Oi! Warning

- | Deutschland 1999 | 89 Minuten

Regie: Dominik Reding

Ein 17-Jähriger aus kleinbürgerlichen Familienverhältnissen brennt nach Dortmund durch, wo er in einem dumpfen Skinhead und Kickboxer sein Vorbild sucht, immer mehr in die gewalttätige Szene der Skins gerät und zu ihrem unkritischen Mitläufer wird. Erst spät trifft er eine eigene, fatalerweise nicht minder von Gewalt bestimmte Entscheidung. In krassem Naturalismus ohne jede Beschönigung der jeweiligen "Szenen" illustriert der hervorragend fotografierte Film die fatalen Sackgassen eines kollektiven Wahns, der sich in Hass und Zerstörung entlädt und damit jede Form jugendspezifischer Rebellion sprengt. Ein sperriger, "unbequemer" und schmerzhafter Film über Heimatlosigkeit und Orientierungslosigkeit; vehement gespielt und kraftvoll inszeniert. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1999
Regie
Dominik Reding · Benjamin Reding
Buch
Dominik Reding · Benjamin Reding
Kamera
Axel Henschel
Schnitt
Margot Neubert-Maric · Dominik Reding
Darsteller
Sascha Backhaus (Janosch) · Simon Goerts (Koma) · Sandra Borgmann (Sandra) · Jens Veith (Zotel) · Britta Dirks (Blanca)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.

Heimkino

Die Special Edition enthält u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs, eine separate Soundtrackspur sowie einen Storyboard/Film-Vergleich

Verleih DVD
McOne (1.66:1, DD5.1 dt.)
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Diskussion
Der deutsche Kinofilm ist eine Hybride: ein Bastard, gekreuzt aus diversen (markt-)strategischen Überlegungen und Ansprüchen, was gelegentlich hübsche Blüten treibt, sich zumeist aber im weiten Feld der Mittelmäßigkeit verliert. Stets soll eine möglichst individuelle Geschichte hoch künstlerisch entwickelt und so erzählt werden, als gäbe es sie zum ersten Mal – und soll dabei doch auch vertraut wirken, um nicht zu verstören. Der Kreislauf ist fatal: Der Markt produziert stromlinienförmige Ware, die entsprechend prädisponierte Sehgewohnheiten schafft, sodass das „weich Gespülte“ und politisch Korrekte institutionalisiert und konsumabel wird. Wie geschockt, ja, wie erbarmungslos ausgeliefert mag sich da der Zuschauer angesichts von „Oi! Warning“ der Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding (geb. 1969) fühlen!? „Oi! Warning“ ist sperriges, „unbequemes“ und ausgesprochen schmerzhaftes Kino mit Erkenntnisgewinn, vehement gespielt, inszeniert mit Leidenschaft und Kompetenz; selbstbewusst und mutig zugleich schauen seine Regisseure dabei der gewiss nicht geringen Gefahr ins Auge, empört zurückgewiesen zu werden.

„Oi! Warning“ beschreibt die Folgen einer Flucht aus verkrusteten und erstarrten kleinbürgerlichen Lebensverhältnissen: Der 17-jährige Janosch fliegt von der Schule und verlässt sein behütendes Elternhaus am Bodensee, um sich einer Welt zu öffnen, die auch der Zuschauer auf eigenes Risiko betritt: Janosch besteigt seinen Motorroller, fährt die Nacht durch bis zum Ruhrgebiet, um ausgerechnet in dem dumpfen Skinhead und Kickboxer Koma sein großes Vorbild zu suchen. Er bewundert Komas vermeintliche Stärke, vor allem, weil dieser so rückhaltlos aus den provinziellen Lebensbedingungen ausgestiegen ist; Koma und Janosch kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten in der katholischen Landjugend, jetzt aber, in Dortmund, gebärdet sich der große Freund als rücksichtsloser, sadistischer „Herrenmensch“, der Schläge und Tritte austeilt, ohne irgend eine Konsequenz zu fürchten. Bereits im nächtlichen Hauptbahnhof, wo sich Koma und Janosch wieder begegnen, wird ein argloser Reisender erniedrigt und krankenhausreif geschlagen – niemand hilft dem gequälten Mann, die anwesenden Jugendlichen feixen sensationsgierig, auch Janosch gibt sich emotionslos und „cool“. Der schockierende Gegensatz von triebhafter Gewalt und ihrer fatalen Konsequenzlosigkeit bestimmt fortan die Handlung. In den eigenen vier Wänden entpuppt sich Koma als Zerrbild eines Biedermannes, der kleinbürgerliche Usancen bis zum Exzess übersteigert auslebt: Er beherrscht und erniedrigt seine Geliebte Sandra, konsumiert Glotze und Bier en gros – und richtet mit Sandra ein mit Kitsch und Effekten überladenes Kinderzimmer ein. Seine brutale Verweigerungshaltung konterkariert sich in solchen Momenten selbst, entlarvt sich als großspurige Pose, um ja keine Unsicherheit und Verunsicherung zu zeigen. Davon sieht Janosch freilich nichts. Naiv bewundert er Komas vermeintliche Stärke, die sich für ihn im kahl rasierten Schädel, in Ohrringen, Tätowierungen und glänzenden Muskeln symbolisiert. Mit einem ekstatischen Skinhead-Konzert beginnt Janoschs Initiation: Die Skins grölen, dass ihnen von Hippies und Spießern ganz schlecht würde und Politik sie krank mache, und Janosch gibt sich der Illusion hin, akzeptiert und anerkannt zu sein. Wenig später ist er selbst kahl rasiert, gibt sein Geld für eine Tätowierung aus und kopiert distanzlos alle Posen, Rituale und Verhaltensformen seiner Skin-Vorbilder. Bis er endlich seinen Kopf einschaltet und selbst handelt (mit nicht minder fatalen Folgen), dreht sich die Schraube aus Gewalt und fehlgeleiteten Gefühlen noch weit übers erträgliche Maß hinaus.

In krassem Naturalismus, ohne jede Beschönigung der jeweiligen „Szenen“ illustriert der Film in hervorragend fotografierten Schwarz-Weiß-Bildern die fatalen Sackgassen eines kollektiven Gruppenwahns, der sich in Hass und Zerstörung entlädt und damit jede Form notwendiger Rebellion sprengt. Angelegt als große Rückblende aus der Sicht Janoschs, wird dabei die Chronologie immer wieder auch zugunsten eines assoziativen Bilderflusses von hoher Suggestivkraft durchbrochen. Bereits die programmatische Eröffnungssequenz kondensiert in einem subtilen optischen wie akustischen Geflecht die Thematik und ihre Ambivalenzen: Janosch, kahlköpfig und nackt, posiert in einem sonnendurchfluteten Wald vor Sandra, will ihr – ebenso wie sich selbst – gefallen, was sie mit kokettem, zugleich ironischem Kichern kommentiert, was Janosch wiederum zu einer Drohbewegung veranlasst, die Sandra erschrickt. Daraufhin stürzt sich die Kamera zurück in die Realität, zeigt Janosch im Alkoholtraum zwischen leeren Bierflaschen; sein Auge in extremer Nahsicht verrät kein Erkennen, sondern nur apathisches Erstarrtsein, sein Erwachen beginnt mit einem Würgen, das bruchlos zum Ausgangsbild überleitet: zur schwäbischen Heimatidylle. In der Folge verdichtet sich die Erzählung immer wieder zu solch „transzendenten“ Bild- und Toncollagen, in denen sich das Unterbewusste mit dem Realen verbindet; im von Janosch bewunderten Körperkult der Skins wird das „Spiel“ der Muskeln nicht nur zum Ausgangspunkt exzessiver Gewalt, sondern gewinnt eine fragile Ästhetik, die Janosch fasziniert und verführt. Auch in anderen, „handfesteren“ Szenen findet der Film zu eindrucksvollen visuellen Verdichtungen, die das Trügerische jeglicher Wahrnehmung hervorheben: das scharfe und kontrastreiche Bild einer Industrie-Ruine gibt sich als das in Aufsicht fotografierte Spiegelbild einer riesigen Wasserpfütze zu erkennen, die Janosch mit seinem Motorroller „durchpflügt“ und das Bild so in Unruhe versetzt.

Hinter dem Sog der Bilder und Ereignisse steckt eine filmische Variante des „klassischen“ Bildungsromans, bei der weniger die Persönlichkeits- und Charakterentwicklung Janoschs im Zentrum steht als vielmehr der Einfluss der Umwelt auf seine seelische Entfaltung und Ausbildung. Dies führt bei Janosch zunächst weniger zur Reifung als zur intuitiven Verweigerungshaltung, die ihn angesichts einer klischeehaft empfundenen Umwelt zum unkritischen Mitläufer einer angeblich „besseren“ Idee werden lässt. Dabei sprechen ihn andere Lebenswelten durchaus an: „normale“ Mitschüler - wie Blanca, mit der er ein Liebesverhältnis eingeht, dann aber vor ihren einschnürenden Lebensplanungen zurückschreckt - ebenso wie der ungebunden in einem Bauwagen lebende Punk Zottel, in dessen nicht minder radikaler Aussteigerhaltung Janosch erstmals so etwas wie eine positive Lebenskraft verspürt: Daseinsfreude und Kreativität, verborgen unter einer Kruste aus Schmutz und Piercings. Janosch verliebt sich leidenschaftlich in Zottel, bevor der eifersüchtige Koma auf extrem brutale Weise jeder anderweitigen Orientierung ein grausames Ende bereitet. Erstmals reagiert Janosch auf diese Gewalt selbst mit Gewalt – in der Hoffnung, sich endlich aus dem Teufelskreis befreien zu können: „Irgendwann gibt es für jeden eine zweite Chance“, wünscht er sich aus dem Off.

Dominik und Benjamin Redings Film ist eine Herausforderung, der zu stellen sich lohnt. Die Regisseure machen es einem gewiss nicht leicht, zeigen sie doch Gewalt unmissverständlich als „hässlich, abstoßend, beängstigend, stumpf“, wie sie es formulieren. Und Gewalt hat für sie Konsequenzen: „Opfer bleiben zurück, oft für ihr Leben gezeichnet, beschädigt, körperlich und seelisch.“ Nie setzen sie dabei auf die vorschnelle Formel „Skinheads = Neonazis“, auch wenn die Sprüche der Skins durchaus zu erkennen geben, wessen Geist sie sind, und die Ästhetik der Bilder gelegentlich den Körperkult der NS-Filme aufgreift. In erster Linie ist „Oi! Warning“ das aufrüttelnde Dokument einer tief greifenden Orientierungslosigkeit – einer Heimatlosigkeit im räumlichen wie im seelischen Sinne. Ihre kleinbürgerliche Herkunft mögen die Skins mit Schmerzen und Wunden sowie radikaler Beschwörung ihrer eigenen Stärke verdrängen, ihre Wurzeln aber sind ohnehin noch nicht ganz ausgerissen: Immer noch gibt es Erdbeertorte mit Gelantineglasur, wenn auch dekoriert mit dem Schlachtruf der Skins - einem Graffiti, aus Sahne gespritzt: Oi!
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