David McKay (Liam)
Länge
105 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Komödie | Drama
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
epix (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl, DD2.0 dt.)
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Diskussion
„Mein Name ist Joe! Ich bin Alkoholiker!“ Joe Kavanagh wird nicht müde, diese Worte zu wiederholen. Er gibt sie nicht zerknirscht von sich, sondern durchaus selbstbewußt, schließlich ist er seit fast einem Jahr „trocken“, und das Bekenntnis zur Krankheit gehört zur Therapie. Joe steht wieder mit beiden Beinen im Leben, zumindest soweit, wie es eine Existenz im Glasgower Arbeiter- und Arbeitslosen-Vorort Ruchill zuläßt, dessen Bewohner weitgehend von der Sozialhilfe leben. Die einzige Flucht vor dem tristen Alltag stellen Training und Spiele einer hoffnungslos überforderten Fußball-Truppe dar, die sich immerhin den Luxus leistet, in den Trikots der deutschen Weltmeisterschaftsmannschaft von 1974 zu spielen. Joes Leben indes ist im Lot, und als er die Sozialarbeiterin Sarah kennenlernt, die die Familie von Liam – einem seiner Spieler, dessen Frau heroinsüchtig ist – , betreut, ist durchaus Platz für Hoffnung in seinem Leben. Behutsam, respektvoll und zärtlich nähern sich die beiden an und offenbaren sich einander. Sie hat Angst, einmal mehr in einer Partnerschaft enttäuscht zu werden, er öffnet sein Herz, schildert ihr die Stationen des Alkoholismus und gesteht seine größte Sünde und Last: Er hat seine ehemalige Geliebte im Rausch geschlagen.

Für beide gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont, doch dann holt sie ein äußerst schmutziger Alltag ein. Liams Frau Sabine, die dem gemeinsamen Sohn eigentlich eine gute Mutter sein will, steht wegen ihrer Sucht bei einem Lokal-Paten in der Kreide. Ihre vertuschte Gelegenheitsprostitution reicht weder, um die Schulden zu tilgen, noch um den täglichen Heroinbedarf zu decken. Jetzt soll Liam, der kleine, antriebsschwache Mittelstürmer, bluten. Man droht, ihm die Beine zu brechen, und als er angstschlotternd in der Kneipe des Gangsters sitzt, übernimmt Joe die Schuld des Freundes zu einem viel zu hohen Preis. In die Enge getrieben und mit sichtlich sadistischer Lust, den ehemaligen Kumpel und Saufkumpan auf den Knien zu sehen, verpflichtet der Glasgower Arbeiter-Pate Joe für zwei Drogen-Kurierdienste aus dem Norden des Landes; damit soll Liams Schuld beglichen sein. Doch bereits der erste Handel bleibt Sarah nicht verborgen. Sie, die täglich mit den Resultaten solcher Geschäfte konfrontiert wird und gegen sie ankämpft, wendet sich ab. Joe dreht durch, mischt die Gangster-Clique auf und greift zur Flasche. Ein verhängnisvoller Abend, denn nun soll Liam seine Schulden bezahlen. Da von dem hoffnungslos betrunkenen Joe, den er als letzte Rettung einmal mehr aufsucht, keine Hilfe zu erwarten ist, nimmt sich der junge Mann in Joes Wohnung das Leben. Beim Begräbnis ist trügerische Ruhe eingekehrt. Auch Sarah ist vor Ort und nähert sich zaghaft. Ist eine Zukunft möglich?

Nach den Großproduktionen „Land and Freedom“ (fd 31 553) und „Carla’s Song“ (fd 32 739), die sich mit dem Scheitern der sozialistischen Internationale auseinandersetzten und sich am Ende dieses Jahrhunderts wie ein Abgesang auf linke politische Utopien ausnahmen, hat sich Ken Loach mit „My Name is Joe“ wieder auf sein ureigenes cineastisches Terrain besonnen: das Los kleiner Leute, die trotz aller Rück- und Nackenschläge nicht aufgegeben haben, dem Schicksal Paroli zu bieten. Dabei versteht Loach Schicksal gewiß nicht als etwas Naturgegebenes, sondern als Ausdruck real existierender sozialer Verhältnisse, die nicht nur seit der Regierung Thatcher tief im britischen Wirtschaftssystem verwurzelt sind. Loach kreidet die desolate Situation seiner „working class heroes“ nicht ausschließlich den ökonomischen Verhältnissen an, sondern nimmt sie durchaus in die Eigenverantwortung, läßt die Wechselwirkung von sozialen Lebensumständen und persönlicher Lebensgestaltung aber nie außer acht. Wie schon in „Riff-Raff“ (fd 29 305), „Raining Stones“ (fd 30 689) oder „Ladybird, Ladybird“ (fd 30 831) ist es nicht der „große Wurf“, sondern das kleine Glück der einfachen Leute, das Loach anmahnt. Mit dem Engagement eines Streetworkers listet er die vielen Stolpersteine auf, die diesem Glücksideal im Wege liegen, und beschreibt Systeme, die auf unerbittlichen Rang- und Hackordnungen aufgebaut sind. Entweder man gibt den eigenen Druck nach unten weiter, wird wie in „My Name is Joe“ kriminell und/oder Dealer, oder man hält ihm nicht stand und sucht sein vermeintliches Heil in der Sucht. Nicht daß Loach dies gutheißen würde, aber er signalisiert Verständnis für die Menschen, die sich nicht mehr zu helfen wissen.

Vor diesem Hintergrund ist Joe schon so etwas wie eine „Lichtgestalt“. Nicht nur, daß er sich an den eigenen Haaren aus seinem Sucht-Sumpf herausgezogen hat; er ist auch Integrationsfigur für die arbeitslosen Heranwachsenden im Viertel; Freundschaft bedeutet ihm so viel, daß er das eigene Glück aufs Spiel setzt. Trotz vieler Rückschläge hat er den Mut und die Kraft zum Träumen nicht verloren, auch wenn er weiß, daß es genau diese Träume sein können, deren Zerplatzen den labilen Ist-Zustand gefährden. Diese Grundkonstellation, verdichtet durch die äußerst sympathische Darstellung von Peter Mullan, ist es, die den Zuschauer zur Parteinahme zwingt. Man ahnt das böse Ende, den neuerlichen Absturz, kann es aber nicht verhindern und empfindet unendliches Mitleid. Doch ganz integer ist auch Joe nicht. Einmal auf die schiefe Bahn gezwungen, ist er durchaus bereit, die kleinen Geldgeschenke seines Auftraggebers anzunehmen, und als er ganz am Ende ist – an jenem Punkt, ein Jahr, bevor der Film beginnt – , fällt alles Liebenswerte von ihm ab. Angesichts des eigenen Elends und Scheiterns hat er kein Herz mehr für das Scheitern und Elend anderer und spricht Liam und seiner Familie, auch dem geliebten kleinen Sohn, die Existenzberechtigung ab. Mehr noch als Joes Rückfall ist es diese abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit, die den Blick vom persönlichen Schicksal auf die gesellschaftlichen Umstände zurücklenkt. Warum Mitleid haben in einer Welt ohne Mitleid?

Inszenatorisch ist Ken Loach ein kleines Meisterwerk gelungen. Was wie eine Komödie der kleinen Leute beginnt – rauh zwar, dem Milieu angepaßt, aber freundlich und in hellen Farben –, wird in Inhalt, Aussage und Farbgestaltung zunehmend düsterer. Dabei gleitet der Film sanft auf die Tragödie zu, die auch durch Thriller-Elemente transportiert wird. Die Welt ist dabei eben nicht in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß aufgeteilt, sondern besteht aus vielen Zwischen- und Grautönen, die die Orientierung erschweren. Solche filmische Atmosphäre findet kameratechnisch ihre Entsprechung: Bleibt die Kamera über weite Strecken in der Halbdistanz und wirkt dadurch dokumentarisch, so sucht sie zum Ende hin immer mehr die Großaufnahme, um vom Allgemeinen aufs Einzelne zu lenken und somit das Allgemeine zu verdeutlichen. Virtuos verbindet Loach Zärtliches und Schroffes, Sanftes und Rauhes und macht über den düsteren Tag hinaus Hoffung. Sein Film ist getragen von der Liebe zu den Menschen und von der Idee sozialer Gerechtigkeit, auch wenn der Weg zu ihrer Verwirklichung noch weit ist.
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