Work Hard - Play Hard

Dokumentarfilm | Deutschland 2011 | 94 Minuten

Regie: Carmen Losmann

Hellsichtiger Dokumentarfilm über die schleichenden Veränderungen in der modernen Arbeitswelt, die im Gefolge der Digitalisierung und unter dem Vorzeichen flacher Hierarchien zum Verlust der Privatsphäre und einer Nivellierung der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit tendieren. Mit analytischer Schärfe, aber ohne wertenden Kommentar beschreibt der visuell bestechende Film, wie sich moderne Büroarchitektur, Managementmoden und Personalführung in der Leitidee einer permanenten Selbstoptimierung vereinen. Eine bedrängende Innenperspektive auf die New Economy und ihre immer raffinierteren Methoden, die "Humane Resources" auszubeuten. (Preis der Ökumenischen Jury Leipzig 2011) - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2011
Regie
Carmen Losmann
Buch
Carmen Losmann
Kamera
Dirk Lütter · Gerardo José Milsztein
Schnitt
Henk Drees
Länge
94 Minuten
Kinostart
12.04.2012
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Diskussion
Im Jahr 2009 eröffnete Unilever in der Hamburger Hafencity eine neue Firmenzentrale. Einen ökologisch innovativen, architektonisch markanten Glaspalast direkt am Strandkai, repräsentativ, elegant, teuer. Das designte Gebäude sollte, so die Vorgabe, nicht nur für Modernität und Dynamik stehen. Dem weltweit agierenden Mischkonzern war neben der symbolischen Funktion auch an einer „vitalisierenden“ Atmosphäre für die Mitarbeiter gelegen. Und das nicht aus philanthropischem Überschwang, sondern aus knallharten betriebswirtschaftlichen Erwägungen: „Spaß am Arbeiten“ wirke sich positiv auf die Leistungsbereitschaft aus. Eine Allerweltsweisheit, hier aber mit Kalkül instrumentalisiert. Denn dass es unterm Strich auch ohne steile Hierarchien und bürokratischen Kontrollzwang letztlich auf Wachstum und Gewinn ankommt, lässt der Konzernchef nicht einmal bei der Neujahrsansprache unerwähnt. Welche bedrängenden Dimensionen sich hinter solchen hocheffizienten Arbeitsstrukturen verbergen, führt die Dokumentaristin Carmen Losmann mit bestechender Klarheit vor Augen. Was in den verführerischen PR-Slogans oder den architektonischen Computergrafiken wie eine lichte Utopie erscheint, tendiert in Wirklichkeit zur schleichenden Umgestaltung der ganzen Existenz; Max Webers Thesen zur Protestantischen Ethik wirken demgegenüber fast wie ein Sandkastenspiel. Begünstigt durch die digitale Revolution, die nicht nur der analogen Hardware, sondern allen raumgreifenden Formen der Informationsverarbeitung wie Archiven, Registraturen oder Bibliotheken den Kampf angesagt hat, greift eine in den Konsequenzen unheimliche Entmaterialisierung um sich, die das traditionelle Büro auf Laptop, Smartphone und Business-Klamotten reduziert. In klaren, distanzierten Bildern streift der Film durch die schönen neuen Arbeitswelten der Unilever-Zentrale, in denen Hunderte gut bezahlter Mitarbeiter in gesichtslosen Großraumhöllen vor sich hinwerkeln, ohne dass auf ihrem Schreibtisch mehr als drei individuelle Accessoires zu entdecken wären. „Meeting Points“ und Erholungszonen sind dagegen wie offene Clubräume gestaltet, farbig und einladend, wobei das Interieur neben der Rekreation vor allem auf Kommunikation abhebt, denn viele innovative Geschäftsideen, der Rohstoff neuer Produkte und Dienstleistungen, verdanke sich, so die Propheten der „non-territorialen“ Office-Philosophie, informellen Gesprächen, etwa am Kaffeeautomaten. Mit analytischer Schärfe registriert der Film den damit einhergehenden Verlust von Privatheit wie auch die um sich greifende Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Die Inszenierung, die ohne jeden Kommentar und nahezu ohne Filmmusik auskommt, stützt sich auf eine schlüssige Dramaturgie, die glasklare Totalen von der (Innen-)Architektur mit aufschlussreichen Interviews (zumeist aus dem Umfeld der Berater) verbindet. Die Stärke und Präzision dieses dokumentarischen Konzepts liegt in einer umfänglichen, sich über Jahre erstreckenden Recherche und dem mutigen Konzept, auf alle reportagehaften Momente inklusive kulturkritischer Annotationen zu verzichten. Man wird den wohltuend strengen Film zwar nicht als Werbefilm für eine „Schöner Arbeiten“-Kampagne missverstehen, aber die alarmierenden Tendenzen, die sich aus der immer raffinierteren Ausbeutung der „Human Resources“ ableiten lassen, drängen sich nicht gerade auf. Die in immer neuen Wellen weiter durchrationalisierte, in feinen Weiß-Grau-Schattierungen abgestufte Arbeitswelt global agierender Unternehmen ist schließlich nicht nur eine Normalität, sondern die Basis beständig wachsenden Wirtschaftens – und damit so ziemlich aller sozialen Sicherungssysteme. Doch jede Form der Ökonomie hat ihren Preis: Waren es früher schrundige Hände oder ein kaputter Rücken, droht heute ein „Matrix“-artiges Nirwana aus Leistung und Konsum: Hard Work – Hard Play (wobei das Vergnügen, das fürs Business entschädigen soll, nicht weiter thematisiert wird). Obwohl sich der Film im zweiten Teil auf Methoden des Personalmanagements konzentriert, mit denen die Mitarbeiter für die Zukunft fit gemacht werden, gibt Losmann auch hier ihre deskriptive Haltung nicht auf. Man wohnt „Perspektivgesprächen“ der Firma Schott Solar und einem Motivationsseminar von DHL bei, in denen die Kamera auf Augenhöhe, aber in sachlicher Distanz dem Geschehen folgt. Inhaltlich geht es um Strategien der Selbstoptimierung, wie sie in vielen großen Unternehmen gang und gäbe sind. Auch wenn die Business-Sprache bisweilen bizarre Blüten treibt und es von „Change“ und „Challenge“ nur so gewittert, enthüllt sich quasi die Innenperspektive der „New Economy“: die soft verpackte, aber umso subtilere Anforderung, sich in einen modularen Arbeitsklon zu verwandeln, der nicht nur seine ganze Kraft, sondern auch seine Herz und seine Seele der Company opfert. Aldous Huxley lässt grüßen.
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