Komödie | Deutschland 2017 | 92 Minuten

Regie: Sönke Wortmann

Als sein Vater stirbt, kehrt ein etwa 40-jähriger Schauspieler nach 15-jähriger Abwesenheit aus München in seine Heimatstadt Bochum zurück. Während eines langen Wochenendes will er die Beerdigung organisieren, begegnet dann aber alten Freunden, Weggefährten und seiner attraktiven Jugendliebe und wird sich der Unzufriedenheit mit seinem bisherigen Leben bewusst. Mal melancholische, mal skurrile Komödie um eine Rückkehr zu den heimatlichen Wurzeln, die in ihren schönsten Momenten von der Verlorenheit, den Zweifeln und Entscheidungen ihres Protagonisten erzählt, dies aber nie vertieft, sie vielmehr hinter der oberflächlich-pittoresken Skurrilität zahlreicher Ruhrgebiet-Klischees verbirgt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Sönke Wortmann
Buch
Sönke Wortmann
Kamera
Michael Wiesweg
Musik
Martin Todsharow
Schnitt
Dirk Grau
Darsteller
Lucas Gregorowicz (Stefan Zöllner) · Anna Bederke (Charlie) · Nicholas Bodeux (Toto) · Peter Jordan (Frank Tenholt) · Sandra Borgmann (Karin Tenholt)
Länge
92 Minuten
Kinostart
29.06.2017
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
X Verleih/Warner (16:9, 2.35:1, DD5.1 dt.)
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Diskussion
Eben noch war der Schauspieler Stefan ein Bote, der auf der Bühne eines Münchner Theaters seinen Mitspielern eine schlechte Nachricht überbringt. Im nächsten Moment wird er durch die endlosen Gänge des Hauses zum Telefon in der Portiersloge gerufen, um selbst eine Hiobsbotschaft zu erhalten: In Bochum ist sein Vater gestorben. Noch im Theaterkostüm und martialisch geschminkt steigt er in den nächstbesten Zug und fährt in die alte Heimat – nach 15 Jahren Abwesenheit. Immer noch ruht der Schlüssel zum Reihenhäuschen in einer Zechensiedlung im altvertrauten Versteck, immer noch ziert das Schild „Ausfahrt freihalten“ die Tür zu seinem alten Jugendzimmer, überhaupt scheint alles an seinem alten Platz: ein (Arbeiter-)Leben voller Erinnerungsstücke, zwischen denen jetzt nur der Vater fehlt. Stefan wäscht sich die Schminke ab, zieht einen Anzug des Verstorbenen an und kehrt in seine Vergangenheit zurück: zu den alten Bekannten und Freunden, zu vertrauten Plätzen im „Pott“, zu den Sprüchen der stets Daheimgebliebenen. Der „verlorene Sohn“ sei wieder da, sagt man, der „kleine Zöllner“, der damals wegging, nach München; aber in München, da wohnt man nur, da lebt man nicht. Ein langes Wochenende will Stefan bleiben, um die Beerdigung zu arrangieren, doch mit der Nähe zu seinen Wurzeln geht er Stück für Stück auf Distanz zu seinem jetzigen Leben, spürt immer deutlicher seine Unzufriedenheit. Und dann sitzt ihm wie aus dem Nichts Charlie gegenüber, die alte Jugendliebe, mit der er einst unter dem Tisch im Vereinssaal der elterlichen Stammkneipe den ersten Kuss tauschte. Regisseur Sönke Wortmann hat den „Pott-Roman“ des Bochumers Schriftstellers Frank Goosen als sanfte Nostalgie-Komödie adaptiert, als melancholische Geschichte einer Rückkehr in der alten Heimat. Der im wahren Wortsinn „abgeschminkte“ Stefan spürt mit seinen 40 Jahren das frühere Leben unerwartet neu; die Enge der Provinz, die ihn einst vertrieb, schmeckt nun anders, erscheint sogar attraktiv. Dies ist die sympathische Seite der Geschichte: wie sich Stefan lange verdrängten Wahrheiten stellt, etwa seiner Angst, andere könnten bemerken, dass er eigentlich gar nichts kann, oder wie er sich langsam der Trauer öffnet, um den toten Vater, vielleicht aber auch um den eigenen Selbstbetrug, zumindest um viele falsch gelebte Jahre. Dies hätte ein schöner Film über die Frage werden können, was „Heimat“ bedeutet, was sie mit einem anstellt und wie sie einen prägt – quasi eine Art gegenwärtiges Gegenstück zu Adolf Winkelmanns „Junges Licht“ (fd 43 884), in dem eine Kindheit im Ruhrgebiet der 1960er-Jahre zum Leben erweckt wurde. Doch bei Wortmann kommt diese Gegenwart eher als Heimatmuseum daher, in dem die Zeit eingefroren und nostalgisch zelebriert wird, bewohnt von kurios skurrilen Zeitgenossen zwischen selbstverliebter Eitelkeit, trunkener Pose und kalauernden Sprüchen, die weniger originell und authentisch als aufgesagt klingen. Ob selbstgefälliger Macho-Proll mit grenzdebiler Familie, „Leader“ mit Kleingarten und unterwürfiger Geliebter, ob ins gutbürgerliche Milieu aufgestiegener Familienvater und Museumsleiter, der die „Werte“ der Region bewahrt, oder Charlie, die verführerische Geliebte von einst, die handfest anzupacken weiß und eine verprügelte Frau trostspendend nach Hause begleitet, auch wenn sich hinter verschlossener Tür nichts ändern dürfte: Alles gerinnt zu mal gesucht komischen, mal sogar recht lieb- und herzlosen Episoden wie jener um einen zum Star-Fußballer aufsteigenden „Türken-Jungen“, der sich beim Freundschaftsgekicke das Bein bricht und danach sang- und klanglos aus dem Figurenreigen verschwindet. So beschleicht einen der Eindruck, dass Stefan, der Schauspieler, das Theater gar nicht verlassen, sondern nur die Bühne von der Stadt in die Provinz verlegt hat. Inmitten von Statisten, die ihre Texte deklamieren, taucht er nicht in „wirkliches Leben“ ein, sondern spielt in einer Nummernrevue lediglich eine weitere Vorstellung. Einzige Ausnahme ist die handfeste Kioskbetreiberin Omma, gespielt von der 76-jährigen Elfriede Fey, die mit ungekünstelter Direktheit redet und tatsächlich ein „Gefühl“ für die Region und ihre Menschen entstehen lässt. Womit sie aber eigentlich eher in einen der liebevollen Filme von Adolf Winkelmann gehört.
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