Verpiss Dich, Schneewittchen!

Komödie | Deutschland 2018 | 88 Minuten

Regie: Cüneyt Kaya

Für seine Träume von einer Karriere als Rockstar kassiert ein Deutschtürke aus Mannheim regelmäßig nur Hohn und Spott, sodass er sich mit miesen Jobs über Wasser halten muss. Durch eine Fernseh-Castingshow sieht er die Chance auf den Durchbruch, muss jedoch dafür innerhalb einer Woche eine Band zusammenstellen und bekommt es als Konkurrenz mit einer Neonazi-Gruppe zu tun. Schale, nachlässig inszenierte Komödie, die ihre klischeehafte Handlung nur behäbig umzusetzen weiß und das Modell des unbedingten Erfolgs nie in Frage stellt. Der Komiker Bülent Ceylan ist mit einer Rolle heillos überfordert, in der er seinen spezifischen Humor nicht einbringen darf, stattdessen sucht der Film sein Heil in platten Witzen und behaupteter Emotionalität.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Cüneyt Kaya
Buch
Cüneyt Kaya · Rainer Bender · Stefan Höh · Mathias Brod
Kamera
Tomas Erhart
Schnitt
Zaz Montana · Stefan Essl
Darsteller
Bülent Ceylan (Sammy) · Josefine Preuß (Jessi) · Paul Faßnacht (Wolle) · Özgür Karadeniz (Mahmut) · Sabrina Setlur (Thomaschewsky)
Länge
88 Minuten
Kinostart
29.03.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Komödie
Diskussion
Im Google-Earth-Modus stürzt die Kamera zu Beginn aus dem Weltraum hinab und schraubt sich in Europas Mitte nach Mannheim, die Großstadt, aus der Bülent Ceylan stammt, jener aus dem Fernsehen und diversen Bühnen bekannte deutsch-türkische Comedian mit langem schwarzem Haupthaar und breitem Pfälzer Dialekt, um den sich fast alles in diesem von Regisseur Cüneyt Kaya („Ummah – Unter Freunden“ (fd 41 910)) inszenierten Film dreht. Das sehr spezielle Mannheimer Multi-Kulti-Flair ist trotzdem erkennbar eine reine Behauptung in diesem Film, der in den deutschen Förderhauptstädten Köln, München und Hamburg gedreht wurde – nicht einen Drehtag hat man dagegen in der kurpfälzischen Metropole verbracht. Um das zu erkennen, muss man auch kein Ortskundiger sein, denn die Macher haben sich noch nicht mal die Mühe gemacht, ein paar Mannheimer Nummernschilder an jene Autos zu schrauben, wo man sie erkennen könnte. Derartige Unachtsamkeit ist mehr als unprofessionelle Schlamperei, sie ist typisch für die grundsätzliche Publikumsverachtung, die diesen ganzen Film prägt. Man glaubt offenbar, die Zielgruppe dieses Films sei dumm oder oberflächlich genug, um dergleichen gar nicht zu bemerken, und wenn doch, dann nicht wichtig zu nehmen. Dabei gehört die Ausstattung noch zu den Stärken dieses Films. Tatsächlich ist es sogar witzig zu sehen, wie hier ein türkisches Hamam oder die Wohnung eines „typischen“ deutschen Spießbürgers gestaltet ist, der rechtsextrem angehaucht ist, aber am Ende doch ein gutes Herz hat. Ceylan spielt Sammy, einen Loser, der seinen Tagträumen als Möchtegern-Rockstar nachhängt, tatsächlich sein Geld aber als Aushilfsmasseur im Hamam seines Bruders Momo, als Musiklehrer im Kindergarten seiner Freundin Marie und als Entertainer im Altersheim verdient. „Schlager oder Schläge“ droht ihm da die Chefin, und interessiert sich für seine Beteuerung „Ich bin doch Rocker“ nicht die Bohne. Auch bei den Kiddies kann er nicht landen: „Der kann kein Rockstar sein, der hat ja gar kein Tattoo“, meint eine Sechsjährige, und ein Fünfjähriger rät der Freundin: „Der ist doch voll langweilig, guck doch mal bei Tinder.“ Diese Pointen gehören schon zu den besten in der ersten Viertelstunde eines Films, der nur behäbig in Gang kommt. Dabei ist der 08/15-Plot aus vielen Musiker-Erfolgs-Filmen und ihrer typischen Dramaturgie hinlänglich bekannt und von „A Chorus Line“ (fd 25 437) oder „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (fd 22 703) einst brillant umgesetzt worden: Begabter Unbekannter will nichts als Musik machen und träumt von großem Ruhm. Irgendwann bietet sich die große Chance. Die hat hier die Gestalt des Musik-Wettbewerbs einer Casting-Fernseh-Show, die von der arroganten und moralisch korrupten Frau Thomaschewsky geleitet wird. Die Widerstände liegen zunächst darin, dass Sammy jemanden finden muss, der seinen Aushilfsjob im brüderlichen Hamam übernimmt, und dann binnen einer Woche eine Band zusammenzustellen versucht. Schließlich gewinnt er seine Schwester Jessi, seinen fetten Hamam-Kumpel Mahmut als „menschliche Trommel“ und den arbeitslosen Rentner Wolle und formt die Band „Hamam Hardrock“. Der stellt sich dann eine Nazi-Band entgegen, die mit faulen Tricks arbeitet und aus Wolles ehemaligen Saufkumpanen besteht. So weit, so konventionell. Vor allem für Fans von Bülent Ceylan dürfte der Film eine Enttäuschung sein: Denn Ceylan spielt hier zwar die Hauptrolle, doch haben diese oder der Rest des Films mit Ceylans Bühnenprogramm nur wenig zu tun – sieht man einmal von der pfälzisch sprechenden Schildkröte ab. So fehlen alle Ceylan-Gags, und es bleibt ein unterdurchschnittlicher Schauspieler übrig. Daneben fehlen „Verpiss Dich, Schneewittchen!“ aber auch völlig eine Haltung und ein klares Humor-Konzept: Zwischen Slapstick und Wortwitz, eher kritischen Pointen und seichten Gags und plötzlichem Bemühen um „Emotionen“, „Human Factor“ und was sonst so in seichten Drehbuchratgebern steht, irrt alles hin und her und findet weder Position noch Thema. Der Rahmen wird kaum für zündende Gags über Casting und Unterhaltungsindustrie genutzt, das Prinzip Erfolg steht nie in Frage. Da sind im Kapitalismus-Bild dieses Films Migranten wie Neonazis auf einer Wellenlänge, ebenso wie die zustimmende Feststellung „Niemand kriegt was geschenkt“ im Refrain eines Hauptsongs. Was der Film ohne alle Selbstironie präsentiert. Und wer gehofft hatte, nach „4 Blocks“ (fd 44 862) aus Ceylans Kinodebüt vielleicht den Beginn einer neuen Welle deutschen Diversity-Kinos ableiten zu können, wird auch enttäuscht: Hollywood hat „Black Panther“ (fd 45 266), Deutschland aber hat „Verpiss Dich, Schneewittchen!“ und das erzählt nicht allein etwas über Diversität und Minderheiten, sondern auch etwas über Integration: Deutschtürken sind im deutschen Kino keine ernsthaften Stars oder Superhelden, sondern bestenfalls Hofnarren und Spaßmacher, die Witze über „Kanaken“ erzählen und sich über Neonazis mokieren – im Gegensatz zu fast allen Bio-Deutschen des Films.
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