Heimatkunde (2008)

Dokumentarfilm | Deutschland 2008 | 94 Minuten

Regie: Susanne Müller (als SMAC)

Ein Mann macht sich auf eine 29-tägige Wanderung, die ihn entlang der 250 Kilometer langen Grenzlinie Berlins führt und mit einer Reihe skurriler Geschichten, Menschen und Erlebnisse konfrontiert. Ein ebenso humorvoller wie listiger Dokumentarfilm, der Unbekanntes im scheinbar Altvertrauten zu Tage fördert und die Sinne für ost-westdeutsche Befindlichkeiten und Widersprüche schärft. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2008
Produktionsfirma
SMAC Film/rbb
Regie
Susanne Müller (als SMAC) · Andreas Coerper (als SMAC)
Kamera
Andreas Coerper
Musik
Achim Treu
Schnitt
Tim Boehme
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Diskussion
Ein schlaksiger Mann mit einem kleinen Rucksack schreitet durch den Wald. Neugierig reckt er den Kopf nach oben. „Wer langsam reit’, kommt mal so weit“, sagt das deutsche Sprichwort. Das Schulfach Heimatkunde behandelte früher die nähere Region mit ihrer oft skurrilen Geschichte und ihren vielen Geschichten. In dieser Tradition steht „Heimatkunde“, für dessen „Feldforschung im Grenzbereich“ Martin Sonneborn von Potsdam aus in 29 Tagen die 250 Kilometer lange Grenzlinie Berlins erwanderte. Er durchschwimmt zunächst die Havel bei der durch den Kalten Krieg bekannt gewordenen Glienicker Brücke in „umgekehrter“ Richtung – von West nach Ost. Wie im klassischen ethnografischen Dokumentarfilm kommentiert der ehemalige Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“ seine Entdeckungen und Gespräche mit einem zwischen Sprödigkeit, Süffisanz und betonter Harmlosigkeit changierenden Off-Kommentar. Mit seinen Fragen geht er die Bewohner des Grenzstreifens aber direkt und unmittelbar an: einen nackten Mann etwa, den, so Sonneborn, „ersten echten Kabinettraucher“, der sich auf einer zerfallenen Brücke über dem Teltow Kanal sonnt, weil er das in seiner Siedlung nicht könne. In dieser Mustersiedlung mit den einheitlichen Friesengiebeln wohnen 99 Prozent Westdeutsche, die, so der schwäbische Makler vor Ort, hier ein Stück Freiheit suchen; die Ostdeutschen sind darüber fast verschwunden. „Heimatkunde“ nähert sich den ost-westdeutschen Befindlichkeiten mit Situationskomik; stellenweise sind die kleinen Vignetten, die die Kamera einfängt, auch bitter-komisch: In einer anderen Siedlung eröffnet der aus Bayern stammende Bürgermeister unbeholfen-feierlich die „zeitgemäß gestaltete Grünanlage“ – mit Hundeklo und Bänken um ein sowjetisches Ehrenmal herum. Manchmal erinnert der Film aber auch an Alexander Kluges energische Geschichtslehrerin Gabi Teichmann aus „Die Patriotin“ (fd 22265), die mit dem Spaten auszog, um die Spuren der deutschen Geschichte freizulegen. Am Rande des Flughafens Schönefeld etwa klettert Sonneberg über Absperrungen, um mit fast archäologischer Akribie in zerfallenen Plattenbauten nach letzten Spuren der DDR-Geschichte zu wühlen, wobei er auf ein unverwüstliches Mosaik im Stasi-Erholungsheim stößt oder in alten DDR-Illustrierten von 1987 blättert, wo über „bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen“ beim Besuch des US-amerikanischen Präsidenten in West-Berlin berichtet wird. In einer Wohnung in Marzahn philosophiert er über die „Demarkationslinie“ zwischen neuer West-Auslegware und dem Ost-Parkett; bei der Modelleisenbahnlandschaft moniert er, dass sie keine Plattenbauten hat. Provozierend unschuldig kommt er mit den Einwohnern des Grenzstreifens in Kontakt: In der Kleingartenkolonie Bohnsdorf springt er neben einer kleinen Datsche in den überdimensionierten Swimmingpool, an einer hell erleuchteten Tankstelle lässt er sich von einem der Jugendlichen belehren: „Wir sind doch nicht gleich Neandertaler, weil wir aus dem Osten kommen.“ Er spürt ein abgelegenes Asylantenheim in einem alten Plattenbau auf und hört von den Bewohnern, dass sie seit Jahren das Gebäude nicht verlassen können. Bei diesen Recherchen bewahren sich die Filmemacher die erstaunte Neugierde und das naive Interesse an ethnologischen und psychologischen Besonderheiten: so beim Gärtner Schmitt, der mit seinem Pitbull den Glauben an die Menschen verloren hat, oder bei dem einsamen Mann, der mitten in der Döbritzer Heide mit seinem persönlichen Gott kommuniziert. Im letzten Teil des Films kommen Chinesen zu Wort: der Restaurantbesitzer, der über das Ende des deutschen Rentensystems nachdenkt, oder der junge Manager des „Shanghai Business Center“ in Potsdam, dem Sonneberg das Wort so lange im Mund verdreht, bis herauskommt, dass die Chinesen die Deutschen „platt machen“ wollen. Mit der dunklen Vorahnung, dass die Chinesen für Berlin-Touristen bald eine Entsprechung zur chinesischen Mauer errichten könnten, entlässt der Film den Zuschauer aus der langen Wanderung durch die Grenzgebiete der deutschen Hauptstadt. Eine filmische Reise, die nie langweilig wird, bei der einem das Lachen aber mitunter im Hals stecken bleibt. „Heimatkunde“ fördert mit Humor und Lust am skurrilen Detail viel Unbekanntes im scheinbar Altvertrauten zu Tage.
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