Zivilprozeß

Drama | USA 1998 | 115 Minuten

Regie: Steven Zaillian

Ein stets dem eigenen Vorteil nachjagender Rechtsanwalt übernimmt den Entschädigungsprozeß gegen zwei Industriekonzerne, die durch Wasserverseuchung für den Tod von acht Kindern verantwortlich sind. Je länger das Verfahren dauert, desto mehr engagiert sich der Anwalt persönlich und setzt für die Fortsetzung des Prozesses schließlich sogar sein Privatvermögen und das seiner Kanzleipartner aufs Spiel. Der ehrenwerte Versuch, einen tatsächlichen Fall zu verfilmen, leidet unter zu schwacher Psychologie und einer übertriebenen Faktentreue, die auf Kosten der dramatischen Kraft geht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A CIVIL ACTION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1998
Regie
Steven Zaillian
Buch
Steven Zaillian
Kamera
Conrad L. Hall
Musik
Danny Elfman
Schnitt
Wayne Wahrman
Darsteller
John Travolta (Jan Schlichtmann) · Robert Duvall (Jerome Facher) · Tony Shalhoub (Kevin Conway) · William H. Macy (James Gordon) · Zeljko Ivanek (Bill Crowley)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Gerichtsfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Paramount (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Zu Anfang sieht „Zivilprozeß“ wie ein Stoff von John Grisham aus: eine gut informierte, sachkundig dramatisierte Abrechnung mit dem unrühmlichsten Anwendungsbereich des juristischen Handwerks, der scheinbaren Beschwichtigung menschlichen Leids durch prozessual hochgepokerte Schmerzensgelder. Jan Schlichtmann ist einer jener Anwälte, die ihren aufwendigen Lebensunterhalt damit verdienen, im Rechtsstreit um paralysierte Unfallopfer und tote Kinder hohe Vergleichssummen herauszuschlagen, deren Löwenanteil in ihren eigenen Taschen verschwindet. Doch während Grisham sich die Freiheit nimmt, Figuren und Situationen wie diese in bestsellererprobter Kunstfertigkeit zuzuspitzen, verharrt „Zivilprozeß“ ehrenwert, aber weniger kinogeeignet bei den Fakten eines tatsächlichen Falls und bringt sich damit langsam, aber sicher um Spannung und Anteilnahme.

Die Fakten, um die es hier geht, haben sich während der 80er Jahre in dem kleinen Städtchen Woburn, unweit von Boston, zugetragen. Jonathan Harr hat sie später in einem 500 Seiten starken Buch niedergeschrieben, und Steven Zaillian, der Autor von „Schindlers Liste“ (fd 30 663) und Regisseur von „Das Königsspiel – Ein Meister wird geboren“ (fd 30 878), verbrachte zwei Jahre damit, sie in ein Drehbuch umzusetzen, das er nun selbst verfilmte. Es war weniger der mysteriöse Tod von acht Kindern, die in Wobun innerhalb kurzer Zeit an Leukämie starben, der Schlichtmann motivierte, den Fall zu übernehmen, sondern seine Entdeckung, daß hinter den Verursachern zwei große Industriekonzerne standen, gegen die zu prozessieren ein höchst einträgliches Unternehmen sein könnte. Es gilt zu beweisen, daß das Grund- und damit auch das Trinkwasser der Gemeinde systematisch verunreinigt worden ist und zur Erkrankung und dem Tod der Kinder geführt hat. Schlichtmann glaubt, für sich und seine Sozietät eine Goldgrube gefunden zu haben – auch dann noch, als ihm klar wird, daß die Gegenseite mit allen Mitteln und besonders mit einem ausgebufften Harvard-Professor als Verteidiger operieren wird. Doch schlimmer als die Winkelzüge des ihn an Opportunismus virtuos übertreffenden Gegenspielers wirkt sich aus, daß sich Schlichtmann emotional immer stärker in die Sache einläßt. Was er vorher für den größten Mangel eines Anwalts gehalten hat, verkörpert er schließlich selber: Er kann den Familien der Opfer nicht mehr neutral gegenübertreten und verliert dadurch den „objektiven Abstand“ zu dem Fall, den er vertritt.

Aus der effektvollen Dramatisierung legalisierter Immoralität wird allmählich eine Moralgeschichte, deren Scheitern vor den Schranken des Gerichts vorausbestimmt scheint. Nicht nur sein eigenes Vermögen, sondern auch das seiner Partner setzt Schlichtmann aufs Spiel und verfängt sich so sehr in seinem Mitleid für die Betroffenen, daß er seiner eigenen Philosophie untreu wird, jeden Entschädigungsprozeß rechtzeitig mit einem Vergleich zu beenden. Je mehr sich Schlichtmann in die Moral des Falles verstrickt, um so deutlicher entwickelt sich der Film zu einer ehrenhaften, aber undramatischen Eloge auf einen Anwalt, der sein Gewissen entdeckt und in dessen Privatleben die Opfer eine übermächtige Rolle anzunehmen beginnen. Daß „Zivilprozeß“ in seiner zweiten Hälfte die Balance verliert, hat viel damit zu tun, daß es weder dem Drehbuch noch John Travolta in der Hauptrolle gelingt, die stattfindende Wandlung psychologisch zu untermauern. Als Charakter sehr viel differenzierter und überzeugender, baut derweil Robert Duvall die Figur des Gegenspielers zu einer darstellerischen Meisterleistung aus, der Travolta nichts entgegenzusetzen hat. Scheitert der Film also schon an der Psychologie seiner Hautperson und an der Besetzung (man denke vergleichsweise an den Anwalt in Egoyans „Das süße Jenseits“, fd 33 033, und dessen Darstellung durch Ian Holm), so verrennt er sich durch seine übertriebene Faktentreue zudem in unfilmisches Gelände. Der Film hätte mit der ernüchternden Erkenntnis enden können, daß der unvermutete Moralist bei seiner letzten Begegnung mit den Betroffenen als moralischer Verlierer dasteht, der nur ein paar lausige Dollar an Stelle der Entschuldigung beschaffen konnte, die man in Woburn von den Verursachern erwartet hatte. Doch Zaillian möchte dem heute für Umweltorganisationen tätigen Jan Schlichtmann Genugtuung leisten und folgt den Spuren des Falles in eine umständliche Antiklimax, die schließlich auch noch in eine Vielzahl von Schrifttiteln mündet. So wird „Zivilprozeß“ zum Paradebeispiel für die banale Erkenntnis, daß gute Absichten noch lange keinen guten Film ausmachen.
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