Science-Fiction | USA 2013 | 91 Minuten

Regie: Alfonso Cuarón

Zwei US-amerikanische Astronauten, ein Mann und eine Frau, die auf Forschungsmission im All unterwegs sind, geraten in einen Trümmer-Regen von Satellitenbruchstücken. Ihr Shuttle wird zerstört, der Rest der Mannschaft getötet. Allein hilflos im Weltraum treibend, müssen sie versuchen zu überleben. Das ins All verlegte Kammerspiel um zwei Figuren spielt zwar mit etwas trivialen Durchhalte- und Opfermythen, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern weitet sich dank einer furiosen, höchst eindrucksvoll raumwirksamen Inszenierung zum melancholischen Drama, das dem Motiv der Eroberung des Weltalls jedes Pathos austreibt zugunsten des Szenarios einer fundamentalen Krise. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
GRAVITY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2013
Regie
Alfonso Cuarón
Buch
Alfonso Cuarón · Jonás Cuarón
Kamera
Emmanuel Lubezki
Musik
Steven Price
Schnitt
Alfonso Cuarón · Mark Sanger
Darsteller
Sandra Bullock (Dr. Ryan Stone) · George Clooney (Matt Kowalsky)
Länge
91 Minuten
Kinostart
03.10.2010
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Science-Fiction

Heimkino

Die BD enthält eine Audiodeskription für Sehbehinderte, allerdings nur in englischer Sprache. Die Extras (DVD) umfassen u.a. das Feature "Kollisionspunkt: Der Wettlauf für ein sauberes All" (22 Min.) und Jonás Cuaróns Kurzfilm "Aningaaq" (7 Min.) mit einer dreiminütigen Einführung des Regisseurs. Die umfangreicher BD enthält zudem das gewinnbringende "Making of" "Mission Control" (neun Teile, 107 Min.) sowie fünf Szene-Analysen (37 Min.). Die BD Edition sowie die 3D/2D-Editionen sind mit dem Silberling 2014 ausgezeichnet.

Verleih DVD
Warner (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Warner (16:9, 2.35:1, dts-HDMA engl./dt.)
DVD kaufen

Diskussion
„Ground control to Major Tom“, sang einst David Bowie. Sein Song mündete in der Zeile: „Die Erde ist traurig/Und ich kann nichts dagegen tun“. Ähnlich melancholisch, aber visuell atemberaubend ist das Weltraumabenteuer „Gravity“ des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuaron – eine Odyssee auf den Spuren von Stanley Kubricks „2001: Odysee im Weltraum“ (fd 15 732), Andreij Tarkowskijs „Solaris“ (fd 20 140), aber auch Michelangelos Antonionis „L'Eclisse“ (fd 11 503). Die einzigen Charaktere dieses Kammerspiels im All sind zwei Astronauten (gespielt von Sandra Bullock und George Clooney), die öde Routinearbeit verrichten. In der ersten Viertelstunde etabliert Cuaron neben den beiden Hauptfiguren vor allem den Weltraum selbst, sowie die Gesetze, nach denen das menschliche Leben dort funktioniert. Es dominiert der Eindruck von der Lebensfeindlichkeit dieses Ortes und der Verlorenheit des Menschen im riesigen leeren Raum. Doch dann gerät ein Satellit außer Kontrolle, und Sekunden später hagelt Weltraumschrott gewittergleich auf die Raumfahrer ein. Die Raumstation wird zerstört, und auch zur Mission Control haben die beiden wie durch ein Wunder Überlebenden den Kontakt verloren. Was folgt, ist ihr dramatischer Überlebenskampf. Natürlich ist dies auch reine Hollywood-Philosophie: Nicht-aufgeben, auch in aussichtslosester Lage nicht, durch die Verzweiflung hindurch gehen, und zwar gut-gelaunt, scherzend noch im Angesicht des Todes. Nüchtern betrachtet ist dies Wellness-Philosophie für die Unterschichten, geeignet für die asymetrischen Kriege am Hindukusch und wo man die Boy sonst noch hinschickt. Dazu kommt dann noch eine Schuld-Besessenheit, die US-amerikanische Kinogeschichten seit längerer Zeit durchtränkt. Bullocks Figur wird ein gestorbenes Kind angedichtet, weshalb sie vom Todestrieb angekränkelt ist. Erst die Nahtod-Erfahrung im All weckt, so kann man den Film lesen, ihren Lebenswillen. Und auch Menschenopfer fehlt nicht. Einer muss sich immer für den anderen opfern. Hollywood sehen, heißt sterben lernen. Glücklicherweise ist „Gravity“ aber viel mehr: vor allem eine schiere handwerkliche Meisterschaft, Bilder, denen man sich nur schwer entziehen kann. Der Film ist visuell großartig, und auch als 3D-Opus überraschend gut gelungen. Klar, genau, ohne Mätzchen und das übliche Possieren mit technischen Möglichkeiten. Die Stereoskopie steht hier ganz im Dienst des Films und der Sache selbst. Und das ist dann eben doch nicht allein die hollywoodeske Oberfläche. „Gravity“ ist eine Abfolge von Katastrophen. Immer wenn man glaubt, die größte Not sei überstanden, kommt es noch schlimmer – und damit wird der Film zum Sinnbild einer Welt, die untergeht. Zum Sinnbild einer fundamentalen Krise, in der Rettung nur aus China kommt. Cuaron nimmt das letzte Pathos aus der Idee der Eroberung des Weltraums. Sein Film ist in der Konsequenz fortschrittsfeindlich – weniger realistische Beschreibung denn existentielle Metapher über Tod und Leben. Ein ebenso kluger wie packender Film, der das Publikum auf die Erde, auf irdische Fragen – und auf die Zukunft der Menschheit zurückwirft.

Kommentieren