Musikdokumentation | Österreich 2017 | 84 Minuten

Regie: Walter Größbauer

Ein Jahr aus dem Leben des österreichischen Extremgitarristen Karl Ritter, der sich auf die Erkundung ungewöhnlicher Klangwelten mit der Gitarre spezialisiert hat. Das dokumentarische Porträt zeichnet das Bild eines sympathischen Musikers, der seine ausgefallenen Projekte oft jahrelang verfolgt, sich aber auch in das aktuelle politische Geschehen einmischt und auf den Populismus mit künstlerischen Mitteln reagiert. Eine geduldig zugewandte Annäherung an einen exzeptionellen Tonkünstler und seine außergewöhnliche Musik.

Filmdaten

Originaltitel
GUITAR DRIVER
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Walter Größbauer
Buch
Walter Größbauer
Kamera
Walter Größbauer
Schnitt
Walter Größbauer · Helene Streissler
Länge
84 Minuten
Kinostart
12.07.2018
Fsk
-
Genre
Musikdokumentation
Diskussion
Morgens kurz vor Neun ist die Welt noch in Ordnung. Dann kann der ältere Herr mit den roten Wildlederschuhen und dem gleichfarbigen Hemd in einer leeren Fabrikhalle geduldig erkunden, was die Gitarre, der Verstärker und die Akustik der Halle einander zu erzählen haben. Ja, man kann das Feedback kontrollieren! Man kann auch die Gitarre einfach über den Betonboden schleifen und damit Töne erzeugen. Einfach? Schnitt. Raus aus der Fabrikhalle, rein ins Auto und ab ins Tonstudio. In einer furiosen Montage schneidet Filmemacher und Cutter Walter Größbauer Bilder einer Autofahrt mit Aufnahmen aus dem Studio ineinander, in dem der österreichische Extremgitarrist Karl Ritter gerade sehr dynamische Noise-Rock-Musik einspielt. Ritter überzeugt aber auch beim fast schon konventionellen Spiel auf der akustischen Gitarre. Nach dieser eindrucksvollen Exposition folgen ein paar handfeste Informationen. Ritter antwortet auf die Frage, wie er zur Musik gekommen ist, dass diese zu ihm gekommen sei. Schon als kleines Kind habe ihn Musik, etwa der Klang eines Klaviers, fasziniert. Die Geige, das Üben und die Noten waren es dann aber nicht. Im Alter von elf Jahren entdeckte er die Gitarre. Früh war er sich sicher, Profimusiker zu werden, obschon er nicht nach Noten spielen kann und will. Entgegen der aktuellen Mode umstellt Größbauer den Protagonisten nicht mit auskunftsfreudigen Weggefährten und Zeitgenossen, sondern wählt stattdessen sehr diszipliniert einen fast autobiografischen Zugang. Hier ist Karl Ritter Herr im eigenen Haus. Ein Jahr lang begleitet der Film den Autodidakten aus ärmlichen Verhältnissen (Jahrgang 1959) mit der Kamera und zeichnet das Porträt eines Künstlers, der damit zufrieden ist, seine selbstgesteckten Ziele übertroffen zu haben. Ritter wollte nie Rockstar werden; als Gitarrist in der Band von Kurt Ostbahn spielte er aber auch die großen Venues mit vergleichsweise wenig ambitioniertem Bluesrock. Solche Engagements halfen die Kinder zu ernähren, doch die künstlerischen Visionen Ritters galten anderen Projekten, die er oft geduldig über viele Jahre verfolgte. Dem Film „Guitar Driver“ gelingt es mustergültig, mehrere Projekte Ritters vorzustellen: etwa die klangforschenden Variationen des „Soundrituals“ mit einem prominent besetzten Ensemble. Oder als Solo-Performance für zwölf Gitarren einen hinreißenden Konzertauftritt mit dem Akkordeonisten Otto Lechner, ein theatralisches Lyrik-Projekt mit der Schauspielerin Anne Bennent plus ein famoses „Crashtestjazz“-Doppelkonzert der Bands von Mamadou Diabate und David Helbock, die nicht nacheinander, sondern gleichzeitig performen. Beispielhaft dafür, dass sich der beständige „Improvisator auf der Bühne und im Leben“ auf seine Intuition verlassen kann, steht die Anekdote, wie Ritter seine Ehefrau Hermine kennenlernte. Nach einer ersten Begegnung in einer Künstlerkneipe gelang es dem Musiker, einen Stein auf dem Heimweg bis in seine Wohnung zu kicken, was ihm ein Zeichen dafür war, es mit ihr zu versuchen. Das Paar lebt seit vielen Jahren in der Kleinstadt Stockerau vor den Toren Wiens, pflegt einen liebenswert ritualisierten Alltag und führt nach eigener Aussage ein „gemütliches, relativ sorgloses Leben“. Gerade deshalb hat sich Ritter vom Umgang mit Geflüchteten in Österreich provoziert gefühlt. Bei diesem Thema gerät der Musiker für seine Verhältnisse fast in Rage. Kurzerhand organisierte er ein Konzert mit Geflüchteten, um den „Schlechtmenschen“ etwas entgegen zu setzen. Ihm bleibt es unverständlich, warum die Wähler dem „Schmäh“ der Populisten auf dem Leim gegangen sind, die für „kleine Leute“ nichts übrig hätten. Hier bewahrheitet sich, was Ritter im Laufe des Films einmal anmerkt: dass sein jahrzehntelanges Leben in der Provinzstadt ihm ein zuverlässiges Gespür dafür geschenkt habe, wie Österreich in nuce „tickt“. Darauf könne er künstlerisch reagieren.
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